{"id":5787,"date":"2021-09-13T18:34:24","date_gmt":"2021-09-13T16:34:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5787"},"modified":"2021-09-14T12:20:53","modified_gmt":"2021-09-14T10:20:53","slug":"5787-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/5787-2\/","title":{"rendered":"Klagelieder 3,22-26.31-32"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eTreib aus, o Licht, all Finsternis.\u201c | Klagelieder 3, 22-26.31-32 | Predigt am Sonntag 19. September 2021 | von Eberhard Busch |<\/h3>\n<p>In dem verlesenen Predigttext hei\u00dft es klar und gut und ermutigend: \u201eDie G\u00fcte des Herrn ist es, dass es mit uns nicht gar aus ist, sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist gro\u00df.\u201c Dem ist das Lied nachgedichtet, das wir gleich auch miteinander singen werden \u2013 es stammt von Johannes Zwick, dem Reformator in der Stadt Konstanz: \u201eAll morgen ist ganz frisch neu \/ des Herren Gnad\u2018 und gro\u00dfe Treu. \/ Sie hat kein End den langen Tag, \/ drauf jeder sich verlassen mag \u201c<\/p>\n<p>Wer spricht so und wer singt so? Sind das Menschen, die guter Laune sind, weil es ihnen gut geht, Menschen, die wegschauen vom Elend in der Ferne und in der N\u00e4he? Ert\u00f6nt ihr Gesang auf einer ertr\u00e4umten Insel der Seligen, abseits vom realem Leben? Aber achten wir darauf: diese Worte stehen mitten in dem biblischen Buch, das nicht umsonst den Titel tr\u00e4gt: \u201e<em>Klage<\/em>lieder,\u201c Wenn wir vor und nach unseren Predigt-Worten in den Text schauen, h\u00f6ren wir Arges, schwer Ertr\u00e4gliches, Trauriges, Bitteres. Etwa so wie das, was wir aus den Tagesnachrichten kennen: \u00fcber die bedr\u00e4ngten Frauen in Afghanistan, \u00fcber die vom Tod bedrohten Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer, \u00fcber Corona-Tote in Afrika. Jene Klagelieder t\u00f6nen so herzergreifend, dass schon manche Komponisten sie in Trauer-Musik gefasst haben.<\/p>\n<p>Die Texte reden derart bewegend im Blick auf die Zerst\u00f6rung des Tempels in Jerusalem durch die Babylonier im Jahr 587 vor Christi Geburt. Bitte, das war nicht irgendein H\u00e4user-Abriss, um einen andren Bau oder einen Parkplatz dahin zu setzen. Im Tempel ist die Gegenwart Gottes unter den Seinen verb\u00fcrgt. Man wei\u00df: Gott ist nicht irgendwo und nirgendwo. Gott ist <em>hier.<\/em> \u201eHier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht\u201c, wie es in einem Choral hei\u00dft. Wenn dieses Gotteshaus Schaden erleidet, dann ist Gottes N\u00e4he in Frage gestellt. Wenn Gottes Gegenwart angefochten wird, dann legt es sich auf unsre Lippen: \u201eWo ist Gott? Wo bist du?\u201c<\/p>\n<p>Noch heute stehen deshalb Juden an der Klagemauer zu Jerusalem und sprechen voll Trauer die Worte dieser Klagelieder. \u201eWo ist nun dein Gott?\u201c (Ps 42,10) Und Christen schlie\u00dfen sich diesen Juden an in der Karwoche vor dem Karfreitag. Angesichts des Kreuze bohrt auch in ihnen die Frage: \u201eMein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c (Ps 22,2; Mt 27,46) Das sind Worte, die sich noch so manchen in unseren Zeiten nahelegen. Genau so, wie es schon in jenen Klageliedern geseufzt wird: \u201eGott hat mich gef\u00fchrt in die Finsternis und nicht ins Licht\u201c (3, 2) \u201eSchaut doch und seht, ob irgendein Schmerz ist wie mein Schmerz, der mich getroffen hat. &#8230; Mein Auge flie\u00dft von Tr\u00e4nen; denn der Tr\u00f6ster, der meine Seele erquicken sollte, ist ferne von mir\u201c (1, 12.16). Was wird aus uns, wenn das dahin f\u00e4llt?<\/p>\n<p>Und nun mittendrin in dem Geseufze stehen wie ein hell strahlender Leuchter die S\u00e4tze, die wir schon geh\u00f6rt haben: voller Trost, voller Evangelium. S\u00e4tze, die Licht in das Dunkel bringen. Nach dem Dunkel, nach der Nacht ein Morgen, an dem die Sonne aufgeht, ein Licht von besonderer Qualit\u00e4t, eines, das die Nacht vertreibt. Dietrich Bonhoeffer schrieb noch kurz vor seinem Tod: \u201eWir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.\u201c Wir k\u00f6nnen dieses Tr\u00f6stliche nicht vernehmen abgel\u00f6st von all dem Trostlosen. Ja, aber wir k\u00f6nnen nicht seufzen und nicht klagen, ohne dass uns das zugesprochen wird: \u201eDie G\u00fcte des Herrn ist es, dass es mit uns nicht gar aus ist, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist gro\u00df.\u201c Und gerade heute sind wir eingeladen, vor allem Anderen und unter allem Anderen genau das zu h\u00f6ren, darauf zu achten, uns das hinter die Ohren zu schreiben. Um uns daran zu freuen, uns daran aufzurichten. Wie es in dem in der Schweiz popul\u00e4ren \u201eBeresina\u201c-Lied hei\u00dft: \u201eMutig, mutig, liebe Br\u00fcder \/ Gebt die bangen Sorgen auf, \/ morgen geht die Sonne wieder \/ freundlich an dem Himmel auf.\u201c<\/p>\n<p>Wundervolles ist uns zugesprochen: Gottlob, auch alles Verkehrte h\u00f6rt einmal auf, denn Gottes Gnad und Treu h\u00f6rt nicht auf. Was auch am heutigen Tag alles geschehen mag, das bew\u00e4hrt sich jedenfalls heute <em>auch<\/em> und wird nicht au\u00dfer Kraft gesetzt durch das Dunkle und gilt bei jedem Schritt und jedem Gedanken: Gottes \u201eTreue ist gro\u00df\u201c. Auch wenn sich jetzt etwas \u00dcberraschendes zutr\u00e4gt, worauf wir nicht gefasst sind, uns ist zugesagt:\u201eDie G\u00fcte des Herrn ist es, dass wir nicht gar aus sind.\u201c Auch wenn etwas geschieht nach Art des Films \u201eDer l\u00e4ngste Tag\u201c, auch wenn Kranken eine l\u00e4ngste Nacht widerf\u00e4hrt, so oder so: \u201edie G\u00fcte des Herrn ist jeden Morgen neu\u201c. Ja, auch wenn unsre Tage gez\u00e4hlt sind und wenn unsere Kraft am Ende ist, so gilt selbst dann: \u201eseine Barmherzigkeit hat noch <em>kein<\/em> Ende\u201c<\/p>\n<p>Bedenken wir diesen k\u00f6stlichen Zuspruch von verschiedenen Seiten her! Zun\u00e4chst dies: Gott ist uns nahe auch dann, wenn er uns ferne scheint, auch dann, wenn wir ihn f\u00fcr abwesend halten, wenn wir darum von ihm absehen. Er ist bei uns auch, wenn wir meinen, wir m\u00fcssten jetzt ohne ihn auskommen, m\u00fcssten ohne ihn zurechtkommen. Auch dann steht er uns zur Seite. Auch dann sind wir nicht gottvergessen. Mag sein: wir sehen das nicht. Wir bezweifeln es. Wir bilden uns ein, wir s\u00e4hen blo\u00dfe Hirngespinste, wenn wir von ihm reden. O nein, es ist auch dann fest wie Granit, wie es im Liede hei\u00dft: \u201eEr wei\u00df dein Leid und heimlich Gr\u00e4men. Auch wei\u00df er Zeit, dir\u2018s abzunehmen.\u201c Denn \u201eseine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.\u201c Wir d\u00fcrfen aufatmen, selbst wenn uns anders zumute ist.<\/p>\n<p>Allerdings, auch das ist wahr: Gott <em>k\u00f6nnte<\/em> fern von uns sein. Gott k\u00f6nnte einen Strich durch unsere Rechnungen machen. Gott k\u00f6nnte uns sogar uns selbst \u00fcberlassen. Und das ist sein Gericht, wenn er das tats\u00e4chlich tut. Er ist halt keine Puppe, mit der man tun und lassen kann, was einem beliebt. Er handelt nach <em>seinem <\/em>Wohlgefallen. Wir bestimmen nicht \u00fcber ihn. Er bestimmt \u00fcber uns. Gut, wenn uns das eines Tages auch einmal einleuchtet. Doch m\u00f6gen wir dann auch sehen, was im Grunde sein Wohlgefallen ist: \u201eWenn alles bricht, Gott verl\u00e4sst uns nicht.\u201c Er k\u00f6nnte uns verlassen, wenn einer, dann er. Aber er tut es nicht. Das Wunder aller Wunder, wenn uns trotzdem seine Barmherzigkeit widerf\u00e4hrt. \u201eSie ist alle morgen neu.\u201c \u201eAll morgen ist ganz frisch und neu \/ das Herren Gnad\u2018 und gro\u00dfe Treu.\u201c Seine Gnad und Treu ist uns jedes Mal aufs Neue eine \u00dcberraschung. Immer wieder begegnet sie uns in anderer Gestalt und ist doch jedes Mal dieselbe.<\/p>\n<p>Ein Wunder! Gott ist uns n\u00e4mlich auch dann nahe, n\u00e4her, als wir uns selbst sind, wenn <em>wir <\/em>ferne von ihm sind. Das ist nun einmal unsere Unart, dass wir f\u00fcr gew\u00f6hnlich unsere Sachen ohne ihn machen. Wir sehen davon ab, dass er doch ein W\u00f6rtlein mitzureden hat bei dem, was wir anstellen. Wir nennen uns wohl Christen, wir spannen ihn auch vor den Wagen unsrer Vorhaben, aber ob Gott das will, danach fragen wir selten genug. Wir vergessen tats\u00e4chlich bei so vielem seine Wahrheit und seine G\u00fcte und seine Treue. Die sind verl\u00e4sslich, aber k\u00f6nnen Andere sich auf <em>unsre<\/em> Wahrheit, auf <em>unsre<\/em> G\u00fcte und Treue verlassen? Ist es nicht so: Sein Licht leuchtet uns, aber <em>wir<\/em> sind keine Leuchte unter unseren Mitmenschen? Dazu muss Gott Nein sagen, auch wenn uns das schmerzt, auch wenn es uns nicht gelegen kommt. H\u00f6ren wir, was unser Bibeltext sagt: Unser Gott \u201ebetr\u00fcbt wohl\u201c. Doch sogleich hei\u00dft es: \u201eund er erbarmt ich wieder nach seiner gro\u00dfen G\u00fcte.\u201c\u00a0 Gottlob, \u201eseine Treue ist gro\u00df.\u201c Er h\u00f6rt nicht auf, uns Untreuen mit seinem Erbarmen zu leuchten. In seiner Treue hat Gott Geduld mit uns. Und wartet auf uns.<\/p>\n<p>Ja, Gott wartet darauf, dass es eines guten Tages dazu komme, wie unser Bibeltext sagt: \u201cGott ist freundlich dem, <em>der auf ihn hofft<\/em>.\u201c Darauf wartet Gott: dass wir endlich aus unserm Frost auftauen an seinem Licht. Wie lange wartet Gott schon darauf &#8211; auf unsere Einwilligung, darauf, dass nicht nur er seine Hand nach uns ausstreckt, sondern dass wir sie auch ergreifen?! Darauf, dass nicht nur er zu uns Ja sagt, sondern dass auch wir ihm unser Jawort geben?! Dann wird sich erf\u00fcllen, was Jesus zu den Seinen gesagt hat: \u201eIhr seid das Licht der Welt\u201c (Mt 5,14). Ein Licht, das auch denen leuchtet, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Gott wartet darauf, dass wir Anderen ein Licht sind, Anderen ein-leuchten, Anderen den Weg leuchten.<\/p>\n<p>Sch\u00fctteln wir dazu den Kopf? Es gibt ein Besseres: Halten wir uns an den Einen, der uns vorangegangen ist und uns immer weiter vorangeht, an den, der als Erster angefangen hat, das von sich selbst zu sagen: \u201e<em>Ich<\/em> <em>bin<\/em> das Licht der Welt\u201c (Joh 8,12). Folgen wir ihm! Und beten nach jenem Lied des Reformators Johannes Zwick:\u00a0 \u201eO Gott, du sch\u00f6ner Morgenstern, gib uns, was wir von dir begehr\u2018n\u201c: \u201etreib aus, o Licht, all Finsternis\u201c, und \u201ez\u00fcnd deine Lichter in uns an.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n<p>37133 Friedland<\/p>\n<p><a href=\"mailto:ebusch@gwdg.de\">ebusch@gwdg.de<\/a><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eTreib aus, o Licht, all Finsternis.\u201c | Klagelieder 3, 22-26.31-32 | Predigt am Sonntag 19. 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