{"id":5827,"date":"2021-09-22T09:44:50","date_gmt":"2021-09-22T07:44:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5827"},"modified":"2021-09-23T09:49:17","modified_gmt":"2021-09-23T07:49:17","slug":"5827-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/5827-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 14,1-11"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das Gesetz des Dschungels und das Gesetz der Liebe | 17. Sonntag nach Trinitatis | <\/strong>Lukas 14,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Peter Fischer-M\u00f8ller |<\/h3>\n<p>In dieser Predigt geht es um zwei Gesetze, die viel in unserem Alltag miteinander bedeuten: Das Gesetz des St\u00e4rkeren und das Gesetz, das besagt: Du sollst nicht denken, dass du etwas ganz Besonderes bist, einerseits \u2013 und dann das Gesetz, das Jesus verk\u00fcndigt: Das Gesetz der Liebe, Paulus nennt es das Band der Vollkommenheit.<\/p>\n<p>Die Worte Jesu, die wir eben geh\u00f6rt haben: \u201eWer sich selbst erniedrigt, wird er h\u00f6ht werden\u201c, die haben uns gepr\u00e4gt \u2013 jedenfalls wenn wir in die Kirche gehen. Wenn ich in den Kirchen Seelands in einer Kirche am Gottesdienst teilnehme, sitzen da oft viele Leute ganz hinten auf den B\u00e4nken, w\u00e4hrend die vorderen B\u00e4nke oft leer sind, wo man eigentlich besser h\u00f6ren und sehen kann. Andererseits halten wir uns nicht zur\u00fcck, wenn wir aus der Kirche kommen. Da konkurrieren wir eifrig um einen Platz an der Sonne. Vielleicht haben wir den Sinn der Worte Jesu nicht richtig verstanden \u2013 oder vielleicht haben wir keine Lust, sie zu verstehen und uns nach ihnen zu richten.<\/p>\n<p>Lasst uns das n\u00e4her hinterfragen!<\/p>\n<p>Es war nicht immer so, dass man sich in der Kirche dem\u00fctig zur\u00fcckhielt. Wir sehen das deutlich im Dom von Roskilde, wo es eine imponierende Sammlung phantastischer und pr\u00e4chtiger k\u00f6niglicher Grabm\u00e4ler gibt. In der Tat, alle regierenden K\u00f6nige und K\u00f6niginnen seit der Reformation 1536 sind hier begraben. Vielleicht waren sie dem\u00fctig, aber dann in einer so subtilen Art und Weise, dass sie sich daf\u00fcr entschieden, ihre Demut unter den spektakul\u00e4rsten Grabm\u00e4lern zu verbergen.<\/p>\n<p>Wo die Herrschaften in alten Tagen mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit die vordersten B\u00e4nke f\u00fcr sich reserviert hatten, verhalten wir uns heute anders. Heute ziehen die meisten Erwachsenen die hintersten B\u00e4nke vor. Vielleicht aus Demut.<\/p>\n<p>Vielleicht weil das ber\u00fchmte Gesetz des d\u00e4nischen Dichters Aksel Sandemose: \u201eDu sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist\u201c, und: \u201eDu sollst jedenfalls nicht glauben, dass du besser bist als wir\u201c \u2013 uns im 20. Jahrhundert gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Oder vielleicht geht es um eine ganz banale praktische Frage: Wenn man nicht so oft in die Kirche kommt, dass ist es praktisch, so zu sitzen, dass man an denen vor einem sehen kann, wann man sich erheben muss und wann man sich wieder hinsetzen darf.<\/p>\n<p>Viele D\u00e4nen brauchen \u00fcbrigens auch gerne einen konkreten Anlass, in die Kirche zu gehen. Denn wenn man in die Kirche geht, nur weil es Sonntag ist, k\u00f6nnten die Nachbarn ja glauben, wir w\u00fcrden meinen, in Bezug auf Gott etwas Besonderes zu sein, dass wir im Begriff sind, uns als Heilige zu f\u00fchlen! Und das war in einigen Generationen etwas vom Schlimmsten, was einem vorgeworfen werden konnte. Reine Pharis\u00e4er wie die, die Jesus im Evangelium heute zurechtweist.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte daf\u00fcr pl\u00e4dieren, dass wir unsere Demut in der Kirche etwas weniger demonstrativ zur Schau stellen, dass wir uns weiter nach vorn setzen und dass wir im \u00dcbrigen so oft wie m\u00f6glich in die Kirche kommen, um besser zu h\u00f6ren, was Jesus eigentlich auf dem Herzen hat \u2013 als Anregung f\u00fcr das Leben, in das wir gehen, wenn wir aus der Kirche kommen.<\/p>\n<p>Und hier komme ich auf das zweite von den beiden Gesetzen zu sprechen, von denen ich anfangs sprach: dem Gesetz des St\u00e4rkeren, dem Gesetz des Dschungels. Darwin hat es in seiner Evolutionstheorie formuliert als eine generelle Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit in der Natur: Der Bestgeeignete \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Auch wenn wir in unseren skandinavischen L\u00e4ndern versucht haben, dem Gesetz des Dschungels etwas entgegenzusetzen, in dem wir unseren Wohlfahrtsstaat aufgebaut und damit allen Menschen ertr\u00e4gliche Lebensverh\u00e4ltnisse gesichert haben und nicht nur den St\u00e4rksten, ist dennoch die Konkurrenz f\u00fcr viele stark. Ein klares Symptom ist, dass viele an Stress leiden. Auch k\u00f6nnen wir feststellen, dass der Unterschied zwischen Reich und Arm in unserer Gesellschaft und global in diesen Jahren w\u00e4chst.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns in Skandinavien geht es beim Gesetz des Dschungels f\u00fcr die meisten nicht um das konkrete \u00dcberleben, sondern um den Selbstwert. Wir k\u00e4mpfen um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wir k\u00e4mpfen darum, etwas zu sein in den Augen anderer und vor uns selbst. Wir k\u00e4mpfen um einen Platz an der Sonne und sind verbittert, wenn wir das Gef\u00fchl haben, dass andere uns in den Schatten stellen. Wir gestalten unser Leben so als w\u00e4ren wir leitende Direktoren in unserem eigenen Leben. Dabei ist unsere Aufmerksamkeit streng auf das Endresultat gerichtet, das in diesen Jahren Authentizit\u00e4t hei\u00dft. Oder wir sind verzweifelt, wenn wir nicht mithalten k\u00f6nnen. Wir sollen authentisch sein, einzigartig und ganz bei uns selbst, so wie alle anderen. Das ist die alte Geschichte von unserer ungl\u00fccklichen Neigung, uns selbst und das Unsrige wieder zum Mittelpunkt der Welt zu machen.<\/p>\n<p>Und hier stellt sich Jesus heute an die Seite derer, die keine Chancen hatten, sich in der Konkurrenz zu behaupten, ein Mann mit Wasser im K\u00f6rper. Jesus \u00fcbergeht die religi\u00f6sen und gesellschaftlichen Normen, um unsere Augen und Herzen f\u00fcr ein anderes Gesetz im Dasein zu \u00f6ffnen als das Gesetz des Dschungels bzw. das Gesetz des St\u00e4rkeren.\u00a0 Um uns mit seiner Liebe zu erreichen, die das Band der Vollkommenheit ist.<\/p>\n<p>Jesus hat gek\u00e4mpft mit sich selbst und seinem Leben als Einsatz, hat daf\u00fcr gek\u00e4mpft, uns einen Freiraum zu verschaffen, wo wir zusammen sein k\u00f6nnen, ohne uns st\u00e4ndig aneinander zu messen, einen offenen Ort, wo Platz ist f\u00fcr alle, einen Ort, wo unsere Aufmerksamkeit nicht uns selbst gilt, sondern der Freigiebigkeit Gottes und dem, was andere beizutragen haben oder was sie brauchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr euch und f\u00fcr mich hat Jesus die ordentlichen Menschen provoziert im Hause des Pharis\u00e4ers an diesem Tag. F\u00fcr sie und f\u00fcr uns hat er die Anwesenden provoziert, indem er ihre kleinen Machtk\u00e4mpfe miteinander zur Schau stellte. Im Reich Gottes geht es nicht um Regeln und Rangordnung. Das Reich Gottes ist dort, wo sowohl das Gesetz: Denk nicht, dass du etwas Besonderes bist, als auch das Konkurrenzdenken einem anderen und wichtigeren Gesetz weichen muss, wo es nicht um unsere eigenen Projekte und unseren eigenen Erfolg\u00a0 und unsere Vortrefflichkeit oder den Mangel an diesen Dingen geht, sondern um das Leben, wie es sich zwischen uns entfaltet \u2013 und um die, die uns und unseren Einsatz brauchen \u2013 wie nun z.B. ein kranker Mann mit Wasser im K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Die Alten, die im Mittelalter Kirchen bauten, besa\u00dfen Selbsteinsicht und Sinn f\u00fcr das Praktische. Deshalb versahen die die Kirche mit einem \u201eWaffenhaus\u201c, wie man in D\u00e4nemark den Eingang bzw. die Vorhalle einer Kirche nennt. Das war ein Zugest\u00e4ndnis, dass wir im Alltag mit einander streitbare Gem\u00fcter sein k\u00f6nnen und dass wir hier in die Kirche kommen, um uns ein eine andere Verhaltensweise mit einander einzu\u00fcben, ohne Kampf um die Pl\u00e4tze \u2013 weder die vordersten noch die hintersten. Nun waren es ja meisten die M\u00e4nner, die damals Schwert und Spie\u00df trugen, und deshalb lag das \u201eWaffenhaus\u201c am s\u00fcdlichen Eingang der Kirche, der f\u00fcr die M\u00e4nner vorgesehen war, die ihre Waffen ablegen mussten. Am n\u00f6rdlichen Eingang f\u00fcr die Frauen brauchte man kein Waffenhaus, vielleicht aber wohl eine Mahnung, die verborgenen Messer im Arm und das Gift in den Mundwinkeln abzulegen, ehe man in das Kirchenschiff hineinging. Wenn Jesus von Demut spricht, davon, sich selbst zu erniedrigen, um den Gegensatz von Demut zu entlarven, den Hochmut, dass wir hart um die Pl\u00e4tze k\u00e4mpfen, dass wir fast komisch darum k\u00e4mpfen, gesehen zu werden und uns zu profilieren. Im Mittelalter versuchte man, den Charakter Menschen zu kategorisieren. Man sprach von den sieben Tods\u00fcnden. Die Haupts\u00fcnde unter den Tods\u00fcnden war der Hochmut. Der Hochmut, der \u00dcbermut war die Wurzel alles B\u00f6sen, sagte man. Denn der Hochmut stellt uns selbst in den Mittelpunkt und bringt uns dazu, Gott und unsere Mitmenschen zu vergessen. Wenn der Hochmut Macht \u00fcber uns gewinnt, dann glauben wir, dass wir Herr \u00fcber uns selbst sind, oder wir verzweifeln dar\u00fcber, dass uns dies nicht gelingt. Jesus entlarvt den Hochmut und weist de Hochm\u00fctigen zurecht. Nicht indem er das Gesetz predigt: Glaube nicht, dass du etwas Besonders bist. Sondern indem er sagt: Du sollst nicht glauben, dass du ein <strong>Etwas<\/strong> bist. Du bist n\u00e4mlich vielmehr als ein Etwas, du bist ein<strong> Jemand. <\/strong>Du bist viel mehr als deine K\u00e4mpfe und Platzierungen, deine Erfolge und Niederlagen. Du bist ein Mensch Gottes und ein Mitmensch deines N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Das Evangelium will uns nicht heruntermachen oder uns in eine Ecke stellen. Es will vielmehr, dass wir entdecken, dass die Sonne nicht nur f\u00fcr mich scheint, sondern auch f\u00fcr meinen kranken Nachbarn und f\u00fcr den t\u00fcrkischen Gem\u00fcseh\u00e4ndler und den Fl\u00fcchtling aus Afghanistan. Die Sonne Gottes scheint \u00fcber uns, und wir k\u00f6nnen einander erkennen nicht als Gegen-Menschen, sondern als Mit-Menschen.<\/p>\n<p>Das ist das Gesetz der Liebe, das uns zusammenbindet mit seinem vollkommenen Band. Dort ist unser Platz, das Band, in dem wir willkommen sind. Amen.<\/p>\n<p>Bischof Peter Fischer-M\u00f8ller<\/p>\n<p>Roskilde<\/p>\n<p>Email: pfm(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gesetz des Dschungels und das Gesetz der Liebe | 17. 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