{"id":6180,"date":"2021-11-16T14:11:36","date_gmt":"2021-11-16T13:11:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6180"},"modified":"2021-11-16T14:13:42","modified_gmt":"2021-11-16T13:13:42","slug":"matthaeus-2531-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2531-46\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,31-46"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das Weltgericht in Ravenna | Letzter Sonntag im Kirchenjahr | Predigt zu Matth\u00e4us 25,31-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Marianna Frank Larsen |<\/strong><\/h3>\n<p>In der gro\u00dfen alten Kirche von Ravenna Sant\u2019 Apollinare Nuovo sind die W\u00e4nde im Schiff bedeckt mit goldenen Mosaiken aus dem 6. Jahrhundert. Oben an der linken Seite sieht man eine lange Reihe von Szenen aus dem Leben Jesu: Die Hochzeit von Kana, wo er Wasser in Wein verwandelt, die Auferweckung des toten Lazarus, die Heilung des Blinden in Jericho \u2013 und zwischen all den anderen Motiven Jesus, der da sitzt und die Schafe von den B\u00f6cken trennt. Als w\u00e4re das nicht nur etwas, von dem er erz\u00e4hlt. Als w\u00e4re das auch etwas, was er tut. Er sitzt auf einer kleinen Erh\u00f6hung im Gr\u00fcnen. An seiner rechten Seite hat er die wei\u00dfen Schafe. Ihnen reicht er seine milde Hand, w\u00e4hrend der Engel hinter den Schafen sein Gericht anerkennt, gekleidet in der roten Farbe der Liebe. Im Gegensatz zu dem Engel hinter den B\u00f6cken zur linken Seite Jesu. Er ist in eiskaltes Blau gekleidet mit Flammen und das Haupt. Jesus selbst tr\u00e4gt dasselbe violette Gewand wie auf allen den anderen Bildern in der Kirche und dieselbe Glorie mit einem goldenen Kreuz und Edelstein. Da werden wir daran erinnert, dass der Richter, der zwischen Schafen und B\u00f6cken trennt, kein Fremder ist. Es ist zum Gl\u00fcck der, den wir kennen. Er, der der Freude freien Lauf lie\u00df bei der Hochzeit in Kana und der Lazarus hinaus in die Sonne f\u00fchrte und dem Blinden die Augen \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Die Fresken sp\u00e4terer Zeiten malen das Feuer, die Teufel und die Qual aus. Hier nicht. Die Absicht des Mosaiks ist nicht, uns zu erschrecken. Das ist auch nicht das Ziel des Evangeliums. Aber das Mosaik spiegelt den gro\u00dfen Ernst wider, der in diesem Bild liegt und den Jesus mit seinem Gleichnis heute hervorruft. Der Ernst, der darin liegt, dass wir gerichtet werden, dass wir von einem anderen als uns selbst gerichtet werden. Dass wir also nicht nur jeder f\u00fcr sich unser Leben leben, wie wir es nun f\u00fcr richtig halten \u2013 und dann ist das so in Ordnung. Vielmehr ist da einer, der alles sieht, was wir tun, und alles, was wir vers\u00e4umen, weil wir unser Leben vor seinem Angesicht leben. Er ist es, der uns unser Leben gegeben hat, unsere F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten, und er hat uns einander gegeben. Und deshalb ist er in seinem guten Recht, Forderungen zu stellen und ein Urteil \u00fcber uns zu f\u00e4llen. Und damit kann es niemals gleichg\u00fcltig sein, was wir tun oder wie wir einander behandeln. Denn das ist es ja, was ganz deutlich wird, wenn Jesus sein Gleichnis erz\u00e4hlt: das, was er von uns fordert, und das, nach dem er uns richtet \u2013 das ist Barmherzigkeit. Das ist sein Wille, sein Sinn mit unserem Leben, und das ist das einzige Kriterium. Ob wir barmherzig gehandelt haben gegen die Menschen, mit denen wir in Ber\u00fchrung gekommen sind. Oder ob wir das vers\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Das Urteil f\u00e4llt er einmal, wenn die Welt untergeht oder wenn mein Leben untergeht. Aber er f\u00e4llt es auch heute, wenn wir das Gleichnis h\u00f6ren und das Bild vor uns sehen. Jetzt stellt das Gleichnis ja seine Frage und f\u00e4llt sein Urteil \u00fcber uns. Und das ist tiefer Ernst. Denn die \u00dcberraschung ist ja, dass Jesus sagt, dass wir alles, was wir einander getan haben, ihm getan haben. Dass er sich in dieser Weise eins macht mit jedem Menschen, der d\u00fcrstet oder hungert, friert oder gefangen ist oder leidet. Ja, das ist ja eigentlich keine \u00dcberraschung, das geschah ja Weihnachten, als er geboren wurde als ein S\u00e4ugling von einer Mutter wie die unsere. Und als er starb als ein nackter Mann und ins Grab gelegt wurde wie wir. Eins mit uns, wenn wir am allerkleinsten sind. Damit erhalten alle unsere kleinen Werke und alle unsere Vers\u00e4umnisse ja ewige Bedeutung. Nichts kann da egal sein. Dann ist es nie nur in Ordnung, dass wir nur tun, was uns passt. Alles, was wir tun, und alles, was wir vers\u00e4umen in Bezug auf andere Menschen, das tun und vers\u00e4umen wir zugleich in Bezug auf unseren Herrn.<\/p>\n<p>Wenn wir das Gleichnis so h\u00f6ren und zugleich Angesicht zu Angesicht vor ihm stehen, der uns richtet, dann m\u00fcssen zu zugeben, was er l\u00e4ngst gesehen hat, dass alles in unserem Leben nicht von Barmherzigkeit bestimmt war. Dass da jemand war, den wir nicht besucht haben, und jemand, dem wir nicht die helfende Hand reichten, die sie brauchten. Dass da jemand war, dem wir nicht zuh\u00f6ren wollten oder dem wir uns nicht \u00f6ffnen wollten, und jemand, den wir im Stich gelassen haben oder nie gemocht haben oder den wir verlassen oder \u00fcbergangen haben. Und das kann man nie wiedergutmachen. Das ist unsere Schuld. Geht fort von mir, sagt er dann im Gleichnis, und er reicht den B\u00f6cken nicht die Hand auf dem Bild, sondern \u00fcberlasst sie den kalten blauen Engel. Und da k\u00f6nnen wir nur hoffen, dass dies Bild und die Worte: Geht fort von mir, nicht die ganze Wahrheit sagen.<\/p>\n<p>In der Kirche in Ravenna befindet sich auch eine lange Reihe von Bildern oben auf der rechten Seite des Schiffes. Das sind Szenen von Gr\u00fcndonnerstag und Karfreitag: Das letzte Abendmahl, Judas, der Jesus verr\u00e4t mit einem Kuss, Petrus, der Jesus verleugnet, Jesus auf Golgatha. Und Jesus, der am Ostermorgen aus dem Grabe aufersteht. Das Bild von dem K\u00f6nig, der die Schafe von den B\u00f6cken trennt, sagt also nicht alles. Die Bilder vom Leiden und Tod und der Auferstehung Jesu sagen, dass er, der Barmherzigkeit von uns fordert, selbst seine ganze Barmherzigkeit uns erwiesen hat. Und dies, obwohl wir wie Judas uns Petrus versagt haben. Dass er daf\u00fcr gestorben ist, uns seine eigene Barmherzigkeit zu erweisen statt der, die uns fehlte. Im Unterschied zu dem K\u00f6nig auf dem Mosaik sagt Jesus nicht: Geht fort von mir. Er reicht seine Hand den Schuldigen und Verlorenen. Und uns, wenn wir das sind. Und das m\u00fcssen wir hoffen und glauben, und darum m\u00fcssen wir beten, und das m\u00fcssen wir glauben: Dass er uns die Barmherzigkeit erweist, die wir brauchen, wenn unsere eigene Barmherzigkeit nicht ausreicht.<\/p>\n<p>So wie ich das verstehe, so hat das Gleichnis im heutigen Evangelium ein doppeltes Ziel. Das eine ist der Ernst, das Gericht \u00fcber uns, wenn wir einander vers\u00e4umt haben, jetzt und einmal in der Zukunft, wenn alles vorbei ist. Nichts kann gleichg\u00fcltig sein. Das andere ist der Apell, die indirekte Aufforderung an uns, hinzugehen und Werke der Barmherzigkeit hier und jetzt zu tun, weil er dies von uns erwartet. Dass wir uns in seiner Barmherzigkeit spiegeln. Und dann versuchen zu sehen, was die Werke der Barmherzigkeit sind. Das ist ja keineswegs heroisch. Das ist nur, dass man ein Glas Wasser holt f\u00fcr den der durstig ist. Eine Mahlzeit zubereiten f\u00fcr den, der hungrig ist. Eine Jacke finden f\u00fcr den, der friert. Den besuchen, der im Gef\u00e4ngnis sitzt. Das sind ganz gew\u00f6hnliche kleine Werke, man braucht nicht besonders erfinderisch zu sein, um auf diese Gedanken zu kommen, und wir alle k\u00f6nnen das tun. Aber die kleinen Dinge k\u00f6nnen das Leben ertr\u00e4glich machen f\u00fcr den, der in Not ist. Das wissen wir gut von uns selbst. Was f\u00fcr einen gro\u00dfen Unterschied die Barmherzigkeit eines anderen Menschen machen kann, wenn es uns schlecht geht. Das kann unseren Tag und unsere Lust zu leben retten.<\/p>\n<p>Und deshalb m\u00f6chte ich schlie\u00dfen an einer anderen Stelle im Mittelalter mit einer sehr sch\u00f6nen Legende. Die ist nicht aus Italien, sondern aus Frankreich. Es wird erz\u00e4hlt, dass ein r\u00f6mischer Soldat mit dem Namen Martin eines Tages in die Stadt Tours ritt. Es war ein eiskalter Wintertag, der Wind f\u00fchr durch Mark und Bein. Am Stadttor sa\u00df ein Bettler, der nichts anderes als seine d\u00fcnnen Lappen anhatte und vor K\u00e4lte zitterte. Da hielt der Soldat sein Pferd an und stieg ab. Er nahm das gro\u00dfe Gewand aus Wolle ab, das er selbst anhatte, zog sein Schwert und teilte das Gewand in zwei Teile, ging hin und legte die eine H\u00e4lfte dem frierenden Bettler \u00fcber die Schultern. Selbst nahm er die andere H\u00e4lfte zu sich, stieg wieder auf sein Pferd und ritt in die Stadt. In derselben Nacht hatte Martin einen Traum. Im Traum sah er Jesus mit einem halben Gewand \u00fcber seinen Schultern sitzen. Dieses Gewand habe ich von Martin von Tours bekommen, sagte er. Das verstand Martin ja nicht. Aber wir verstehen es wohl. Denn alles, was ihr einer meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, habt ihr auch mir getan. Aber einen Gott im Himmel, der sich eins machte mit einem armen Bettler an einem bei\u00dfend kalten Novembertag hier auf Erden \u2013 an ihn musste Marin einfach glauben. Er wurde also getauft und wurde ein Christ \u2013 und als die G\u00e4nse schnatterten und sein Versteck verrieten, wurde er auch Bischof. Wir glauben an denselben Gott wie Martin. Ab n\u00e4chsten Sonntag kommt er wieder mit seiner Barmherzigkeit. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Weltgericht in Ravenna | Letzter Sonntag im Kirchenjahr | Predigt zu Matth\u00e4us 25,31-46 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Marianna Frank Larsen | In der gro\u00dfen alten Kirche von Ravenna Sant\u2019 Apollinare Nuovo sind die W\u00e4nde im Schiff bedeckt mit goldenen Mosaiken aus dem 6. Jahrhundert. 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