{"id":6205,"date":"2021-11-16T18:30:25","date_gmt":"2021-11-16T17:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6205"},"modified":"2021-11-16T18:33:40","modified_gmt":"2021-11-16T17:33:40","slug":"predigt-zu-dtn-341-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-dtn-341-8\/","title":{"rendered":"Predigt zu Dtn 34,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Mit dem Tod anderer muss man leben | Ewigkeitssonntag | 21.11.2021 | Dtn 34,1-8 | verfasst von Nadja Papis |<\/h3>\n<p>Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur,<\/p>\n<p>Doch mit dem Tod anderer muss man leben.<\/p>\n<p>(Mascha Kal\u00e9ko; Memento; aus: Verse f\u00fcr Zeitgenossen, Rowohlt Verlag 1980)<\/p>\n<p>Erinnern Sie sich noch?<\/p>\n<p>An den Moment am offenen Grab? An den Abschied zuhause, im Spital oder Heim?<\/p>\n<p>Erinnern Sie sich noch an das Gef\u00fchl der Trennung, verursacht durch den Tod?<\/p>\n<p>Und an die erste Zeit \u2013 Karten kamen an, Besuch war da, Nachbarn und Freundinnen riefen an. Die Familie traf sich, um alles zu besprechen.<\/p>\n<p>Und dann\u2026<\/p>\n<p>Dann sind die Blumen auf dem Grab verbl\u00fcht. Die Gedenkkerzen sind runtergebrannt. Immer weniger Menschen haben nachgefragt, wie\u2019s so geht.<\/p>\n<p>Das Leben geht weiter.<\/p>\n<p>Ja, das Leben geht weiter.<\/p>\n<p>Manchmal zum Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>Manchmal erbarmungslos.<\/p>\n<p>Im Abschied von einem lieben Menschen ist es, wie wenn die Zeit einen Moment stehen bleibt.<\/p>\n<p>Von solch einem Moment erz\u00e4hlt auch der heutige Predigttext aus dem Buch Deuteronomium.<\/p>\n<p><strong>Dtn 34,1-8 aus der Z\u00fcrcher Bibel (leicht gek\u00fcrzt)<\/strong><\/p>\n<p>Und Mose stieg aus der W\u00fcste von Moab auf den Berg Nebro. Und Gott liess ihn das ganze Land sehen und sprach zu ihm: Dies ist das Land, dass ich Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka, Jakob und seiner Familie versprochen habe. Deinen Nachkommen will ich es geben. Ich habe es dich mit deinen Augen schauen lassen, aber du wirst nicht dort hin\u00fcberziehen. Und Mose, der Diener Gottes, starb dort im Land Moab nach dem Befehl Gottes. Und er begrub ihn im Tal, bis heute kennt niemand sein Grab. Mose aber war 120 Jahre alt, als er starb, seine Augen waren tr\u00fcbe geworden, seine Frische hatte ihn verlassen. Und die Israeliten und Israelitinnen beweinten Mose in den Steppen Moabs dreissig Tage lang, dann waren die Tage des Weinens und Trauerns um Mose zu Ende.<\/p>\n<p>Hm, als Mose starb, war er alleine \u2013 alleine mit dem G\u00f6ttlichen. Ein langer Weg liegt hinter ihm: Aus \u00c4gypten durch die W\u00fcste hat er sein Volk gef\u00fchrt, ging voraus, weckte Hoffnung, wenn\u2019s schwierig wurde und sorgte f\u00fcr alle. Nun steht er kurz vor dem \u00dcbergang in das versprochene Land.<\/p>\n<p>Aber er wird nicht mitgehen. Er wird nicht dabei sein, wenn sein Volk in die Zukunft aufbricht.<\/p>\n<p>Sterbende d\u00fcrfen zwar noch einen Blick auf das werfen, was kommt, aber sie werden nicht mehr dabei sein. F\u00fcr die einen ist das schmerzhaft. Sie h\u00e4tten gerne noch den Enkel aufwachsen sehen oder schlicht und einfach noch mehr Zeit gehabt mit ihren Liebsten. F\u00fcr andere ist es eine Erleichterung, nicht mehr mitgehen zu m\u00fcssen, weil es zu beschwerlich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Im Tod, am Grab gehen die Wege auseinander. Die Zukunft ist ein Land, in das die Sterbenden nicht mitkommen d\u00fcrfen. Das tut weh, nicht nur ihnen, auch denen, die ohne sie weiterziehen m\u00fcssen. Sie gehen andere Wege, die uns Lebenden verwehrt sind. Am Grab trennen wir uns.<\/p>\n<p>Wie so oft beschreibt die Bibel das sehr realistisch: 30 Tage lang haben sie geweint um Mose und getrauert, dann sind sie aufgebrochen und weitergezogen. Der Tod bringt einen Ausnahmezustand mit sich, manchmal schon vor dem Sterben in der Begleitung der Kranken, manchmal auch erst nachher, wenn der Tod pl\u00f6tzlich ins Leben eingebrochen ist. 30 Tage Weinen und Trauern und dann kehrt das Leben zur\u00fcck und fordert unsere Aufmerksamkeit. Wir m\u00fcssen aufbrechen und uns der grossen Arbeit in der Trauer stellen: der Aufgabe, das Leben ohne den Verstorbenen zu leben, die Zukunft ohne sie zu gestalten.<\/p>\n<p>Vielen Trauernden f\u00e4llt das schwer, besonders denen, die ihr allt\u00e4gliches Leben neu gestalten m\u00fcssen. Jahrelang sass am K\u00fcchentisch gegen\u00fcber jemand, nun ist der Stuhl leer. Jahrelang fand die Hand im Bett nebendran menschliche W\u00e4rme, nun ist es dort kalt. Auf Schritt und Tritt fehlt dieser Mensch. Jahrelang konnte ich einfach diese Telefonnummer w\u00e4hlen, nun m\u00fcsste ich sie aus dem Verzeichnis l\u00f6schen. Lebenslang war die Mutter oder der Vater Anlaufstelle f\u00fcr Sorgen und Freuden, der Bruder oder die Schwester Verb\u00fcndete in gemeinsamen Erinnerungen. Nun bin nur noch ich da.<\/p>\n<p>Ein Neuanfang\u2026<\/p>\n<p>Ein neues Leben\u2026<\/p>\n<p>Das anzunehmen und zu gestalten, braucht sehr viel Zeit und Kraft.<\/p>\n<p>Lasse ich den leeren Stuhl als Ort des Gedenkens stehen oder r\u00e4ume ich alles um? Setze ich mich am Ende sogar auf den leeren Stuhl und kehre meine Blickrichtung? Nehme ich die K\u00e4lte auf der anderen Betth\u00e4lfte als M\u00f6glichkeit, meinen Tr\u00e4nen freien Lauf zu lassen, oder besorge ich mir eine Heizdecke? Wer es erlebt hat, weiss, wie nahrhaft all diese Fragen sind und erst recht die Entscheidungen. Wer es erlebt hat, weiss auch, dass es manchmal ungew\u00f6hnliche L\u00f6sungen sind, auf die uns die Trauer bringt. L\u00f6sungen hin zu einem neuen Leben. Ja, das ist die Herausforderung: ein neues Leben, eines, das ich nicht gew\u00e4hlt und mir nicht gew\u00fcnscht habe, nicht einmal, wenn der Tod eine Erleichterung war. Gewohnheiten, Aufgaben, Geborgenheit und Sicherheit, der Tod hinterl\u00e4sst viele Fragen. Und wir m\u00fcssen sie beantworten, wenn wir wieder lebendig werden m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Sie alle haben diesen Neuanfang bereits hinter sich, sie haben sich auf den Weg gemacht. Es sind ganz unterschiedliche Wege und doch haben sie genug Gemeinsames, um sich verbunden zu f\u00fchlen. Wer es erlebt hat, weiss\u2026 Anfangs braucht jeder kleine Schritt \u00dcberwindung und Energie. Irgendwann ist der Alltag wieder mehr oder weniger eingerichtet. Momente der Trauer und der Sehnsucht gibt es immer wieder, nat\u00fcrlich, auch nach Jahren noch. Aber wir Menschen sind lebensf\u00e4hig und lernf\u00e4hig, sogar in der Trauer. Diese Gabe haben wir geschenkt bekommen. Wir k\u00f6nnen den Schmerz ausleben, Tr\u00e4nen weinen, Wut herausschreien, Leere aushalten und der Verzweiflung unseren pochenden Herzschlag entgegensetzen. Und trainieren\u2026 Ja, wir k\u00f6nnen es trainieren, ohne diesen Menschen zu leben, nicht einfach dahin zu vegetieren, sondern das Leben zu geniessen und zu feiern. Denn nach dem Einrichten des Alltags sind das oft die schmerzhaftesten Zeiten in der Trauer: Geburtstage, Weihnachten, Hochzeiten, Ferien\u2026<\/p>\n<p>Zeit und Kraft braucht es und das Vertrauen daran, dass es einen Weg gibt. Woher aber kommt die Kraft? Woher kommt das Vertrauen?<\/p>\n<p>Mose stirbt alleine \u2013 und doch nicht. Er stirbt in der Gegenwart des G\u00f6ttlichen. Und vorher verabschiedet er sich von seinem Volk und segnet all diese Menschen, die in die Zukunft aufbrechen werden.<\/p>\n<p>Er kann nicht mehr f\u00fcr sie schauen und sorgen. Aber er spricht ihnen zu: Ihr seid gesegnet. Wo auch immer dich dein Weg hinf\u00fchrt, was auch immer auf dich zukommt: Du bist beh\u00fctet.<\/p>\n<p>Wenn uns der Tod ersch\u00fcttert, brauchen wir keine guten Ratschl\u00e4ge, sondern das Gef\u00fchl, aufgehoben zu sein, obwohl unsere Welt auseinanderf\u00e4llt. Menschen, die dich sehen und genau wissen, wie es ist. Sie werden nicht viel sagen, sondern einfach da sein und dir damit zeigen: Du kannst das \u00fcberleben. Genauso spricht mein Glaube zu mir: vertrau! Vertrau auf die Kraft, die einfach da ist, in dir, in deinem Atmen, in deinem Herzschlag. Schau auf das Licht, das noch in die gr\u00f6sste Dunkelheit scheint. Jede Kerzenflamme steht daf\u00fcr. H\u00f6r die Melodie, die auch die Leere durchdringen kann. Das alles ist nicht, was der Kopf begreift, es ber\u00fchrt uns viel tiefer wie eine Segensgeste, eine feine Ber\u00fchrung, die fl\u00fcstert: Komm, mach dich auf, es gibt einen Weg!<\/p>\n<p>Dort am offenen Grab haben sich die Wege getrennt. Erinnern Sie sich noch?<\/p>\n<p>Wir sind weitergegangen, die Verstorben sind dort unterwegs, wohin wir nicht \u2013 noch nicht \u2013 mitgehen k\u00f6nnen. Verbunden sind wir im Beh\u00fctet-Sein, im Aufgehoben-Sein, in der ewigen Liebe.<\/p>\n<p>Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur,<\/p>\n<p>Doch mit dem Tod anderer muss man leben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p>Langnau am Albis<\/p>\n<p><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Tod anderer muss man leben | Ewigkeitssonntag | 21.11.2021 | Dtn 34,1-8 | verfasst von Nadja Papis | Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur, Doch mit dem Tod anderer muss man leben. 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