{"id":5842,"date":"2021-09-27T22:53:17","date_gmt":"2021-09-27T20:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5842"},"modified":"2021-09-27T22:53:17","modified_gmt":"2021-09-27T20:53:17","slug":"matthaeus-2234-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2234-46\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 22,34-46"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Was ist Glaube? | <\/strong>18 Sonntag nach Trinitatis | Matth\u00e4us 22,34-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |<strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Wer ist Christus? Wer ist der Herr? Wer ist Gott? Wen soll man lieben und woran soll man glauben? Und was ist Glaube? Ist Glaube etwas, was man isst, oder etwas, was man tut? Oder beides? Oder ist Glaube vor allem etwas, was man ist, wenn man es ist \u2013 wenn man es denn ist und nicht nur dar\u00fcber nachdenkt. Macht mehr oder gr\u00f6\u00dferer Glaube einen Menschen wahrer, treuer, glaubw\u00fcrdiger?<\/p>\n<p>Im Text steht, dass man seinen Gott lieben soll von ganzem Herzen und von ganzer Seele \u2013 und dazu soll man seinen N\u00e4chsten lieben wie sich selbst. Ist Liebe dasselbe wie Glaube? Ist Glaube dasselbe wie Treue? Ist Glaube Vertrauen und Mut? Schenkt der Glaube Hoffnung und Zukunft? Die Fragen dr\u00e4ngen sich auf:<\/p>\n<p>\u201eGlaube ist festes Vertrauen auf das,<\/p>\n<p>worauf man hofft,<\/p>\n<p>\u00dcberzeugung von dem,<\/p>\n<p>was man nicht sieht\u201c.<\/p>\n<p>So kompliziert kann man das formulieren. Der Glaube ist Vertrauen darauf, dass die Zukunft gut wird, ganz gleich, wie schrecklich sie ansonsten erscheinen mag. So verwundbar ist der Glaube, und doch so stark. Der Glaube ist wie ein Staubkorn, eine Feder \u2013 und dennoch eine Unersch\u00fctterlichkeit, die der Sch\u00f6pferkraft und Allmacht Gottes entspricht.<\/p>\n<p>Der Glaube ist nach dem isl\u00e4ndischen Schriftsteller Halldor Laxness ein Schneesperling im Sturm. In seinem Buch <em>Seelsorge am Gletscher<\/em> schreibt er:<\/p>\n<p>\u201eOft scheint es mir. Dass die Allmacht wie ein Schnee-Sperling ist, geg en den sich alle St\u00fcrme gewandt haben. Ein solcher Vogel hat das Gewicht einer Briefmarke. Trotzdem weht er nicht weg, auch wenn er sich im freien Orkan befindet.<\/p>\n<p>Hat man jemals das Kranium einer Schneesperlings gesehen, dann wird man wissen, dass er das schwach gebaute Haupt gegen den Sturm wendet mit dem Schnabel zur Erde, die Fl\u00fcgel eng anlegt, aber den Schwanz in die H\u00f6he streckt, so dass der Sturm ihn nicht fassen kann, sondern vielmehr sich teilt und abprellt. Selbst in den schlimmsten Winden r\u00fchrt sich der Vogel nicht. Er ist gesch\u00fctzt vor dem Wind.\u201c<\/p>\n<p>So ist der Glaube. Eine Unersch\u00fctterlichkeit, ein sicherer Sinn f\u00fcr die Richtung. Nicht ohne Zweifel und Trauer und Entbehrung. Nicht ohne Finsternis und Sturm. Vielleicht mit einem Drang zum Aufgeben. Und dann dennoch, dass man in der Spur bleibt, die Richtung einh\u00e4lt und sich nicht aus der Ruhe bringen l\u00e4sst. Glaube als Treue \u2013 wie ein Schneesperling im Sturm.<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Wissenschaftsautor Tor N\u00f8rretranders spricht in dem Buch <em>Daran glauben zu glauben <\/em>vom Glauben als einer Glut, einer grundlegenden Einstellung zum Dasein, die wir alle Menschen in der ganzen Welt besitzen. Glaube ist eine Lebenskraft in Richtung auf Mut, unabh\u00e4ngig von dem, woran man glaubt. Glaube ist, wie N\u00f8rretranders sagt, \u201eein gutes Schmier\u00f6l f\u00fcr das Dasein\u201c. Nicht das, woran man glaubt, sondern <em>dass<\/em> man glaubt.<\/p>\n<p>Das ist ja sehr gut, was N\u00f8rretranders da sagt \u2013 aber es gen\u00fcgt nicht. Denn Glaube ist auch an etwas glauben. In Bezug auf etwas treu sein. Das liegt im Wesen des Glaubens, dass er einen Gegenstand haben muss. Eine Richtung und ein Ziel. Und dieses Etwas muss einen Namen haben, eine Gestalt und eine Substanz. Etwas oder am besten jemanden, woran man sich h\u00e4lt und woran man sich klammert. So wie ein Kind an seine Mutter und seinen Vater glaubt.<\/p>\n<p>Allein an seinen Glauben zu glauben \u2013 dass ist genauso k\u00fcmmerlich wie an den Placebo-Effekt zu glauben. Wenn der Glaube einen \u201eEffekt\u201c haben soll, muss er den Charakter einer Wirklichkeit haben, dann muss der Glaube einen Gegenstand haben. Dann soll letztlich und am besten Gott selbst f\u00fcr den Glauben einstehen. Glaubst du an Gott oder glaubst du daran, dass Gott an dich glaubt \u2013 das ist die Grundfrage.<\/p>\n<p>Wenn man in der Literatur dar\u00fcber etwas lesen will, empfehle ich <em>Das Leben von Pi<\/em> von Yann Martel (<em>The Life of Pi<\/em>), eine Geschichte, wie es in der Einleitung hei\u00dft, \u201edie ihre Zuh\u00f6rer dazu bringen kann, an Gott zu glauben\u201c.<\/p>\n<p>Als Pi 16 Jahre alt ist, emigriert er mit seiner Familie aus Indien nach Kanada. Aber das Schiff geht unter. Nur Pi und ganz wenige andere Lebewesen \u00fcberleben. Wie die Geschichte verl\u00e4uft, viele Jahre sp\u00e4ter von Pi selbst erz\u00e4hlt, wird deutlich, dass er ganze 227 Tage an Bord eines Rettungsbootes \u00fcberlebt mit einer ganzen Menge von \u00dcberlebensaussteuer \u2013 plus, wie er es formuliert:<\/p>\n<p>\u201e1 bengalischer Tiger, 1 Rettungsboot, 1 Ozean, 1 Gott\u201c \u2013 und vor allem wegen des Letzteren \u201eeine mangelnde F\u00e4higkeit aufzugeben.\u201c<\/p>\n<p>Der Bericht ist phantastisch, aber aus einer k\u00fchlen n\u00fcchternen Betrachtung ist das ja gelogen. Wo kommt der bengalische Tiger her mitten in einer Geschichte vom Ertrinken? Das wirkt wie reine Phantasie \u2013 und dennoch.<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner von der Reederei des gesunkenen Schiffs interviewen sp\u00e4ter Pi und bestehen auf dem, was sie die wahre Geschichte nennen. \u201eEine Geschichte ohne Tiere, ohne einen bengalischen Tiger\u201c, wie sie sagen. Die erhalten sie. Trockene, kalte Tatsachen. Ein n\u00fcchterner Bericht \u00fcber und mit ausschlie\u00dflich Menschen an Bord des Rettungsbootes. Und doch viel tierischer und grausamer. Ein phantasieloser und schrecklicher Bericht von Bosheit und Gottlosigkeit. Roh und brutal.<\/p>\n<p>Aber Pi w\u00e4hlt immer die beste Geschichte, denn er kennt wie keiner die schlimmste. Pi hat \u00fcberlebt. Das steht fest. Zugleich steht fest, dass die beste Geschichte die mit den Tieren ist. Und die mit Gott.<\/p>\n<p>Wie es in der Einleitung hei\u00dft: Wenn wir \u201eunsere Phantasie auf dem Altar der eindimensionalen Wirklichkeit opfern\u201c, dann wird das damit enden, \u201edass wir an nichts glauben und wertlose Tr\u00e4ume haben\u201c. Lasst uns nie die Phantasie verabschieden. Lasst uns immer die beste Geschichte w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Was Tor N\u00f8rretranders \u00fcbersieht, ist dies: Glaube ist eine Erz\u00e4hlung. Treue \u2013 ein Glaube an die Geschichte. Glaube hei\u00dft treu sein. Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Und den anderen Menschen nicht nur wie sich selbst lieben, sondern ein bisschen mehr. Deshalb erz\u00e4hlen wir die beste Geschichte, weil sie erbaut und den Menschen Mut und Orientierung gibt. Das ist der Segen und die Freude.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Glaube? | 18 Sonntag nach Trinitatis | Matth\u00e4us 22,34-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |\u00a0 Wer ist Christus? Wer ist der Herr? Wer ist Gott? Wen soll man lieben und woran soll man glauben? Und was ist Glaube? Ist Glaube etwas, was man isst, oder etwas, was man tut? Oder beides? 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