{"id":5900,"date":"2021-10-12T12:19:47","date_gmt":"2021-10-12T10:19:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5900"},"modified":"2021-10-12T12:22:29","modified_gmt":"2021-10-12T10:22:29","slug":"predigt-zu-prediger-12-1-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-prediger-12-1-8\/","title":{"rendered":"Predigt zu Prediger 12, 1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Kohelet l\u00e4chelt| 20. So. n. Trinitatis | 17.10.2021 | Prediger 12, 1-8 | verfasst von Thomas-M. Robscheit |<\/h3>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Hinweis: der Text sollte m. E. Pred. 11, 9-12,8 umfassen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Friede Gottes sei mit Euch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>m\u00f6gen Sie R\u00e4tsel? Ich meine nicht Kreuzwortr\u00e4tsel oder Sudoku, sondern diese kleinen R\u00e4tselfragen: Ich habe einen R\u00fccken, aber ich kann nicht liegen, ich habe Fl\u00fcgel, aber ich kann nicht fliegen, ich kann laufen, doch habe ich keine Beine. Wer bin ich?<\/p>\n<p>Wissen sie\u00b4s?<\/p>\n<p>Nun etwas schwieriger:<\/p>\n<p>Die H\u00fcter des Hauses zittern und die Starken kr\u00fcmmen sich und m\u00fc\u00dfig stehen die M\u00fcllerinnen, weil es so wenige geworden sind. Finster werden, die durch die Fenster sehen, die T\u00fcren an der Gasse schlie\u00dfen sich, die Stimme der M\u00fchle wird leise, wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle T\u00f6chter des Gesanges sich neigen; wenn man vor H\u00f6hen sich f\u00fcrchtet und sich \u00e4ngstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum bl\u00fcht und die Heuschrecke sich bel\u00e4dt.<\/p>\n<p>Dieses R\u00e4tsel steht in unserem Alten Testament, im Buch Kohelet, oder wie wir es in der Lutherbibel nennen: Prediger. Wahrscheinlich wird es jetzt in Ihrem Kopf rumoren: Prediger, Prediger, da war doch was! \u2013 Richtig! \u201eAlles hat seine Zeit!\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht entsteht in ihrem Kopf eine Melodie aus dem Jahr 1950 von Pete Seeger \u201eTurn, turn, turn\u201c oder \u201eWenn ein Mensch lebt\u201c von den Phudys (letzteres sicherlich nur, wenn Sie in der DDR aufgewachsen sind).<\/p>\n<p>Ach, ja, das Buch Kohelet. Alles hat seine Zeit, alles kommt immer wieder und letztlich ist alles menschliche Tun und Lassen nur eitel und Haschen nach Wind. Irgendwie war das f\u00fcr mich immer genial an der Grenze zwischen Tiefsinnigkeit und Banalit\u00e4t. Es ist um das Jahr 220 v. Chr. in Jerusalem. Kohelet beobachtet die Welt. Wie andere Verfasser der sogenannten Weisheitsliteratur bem\u00fcht er sich um das Erfassen der Zusammenh\u00e4nge. Kohelet sieht die Widerspr\u00fcchlichkeit der Welt, das scheinbar Immerwiederkehrende und fragt, ob nicht alles menschliche Tun letztlich vergeblich ist. Selbst die Suche nach Weisheit, dem h\u00f6chsten Gut. Alles nur eitel und haschen nach Wind.<\/p>\n<p>Ich habe dieses biblische Buch in meiner Jugend geliebt und unz\u00e4hlige Male gelesen.<\/p>\n<p>Das ist ja interessant, was Sie in Ihrer Jugend gelesen haben, aber was hat das mit unserem R\u00e4tsel zu tun?, werden Sie vielleicht fragen. Inzwischen sind Sie \u00fcber 50!<\/p>\n<p>Ja, was ist mit dem R\u00e4tsel?<\/p>\n<p>Die H\u00fcter des Hauses zittern und die Starken kr\u00fcmmen sich und m\u00fc\u00dfig stehen die M\u00fcllerinnen, weil es so wenige geworden sind. Finster werden, die durch die Fenster sehen, die T\u00fcren an der Gasse schlie\u00dfen sich, die Stimme der M\u00fchle wird leise, wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle T\u00f6chter des Gesanges sich neigen; wenn man vor H\u00f6hen sich f\u00fcrchtet und sich \u00e4ngstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum bl\u00fcht und die Heuschrecke sich bel\u00e4dt.<\/p>\n<p>Die H\u00fcter des Hauses, das sind die Arme; die Starken sind unsere Beine; die M\u00fcllerinnen, die m\u00fc\u00dfig stehen, weil schon viele fehlen, sind unsere Z\u00e4hne. Die finster werdenden Fenster: die Augen, die sich schlie\u00dfenden T\u00fcren: die Ohren, der wei\u00df bl\u00fchende Mandelbaum unsere Haare, die beladene Heuschrecke: der schwere Gang und schon ist des R\u00e4tsel L\u00f6sung klar: das Alter!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses R\u00e4tsel steht nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr sich alleine. Es geht nicht nur um das Alter, sondern auch um die Jugend! Der Lehrer Kohelet schreibt seinen jungen Sch\u00fclern:<\/p>\n<p>So freue dich, J\u00fcngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gel\u00fcstet und deinen Augen gef\u00e4llt, und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. Lass Unmut fern sein von deinem Herzen und halte das \u00dcbel fern von deinem Leibe; denn Jugend und dunkles Haar sind eitel.<\/p>\n<p>Denk an deinen Sch\u00f6pfer in deiner Jugend, ehe die b\u00f6sen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: \u00bbSie gefallen mir nicht\u00ab; ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, \u2013 zur Zeit, wenn die H\u00fcter des Hauses zittern und die Starken sich kr\u00fcmmen und m\u00fc\u00dfig stehen die M\u00fcllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die T\u00fcren an der Gasse sich schlie\u00dfen, dass die Stimme der M\u00fchle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle T\u00f6chter des Gesanges sich neigen; wenn man vor H\u00f6hen sich f\u00fcrchtet und sich \u00e4ngstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum bl\u00fcht und die Heuschrecke sich bel\u00e4dt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch f\u00e4hrt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; \u2013 ehe der silberne Strick zerrei\u00dft und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen f\u00e4llt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.<\/p>\n<p>Er ist alt geworden, der Prediger Kohelet. Er blickt auf das Leben und die Jugend zur\u00fcck. Wehm\u00fctig vielleicht, aber nicht resigniert, sarkastisch oder gar zynisch. Letztlich ist alles verg\u00e4nglich und vieles vergeblich. Man m\u00fche sich ab, wie man will, am Ende hat man keinen Gewinn davon. Und doch erahnt der Mensch die Weite. Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt, eine Sehnsucht, die wir sp\u00fcren k\u00f6nnen. So wie wir im herbstlichen Nebel ein Gef\u00fchl f\u00fcr die strahlende Sonne am blauen Himmel haben. Nur wenige Meter \u00fcber uns, auch wenn uns graue Tristesse gefangen h\u00e4lt. Es gibt mehr als unser t\u00e4gliches Einerlei.<\/p>\n<p>Kohelet erahnt das; deutlich. Oberfl\u00e4chlich scheint alles nur Haschen nach Wind. Doch da ist mehr! W\u00e4hrend er das schreibt, alt und lebenssatt, sp\u00fcrt Kohelet, dass er kurz vor der Erkenntnis steht. So wie wir manchmal sp\u00fcren, dass jeden Moment der Nebel schlagartig verschwinden wird und wir im Licht stehen werden. Alles dreht sich im Kreis und dennoch sind die M\u00fchen nicht belanglos: genie\u00dfe Deine Jugend lehrt er, aber bedenke dabei, dass alles Konsequenzen hat und Du Rechenschaft ablegen musst. Das Leben besteht aus unz\u00e4hligen vergeblichen Freuden und Sorgen. Es wird aufgebaut und abgerissen, geliebt und gehasst, geweint und gelacht, gen\u00e4ht und zerrissen. Man kann sich dar\u00fcber \u00e4rgern, man kann es verdr\u00e4ngen. Man kann aber auch Essen, Trinken und guten Muts sein bei all den M\u00fchen und anderen zur Gabe Gottes werden: der Lichtblick, der Sonnenstrahl oberhalb des Nebels, das Versprechen, das eben doch nicht alles nur Haschen nach Wind ist.<\/p>\n<p>Kohelet schreibt die letzten Zeilen seines Buches und g\u00f6nnt sich dabei die kleine Eitelkeit, den Sch\u00fclern ein R\u00e4tsel mit auf den Weg zugeben: Die H\u00fcter des Hauses zittern und die Starken kr\u00fcmmen sich und m\u00fc\u00dfig stehen die M\u00fcllerinnen,\u2026<\/p>\n<p>Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, ganz eitel. Er l\u00e4chelt. Kohelet schlie\u00dft die Augen, sieht das Licht und er sp\u00fcrt den Frieden Gottes, der gr\u00f6\u00dfer ist als all unsere menschliche Vernunft und Vorstellungskraft.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>PS: Das R\u00e4tsel vom Anfang: es ist die Nase.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kohelet l\u00e4chelt| 20. So. n. 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