{"id":6167,"date":"2021-11-11T16:28:23","date_gmt":"2021-11-11T15:28:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6167"},"modified":"2021-11-11T16:43:31","modified_gmt":"2021-11-11T15:43:31","slug":"matthaeus-712-20-offene-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-712-20-offene-grenzen\/","title":{"rendered":"Mt 7,12-20 | Offene Grenzen"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 7, 12-20 | Bu\u00df- und Bettag | 17. November 2021 | von Eberhard Busch |<\/h3>\n<p>Gegen Ende des 17. Jahrhunderts traf ein Schiff aus Europa auf der anderen Seite des Atlantik ein. Darin waren Christen, die in der alten Heimat um ihres Glaubens willen hart bedr\u00e4ngt waren. Sie hofften, in der Neuen Welt im Frieden leben zu k\u00f6nnen. Sie siedelten in der Gegend von Philadelphia, das hei\u00dft auf deutsch \u201eBruderliebe&#8220;, Geschwister-Liebe. Aber dann entdeckten sie mit Schrecken, dass diese so genannte Neue Welt so neu gar nicht war. Von solcher Geschwisterliebe war wenig zu finden unter denen, die vorher schon dort waren. Da setzten sich einige der Siedler zusammen und formulierten einen Aufruf an die Einwohner des Gebiets. Zuweilen k\u00f6nnen Neuank\u00f6mmlinge ja den Alteingesessenen etwas beibringen. Jener Aufruf begann genau mit dem Satz, der bei Matth\u00e4us in Kapitel 7 steht und den wir zu Anfang der Predigt geh\u00f6rt haben: \u201eAlles, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt ihr auch ihnen tun.\u201c Und dazu setzten sie Worte, die das Bibelwort gut erl\u00e4utern \u2013 die Worte: Dies tut, \u201e<em>ohne einen Unterschied zu machen hinsichtlich des Geschlechts, der Abstammung oder der Hautfarbe<\/em>!\u201c Gleichstellung von Mann und Frau, von hoher und niedriger Herkunft, von Wei\u00dfen und Dunkelh\u00e4utigen. Daran arbeiten wir heute noch.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen dabei erg\u00e4nzen: Dies tut, ohne Grenzz\u00e4une zu bauen, gar mit Stacheldraht oder mit einem eisernen Vorhang: du geh\u00f6rst zu uns und du nicht. Dies tut, ohne eine Trennungslinie zu ziehen zwischen Bekannten und Unbekannten, zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen Willkommenen und Unwillkommenen. \u201eAlles, was ihr wollt, dass es euch die Leute tun, das sollt ihr <em>ihnen<\/em> tun\u201c &#8211; ohne derlei Abgrenzungen zu machen. Wie ernst es Jesus nach diesen Worten meint, unterstreicht der Zusatz:\u00a0 \u201eDarin besteht das Gesetz und die Propheten&#8220;, das hei\u00dft: Was in der Heiligen Schrift geschrieben steht in ihren vielen Worten, das l\u00e4uft alles darauf hinaus. Daran bemisst sich, ob ihr verstanden habt, was Gott von euch erwartet.<\/p>\n<p>Im selben Matth\u00e4usevangelium kommt \u00fcbrigens die merkw\u00fcrdige Formulierung noch einmal vor: daran \u201eh\u00e4ngt das ganze Gesetz und die Propheten&#8220;. (Mt 22,36-40) Woran h\u00e4ngt denn alles und jedes, was Gott uns auftr\u00e4gt? So wird Jesus gefragt und er gibt jetzt eine andere Antwort als zuvor, aber eine, die zu der vorherigen Antwort passt. Was sollen wir denn in jedem Fall tun? Jesus sagt: \u201eDu sollst <em>Gott<\/em> lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele und von ganzem Gem\u00fct.\u201c Dies ist das wichtigste Gebot, das andere Gebot aber ist gleich wichtig: \u201eDu sollst deinen <em>N\u00e4chsten<\/em> lieben wie dich selbst.\u201c Du kannst Gott gar nicht lieben und sch\u00e4tzen und anbeten, ohne den Menschen neben dir wahrzunehmen und ernst zu nehmen und lieb zu haben, so sehr, wie du auch auf dich selbst achten solltest und nicht leichtfertig mit deiner Zeit und deinem Leben umgehen darfst. Und eben solche Sorgfalt ist im Umgang mit all unseren Mitmenschen unbedingt angezeigt. Wie der Reformator Johannes Calvin sagt: Es ist nicht genug, \u201edass wir uns von allem B\u00f6sen enthalten, sondern wir m\u00fcssen uns einsetzen f\u00fcr unsere N\u00e4chsten, so wie wir wollen, dass man es f\u00fcr uns tut&#8220;.<\/p>\n<p>Dass das gar nicht so selbstverst\u00e4ndlich ist, legt uns Jesus im Fortgang seiner Rede in Matth\u00e4us 7 nahe. Ja, er mahnt uns dringend, dass wir sein Gebot um Himmels willen nicht auf die leichte Schulter nehmen und auf die lange Bank schieben. Er macht es dabei nicht wie jemand, der sich bei uns mit einem Geldschein einschmeichelt. Geschweige macht er es wie ein Warenhaus-Besitzer, in dessen Gesch\u00e4ft alles zu haben ist, was unser Herz begehrt. Er redet zu uns vielmehr so, wie es im Lied des Hallenser Apothekers Christian Friedrich Richter hei\u00dft: \u201eEs kostet viel, ein Christ zu sein und nach dem Sinn des reinen Geistes leben &#8230; Man muss hier stets auf Schlangen gehn, die leicht ihr Gift in unsre Fersen bringen, da kostet\u2019s M\u00fch, auf seiner Hut zu stehn, dass nicht ihr Gift kann in die Seele dringen.\u201c In einem anderen Bild sagt Jesus: &#8222;Geht ein durch die <em>enge<\/em> Pforte.\u201c Sie ist derart schmal, dass man dabei pralle Koffer mit unserm Hab und Gut nicht mitnehmen kann.<\/p>\n<p>Hingegen ist die Pforte weit und der Weg gar breit, der zum Verderben f\u00fchrt. Trotzdem gibt es viele, die ihn gehen. Und \u201eWehe, wenn sie losgelassen!&#8220;, mit Friedrich Schiller zu reden. Da werden auch manche niedergetrampelt, von solchen, die gleichsam pralle Koffer mit sich tragen. Jedoch die Mehrheit hat die Wahrheit nicht in ihrer Tasche, geschweige in ihren Koffern. Aber auch die Minderheit hat die Wahrheit nicht f\u00fcr sich gepachtet. Vor der kleinen, aber lautstarken Opposition der Impfgegner sei gewarnt! Man bedenke es bitte auf allen Seiten, was Jesus sagt: \u201eDie Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben f\u00fchrt.\u201c Machen wir die Augen auf und halten wir die Ohren offen, um zu entdecken, wo es lang geht.<\/p>\n<p>Aufmerksamkeit tut not, und dies umso mehr, weil es inbesondere zwei Klippen gibt \u2013 Klippen, auf denen man ausrutschen und sich den Hals brechen kann. Zum einen tauchen immer wieder Verf\u00fchrer auf, die uns nach dem Mund reden, &#8222;falsche Propheten&#8220; nennt sie unser Text, Unholde, die sich jedoch als hold geb\u00e4rden. W\u00f6lfe, die sich wie im M\u00e4rchen als liebe Gro\u00dfmutter ausgeben, aber nur, um die sieben Gei\u00dflein besser fressen zu k\u00f6nnen. Oder wie es im Predigttext hei\u00dft: Gestalten, \u201edie in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie rei\u00dfende W\u00f6lfe.&#8220; Es scheint so lustig, so chic, so zeitgem\u00e4\u00df, sich auf sie einzulassen, mit ihnen zu gehen, bis wir ihnen auf den Leim gegangen sind. Wie manche sind so auf die schiefe Bahn geraten! Wie oft sind wir auf Verf\u00fchrungen hereingefallen! Vorsicht!<\/p>\n<p>Zum andren redet Jesus in einem neuen Bild von einem Baum, der gute Fr\u00fcchte bringt, und von einem anderen, einem faulen Baum, der unfruchtbar ist. Eigentlich stehen beide da, um Gutes hervorzubringen. Der eine kommt einem vor wie der, auf den Psalm 1 zugespitzt ist: &#8222;Wohl dem, der seine Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnt dar\u00fcber Tag und Nacht! <em>Der ist wie ein Baum<\/em>, gepflanzt an Wasserb\u00e4chen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit.\u201c An Wasserb\u00e4chen trotzt er der Klimakrise. Aber der Andere steht unn\u00fctz da. Er bringt nicht das, wof\u00fcr er geschaffen ist. Vielleicht ist er recht ansehnlich, gar nicht d\u00fcrr. Man haut ihn darum nicht so schnell um. Er ist ja voller Blattwerk, Bl\u00e4tter noch und noch. Er sieht doch gut aus. Er stiehlt dem anderen, dem fruchtbaren Baum die Show. Aber der Schein tr\u00fcgt: Er bringt nichts. Er ist im Grunde hohl und l\u00e4sst seine Umwelt leer. Er h\u00e4lt der Klimakrise nicht stand. Wie lange wird er noch dastehen?\u00a0 In der Klosterkirche Aldersbach in Bayern ist an der Kanzel das Bild von einem unfruchtbaren Baum zu sehen. Wer die Predigt h\u00f6rt, wird dabei gewarnt vor einem H\u00f6ren zum einen Ohr hinein und zum anderen Ohr hinaus.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir nun gut zu! Diese zwei Mahnungen sind wie Zeichen f\u00fcr Tempolimit an einer vielbefahrenen Stra\u00dfe. Sie haben wir tunlichst zu beachten. Aber sie wollen ja nicht den Verkehr lahmlegen, sondern fl\u00fcssig halten. Sie legen uns \u00fcbrigens auch keine Scheuklappen an, die unsere Aussicht schm\u00e4lern. Sie helfen uns, besser zu sehen, worauf es ankommt. Sagen wir es noch einmal mit dem Satz, mit dem wir begonnen haben \u2013 mit dem Satz im Munde Jesu, an unsre Adresse: \u201eAlles, was ihr wollt, dass es euch die Leute tun, das sollt ihr auch ihnen tun. Das ist das Gesetz und die Propheten.\u201c Und dazu die Worte jener bedr\u00e4ngten Fl\u00fcchtlinge \u2013 die Worte, die das Bibelwort vorbildlich beleuchten \u2013 die Worte: Dies tut, \u201e<em>ohne einen Unterschied zu machen hinsichtlich des Geschlechts, der Abstammung oder der Hautfarbe<\/em>!\u201c Unser Gott verleihe uns den Mut, dazu zu stehen!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n<p>37133 Friedland<\/p>\n<p>&lt;ebusch@gwdg.de&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 7, 12-20 | Bu\u00df- und Bettag | 17. November 2021 | von Eberhard Busch | Gegen Ende des 17. 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