{"id":5773,"date":"2021-09-13T17:37:16","date_gmt":"2021-09-13T15:37:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5773"},"modified":"2021-09-13T17:39:29","modified_gmt":"2021-09-13T15:39:29","slug":"hiob-311-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hiob-311-22\/","title":{"rendered":"Hiob 3,11-22"},"content":{"rendered":"<h3>Nur das, was wir loslassen, bekommen wir wieder | 16. Sonntag nach Trinitatis | Hiob 3,11-22 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Preben Kr\u00e6n Christensen |<\/h3>\n<p>Zu Beginn des Gottesdienstes h\u00f6rten wir einen Text aus dem Buch Hiob. Wie unglaublich das auch erscheinen mag, dieses St\u00fcck ist eine der positivsten Passagen in diesem Buch, das ansonsten ganz voll ist von Elend und Schmerz. Hiob fragt seinen Gott: \u201eWarum bin ich geboren. Warum bin ich nicht gestorben im Mutterleib? Warum muss ich mich mit diesem Leben herumschlagen mit all seinem Not und Elend?\u201c Jeder kann seine Frage verstehen, der erfahren hat, was Leid und Schmerz, Entbehrung und Tod ist. Und deshalb sollen diese Fragen gestellt werden. Das ist in der Bibel und in der Kirche an seinem Platz, denn keine menschliche Verzweiflung ist Gott fremd. Sie sollte es nicht sein! Gott ist es eben, der mit den Fragen konfrontiert werden soll, sonst w\u00fcrde sie ja der Teufel beantworten.<\/p>\n<p>Das wei\u00df Hiob. Er wei\u00df, dass das Gute und das B\u00f6se existieren. Er wei\u00df, dass er sich auf der Linie zwischen Gott und Teufel befindet. Aber er h\u00e4lt fest an seinem Glauben an Gott, gerade weil das Leben weh tut. Er kann nicht anders. An wen soll er sich sonst wenden, wenn alle andere menschliche Weisheit und Klugheit ihm englitten ist und das Urteil gef\u00e4llt ist?<\/p>\n<p>Hiob steht also fest und bricht in den Ruf aus: Der Herr hat es gegeben, der Her hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt \u2026. Ich wei\u00df, dass mein Erl\u00f6ser lebt\u201c. Hiob hat, wie wir es tun bei der Taufe, dem Teufel und allen seinen Werken entsagt.<\/p>\n<p>Er wei\u00df, wenn der B\u00f6se mit im Spiel ist. Er hat seine Kinder bei einem furchtbaren Ungl\u00fcck verloren, er hat seinen Besitz verloren, seine Ehre und seine gute Gesundheit. Selbst die Frau hat ihn verlassen. Und er kann sich nicht damit vers\u00f6hnen, dass es so sein soll, er meint, dass er das nicht verdient hat. Und damit spricht er f\u00fcr uns alle, wenn wir erleben, dass das, was wir erleben, keinen Sinn hat, wenn wir meinen, dass das Leben zu hart und ungerecht ist. Warum soll es all den anderen besser gehen als mir? Was habe ich getan? Was ist der Sinn? Und gibt es \u00fcberhaupt einen Sinn? Wenn \u00fcberhaupt, dann sind nur wenige durch das Leben gegangen, ohne so zu denken. Wir denken jedenfalls immer so, wenn wir etwas verlieren oder entbehren. Selten wundern wir uns \u00fcber das Gute, das uns wiederf\u00e4hrt. Selten fragen wir danach, ob unsere Erfahrungen von Gl\u00fcck, Liebe, Kindern und Enkelkindern Ausdruck von Gerechtigkeit sind.<\/p>\n<p>Hiob h\u00e4lt daran fest zu klagen, zu fragen und zu protestieren. Und damit befindet er sich da, wo jeder Mensch sein w\u00fcrde, der in der Lage Hiobs ist, auf dem Grunde der Verzweiflung. Er hat sein Schicksal, sein Leben erkannt, und von da her kann er weiterkommen. Er muss dahin, damit und dort hinauskommen, wo er sein Leben und seine Gerechtigkeit losl\u00e4sst und das alles ganz Gott \u00fcberl\u00e4sst. Dann geschieht es, dass er alles zur\u00fcckbekommt, Kinder, Reichtum. Frau und Status. Zehn Mal so viel wie zuvor!<\/p>\n<p>Das Buch Hob ist ein M\u00e4rchen. Und sein gl\u00fcckliches Ende ist die Art und Weise, in der das M\u00e4rchen die Wahrheit zum Ausdruck bringt, dass das Verlorene wiedergewonnen gerade dann wird, wenn wir es loslassen. Mensch sein bedeutet, dass wir uns an einander binden. Wir beziehen Menschen ein in unser Leben. Sie werden ein Teil von uns \u2013 von unserer Geschichte und unserem Dasein. Sie zu verlieren bedeutet, dass man etwas von sich selbst verliert \u2013 das ist eine Katastrophe, ein Verlust, und die Welt wird niemals mehr das, was sie war \u2013 man verliert sich selbst, wenn man sie verliert, wenn sie uns verlassen oder wenn sie zum Ausdruck bringen, dass wir f\u00fcr sie das Leben nicht wert sind. Hier hat man geglaubt, dass man alles bedeutete, und dann zeigte sich, dass man das dennoch nicht bedeutete!<\/p>\n<p>Wenn wir ganz am Boden zerst\u00f6rt sind und dar\u00fcber geweint haben, dass uns der Tote fehlt als Lebender am Mittagstisch, im Bett, am Telefon, und wenn der Duft, der uns vertraut war, allm\u00e4hlich verschwunden ist, geschieht in der Regel eine Vers\u00f6hnung. Nicht weil man sich daran gew\u00f6hnt, dass der bzw. die Geliebte nicht mehr da ist, sondern weil die Vergebung \u00fcber einen kommt. Eine Vergebung von dem oder der Toten, dass er oder sie von uns gegangen ist, eine Vergebung von uns selbst, weil wir leben und weiterleben k\u00f6nnen. Eine Vergebung von aller Schuld f\u00fcr das, was gesagt und getan worden ist und was nicht gesagt und getan wurde. Das klingt vielleicht merkw\u00fcrdig, es ist aber dennoch nichtsdestoweniger eine bekannte Erfahrung, dass da eine Form von befreiter Zusammengeh\u00f6rigkeit mit dem Toten entsteht, ein Gef\u00fchl, das uns dem Leben zur\u00fcckgibt. Dasselbe kann geschehen, wenn wir den Lebenden loslassen, der uns verlassen will. Vergeben ist sowohl ein loslassen von dem, der fortgeht, als auch dem, der zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p>Hiob klagt zu Gott, und er wird erh\u00f6rt. Und Hiob findet seine Ruhe. Es hilft n\u00e4mlich, seine Klage, seinen Zorn und seine Not an den Allm\u00e4chtigen zu richten, der alles geschaffen hat. Indem die Klage sich an Gott richtet, erh\u00e4lt sie eine Adresse \u2013 und trifft den Richtigen, und deshalb kehrt die Klage nicht zur\u00fcck als schlechtes Gewissen, wenn man z.B. seine Klage an seine Nachbarn oder seine Helfer richtet.<\/p>\n<p>So wie Hiob seinem Gott begegnet, begegnet der Trauerzug in Nain Jesus am Stadttor. Der Todeszug ist auf dem Wege aus der Stadt, und der Lebenszug sind auf dem Wege in die Stadt, und sie begegnen sich am Stadttor. Die Trauer und die Freude sto\u00dfen aufeinander. Menschen und Gott sto\u00dfen zusammen. Eine Mutter hat ihren Sohn verloren \u2013 sie ist Witwe, und er war ihr einziges Kind. Man kann sich durchaus vorstellen, was f\u00fcr eine K\u00e4lte sie sp\u00fcren musste, man kann sich durchaus vorstellen, wie ersch\u00fcttert sie gewesen sein muss. Krisenhilfe und Pillen halfen nicht, und die gab es damals ja auch nicht.<\/p>\n<p>Sie hatte ihr Vertrauen auf ihn gesetzt, sie braucht ihn, f\u00fcr sie soll er leben. Sie f\u00fchlt sich v\u00f6llig verlassen \u2013 und sie ist neben seiner Bahre in ihrer Verzweiflung so weit gekommen, dass es nicht schlimmer werden kann. Sie ist so weit gekommen wie Hiob, wo sie entweder loslassen oder zugrunde gehen muss.\u00a0 Wir k\u00f6nnen alle Fragen Hiobs in ihr Herz legen, denn wir wissen von uns selbst, dass sie existieren. Warum? Warum? Warum?<\/p>\n<p>Dann geschieht es, dass der Himmel auf die Erde kommt. Gott sitzt nicht mehr in seinem Himmel und sieht zu. Er steht auf der Erde in all seiner Menschlichkeit und beantwortet die Tr\u00e4nen der Frau mit einem stillen. \u201eWeine nicht!\u201c Und dann bekommt sie ihren Sohn wieder. Damit ist nicht gesagt, dass der Tod in Nain abgeschafft ist, sondern dass er aufgeschoben ist. Und damit wird ein dicker Strich unter dem Leben gezogen \u00a0\u2013 und an ihn, der Leben schenkt, sollen wir glauben.<\/p>\n<p>\u201eEr gab ihn seiner Mutter\u201c, hei\u00dft es nun, und damit kommt zum Ausdruck, wozu unser Leben da ist. Das Leben wird nicht, wie wir uns das hin und wieder einbilden k\u00f6nnen, als unser eigenes pers\u00f6nliches Eigentum gegeben, sondern als Leben f\u00fcr einander. Wir sind geschaffen zur Liebe, auch wenn sie uns das Leben nimmt, wenn wir geben und verlieren.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Realit\u00e4t des Todes und die K\u00e4lte der Gef\u00fchle einsehen, um an den warmen Sieg des Lebens \u00fcber den Tod glauben zu k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die Frage kennen und stellen, um die Antwort zu erhalten. Die Antwort, die nie eine direkte Antwort auf unsere konkreten Fragen ist, die sie aber dennoch ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>So wie der Himmel sich \u00fcber die Begegnung zwischen Gott und Hiob erhob, wie sich das Tor \u00fcber den Leichenzug und Jesus w\u00f6lbte, so ist auch die Kirche ein Ort der Begegnung zwischen dem Leben und dem Tod, der Verzweiflung und der Freude. Wir kommen hier jeder mit seinem konkreten Leben, unseren Entbehrungen und Problemen., und wir bekommen eine Antwort, die unsere Fragen ber\u00fchrt. Denn die Fragen werden von dem Gott geh\u00f6rt, der selbst auf dem Grunde der Verzweiflung wandelte, der selbst die Erfahrung gemacht hat, alle die Fragen der Verzweiflung zu stellen, von dem Gott, der selbst aus Liebe starb, der uns sich selbst gegeben hat, der uns einander gegeben hat. Der Glaube an diesen Gott ist die Antwort auf alle unsere und Hiobs Fragen. Dieser Glaube ist das Tor zu dem Leben, das der Tod nicht zerst\u00f6ren kann, in welcher Form wir auch immer dem Tod begegnen. Der Herr ist dennoch den Seinen treu, auch wenn wir verzweifeln. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Propst Preben Kr\u00e6n Christensen<\/p>\n<p>DK-6710 Esbjerg V<\/p>\n<p>E-Mail: pkch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur das, was wir loslassen, bekommen wir wieder | 16. 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