{"id":5762,"date":"2021-09-10T10:38:22","date_gmt":"2021-09-10T08:38:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5762"},"modified":"2021-09-10T10:40:08","modified_gmt":"2021-09-10T08:40:08","slug":"predigt-zu-lukas-17-5-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-lukas-17-5-6\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 17, 5-6"},"content":{"rendered":"<h3>Von der Kraft des Glaubens | 15. Sonntag nach Trinitatis | 12. September 2021 |&nbsp;<strong>Predigt zu Lukas 17, 5-6 | verfasst von Matthias Wolfes |<\/strong><\/h3>\n<p><em>\u201eUnd die Apostel sprachen zum HERRN: St\u00e4rke uns den Glauben!<\/em><em> Der HERR aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins Meer! so wird er euch gehorsam sein.\u201c<\/em> (Jubil\u00e4umsbibel, Stuttgart 1912)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>der Predigttext f\u00fcr den heutigen 15. Sonntag nach Trinitatis stammt aus dem Lukasevangelium, dort im siebzehnten Kapitel. Er gibt uns die Gelegenheit, an diesem Tag erneut \u00fcber eines der wichtigsten Themen unseres religi\u00f6sen Nachdenkens \u00fcberhaupt zu sprechen: den Glauben.<\/p>\n<p>Gott und der Glaube \u2013 diese beiden sind die Bezugspunkte all unseres frommen Denkens. Wann immer wir \u00fcber Gott nachsinnen, haben wir es mit dem Glauben zu tun; und ebenso lebt alle Kl\u00e4rung unserer Glaubensgedanken immer von der Erfahrung&nbsp; mit Gott.<\/p>\n<p>Und das meine ich ganz direkt. Kein wahrer Satz \u00fcber Gott ist m\u00f6glich, der nicht aus dem Glauben heraus gesprochen w\u00e4re. Aller Glaube aber w\u00e4re leer, dessen Kern und Stern nicht das Vertrauen auf Gott w\u00e4re.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns nun heute im besonderen dem Wort Jesu nachgehen, welches der Evangelist Lukas \u00fcberliefert, wonach dem Glauben alles m\u00f6glich, alles zug\u00e4nglich, alles gegeben sei. Es hei\u00dft ja: \u201e<em>Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins Meer! so wird er euch gehorsam sein<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Es geht um die Kraft des Glaubens. So, wie Jesus von ihr spricht, scheint sie unendlich zu sein. Wir sehen aber auch, dass <em>\u201eder Herr\u201c<\/em> seine Worte als Erwartung, als M\u00f6glichkeit vortr\u00e4gt. Er sagt: <em>\u201ewenn\u201c<\/em> \u2013 \u201e<em>wenn ihr Glauben habt\u201c<\/em>. Und nicht ohne Grund greift er wieder auf das Bild vom Senfkorn zur\u00fcck. Wir erinnern uns, dass dieses Bild ja die Gegenwart des Reiches Gottes beschreibt. Im dreizehnten Kapitel hei\u00dft es bei Lukas: <em>\u201eDas Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und warf\u2019s in seinen Garten; und es wuchs und wurde ein Baum und die V\u00f6gel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.\u201c<\/em> Wir sehen den Gegensatz zwischen dem Samenkorn und dem Baum und wenden ihn nun, an unserer Stelle, auf den Glauben und seine Fr\u00fcchte an.<\/p>\n<p>Und dennoch bleiben Jesu Worte doch auch wieder r\u00e4tselhaft, und zwar die aus unserem jetzigen Text und jene aus dem vorangegangenen. Der historische Jesus in seiner Art und Weise und in seinem unbedingten, durch nichts und niemanden getr\u00fcbten Gottesbewusstsein, spricht sowohl vom Glauben als auch von Gott mit einer Tiefe, die nachzuvollziehen uns kaum m\u00f6glich ist. Wir wollen uns ganz klar dar\u00fcber sein: Was in Jesu Augen not tut, ist weniger ein Mehr an Glauben als vielmehr ein Glaube, der das Dasein lebendig und aktiv gestaltet. F\u00fcr Jesus bedeutet, den Glauben zu haben, in den Bereich der Gottesherrschaft einzutreten. Gott aber ist alles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dazu kommt: Wem Gott die Kraft des Glaubens \u00fcbertragen hat, dem hat er stets auch einen Auftrag \u00fcbertragen. Das ist gemeint, wenn Jesus das Wort <em>\u201ewenn\u201c<\/em> benutzt. Seine Worte bedeuten \u2013 und wir wollen sie uns selbst in aller Sch\u00e4rfe sagen lassen \u2013: Ihr habt Glauben, aber euer Glaube entwurzelt keinen einzigen Baum; einem lebendigen Glauben m\u00fcsste auch gehorcht werden, <em>\u201eund er wird euch gehorsam sein\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Wie immer, so auch heute, lesen wir in unseren Gottesdiensten nun aber die biblischen Texte nicht als historische Dokumente, sondern als Zeugnisse des lebendigen Glaubens.<\/p>\n<p>In die Gemeinschaft derer, die sich selber als glaubende Menschen betrachten und vielleicht auch bekennen, schlie\u00dfen wir uns ein. Insofern beziehen wir Jesu Worte auf uns. Und wir tun das in der \u00dcberzeugung, dass sie \u00fcber die Zeiten hinweg auch uns gelten. Der Herrschaftsbereich Gottes, sein Reich, ist auch f\u00fcr uns der Ort, an dem wir unser Leben leben wollen, und der Glaube ist dabei Richtschnur und Leuchtzeichen.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns, um etwas deutlicher zu machen, worum es hier geht, das Wort vom Senfkorn herausgreifen und n\u00e4her betrachten. Auch wir empfinden nur allzu gut und auch allzu oft die Kleinheit unseres Gottvertrauens. Wie rasch lassen wir uns von Bedr\u00e4ngnissen aller Art unterkriegen und verunsichern. Wie viele von uns k\u00e4mpfen mit dem Problem des Zweifels. Im Zweifel aber ist alles in sich zerfallen. Genau betrachtet, muss kein Glaubender eine solche Stimmung in sich bek\u00e4mpfen oder sie auch nur klug wegerziehen. Sie geh\u00f6rt einfach nicht zum Gef\u00fchlsrepertoire des Glaubens.<\/p>\n<p>Jesu Bild vom Senfkorn f\u00fchrt in eine ganz andere Richtung. Der Glaube kennt das Ungekl\u00e4rte, und nat\u00fcrlich gibt es f\u00fcr ihn vieles in der Wahrnehmung der Dinge und seiner selbst, das sich nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst, vielleicht auch unaufl\u00f6sbar bleibt. Das liegt in seiner Natur, denn der Glaube lebt ja. Aber den Zweifel kennt eine innige Beziehung zu Gott nicht. Vom Zwiespalt, also der Zerspaltenheit, der sich in sich bek\u00e4mpfenden Zweiheit des Gem\u00fctes ist der Glaube frei.<\/p>\n<p>Das Senfkorn entfaltet sich, es greift auf den Horizont aus, der ihm gesetzt ist. Das ist seine Natur, es w\u00e4chst und wird im Wachsen zu dem, was es seinem Wesen nach \u2013 und nur eben seiner Erscheinung nach noch nicht \u2013 ist: zu einem Baum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen es auch so sagen: Das Senfkorn sprengt seine Kleinheit, von der doch jedermann zu denken geneigt ist: da kann nichts draus werden. Und es wird doch etwas daraus, und zwar deshalb, weil schon im Kleinen, ja selbst im Kleinsten, eine unfassbare F\u00fclle des Lebens geborgen ist.<\/p>\n<p>Wir gehen nicht in die Irre, wenn wir selbstbewusst genug sind, dieses Bild auch f\u00fcr unseren eigenen Glauben in Anspruch zu nehmen. Und zwar gerade dann und erst recht dann, wenn wir doch ganz genau um die Kl\u00e4glichkeit all dessen wissen, was von uns selbst ausgeht und was wir auf die Beine stellen wollen. Unser Glaube besteht in der Zuversicht, im Lebensmut und der Hoffnung. Er gibt uns die Kraft, weiter zu gehen, und zwar nicht einfach so, sondern mit Sinn und Verstand.<\/p>\n<p>Der Glaube gibt, wie gesagt, unserem Leben die Richtung. Nat\u00fcrlich sind wir vielem einfach ausgesetzt. Das f\u00e4ngt schon mit den Umst\u00e4nden unseres Herkommens an. Die lassen sich nicht bestimmen. Aber man ist den Gegebenheiten auch nicht blo\u00df ausgesetzt. Man kann entscheiden, gestalten, Gewichte verteilen. Immer kommt es darauf an, wie man mit dem, was geschieht, umgeht. Wer Gott wirklich vertraut, der l\u00e4sst sich nicht entmutigen.<\/p>\n<p>Liebe Zuh\u00f6rer, <em>wer Gott wirklich vertraut, der l\u00e4sst sich nicht entmutigen<\/em>. Lassen Sie uns heute diesen Satz mit nach Hause nehmen. Wem es gelingt, dem Widrigen gegen\u00fcber standhaft zu bleiben, dem ist wahrhaftig die Kraft des Glaubens geschenkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herangezogene Literatur:<\/p>\n<p>Fran\u00e7ois Bovon: Das Evangelium nach Lukas. Dritter Teilband: Lk 15,1 \u2013 19,27 (Evangelisch\u2013Katholischer Kommentar zum Neuen Testament. Band III\/3), D\u00fcsseldorf und Z\u00fcrich \/ Neukirchen-Vluyn 2001.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. theol. Dr. phil. Matthias Wolfes ist Pfarrer der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Dr. Matthias Wolfes<\/p>\n<p><a href=\"mailto:wolfes@zedat.fu-berlin.de\">wolfes@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/p>\n<p>Herderstra\u00dfe 6, 10625 Berlin<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Kraft des Glaubens | 15. Sonntag nach Trinitatis | 12. September 2021 |&nbsp;Predigt zu Lukas 17, 5-6 | verfasst von Matthias Wolfes | \u201eUnd die Apostel sprachen zum HERRN: St\u00e4rke uns den Glauben! 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