{"id":5803,"date":"2021-09-22T16:47:12","date_gmt":"2021-09-22T14:47:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5803"},"modified":"2021-09-22T16:49:00","modified_gmt":"2021-09-22T14:49:00","slug":"predigt-zu-matthaeus-1521-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-1521-28\/","title":{"rendered":"Predigt zu Matth\u00e4us 15,21-28"},"content":{"rendered":"<h3>Eine Lektion f\u00fcr Jesus | 17. Sonntag nach Trinitats | 26.09.2021 | Predigt zu Matth\u00e4us 15,21-28 | verfasst von Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><em>Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.&nbsp; Und siehe, eine kanaan\u00e4ische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem b\u00f6sen Geist \u00fcbel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine J\u00fcnger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!&nbsp; Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.&nbsp; Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist gro\u00df. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.<\/em><\/p>\n<p><em>(Matth\u00e4us 15,21-28)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jesus zog sich zur\u00fcck. So beginnt diese Geschichte.<\/p>\n<p>Das kennt man ja von ihm. Wenn das Gedr\u00e4nge um ihn herum zu arg wurde, suchte er einen Ort, wo er allein war. Allein mit sich und allein mit Gott. Gewiss, die Not der Menschen um ihn herum ging ihm nahe. Doch auffressen lie\u00df er sich nicht davon. Er brauchte Abstand und Ruhe zum Gebet, um sich seines Auftrags gewiss zu bleiben und weitermachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diesmal ging es um einen l\u00e4ngeren R\u00fcckzug. Nicht nur f\u00fcr einige Stunden sucht er die Einsamkeit. Nein, er geht au\u00dfer Landes. Sehr weit braucht er nicht zu wandern, um die n\u00f6rdliche &nbsp;Grenze Galil\u00e4s zu \u00fcberschreiten, die das Land seines Volkes vom heidnischen Umland trennte. Im Unterschied zu seinen sonstigen R\u00fcckzugsgewohnheiten hat er seine J\u00fcnger mitgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun war er dr\u00fcben und hatte seine Ruhe. Denn hier unter den nichtj\u00fcdischen Bewohnern Pal\u00e4stinas &#8211; den Kanaan\u00e4ern, wie man sie damals nannte, oder Pal\u00e4stinensern, wie wir heute sagen \u2013 hier waren sie Fremde. Und Juden wie sie w\u00fcrden hier auch Fremde bleiben. Denn die Einheimischen mochten sie nicht die Juden. In fr\u00fcheren Zeiten hatten sie das ganze Land beherrscht. Und die Einheimischen hatten sie dabei wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Weil sie andere G\u00f6tter hatten, die die Juden ver\u00e4chtlich als &#8222;G\u00f6tzen&#8220; abtaten. Nein, mit diesen unduldsamen und arroganten Br\u00fcdern wollten die Kanaan\u00e4er nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch pl\u00f6tzlich war es vorbei mit der Ruhe. Eine einheimische Frau n\u00e4herte sich der j\u00fcdischen M\u00e4nnergruppe. &#8222;Was willst du denn von denen?&#8220; rief man ihr nach. &#8222;Bleib hier. Und mach dich und uns nicht l\u00e4cherlich!&#8220; Doch die lie\u00df sich nicht beirren, fing sogar noch an zu schreien und einen von ihnen anzuflehen: &#8222;Ach, Herr, du Sohn Davids!&#8220;<\/p>\n<p>War die denn von Sinnen? Wie konnte sie einen Juden als Herrn anreden und dann auch noch als Sohn Davids! Auf den warteten die ja wie auf einen Erl\u00f6ser. F\u00fcr Kanaan\u00e4er aber war der Name des K\u00f6nigs David ein Gr\u00e4uel. Stand er doch f\u00fcr die Zeit, in der die Juden ganz Pal\u00e4stina besetzt hatten.<\/p>\n<p>Das alles war der Frau jetzt egal. Wenn dieser Mann, wie sie geh\u00f6rt hatte, den Juden helfen konnte, warum dann nicht auch ihr? &#8222;Hab Erbarmen mit mir\u201c, rief sie. \u201e Denn meine Tochter wird von einem b\u00f6sen Geist \u00fcbel geplagt.&#8220; Was f\u00fcr eine Not, ein Kind zu haben, das von Sinnen ist und nicht zur Vernunft kommt. Fehlschaltungen im Gehirn sagt man heute. Auch die engsten Menschen wie Mutter und Vater haben keinen Einfluss darauf. sind dem hilflos ausgeliefert. Wie alle anderen auch m\u00f6chte man sein Kind f\u00f6rdern, ihm helfen, seine Gaben zu entfalten und seinen eigenen Platz im Leben zu finden. Und dann erleben zu m\u00fcssen, wie sich das alles ins Gegenteil verkehrt, wie alle Hilfen abgewehrt werden, die Gaben verk\u00fcmmern, das Kind mit den Jahren immer weiter zur\u00fcckgeworfen wird und die Unselbst\u00e4ndigkeit zunimmt. Wer das erlebt, der pfeift auf Schicklichkeit und Konventionen, geht jedes Risiko ein, wenn sich auch nur ein Schimmer von Hoffnung zeigt..<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Jesus reagierte \u00fcberhaupt nicht, w\u00fcrdigte die Frau, die beherzt alles auf eine Karte setzte, auch nicht eines einzigen Wortes. So viel Unnahbarkeit ging sogar den J\u00fcngern, die ihn sonst ja gerne abschirmten, gegen den Strich: &#8222;Nun tu doch was, damit wir sie wieder los werden. Die schreit ja den ganzen Ort zusammen. Und schlie\u00dflich sind wir hier nicht zu Hause.&#8220;<\/p>\n<p>Endlich kommt eine Reaktion von Jesus. Doch sie macht ihn noch unnahbarer, als er ohnehin schon erschien: \u201eIch bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.\u201c, sagte er. &nbsp;F\u00fcr Heiden f\u00fchlt er sich also n icht zust\u00e4ndig. Gott hat nun mal nur Israel erw\u00e4hlt. Und sein Gesandter soll darauf achten, dass von ihnen keiner verloren geht. Das wars dann ja wohl. Gegen\u00fcber der Bitte um Mitmenschlichkeit werden von Jesus theologische Schranken hochgezogen.<\/p>\n<p>Doch so einfach l\u00e4sst die Frau sich nicht abwimmeln. Sie wirft sich ihm zu F\u00fc\u00dfen: &#8222;Herr, hilf mir!&#8220; Die \u00dcberzeugungen, die du vertrittst, die Einw\u00e4nde, die du erhebst, sind jetzt nicht dran. Jetzt ist die Not dran, die mich zu dir getrieben und mich vor dich auf die Knie gezwungen hat. Und damit lasse ich jetzt nicht von dir ab.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte hier noch widerstehen k\u00f6nnen? Jesus.<\/p>\n<p>Er, dem Not und Leiden sonst an die Nieren gehen. Hier zeigt er sich v\u00f6llig unger\u00fchrt. In der Erw\u00e4hlungslehre bleibt er gefangen. Sie h\u00e4lt sein Herz verschlossen. Ja mehr noch: Siee treibt ihn zu einer unglaublichen Diskriminierung der verzweifelten Frau. &nbsp;&#8222;Es ist nicht gut\u201c schleuderter ihr entgegen, \u201ees ist nicht gut, dass man den Kindern ihr Brot nimmt und wirft es vor die Hunde.&#8220; \u00dcbler kann man einen Menschene nicht diskriminieren, als ihm, die Menschenw\u00fcrde abzusprechen und ihn bzw. sie mit einem Hundevieh zu vergleichen. Das ist extremer Rassismus. Und das bei Jesus! Mitten im Evangelium!<\/p>\n<p>Diese ungeheuerliche Beleidigung macht die Frau dennoch nicht mundtot. Im Gegenteil, erstaunliche Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit legt sie an den Tag: \u201eJa, Herr\u201c, sagt sie. Das hei\u00dft: Wenn du uns schon mit Hunden vergleichst bedenke doch bitte: \u201cDennoch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.&#8220;<\/p>\n<p>Und damit ist Jesus geschlagen. was will er der Frau jetzt noch entgegensetzen: &#8222;Frau, dein Glaube ist gro\u00df&#8220;, sagt er und gesteht damit ein, dass er dazu gelernt hat. Und&nbsp; &nbsp;er zeigt damit, nein, er war nicht das allwissende g\u00f6ttliche Wesen, f\u00fcr das man ihn oft ausgibt.&nbsp; Er war ein Mensch und hatte wie alle Menschen einen beschr\u00e4nkten Horizont, den er nur durch Lernen und Dazulernen erweitern konnte. Und dazu gelernt hat er, dass rettender Glaube und Heil sich nicht begrenzen lassen. Er hat diese Lektion so gr\u00fcndlich gelernt, dass er am Ende des Evangeliums seine J\u00fcnger beauftragte: \u201cGehet hinjin in alle Welt und amcht zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker.\u201c<\/p>\n<p>Und der Ansto\u00df zur weltweiten Mission, zur Globalisierung des Evangeliums kam nicht von geweihten und hoch studierten M\u00e4nnern. Eine in Not geratene Frau und Mutter aus der Heidenwelt hat den Ansto\u00df gegeben. Und ausgerechnet die christliche Konfession, die sich auf ihre weltweiten Ausma\u00dfe so viel zugutetut, sie h\u00e4lt Frauen immer noch vom Priesteramt fern. Gebe Gott, dass sie endlich dazulernen wie Jesus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch ich will mit der Predigt vom Dazulernen bei uns bleiben. Gerade heute ist sie unverzichtbar. Denn heute entscheiden wir mit der Bundestagswahl \u00fcber wichtige Weichenstellungen. Wie immer das Ergebnis ausfallen wird. Quer durch unser Volk und auch unsere Gemeinde werden die einen froh und erleichtert, die anderen skeptisch, entt\u00e4uscht, besorgt sein. Aber was f\u00fcr ein Segen, dass jede einzelne Stimme z\u00e4hlt und nicht Geld, Ansehen oder rohe Gewalt. Gewiss, die Mehrheit entscheidet am Ende. Doch die \u2013 und das werden wir wieder erleben \u2013 kommt nur zustande, wenn die Gew\u00e4hlten sich n icht als Erw\u00e4hlte betrachten, Einander auf Augenh\u00f6he begegnen, miteinander lernen, Kompromisse zu schlie\u00dfen und die Rechte von Minderheiten zu wahren. Darauf kommt es an. Und so ist unser Gemeinwesen angelegt. Auf welcher Seite auch immer wir stehen, diesen Prozess des Aufeinanderzusgehens k\u00f6nnen und werden&nbsp; wir nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzen. Dazu helf uns Gott! Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vf. War Gemeindepastor, H\u00f6rfunkbeauftrager veim NDR und Superritendent in Stade.<\/p>\n<p>Als Ruhest\u00e4ndler lebt er in Hildesheim<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Lektion f\u00fcr Jesus | 17. 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