{"id":6020,"date":"2021-10-18T19:59:14","date_gmt":"2021-10-18T17:59:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6020"},"modified":"2021-10-19T20:04:00","modified_gmt":"2021-10-19T18:04:00","slug":"6020-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/6020-2\/","title":{"rendered":"Johannes 4,46-53"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das Zeichen ist der Grund des Glaubens | 21. Sonntag nach Trinitatis | 24.10.21 | <\/strong>Johannes 4,46-53 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Margrethe Dahlerup Koch |<\/h3>\n<p>Mir hat noch niemand erkl\u00e4rt, warum die Leute in dem Dorf Tim, wo ich fr\u00fcher gewohnt habe, wenn sie in die n\u00e4chste Stadt Holstebro wollen, sagen, dass sie \u201erunter nach Holstebro\u201c wollen. Obwohl sie sich nach Norden bewegen und zwischen den beiden Orten kein H\u00f6henunterschied existiert, so liegt Holstebro also im Bewusstsein im Verh\u00e4ltnis zu Tim \u201eunten\u201c.<\/p>\n<p>Man geht auch von Kana \u201erunter\u201c nach Kapernaum. Der k\u00f6nigliche Beamte, von dem wir gerade geh\u00f6rt haben, ist nach Kana gekommen, um Jesus zu bitten, da \u201ehinab\u201c zu kommen, erz\u00e4hlt Johannes. Hinab nach Kapernaum, wo der Sohn des Beamten im Sterben liegt. Und so wie es von gro\u00dfem lokalem Selbstbewusstsein zeugt, dass man in einem kleinen Dorf die n\u00f6rdliche Stadt \u201eunten\u201c ansiedelt, so sagt es auch etwas \u00fcber Kapernaum, dass man sich offenbar hinab begeben muss, um dahin zu kommen. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass da tats\u00e4chlich ein H\u00f6henunterschied von 300 Metern zwischen Kana und Kapernaum besteht. Das ist etwas anderes als eine geographische Information, um die es geht. Es handelt sich darum, dass beide Orte zwei unterschiedliche Zust\u00e4nde repr\u00e4sentieren. In Kana verwandelte Jesus Wasser in Wein, erz\u00e4hlt Johannes einleitend. In Kapernaum befindet sich ein Junge, der im Sterben liegt. Kana ist der Ort des Lebens und des Wunders, wo der Sohn Gottes ist. Kapernaum ist ein Ort des Todes und der Verzweiflung, wo sich der Sohn des k\u00f6niglichen Beamten befindet. Deshalb muss man hinab, und deshalb ist man unten, ganz unten am Boden, wenn man in Kapernaum ist.<\/p>\n<p>Und deshalb muss man Zeichen und Wunder sehen um zu glauben, wenn man von dort unten kommt.<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht\u201c, sagt Jesus zu dem k\u00f6niglichen Beamten, der Jesus darum bittet, seinen Sohn zu heilen. Wenn Jesus so etwas in den anderen Evangelien sagt, bei Markus, Matth\u00e4us und Lukas, dann ist das immer in einem irritierten, vorwurfsvollen Ton gesagt &#8211; und immer an Pharis\u00e4er und Schriftgelehrte gerichtet. Als eine Zurechtweisung und als Protest dagegen, ein unterhaltsamer Wundert\u00e4ter zu sein. Aber hier ist es Johannes, der erz\u00e4hlt. Und der hat eine ganz anders positive Sicht auf das Wort \u201eZeichen\u201c. Wenn Jesus sagt, dass es ohne Zeichen und Wunder keinen Glauben gibt, dann ist das nicht als saurer, zorniger oder unwilliger Vorwurf gemeint. Im Gegenteil. Jesus wirft dem angstvollen, verzweifelten Vater nicht etwas vor. Es ist eine der entscheidenden Pointen im Johannesevangelium, dass Glaube Zeichen braucht.\u00a0 Und deshalb schlie\u00dft das heutige Evangelium auch mit der Feststellung, dass das Wunder und das Zeichen, die Heilung des Jungen, die Ursache daf\u00fcr wird, dass der Vater und sein ganzer Hausstand zum Glauben kamen.<\/p>\n<p>Glaube setzt voraus, dass wir etwas sehen und erfahren. Und das tut der Glaube, weil wir nur an das und an den glauben k\u00f6nnen, die glaubw\u00fcrdig sind.<\/p>\n<p>Man kann nicht blind glauben. Wenn Menschen das dennoch versuchen, werden wir zu Henkern. Das hat die Geschichte gezeigt, und das zeigt sich noch immer \u00fcberall nah und fern in der Welt, wo der Fundamentalismus Leib und Seele beherrscht. Ob das nun Fundamentalismus in islamischer, j\u00fcdischer, christlicher oder kommunistischer Ausgabe ist. Menschen, die blind glauben, gehorchen auch blind. Deshalb tun sie dann das Werk des Teufels.<\/p>\n<p>Glaube braucht Zeichen. Damit Glaube in uns entstehen kann, m\u00fcssen wir etwas oder jemanden sehen und h\u00f6ren und erfahren, etwas oder jemanden, die glaubw\u00fcrdig sind. Das Zeichen ist der Grund des Glaubens.<\/p>\n<p>So ist es zwischen Menschen. Man glaubt nicht von dem geliebt zu werden, von dem man nie ein Zeichen der Liebe empfangen hat.<\/p>\n<p>Wenn ein Mensch keine Lebens-Zeichen von sich gibt, sehen wir keinen Grund, daran zu glauben, dass der Betreffende am Leben ist. Wenn der Politiker bzw. die Politikerin nicht glaub-w\u00fcrdig auftritt, besteht kein Grund, daran zu glauben, was er bzw. sie sagt, und dann w\u00e4hlen wir jemand anderen.<\/p>\n<p>Der Glaube ist kurz gesagt nicht etwas, was wir selbst w\u00e4hlen, sondern etwas, was andere in uns hervorrufen. Der Glaube entsteht in uns, wenn wir einen Grund sehen zu glauben.<\/p>\n<p>So ist es, wenn wir an einander glauben, und so ist es, wenn wir an Gott glauben. Wir k\u00f6nnen und sollen nicht blind an Gott glauben. Deshalb, so beginnt Johannes sein Evangelium, \u201ewurde das Wort, das Gott ist, Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit\u201c. Gott gab sich zu erkennen, lie\u00df sich sehen, und Gott zeigte sich glaub-w\u00fcrdig, indem er zur Weihnacht Mensch wurde in einer Ecke des m\u00e4chtigen Weltreichs von Augustus. Gott gab ein Lebenszeichen von sich und ein Zeichen der Liebe in Jesus. Jesus ist das Kenn-Zeichen Gottes. Jesus ist der Grund daf\u00fcr, dass wir glauben k\u00f6nnen, dass Gott barmherzig ist, gegenw\u00e4rtig, fordernd. Denn das war Jesus, und wo er war, entstand das Leben, das sonst gestorben w\u00e4re; da kamen die Menschen wieder zu Kr\u00e4ften, das zu tragen, an dem sie nun einmal zu tragen hatten; und wo Jesus war, erhielten Unw\u00fcrdige wieder ihre W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gott ist nicht der unbekannte Faktor in der komplizierten und unberechenbaren Gleichung des Daseins. Gott ist keine Stimmung, nicht ein Gef\u00fchl oder ein innerer friedvoller Zustand. Gott ist nicht anonym. Wir k\u00f6nnen Gott an Jesus erkennen. Wir k\u00f6nnen Gott an den Worten und Zeichen und Wundern erkennen, die Jesus tat. Wir k\u00f6nnen Gott \u00fcberall wiedererkennen, wo die Worte, Zeichen und Wunder wieder geschehen. \u00dcberall, wo Schwache St\u00e4rke erhalten. Wenn die phantasievolle, t\u00fcchtige Pflegerin in dem ansonsten verwirrten oder verschlossenen Blick des Dementen die Freude des Wiedererkennens weckt. Wenn der Suchende das geduldige und aufrichtige Mitgef\u00fchl eines anderen Menschen erlebt. Wenn der, der sich gelobt hat, nie mehr seine Finger zu verbrennen, trotzdem die W\u00e4rme sp\u00fcrt, sich zu verlieben. \u00dcberall, wo Hoffnungslosigkeit auf Widerstand st\u00f6\u00dft und wo der Tod in allen seinen Formen Widerspruch erf\u00e4hrt und deshalb seinen Griff auf Menschen aufgeben muss, da gibt Gott sich zu erkennen. Als sichtbare, h\u00f6rbare, erfahrene Wirklichkeit. Da \u201esehen wir seine Herrlichkeit\u201c. Und wir k\u00f6nnen nicht genug auf die Orte aufmerksam sein, wo das vor unseren Augen geschieht.<\/p>\n<p>Und dann sind da die Orte und Gelegenheiten, wo das nicht geschieht. Wo wir weder Lebenszeichen noch Zeichen der Liebe sehen k\u00f6nnen, die von Gott und seiner Gegenwart zeugen. Wo wir keinen Grund sehen zu glauben. Wo wir sehen und erfahren, dass das, was Jesus sagte und zeigte, nicht glaubw\u00fcrdig ist, weil unsere Wirklichkeit nicht so aussieht. Wir sehen und erfahren ja nicht nur, dass Freude, Leben und Hoffnung Trauer, Tod und Missmut \u00fcberwinden. Wir sehen und erfahren auch das Gegenteil. Dass das Geschw\u00fcr b\u00f6sartig <em>war<\/em>. Das die Scannung das <em>zeigte<\/em>, was wir bef\u00fcrchtet haben. Dass das furchtbare Ungl\u00fcck geschah. Dass das ein anderer <em>war<\/em>.<\/p>\n<p>\u201eJa, wir glauben, aber Zweifel klebt wie eine Echse an unserem Glauben\u201c hei\u00dft es in einem Lied von Grundtvig, \u201eder Tod spielt uns auf unseren Lippen, wo wir unter schatten wohnen\u201c. Ein anschauliches Bild \u2013 der Tod, der auf den Lippen spielt, also uns zum Narren h\u00e4lt, der sagt: \u201eHa-ha, was habe ich gesagt?\u201c Das ist eine treffende Beschreibung, wie die Erfahrungen von Niederlage und Verlust von uns erlebt werden. Man macht sich l\u00e4cherlich, ist zu gutgl\u00e4ubig, zu dumm.<\/p>\n<p>Und man fragt sich, ob die Furcht, zu gutgl\u00e4ubig zu sein, nicht auch den k\u00f6niglichen Beamten \u00fcberfiel, als er umkehrte und sich aus dem Kana der Freude <em>hinab<\/em> in das Kapernaum der Unsicherheit und der Schwachheit begab. \u201eGeh hin, dein Sohn lebt\u201c, sagte Jesus. Und der Vater glaubte dem Wort Jesu und ging hin. Aber das ist ein langer Weg von Kana nach Kapernaum. Auf der Landkarte 30 km. Und das ist ein schrecklich langer Weg in uns von Kana nach Kapernaum. Ganz gleich ob man sich durch die physische oder seelische Landschaft bewegt, da ist reichlich Zeit und Grund, in Zweifel zu geraten, ob die Worte: \u201eGeh hin, dein Sohn lebt\u201c, nun auch glaubw\u00fcrdig genug sind, dass man mit ihnen seinen Weg gehen kann.<\/p>\n<p>Und deshalb sind da im Evangelium einige ganz entscheidende, wichtige sonstige Personen, die man nicht \u00fcbersehen darf. Denn die sind es, mit, denen wir andere uns identifizieren d\u00fcrfen und die uns entgegenkommen, wenn wir es sind, die zweifeln. Das sind die Knechte. Die Knechte des Beamten. Sie kommen von da unten, wo der kranke Sohn lag. Sie kommen selbst aus Kapernaum. Aber sie kommen von dort mit dem Wort des Lebens und nicht mit den h\u00f6hnischen und hoffnungslosen Worten des Todes. Sie kommen dem Vater entgegen mit einer kurzen und klaren Predigt: Sie erz\u00e4hlen, dass sein Sohn lebt.<\/p>\n<p>Es sind die Knechte des Beamten, aber sie werden auch zu Knechten Gottes. Denn sie sind ausgesandt, um seine Osterbotschaft zu widerholen. Sie tun das, was seitdem auch unsere Aufgabe gewesen ist: Zeugnis abzulegen und auf die Wirklichkeit Gottes zu verweisen f\u00fcr die, die zweifeln. Dem h\u00f6hnischen Spiel des Todes auf den Lippen zu widerstehen, nicht nur weil wir es besser wissen, sondern weil wir das Beste glauben: Zwar geht es bergab auf unserem Weg, aber es ist auch der Weg nach Hause. Zum Leben. Amen.<\/p>\n<p>Pr\u00f6pstin Margrethe Dahlerup Koch<\/p>\n<p>Fjord Alle 13<\/p>\n<p>DK-6950 Ringk\u00f8bing<\/p>\n<p>E-mail: mdk(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zeichen ist der Grund des Glaubens | 21. 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