{"id":6118,"date":"2021-11-01T10:45:00","date_gmt":"2021-11-01T09:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6118"},"modified":"2021-11-09T15:38:23","modified_gmt":"2021-11-09T14:38:23","slug":"predigt-zu-matthaeus-51-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-51-22\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,1.22"},"content":{"rendered":"<h3>Gibt es einen Trost f\u00fcr jedes Leid? | 23. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Matth\u00e4us 5,1.22 (Allerheiligen in D\u00e4nemark) | verfasst von Jens Torkild Bak |<\/h3>\n<p>Neben mir liegt ein alter Ausschnitt aus einer Zeitung. Er stammt als einer kleinen Meditation \u00fcber den Monat November von dem Literaturkritiker Lars Handsten: \u201eNicht viel Gutes kann man \u00fcber den November sagen\u201c, schreibt er, und er f\u00e4hrt fort: <em>Soll man d\u00e4nischen Dichtern folgen, so besteht kein Grund, sich mit dem November zu besch\u00e4ftigen. Und die wenigsten haben das getan. Das ist ein Monat, von dem es viel zu viel gibt und der sich am besten daf\u00fcr eignet, \u00fcbergangen zu werden, so dass die Tage wieder beginnen k\u00f6nnen. <\/em>Wonach er ein Gedicht des Dichters Thorkild Bj\u00f8rnvig zitiert, ein Gedicht, das man auch im Liederbuch der Volkshochschulen findet. Es besteht nur in einer einzigen Strophe, die mit diesen Worten beginnt: <em>Dunkel ist der November, der Fall des Laubs ist zu Ende, das Wasser beginnt zu frieren, das Licht der Sonne und die Blumen zerbrochen, da muss unser Herz wohl leuchten \u2026<\/em><\/p>\n<p>Also da muss sich unser Herz auf die Seite des Lichts stellen als ein Aufstand gegen die zunehmende Finsternis, die es umgibt. So wie sich die Seligpreisungen im heutigen Text auf die Seite der Hoffnung stellen.<\/p>\n<p>In der Kirche beginnt der November mit dem Tag Allerheiligen, dem Sonntag, an dem wir derer gedenken, von denen wir in der Gemeinde und in der Kirche im vergangenen Jahr Abschied genommen haben. Der Herbst der Natur und des Lebens fallen zusammen. Jedes Jahr denke ich, dass dies ein Tag ist, den man nur schwer auf eine bestimmte Formel bringen kann. Obwohl wir alle Teil derselben Wirklichkeit sind und teilhaben an den zugleich wunderbaren und unsicheren Lebensbedingungen, so sind die Gef\u00fchle, die sich mit dem Sonntag Allerheiligen verbinden und diesen Tag f\u00fcr uns pr\u00e4gen, genauso verschieden wie die pers\u00f6nlichen Lebensgeschichten, mit denen wir an diesem Tag in die Kirche kommen. Da sind die klaren Erinnerungen, die in erster Linie so viel Gutes und Lebensbejahendes haben, an das man zur\u00fcckdenkt und f\u00fcr das man vor allem auch dankt, bis hin zu dem Schmerz, der keine Worte finden kann.<\/p>\n<p>Trauer und Verlust k\u00f6nnen mitten zwischen Tr\u00e4nen eine wahre Erl\u00f6sung sein aus Freude und Lust am Erz\u00e4hlen. Eine Freude am Erz\u00e4hlen, wo sich das ganze Dasein entfaltet und durchleuchtet wird ausgehend von den Erinnerungen an den Toten. Erinnerungen, die auch eine pers\u00f6nliche Rechenschaft bedeuten, ein Bewusstmachen von etwas, das Sinn machte. Man hatte das Gl\u00fcck daran teilzuhaben, und vielleicht in noch h\u00f6herem Ma\u00dfe musste man sich daran orientieren, wo man nun selbst eine L\u00fccke ausf\u00fcllen und die Verantwortung f\u00fcr das \u00fcbernehmen musste, das noch immer von Bedeutung war.<\/p>\n<p>In einer Kultur und einem Zeitalter wir dem unsrigen, das als ein festes Element in seinem Selbstbewusstsein die Klage \u00fcber die Fl\u00fcchtigkeit und den Mangel an Zeit und Ruhe zur Vertiefung mit sich tr\u00e4gt, ist es \u2013 so scheint es \u2013 in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, pers\u00f6nliche Erinnerungsspuren zu finden und festzuhalten. Erinnern hei\u00dft n\u00e4mlich nicht nur in der Zeit zur\u00fcckzugehen, sondern in genauso so hohem Ma\u00dfe einen Weg zu finden, oder sogar zu versuchen, sich selbst neu zu erfinden, wie man dies nach einem gro\u00dfen Verlust tun muss. Erinnern hei\u00dft eine Struktur finden in dem, was man ist. Ohne Erinnerung w\u00e4ren wir orientierungslos im Leben, ohne Gewicht. Man denke nur, was w\u00e4re, wenn man niemanden oder nichts h\u00e4tte, woran man sich erinnert. Uns w\u00fcrde ganz schwarz. Deshalb sind Erinnerungen, ganz abgesehen von der wehm\u00fctigen Begleitung der Trauer, grundlegend verbunden mit Dankbarkeit und Licht.<\/p>\n<p>Dankbare Erinnerungen l\u00f6sen die Zunge und erleichtern das Reden. Aber die Wirklichkeit ist uns nicht immer gewogen. Sie entfaltet alle m\u00f6glichen Schicksale, auch das Unertr\u00e4gliche kann ein Los sein im Leben. Was tut man in den F\u00e4llen, wo die Wunden nicht heilen wollen und wo der Schmerzen einen mehr verstummen l\u00e4sst als reden? <em>Selig sind die Armen <\/em>\u2026 <em>denn das Himmelreich geh\u00f6rt ihnen. Selig sind, die das Leidtragen, denn sie sollen getr\u00f6stet werden, <\/em>lesen wir beim Evangelisten Matth\u00e4us in den sogenannten \u201eSeligpreisungen\u201c. Aber stimmt das?<\/p>\n<p>Hier soll man mit einer Antwort mehr als vorsichtig sein. Es kann eine schlimme Neigung sein, schnell Zucker \u00fcber die Dinge zu streuen, sobald man merkt, dass man selbst nicht in dem Schmerz sein kann, in dem sich der andere Mensch \u2013 der Freund, der Kollege, der Nachbar \u2013 befindet. Man rettet sich in einige gl\u00e4ttende Bemerkungen, dass die Zeit alle Wunden heilt, und andere Gleichg\u00fcltigkeiten. Und ist es nicht auch etwas Unverpflichtendes in dieser Richtung, das in der Pointe der sch\u00f6nen Worte der Seligpreisungen liegt: <em>Selig sind die, die trauern, denn sie sollen getr\u00f6stet werden<\/em>?<\/p>\n<p>Nein, ich glaube nicht, dass dies die Pointe der Seligpreisung en ist. Ich glaube, die Seligpreisungen wenden sich an Menschen in Situationen, die so weit, wie das Auge reicht, ohne mildernde Umst\u00e4nde sind. Situationen, vor denen man am liebsten die Augen schlie\u00dft. Die Botschaft ist deshalb auch nicht die, dass das alles schon wieder gut werden wird, sondern dass Gott selbst dort die Hoffnung und das Licht und die Auferstehung ist, wie niemand anderes das sein kann, so wie Gott auf Golgatha dort ist, wo alles schwarze Nacht ist.<\/p>\n<p>Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa erz\u00e4hlt einmal, dass er in einer, wie er es ausdr\u00fcckt, \u201ewirklich unchristlichen Familie\u201c aufwuchs, aber etwas von dem, was ihn als eine paradoxale Glaubenserfahrung beeindruckt, ist dies, dass dort, wo der Grund unter dem Dasein schwankt, wo die Worte nicht mehr wirken, weil es nichts Vern\u00fcnftiges mehr zu sagen gibt, da kann einem eine tiefere Form von Wirklichkeit begegnen. Eine Wirklichkeit, in der man mit seinem ganzen Verlust sein kann. <em>Besonders das Christentum gibt uns ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, dass auf dem Grunde unserer Existenz nicht ein stummes oder feindliches Universum ist, sondern einer, der uns h\u00f6rt und zu uns spricht. <\/em>So sagt er Die Seligpreisung en reden von dieser tieferen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Der Verlust des Geliebten kann einen Strom von Erz\u00e4hlungen von all dem ausl\u00f6sen, was dem Leben einen Sinn gab. Zugleich erz\u00e4hlt die Erfahrung, dass Worte nicht alles sagen k\u00f6nnen. F\u00fcr Worte gilt wie f\u00fcr alles andere in dieser Welt eine Begrenzung. Wenn die Worte all das sagen k\u00f6nnten, was wir f\u00fchlen und was wir einander mitteilen m\u00f6chten, was sollten wir dann mit K\u00fcssen und Umarmungen, Blumen, Kunst, Musik, Geschenken, Altar und Ritualen \u2013 mit all dem, was darin an Botschaften und Bedeutungen liegt? Oder was sollten wir mit einem Grabe, wenn wir es besuchen und an ihm verweilen? Wenn Worte allein alles sagen k\u00f6nnten, w\u00fcrde niemand auf die Idee kommen, eine T\u00fcr zuzuknallen.<\/p>\n<p>Es gibt eine Sprache f\u00fcr jedes Leid. Aber das ist nicht notwendigerweise eine Sprache, die das Wort in ihrer Macht hat. Schweigen kann mehr sagen als viele Worte. Man kann bekanntlich nicht nur stumm sein vor Verwunderung, sondern auch gel\u00e4hmt vom Leid. In unserer Generation haben wir gelernt, wie wichtig es ist, die Dinge in Worte zu fassen. Dass das wichtig ist, l\u00e4sst sich auch kaum leugnen. Aber nicht alles Leid l\u00e4sst sich in Worte fassen. Da wird der Schmerz zu einer Frage, die nur Gott beantworten kann.<\/p>\n<p>Man soll vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Worte \u00f6ffnen f\u00fcr uns eine Welt. Worte k\u00f6nnen erl\u00f6send sein, so wie wenn man lange hat warten m\u00fcssen, bestimmte Worte zu h\u00f6ren. Aber Worte k\u00f6nnen auch betr\u00fcgen, wenn sie in ihrem angeborenen Talent f\u00fcr Erkl\u00e4rungen und Begr\u00fcndungen immer weiter weg von der Wirklichkeit f\u00fchren, die sich nicht in Worte fassen und erkl\u00e4ren l\u00e4sst. In solch ene Situationen kann man sich in seinem Leid besser aufgehoben und erkannt f\u00fchlen in Gesellschaft mit der Natur, mit dem Wald und am Meer, oder auf der Kirchenbank und am Grab des Geliebten, wo es nicht darum geht zu erkl\u00e4ren oder gar weg zu erkl\u00e4ren, sondern darum, zu sich selbst zu kommen in der Wirklichkeit, die war und vor allem wurde. Im Vertrauen darauf, dass Gott auch da ist, wo Worte nicht hinkommen.<\/p>\n<p>\u201eNicht viel Gutes kann man \u00fcber den November sagen\u201c, schrieb Lars Handsten, nein, das ist richtig, aber die Seligpreisungen fanden dann doch das Evangelium, und auch Thorkild Bj\u00f8rnvig schloss \u00fcberraschend sein im \u00dcbrigen ganz weltliches Gedicht damit, dass er diesen Monat in eine Tonart des Evangeliums verwandelte:<\/p>\n<p><em>Ob da auch t\u00f6dlicher Bl\u00fctenstaub weht, will ich doch lieben \u2013 und einen Baum pflanzen; Fr\u00fcchte k\u00f6nnen ungeahnt kommen.<\/em><\/p>\n<p>Einen sch\u00f6nen Allerheiligen Sonntag!<\/p>\n<p>Dompropst Jens Torkild Bak<\/p>\n<p>DK-6760 Ribe<\/p>\n<p>Email: jtb(at)km.dk<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es einen Trost f\u00fcr jedes Leid? | 23. 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