{"id":6144,"date":"2021-11-09T07:55:41","date_gmt":"2021-11-09T06:55:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6144"},"modified":"2021-11-09T15:58:18","modified_gmt":"2021-11-09T14:58:18","slug":"matthaeus-918-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-918-26\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,18-26"},"content":{"rendered":"<h3>Das Leben im Worte Jesu | Vorl. Sonntag des Kirchenjahres | Matth\u00e4us 9,18-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Laura Lundager Jensen |<\/h3>\n<p>Wenn man in unsre Kirche in Osted in D\u00e4nemark geht \u2013 geht man \u00fcber einen Grabstein aus dem Jahre 1621.<\/p>\n<p>Er wurde als Grabstein f\u00fcr die 21-j\u00e4hrige Stine Olsdatter dort angebracht. Und am Ende der Inschrift auf diesem Grabstein steht: \u201eDas M\u00e4dchen ist nicht tot \u2013 sie schl\u00e4ft\u201c.<\/p>\n<p>Wie man h\u00f6ren kann, ein Zitat aus dem Evangelium dieses Sonntags.<\/p>\n<p>Aber der Stein in der Kirche erz\u00e4hlt ja eine andere Geschichte \u2013 hier kam kein Jesus vorbei und legte seine Hand auf sie, so dass die die Augen aufschlug von ihrem Schlaf. Hier haben sie bei ihr gesessen \u2013 man muss vermuten wie alle Eltern, die so einen Verlust erlebt haben. In Trauer und Schmerz haben sie geweint und daf\u00fcr gebetet, dass der Tod nicht eine geliebte Tochter von ihnen nimmt. Dass der Tod nicht das Leben in ihren Augen ausgel\u00f6scht hat. Dass das Leben noch da sein durfte.<\/p>\n<p>Wie alle, die das Evangelium heute geh\u00f6rt haben, hat man gedacht: M\u00f6ge der liebe Gott sich auch unserer Trauer annehmen und den Tod ins Leben wenden! Und wie andere haben sie erlebt, dass das Gebet nicht erh\u00f6rt wurde. Dass der Tod ein f\u00fcr alle Mal unabwendbar war. Hatten geh\u00f6rt, dass das Evangelium mit seiner buchst\u00e4blichen Bedeutung zwar geh\u00f6rt wird, aber nicht ganz konkret in dem Leben erlebt wird, in das wir gestellt sind und aus dem wir existieren.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr die wunderbare Macht Jesu ist das eine feine Geschichte, aber als eine Geschichte, die in unserem Leben Sinn machen soll, ist sie schwer zu verstehen.<\/p>\n<p>Und dann machte sie trotzdem Sinn in Osted im 17. Jahrhundert \u2013 wie wir es auf dem Grabstein lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und das macht sie auch f\u00fcr uns heute.<\/p>\n<p>Weil sie an einer Hoffnung festh\u00e4lt. Die Auferstehungshoffnung, auf dem das ganze Christentum beruht. Die Hoffnung darauf, dass das Leben zwar zum Tod f\u00fchrt, aber zu einem Tod, der sich wie ein Schlaf zu einem neuen Leben \u00f6ffnet, Eine Hoffnung, dass eine Lebensgemeinschaft nicht endet, weil der Tod eintrifft, sondern fortf\u00e4hrt und sich im Laufe der Zeit vollendet. Und auch deshalb geht das Leben weiter, in dem wir stehen.<\/p>\n<p>Dass das Evangelium so gelesen werden soll, daf\u00fcr gibt es einen Hinweis in der kleinen Geschichte, die kurz vor dem mirakul\u00f6sen Erwachen des M\u00e4dchens erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Denn mitten in der Geschichte vom Tod der Tochter des Synagogenvorstehers h\u00f6ren wir eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Das ist die Geschichte von einer Frau, die zw\u00f6lf Jahre lang, also unendlich lange, an Blutungen gelitten hat. Das ist nicht nur eine gef\u00e4hrliche Krankheit f\u00fcr sie. Das ist eine katastrophale Lage, die bewirkt hat, dass sie als Frau zw\u00f6lf Jahre lang unrein war \u2013 denn in der j\u00fcdischen Tradition, wie in vielen anderen Religionen, ist man unrein, wenn man seine Blutung hat. Man darf sich nicht in der Synagoge zeigen, man darf nicht bei seiner Familie sein oder in der Stadt sein. Man muss sich im Verborgenen aufhalten, sich weit weghalten.<\/p>\n<p>Zw\u00f6lf Jahre ist sie also kein Teil der Gemeinschaft gewesen.<\/p>\n<p>Aber sie hat sich zwar ferngehalten, aber weg ist sie nicht. Und als sie Jesus sieht, sieht sie ihren Heiler, ihren Erl\u00f6ser \u2013 \u201ewenn ich nur sein Gewand ber\u00fchre, so werde ich gesund\u201c, denkt sie.<\/p>\n<p>Deshalb begibt sie sich in die Menge, dr\u00e4ngelt sich durch die Scharen, begibt sich in die Gemeinschaft, und Jesus merkt, dass sie ihn anr\u00fchrt. \u201eWer hat mich anger\u00fchrt\u201c, fragt er, und die Leute um ihn herum m\u00fcssen gelacht haben. \u201eHerr, alle k\u00f6nnen dich ber\u00fchrt haben, wir sind so dicht gedr\u00e4ngt, dass wir einander schubsen. Viele haben dich ber\u00fchrt\u201c.<\/p>\n<p>\u201eJa, aber da war jemand, der mich anr\u00fchrte\u201c \u2013 und die Frau meldete sich.\u00a0 \u201eJa, ich habe dich anger\u00fchrt\u201c. Und die Schar um sie herum war erschrocken. Sie hat Jesus anger\u00fchrt. Sie hat den Herrn selbst unrein gemacht.<\/p>\n<p>Aber Jesus sagt: \u201eDein Glaube hat dir geholfen. Sei getrost.\u201c<\/p>\n<p>Diese Frau war von allem ausgeschlossen \u2013 tot f\u00fcr alle. Sie wurde von Jesus wieder einbezogen \u2013 sie, die bekannt war als unrein und unerw\u00fcnscht, wurde als rein betrachtet, gelobt und gesegnet, um getrost ins Leben zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Bevor wir also davon h\u00f6ren, dass das tote M\u00e4dchen wieder zum Leben erwacht, h\u00f6ren wir von der Verwandlung der Frau aus einer Ausgeschlossenheit aus der Gemeinschaft als jemand der f\u00fcr die Gemeinschaft tot ist, zu jemanden, der wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wird.<\/p>\n<p>Dazugeh\u00f6ren und nicht ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Dieses Erlebnis bringen die J\u00fcnger mit, als sie in das Haus des Synagogenvorstehers kommen. Das Erlebnis eines Wunders, das sich zwar nicht mit einer Totenerweckung messen kann \u2013 sich aber sehr wohl damit vergleichen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aber eigentlich geh\u00f6rt noch eine Erz\u00e4hlung dazu.<\/p>\n<p>Denn wie viele andere Evangelien beginnt der Text recht abrupt.<\/p>\n<p>\u201e &#8211; als Jesus dies mit ihnen redete\u201c, beginnt es.\u00a0 Vor dem Evangelium findet sich schon ein Gespr\u00e4ch \u2013 wo Jesus davon gesprochen hat, wie wichtig es ist, dass neuer Wein in neue Schl\u00e4uche gef\u00fcllt werden soll, damit der Reifeprozess des Weins die alten Schl\u00e4uche nicht sprengt und zerst\u00f6rt und der Wein ungenutzt versch\u00fcttet wird.<\/p>\n<p>Das heutige Evangelium ist also in einen Zusammenhang gestellt, der im \u00fcbertragenen Sinne davon handelt, dass diejenigen, die auf die Worte Jesu h\u00f6ren, das nicht nur f\u00fcr sich aufnehmen sollen und in das Leben einordnen sollen, wie es nun einmal passt. Die Worte Jesu verwandeln alles und machen alles neu. Mirakul\u00f6s verwandeln sie alles. Wenn man also noch immer an die alten Regeln von rein und unrein glaubt. So wie wenn man noch immer an die j\u00fcdischen Regeln vom Sabbat und von der Beschneidung und von den Tischgemeinschaften glaubt. So wie wenn man nicht versteht, dass der Glaube an Jesus Glaube an das ewige Leben trotz des Todes ist. Dann hat man nichts verstanden.\u00a0 Dann verlaufen die Worte wie der Wein im Sande.<\/p>\n<p>So gesehen handelt das Evangelium in einer gewissen Weise davon, dass man wie die Frau mit den Blutungen Wagemut zeigt \u2013 es wagt, getrost zu sein im Glauben, es wagt, an die lebensver\u00e4ndernde Kraft in den Worten Jesu zu glauben. Es wagt, die Grenze dessen zu \u00fcberschreiten, worauf man vertrauen kann, dass Gott den will, der voll und ganz zu ihm kommt.<\/p>\n<p>Ja und Dank sagen zum Leben in den Worten Jesu \u2013 und das voll und ganz ausleben. Und es leben im Glauben daran, dass da trotz Einsamkeit, trotz der Gefahr, ausgeschlossen zu werden, trotz der vielen Ausfl\u00fcchte und Vorbehalte der Vernunft auch f\u00fcr uns Platz ist in der Gemeinschaft. Und auch wenn das Leben sich gegen uns wendet. Wenn wir erleben, dass der, den wir lieben, nicht mehr da ist. Wenn wir erleben, dass der Fels, den wir f\u00fcr einen festen Grund unter uns hielten, pl\u00f6tzlich verschwindet.<\/p>\n<p>Wie dies 1671 geschah \u2013 wie es heute geschieht.<\/p>\n<p>Es zu wagen, die Hoffnung anzunehmen, dass Jesus gibt, was wir erbitten, wie er dem Synagogenvorsteher seine Tochter zur\u00fcckgab und wie er der Frau wieder einen Platz im Leben und der Gemeinschaft gab. In der ihm eigenen Weise, so dass sich das Leben f\u00fcr uns \u00f6ffnet, auch wenn es am finstersten aussieht.<\/p>\n<p>Denn das ist die Hoffnung, auf dem das Leben beruht. Eine Hoffnung so stark, dass wir wieder in die Gemeinschaft einbezogen werden. Und auch wenn der Tod in diese Gemeinschaft eingebrochen ist, ist die Hoffnung dennoch lebendig. Die Hoffnung darauf, dass der Tod nicht das Letzte ist, sondern dass wir ihn sehen m\u00fcssen als einen Schlaf, aus dem wir einmal aufwachen \u2013 so wie wir jeden Morgen aufwachen zu neuen M\u00f6glichkeiten und neuen Freuden.<\/p>\n<p>In der Hoffnung erhalten wir das Leben wieder. Eine Hoffnung, die man nicht in alten gebrauchten Weinschl\u00e4uchen einschlie\u00dfen kann, sondern die eine ganz neue Sicht von Sinn und Wahrheit erfordert. Eine Hoffnung, die eine Br\u00fccke zwischen Leben und Tod baut.<\/p>\n<p>Heute wird das Band des Wortes auf uns gelegt, wenn dies gesagt wird: Steh auf und gehe getrost ins Leben. Das darfst du gerne. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastorin Laura Lundager Jensen<br \/>\nLangetoften 1, Osted<br \/>\nDK-4320 Lejre<br \/>\nE-mail: luje(at)kp.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben im Worte Jesu | Vorl. 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