{"id":6160,"date":"2021-11-09T13:50:14","date_gmt":"2021-11-09T12:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6160"},"modified":"2021-11-09T16:56:09","modified_gmt":"2021-11-09T15:56:09","slug":"st-martin-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/st-martin-in-afghanistan\/","title":{"rendered":"St. Martin in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<h3>\u201aSt. Martin in Afghanistan\u2018 | Ansprache mit Matth. 25, 36.40 zur Friedensdekade (Volkstrauertag \/ Vorl. Sonntag im Kirchenjahr) 14. November 2021 | von \u00a0Jochen Riepe |<\/h3>\n<p>I<\/p>\n<p>Jenni Bruns war in Afghanistan. Als Soldatin. 2010. Als sie im letzten Sommer die Bilder sah, wie die Taliban ohne nennenswerten Widerstand in Kabul einmarschierten, fiel sie in ein tiefes Loch. Die internationale Milit\u00e4rmission war endg\u00fcltig gescheitert. \u201aWof\u00fcr das alles?\u2018 fragt sie. \u201aIch habe meine Gesundheit f\u00fcr diesen Einsatz geopfert\u2018*.<\/p>\n<p>\u201a<em>Was ihr einem von diesen meinen geringsten Br\u00fcdern getan habt, das habt ihr mir<\/em> <em>getan<\/em>\u2018, lesen wir im Evangelium. Volkstrauertag.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Neulich war es wieder so weit. Der heilige Martin von Tours unterwegs. An vielen Orten wurden Andachten gefeiert und anschlie\u00dfend zogen Kinder und Erwachsene hinter dem Schimmel her, bewunderten Martins R\u00fcstung, seinen Helm, das Schwert. Das Schwert! Wenn man so will: Seine zum Guten verwandelte, seine befriedete Waffe.<\/p>\n<p>Die Legende erz\u00e4hlt ja von diesem Augenblick. Martin, der Soldat, sieht das Elend und teilt mit einem Hieb seinen Mantel und bedeckt einen nackten Bettler. Er, der K\u00e4mpfer in kaiserlicher Armee, wird zum spontanen Ritter Christi: \u201a<em>Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet<\/em>\u2018. Martinus, der Sohn des Mars, der Starke, ein Soldat Jesu. \u00a0Auch in der sog. nachchristlichen Gesellschaft ist diese Geschichte einer Konversion zum Christentum ungebrochen popul\u00e4r. Die gutbesuchten Martinsumz\u00fcge mit den vielen Laternen belegen es.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Mich hat gerade in diesen dunklen, stillen Tagen, da wir auf die Friedh\u00f6fe gehen und mit fl\u00fcchtigem Blick auch die Ehrenmale der Kriegsopfer passieren, dies besch\u00e4ftigt: Die Soldatinnen und Soldaten, die zwanzig Jahre im Kriegsgebiet waren. Wie Jenni Bruns.\u00a0 59 von ihnen sind \u201agefallen\u2018, viele kamen\u00a0 k\u00f6rperlich oder seelisch verletzt zur\u00fcck. Freunde und Familien fangen die Invaliden auf, so gut es geht. Sie k\u00f6nnen aber auch an den Problemen zerbrechen.<\/p>\n<p>Ich vermute: Als Kinder werden so manche der Afghanistan-Veteranen in einem Martinsspiel dabei gewesen sein, Lieder gesungen und gespannt den Moment der Begegnung mit dem Bettler erwartet haben. Was hat sie sp\u00e4ter bewegt, als sie sich f\u00fcr eine Laufbahn als \u201aB\u00fcrger in Uniform\u2018 entschieden? Karriere, Berufsausbildung, Geld, Abenteuer\u2026 Viele w\u00fcrden sagen: Ich wollte etwas Starkes und Wichtiges, etwas Gutes tun f\u00fcr die Sicherheit unseres Landes gegen den Terror. \u00a0Sie wollten soz. den \u201aMartins- Mantel westlicher Errungenschaften\u2018 mit den Menschen im fernen Afghanistan teilen.\u00a0 Die Politik sprach ja von \u201ahumanit\u00e4ren Eins\u00e4tzen\u2018, einer Friedensmission zum Aufbau der Demokratie, von Stra\u00dfen-, Brunnen- und vom Bau von Schulen: \u201aAlles gut in Afghanistan\u2018.<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Der Hl. Martin. Sein Schwert teilt den Mantel, und der w\u00e4rmt nun den armen Mann. Humanit\u00e4re Mission. In den medialen Berichten wurde der deutsche Einsatz ja weitgehend als eher zivile Unterst\u00fctzung f\u00fcr den \u201agro\u00dfen Bruder\u2018 USA verstanden- oder mi\u00dfverstanden? Wir B\u00fcrger nahmen es &#8211; in der Regel mit \u201afl\u00fcchtigem Blick\u2018- hin. Die Welt der Milit\u00e4rs, das System von Befehl und Gehorsam, ist uns \u201aFriedensbewegten\u2018 fern, und das Parlament erneuerte ja regelm\u00e4\u00dfig den Auftrag. Und dann kam eines Tages der Schock. Deutschland war im Krieg, Tote, Verletzte\u2026 nicht nur die Amerikaner, die anderen, wir hatten Teil an der Gewalt, waren Opfer und T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Was ist, wenn der Hl. Martin unter die R\u00e4uber und zu Boden f\u00e4llt? Wenn er in einen Hinterhalt gelockt wird, sich wehren und selbst t\u00f6ten mu\u00df? Wenn er auf Widerstand und Unverst\u00e4ndnis, auf eine Kultur und eine Religion st\u00f6\u00dft, die er nicht kennt und versteht? Wenn ihm eine verwirrende Stammesvielfalt, Opium-, Drogenhandel und Korruption begegnet, und er auf Menschen trifft, die seine \u201aGaben\u2018 und Werte wohl nutzen und ausnutzen, aber in der Mehrzahl nicht bejahen? Schlie\u00dflich aber, wenn daheim die kritischen Nachfragen und Urteile immer dringlicher werden?<\/p>\n<p>\u201aNichts ist gut in Afghanistan\u2018, sagte damals eine Bisch\u00f6fin.<\/p>\n<p>V<\/p>\n<p>Volkstrauertag. Jenni Bruns -und mit ihr viele andere- fielen in ein tiefes Loch, als bekannt wurde, da\u00df die USA und ihre Verb\u00fcndeten aus dem Land abziehen w\u00fcrden \u2013 und was f\u00fcr ein f\u00fcr uns Zuschauer verst\u00f6render, kopfloser Abzug war es! \u201aWof\u00fcr das alles? F\u00fcr wen sind sie gestorben?\u2018 \u00a0Die Alten unter uns denken bei diesen Worten vielleicht an die Opfer der Weltkriege, an den Vater, der nicht zur\u00fcckkam, den Mann, den Bruder\u2026<\/p>\n<p>Zu der pers\u00f6nlichen Niederlage kommt darum noch die Erfahrung milit\u00e4risch- politischer Sinnlosigkeit: Was wollte der Westen eigentlich? F\u00fcr welche genauen Ziele wurden Menschen zwanzig Jahre lang in den Krieg geschickt und haben wie Jenni ihre Gesundheit geopfert? \u201aBerufsrisiko\u2018, sagen die einen: \u201aIhr habt euch so entschieden\u2018. Sie wollten stark sein, Aufbau, Befriedung, und nun waren die Stra\u00dfen, die Brunnen, die Schulen, nicht zuletzt die Frauen und M\u00e4dchen in der Hand des Feindes.<\/p>\n<p>Menschen trauern um ihre N\u00e4chsten. Wir trauern aber auch um entt\u00e4uschte Hoffnungen, verlorene politische Ideale, Rechtfertigungen: Gewalt darf nicht sein, und wenn, dann nur, um Schlimmeres zu verhindern. Was ist, wenn diese Gewi\u00dfheit f\u00e4llt? Die so sch\u00f6ne Legende vom Soldaten, der vom Sohn des Mars zum christlichen Bischof wurde, der das Schwert zum Guten einsetzt, dreht sich gleichsam um: Z\u00e4hlt \u201aSt. Martin in Afghanistan\u2018, sein verwundeter Leib, seine verletzte, von Bildern der Gewalt und eigener Schuld gequ\u00e4lte Seele, nun nicht selbst zu den \u201a<em>Geringsten<\/em>\u2018 der J\u00fcnger Jesu**? Ist er, der Starke, nun angewiesen auf Beistand, Aufarbeitung, Vergebung und W\u00e4rme? In ein tiefes Loch gefallen: \u00a0\u201a<em>Ich war nackt und ihr habt mich bekleidet<\/em>\u2018.<\/p>\n<p>VI<\/p>\n<p>Gott sei Dank: Pers\u00f6nliche und famili\u00e4re Hilfe ist da. Medizinische und seelsorgerliche, psychotherapeutische Beratung geschieht und wird weiterhin erforderlich sein. Dazu aber kommt etwas anderes, und das ist anscheinend heikel: Die offizielle W\u00fcrdigung der Soldaten und die politische \u00a0Aufarbeitung ihres gescheiterten Einsatzes, die Verantwortungs\u00fcbernahme f\u00fcr\u00a0 \u201aFehleinsch\u00e4tzungen und Irrt\u00fcmer\u2018 (H. A. Winkler). Der Martinsmantel westlicher Errungenschaften pa\u00dft ja nicht \u00fcberall. W\u00e4re nicht mehr Bescheidenheit, eine \u201aWiederbegrenzung\u2018 (H. Theisen) europ\u00e4ischer Politik ratsam? ***<\/p>\n<p>Wie besch\u00e4mend war es, da\u00df im Juli, als die letzten Soldatinnen und Soldaten auf dem Flughafen in Wunstorf landeten, nicht einer unserer h\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten zum Empfang kam. Kein Pr\u00e4sident, kein Bundestagspr\u00e4sident, keine Kanzlerin fand die Zeit, die R\u00fcckkehrer:innen zu begr\u00fc\u00dfen. Sch\u00e4mte man sich? Wollte man ihnen nicht in die Augen sehen? Die ehrenden Rituale wie der \u201aGro\u00dfe Zapfenstreich\u2018 sind inzwischen absolviert. Ob die Politiker aber den Mut aufbringen, \u201aDas Trauerspiel von Afghanistan\u2018 (Theodor Fontane) aufzuarbeiten und Betroffene wie Jenni Bruns dabei einzubeziehen?<\/p>\n<p>Zwischen \u201aAlles\u2026\u2018 und \u201aNichts ist gut\u2018 liegt ja vielleicht ein \u201aetwas haben wir besser gemacht\u2018, und davon sollte sie erz\u00e4hlen d\u00fcrfen. Der Friede ihrer Seele und der ihrer Kollegen, aber auch der \u201ainnere Friede\u2018 unseres Landes braucht das Wort und die Aussprache.<\/p>\n<p>VII<\/p>\n<p>Und wir B\u00fcrger? Wir Zivilisten? Auch diese unbequeme Einsicht mu\u00df ich zulassen: Es gibt Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, die f\u00fcr die Wehrhaftigkeit unseres Landes mit Leib und Seele einstehen. Die soz. das Schwert des Hl. Martin f\u00fchren. Die von uns gew\u00e4hlten Parlamentarier haben sie beauftragt, es in der Not auch einzusetzen.<\/p>\n<p>Diese Frauen und M\u00e4nner verdienen mehr als einen fl\u00fcchtigen Blick. \u201a<em>Was ihr einem der geringsten meiner Br\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan\u2018.<\/em><\/p>\n<p><em>_______________________________________<\/em><\/p>\n<p>*Von der Afghanistan-Veteranin Jenni Bruns las ich in einem Bericht der \u201aDeutschen Welle\u2018: <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/die-ohnmacht-der-afghanistan-veteranen\/a-59002751\">https:\/\/www.dw.com\/de\/die-ohnmacht-der-afghanistan-veteranen\/a-59002751<\/a><\/p>\n<p>**U. Luz, Das Matth\u00e4usevangelium, EKK I\/3, 1997, S.594,\u00a0 schl\u00e4gt vor, die \u201a<em>Geringsten<\/em>\u2018 ( im Text: \u201aJesu notleidende J\u00fcnger\u2018) in soz. universaler Perspektive zu verstehen.<\/p>\n<p>***zu H. Theisens Rat: \u00a0https:\/\/www.globkult.de\/politik\/welt\/2103-die-wiederbegrenzung-der-westlichen-welt<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfr. i. R. J. Riepe, Dortmund\u00a0\u00a0\u00a0 email: Jochen.Riepe@gmx.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201aSt. Martin in Afghanistan\u2018 | Ansprache mit Matth. 25, 36.40 zur Friedensdekade (Volkstrauertag \/ Vorl. Sonntag im Kirchenjahr) 14. November 2021 | von \u00a0Jochen Riepe | I Jenni Bruns war in Afghanistan. Als Soldatin. 2010. 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