{"id":5989,"date":"2021-10-19T11:54:11","date_gmt":"2021-10-19T09:54:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5989"},"modified":"2021-10-19T11:09:02","modified_gmt":"2021-10-19T09:09:02","slug":"predigt-zu-mt-10-34-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-mt-10-34-39\/","title":{"rendered":"Predigt zu Mt. 10, 34 &#8211; 39"},"content":{"rendered":"<h3>Familienkrach um Jesu willen | 21. Sonntag nach Trinitatis |&nbsp; 24. Oktober 2021 | Predigt zu Mt. 10, 34 &#8211; 39 | von Ulrich Pohl |<\/h3>\n<p>Mitunter trifft einen Menschen ein Ruf, und er wei\u00df im gleichen Moment, das ist keine von den Verlockungen, mit denen uns diese Welt st\u00e4ndig in Aufruhr versetzt. Dieser Ruf ist etwas anderes und er kommt von woanders her. Ich soll dem, was bisher war, den Abschied geben und soll mich zu etwas Neuem aufmachen.<\/p>\n<p>Viele Geschichten in der Bibel erz\u00e4hlen davon, wie Menschen solch einen Ruf vernommen haben, Noah, als er die Arche baute, Abraham, als er im hohen Alter aus seiner Heimatstadt Haran wegzog. Und nat\u00fcrlich die J\u00fcnger: Jesus l\u00e4dt sie ein, folget mir nach!, und sie lassen alles liegen und stehen und gehen mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allerdings wird in diesen Beispielen auch deutlich, es gibt vieles, was Menschen daran hindert, dem Ruf zu folgen. Dazu geh\u00f6rt, dass man sich verpflichtet f\u00fchlt, f\u00fcr andere zu sorgen. Dazu geh\u00f6rt, dass man Angst hat, ich bin dem nicht gewachsen, was an Ungewohntem auf mich zukommt. Dazu geh\u00f6rt auch der Satz, das haben wir schon immer so gemacht, wir wollen keine Ver\u00e4nderung!<\/p>\n<p>Dieser Satz kommt nicht selten von Menschen, die einem besonders nahestehen. Am liebsten h\u00e4tten sie, dass alles bleibt, wie es ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus lenkt unseren Blick heute auf die Familie zu der wir geh\u00f6ren. Lange, nicht selten ein Leben lang haben wir hier bekommen, was wir brauchten, Liebe und das t\u00e4glich Brot. Doch nun h\u00f6ren wir diese Stimme. Sie ruft uns heraus aus dem, was war. Zugleich f\u00fchlen wir uns dem Alten verpflichtet. Wir wollen uns l\u00f6sen und zugleich wollen wir niemandem unn\u00f6tig wehtun. Es ist schwer, Menschen zur\u00fcckzulassen, mit denen das Leben untrennbar verbunden scheint. Untrennbar: Ja, manchmal trennt sich sogar das, wovon man dachte, es bleibt f\u00fcr immer eins. Die Trennung schmerzt. Zugleich sagt die Stimme: Es geht nicht anders, du musst dich l\u00f6sen, du mu\u00dft dich auf den Weg machen, auf deinen eigenen Weg. Und wir wissen: Wenn ich diesem Ruf nicht folge, bleibt in meinem Leben etwas Entscheidendes ungelebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus, der viele Menschen in seine Nachfolge gerufen hat, wu\u00dfte um die gro\u00dfe Bindekraft der Liebe und der Familie. Zu seiner Zeit hatte die Familie noch viel gr\u00f6\u00dfere Bedeutung, als heute. Ohne seine Familie, ohne seine Gro\u00dffamilie, war ein Mensch buchst\u00e4blich nichts. Man hatte keine Chance, allein zu \u00fcberleben, es sei denn, man war jemand absolut au\u00dfergew\u00f6hnliches. Wollte ein junger Mensch etwas lernen, dann ging er bei dem Onkel in die Lehre, jemand anders nahm ihn nur gegen viel Geld. Wurde jemand krank, stand die Familie f\u00fcr ihn ein. Wollte man heiraten, war das keine Frage von Liebe, sondern davon, was st\u00e4rkt die Familie nach innen und nach au\u00dfen? Auch in Glaubensdingen war man von vornherein festgelegt.<\/p>\n<p>Die Familie, zu der man geh\u00f6rte, schrieb jedem einzelnen eine bestimmte eine bestimmte Aufgaben und eine bestimmte Rolle zu. Und wenn der Rat der Alten etwas beschlossen hatte, war klar, f\u00fcr den Einzelnen gab es nur Gehorsam. So war die Gro\u00dffamilie einerseits das Umfeld, in dem man gesichert leben konnte. Andererseits war das Leben des Einzelnen wie in Beton gegossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber diesen Familien-Beton hat sich Jesus einige Male richtiggehend aufgeregt, unser Bibelabschnitt gibt etwas davon wieder: Ich bin gekommen, um das Schwert in die Familien zu bringen!<br \/>\nJesus hat mehr als einmal erlebt, wie seine eigene Familie versucht hat, ihn zu vereinnahmen. Spuren davon finden wir in den Evangelien. Zum Beispiel die Geschichte, wie die Familie Jesu ihn nach Hause holen wollte: In Galil\u00e4a hatte sich damals herumgesprochen, dass der Sohn Josefs mit dem, was er sagte, die Menschen dazu brachte, vom normalen Glauben abzufallen. Einige einflussreiche M\u00e4nner sind dann wohl zur Familie gegangen und haben gesagt, h\u00f6rt mal, was habt ihr da f\u00fcr einen rumlaufen! Fangt den mal wieder ein! Sorgt mal daf\u00fcr, dass der zur Vernunft kommt. Sonst f\u00e4llt das, was er sagt und tut, auf eure Familienehre zur\u00fcck, schlimmer noch, auf unsere ganze Stadt! Wollt ihr das?<\/p>\n<p>Nein, das wollten sie nat\u00fcrlich nicht!&nbsp; Also machten sie sich auf die Suche, seine Mutter und seine Br\u00fcder. Jesus war gerade zu Gast in einem Dorf nicht allzuweit entfernt, und seine Familie nimmt Aufstellung vor dem Haus, in dem er sich befindet. Sie fordern ihn auf, herauszukommen, doch Jesus ignoriert sie &#8211; vollst\u00e4ndig! Er l\u00e4\u00dft ihnen durch jemand anders eine Antwort ausrichten und l\u00e4\u00dft sie dann drau\u00dfen stehen. Als jemand sagt, Meister, das kannst du nicht machen, das sind deine eigenen Leute, zeigt Jesus auf die, die mit ihm im Raum sind und ihm zuh\u00f6ren und sagt: Das hier sind meine Br\u00fcder und Schwestern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das, was Jesus im Bibelabschnitt f\u00fcr die Predigt heute sagt, ist im Grunde genau so ein Skandal: Des Menschen eigene Hausgenossen werden seine Feinde sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was soll das?<br \/>\nKonflikte gibt es in unserer Gesellschaft ohnehin schon genug. Brauchen wir die auch noch in unseren eigenen vier W\u00e4nden? Das Zuhause soll doch ein Hort der Ruhe sein. Ein Ort, wo alle zusammen halten, sich gegenseitig helfen und zueinander stehen. Familie, das ist doch etwas sch\u00f6nes, was Halt gibt! Nicht umsonst ist das, was die meisten Kirchengemeinden sich besonders w\u00fcnschen, ein sch\u00f6ner Familiengottesdienst! Soll das hei\u00dfen, Jesus ist dagegen, wenn alle zusammenkommen und sich f\u00fchlen als w\u00e4ren sie, naja, eben eine Familie?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus sieht und sch\u00e4tzt gewiss die M\u00fche, die wir uns f\u00fcreinander und miteinander geben. Aber er sieht eben auch die Kehrseite: Eine Familie stellt immer ein Rollengeflecht dar. Und wenn man lange dazu geh\u00f6rt, w\u00e4chst man unweigerlich in bestimmte Rollen hinein. Solche Festschreibungen k\u00f6nnen einen unwiderruflich pr\u00e4gen und in der pers\u00f6nlichen Entwicklung blockieren. Und wenn es soweit ist und der Ruf kommt, folge mir nach, dann ist man nicht mehr in der Lage, ihm zu folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre nach dem Tod Jesu hatte das Christentum begonnen, sich im Mittelmeerraum auszubreiten. Es war eine moderne Region, sie war monotheistisch. Der Glaube an den einen Gott, den Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde, brachte f\u00fcr viele ein neues Lebensgef\u00fchl mit sich. Sie sp\u00fcrten, sie waren auf einmal mit einer Kraft verbunden, die die ganze Welt umfasst und die zugleich einen Plan mit ihnen selbst hat, mit ihnen ganz pers\u00f6nlich. Sie erlebten, da ist jemand, der sieht mich, der sieht uns alle und der liebt uns alle. Das zu wissen und zu erfahren, gibt ein Gef\u00fchl gro\u00dfer Freiheit, und diese Freiheit will man festhalten. Man will zu denen geh\u00f6ren, die zu diesem Gott geh\u00f6ren und diese Freiheit teilen. Man will dem Ruf in die Freiheit folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte viele junge Christen damals tats\u00e4chlich in schwere Konflikte, in Konflikte mit ihren Familien. Denen konnte nicht egal sein, was eines ihrer Mitglieder glaubte. Manche dieser Familien waren sehr angesehen. Seit Jahrhunderten waren sie in ein und der selben Stadt ans\u00e4ssig. Man war stolz darauf und man huldigte nat\u00fcrlich auch voller \u00dcberzeugung der Gottheit, die die Mauern der Stadt bisher gesch\u00fctzt hatte. Damit verbunden waren auch Gesch\u00e4ftsbeziehungen. Einheimische schlossen keine Vertr\u00e4ge mit Leuten, die ihren Eid auf andere G\u00f6tter schworen.<\/p>\n<p>Nun gab es pl\u00f6tzlich welche, die sich von alledem lossagten, in den eigenen Reihen! Um Ihrer Freiheit willen. Was sollte das werden? Man verlangte von ihnen, ihre Entscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Als sie sich weigerten, wurden viele Christen aus ihren Familien ausgesto\u00dfen. Manche wurden aus der Stadt verjagt, und wenige Jahre sp\u00e4ter wurden die ersten Christen verfolgt und umgebracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Evangelist Matth\u00e4us, der seine frohe Botschaft f\u00fcr die fr\u00fchen christlichen Gemeinden schrieb, erinnert sich daran: Jesus ist gekommen, um das Schwert zu bringen. Es wird Auseinandersetzungen geben. Wenn sie euch Vorw\u00fcrfe machen, ihr seid undankbar und ihr macht mit eurem Verhalten alles kaputt, dann d\u00fcrft ihr auf euren Herrn zeigen. Er hat gewu\u00dft, dass es so kommt. Er hat es geweissagt: Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen. Und wenn sie euch ausgrenzen und bedrohen, dann sollt ihr euch daran erinnern, auch euer Herr ist seinen Weg unter dem Kreuz gegangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mitunter trifft uns von einem Moment auf den anderen ein Ruf, und wir sp\u00fcren sofort, dies ist keine von den Verlockungen, mit denen uns diese Welt st\u00e4ndig neu in Aufruhr versetzt. Dieser Ruf kommt von woanders her, und wir wissen: Wenn ich es nicht schaffe, diesem Ruf zu folgen, bleibt das Entscheidende in meinem Leben ungelebt.<\/p>\n<p>Dann nehmen wir all unseren Mut zusammen und machen uns auf den Weg. Wir sollen wir das getrost tun, auch wenn wir traurig sind um das, was wir zur\u00fccklassen. Es kann nicht anders sein. Wir gehen unter dem Kreuz. Unser Herr Jesus geht uns voran. Wir folgen ihm nach. Er f\u00fchrt uns in sein Reich. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieder: \u201eVertraut den neuen Wegen\u201c EG 395 umschreibt den Ruf Gottes als \u201eWege, au die der Herr uns weist\u201c. Es macht Mut, ihnen zu folgen.<br \/>\n\u201eEin Schiff, dass sich Gemeinde nennt\u201c EG 604 beschreibt die Gemeinde als mitunter geschlossenes System, das&nbsp; nicht bereit ist, dem \u201eRuf zur Ausfahrt\u201c (Strophe 2) zu folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl<br \/>\nNeuss<br \/>\nEmail: Ulrich.Pohl@EKiR.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Familienkrach um Jesu willen | 21. Sonntag nach Trinitatis |&nbsp; 24. Oktober 2021 | Predigt zu Mt. 10, 34 &#8211; 39 | von Ulrich Pohl | Mitunter trifft einen Menschen ein Ruf, und er wei\u00df im gleichen Moment, das ist keine von den Verlockungen, mit denen uns diese Welt st\u00e4ndig in Aufruhr versetzt. 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