{"id":6217,"date":"2021-11-18T11:43:45","date_gmt":"2021-11-18T10:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6217"},"modified":"2021-11-19T16:07:07","modified_gmt":"2021-11-19T15:07:07","slug":"emil-nolde-grablegung-1915","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/emil-nolde-grablegung-1915\/","title":{"rendered":"Emil Nolde, Grablegung 1915"},"content":{"rendered":"<h3>Trauer und Liebe | Totensonntag | 21.11.2021 | Predigt zu Emil Nolde, Grablegung 1915 | Joh 19, 38-42\u00a0 | verfasst von Rainer Kopisch |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>heute ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der Totensonntag.<\/p>\n<p>Der f\u00fcr den heutigen Tag vorgesehene Predigttext berichtet vom Lebensende Moses. Gott zeigt ihm das gelobte Land, das er nicht betreten soll. Mose stirbt und Gott selbst begr\u00e4bt seinen Diener in einem unbekannten Grab. Die Israeliten beweinten Mose drei\u00dfig Tage im Jordantal der Moabiter.<\/p>\n<div id=\"attachment_6218\" style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6218\" class=\" wp-image-6218\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Unbenannt-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Unbenannt-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Unbenannt-16x12.jpg 16w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Unbenannt.jpg 453w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><p id=\"caption-attachment-6218\" class=\"wp-caption-text\">Predigtbild: Emil Nolde, Grablegung, 1915 \u00a9 Nolde Stiftung, Seeb\u00fcll<\/p><\/div>\n<p>Nicht dieser vorgesehene Predigttext soll Grundlage der Predigt sein, sondern ein Bild von Emil Nolde. Er hat es 1915 gemalt und nannte es \u201eGrablegung\u201c. Es geh\u00f6rt zu seinen wichtigsten Bildern. Er hat es nie verkauft. Es ist wie sein Bilderzyklus \u201eDas Leben Christi\u201c aus den Jahren 1912\/13 im Nolde Museum in Seeb\u00fcll zu sehen.<\/p>\n<p>Emil Nolde kannte seit jungen Jahren die Berichte der Evangelien sehr gut.<\/p>\n<p>1909 wurde er durch eine Vergiftung mit schlechtem Wasser sehr schwer krank. Nach seiner Genesung begann Emil Nolde wie im Rausch ein religi\u00f6ses Gem\u00e4lde mit dem Titel \u201eAbendmahl\u201c zu malen. Todesn\u00e4he und Religion spielten bei seinen ersten religi\u00f6sen Gem\u00e4lden eine gro\u00dfe Rolle. Christus diente Nolde, wie auch anderen Expressionisten, als Identifikationsfigur. Dass er in seinem Bild \u201eAbendmahl\u201c Christus mit dem Kelch malt, zeigt seine eigene Ergriffenheit im Zusammenhang von Tod und Trinken.<\/p>\n<p>Er sagte sp\u00e4ter einmal, dass seine religi\u00f6sen Bilder auf seine Erfahrungen in der fr\u00fchen Kindheit zur\u00fcckgehen. Beim Lesen der biblischen Texte habe er stets Bilder gesehen, die er sp\u00e4ter als Maler umgesetzt habe.<\/p>\n<p>So haben sich auch in dem Bild \u201eGrablegung\u201c biblische Texte durch den Maler gestaltet: Geschichten von Josef von Arimat\u00e4a, Nikodemus und dem J\u00fcnger, den er lieb hatte.<\/p>\n<p>Emil Nolde gab auch dem \u201eJ\u00fcnger, den Jesus liebte\u201c aus dem Johannesevangelium einen wichtigen Platz im Gem\u00e4lde. Er darf die rechte Hand Jesu halten. Sein Gesicht ist von Leiden und Schmerz gezeichnet. Eine andere Hand neben seinem Gesicht geh\u00f6rt Josef von Arimat\u00e4a, der im blauen Trauergewand hockend den in gelblichen T\u00f6nen gemalten Leichnam Jesu mit seinem Arm am Kopf umschlie\u00dft und ihn in seinem Scho\u00df st\u00fctzt.<\/p>\n<p>Nikodemus gleichfalls im blauen Trauergewand hockt gegen\u00fcber und h\u00e4lt in seinem Arm die Beine Jesu so, dass die Wundmale der F\u00fc\u00dfe zu sehen sind. Er blickt mit traurig dunklem Gesicht auf das noch schmerzverzerrte Gesicht Jesu. Emil Nolde \u00e4u\u00dferte einmal: \u201eFarben sind meine Noten.\u201c So ist es auch bei dieser Komposition. Blau nimmt er hier als Farbe der Trauer in den beiden Gew\u00e4ndern. Dieses Blau umschlie\u00dft durch die malerische Gestaltung den gelblich gemalten K\u00f6rper des Leichnams Jesu. Auch das rotbraune Haar des Lieblingsj\u00fcngers weist ausdr\u00fccklich auf die Liebe hin, von der die Geschichten Jesu in den Evangelien erz\u00e4hlen. Das Gesicht des Lieblingsj\u00fcngers aber zeigt den Schmerz der Liebe, der sich bei uns allen mit dem Tod von nahen Angeh\u00f6rigen einstellt.<\/p>\n<p>Der J\u00fcnger, den Jesus lieb hatte, stand neben der Mutter Jesu Maria unter dem Kreuz, als Jesus laut rief: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Sein Sterbenskampf beendete Jesus mit den Worten \u201eEs ist vollbracht\u201c, als er sein Haupt neigte und starb.<\/p>\n<p>Das hatte der J\u00fcnger, den Jesus liebte, miterlebt.<\/p>\n<p>So blickt der Lieblingsj\u00fcnger im Bild von Emil Nolde fast beschw\u00f6rend auf Jesus, um an das Reich zu erinnern, um dessen Kommen Jesus seine J\u00fcnger und damit uns zu beten gelehrt hat.<\/p>\n<p>Nikodemus ist als der Alte Weise mit wei\u00dfen Haaren dargestellt. Emil Nolde gibt Nikodemus durch die dunkel gemalte Farbe seiner Haut die Erinnerung an das n\u00e4chtliche Gespr\u00e4ch mit Jesus, den er in der Dunkelheit aufgesucht hatte.<\/p>\n<p>Dem Pharis\u00e4er Nikodemus hat Jesus in diesem Nachtgespr\u00e4ch gesagt, dass niemand in das Reich Gottes komme, wenn er den nicht neugeboren werde. Darauf stellte Nikodemus die Frage nach dieser Neugeburt. Wie kann das geschehen? Jesus hat ihm damals geantwortet indem er von Gottes Liebe sprach: \u201eAlso hat Gott die Welt geliebt, dass er seinem eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage nach dem eingeborenen Sohn scheint Emil Nolde Nikodemus so ins Gesicht gemalt zu haben, als bewege ihn eine dunkle Ahnung,<\/p>\n<p>Von Josef von Arimat\u00e4a ist \u00fcberliefert, dass er auf das Kommen des Reiches Gottes wartete. Das f\u00fchrte ihn mit Jesus so eng zusammen, dass er sich von dem r\u00f6mischen Stadthalter Pilatus die Erlaubnis holte, den Leichnam Jesu vom Kreuz abzunehmen, um ihn in einem Grab beisetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was sagt uns das Gem\u00e4lde am heutigen Totensonntag?<\/p>\n<p>Was sagt es uns \u00fcber Leben und Tod, \u00fcber Abschied und Trauer, \u00fcber Gehaltensein und Liebe?<\/p>\n<p>Es sagt uns:<\/p>\n<p>Sieh in Dein eigenes Leben.<\/p>\n<p>Dann siehst Du all die eigenen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Sie haben Dir viele Gef\u00fchle gebracht, mit denen Du umgehen musstest.<\/p>\n<p>Wo bist Du noch stecken geblieben?<\/p>\n<p>Wo ist die Zeit der Trauer noch nicht zu Ende gekommen?<\/p>\n<p>Wann hast Du Beistand und Begleitung erfahren?<\/p>\n<p>Wann ist Gottes Liebe durch Dich oder an Dir erlebbar geworden?<\/p>\n<p>Wir stehen mit diesen Fragen nicht allein.<\/p>\n<p>Sie bewegen viele Menschen.<\/p>\n<p>Wenn wir Gott um seinen Segen und die Kraft daraus bitten, werden wir weiter kommen mit diesen Fragen.<\/p>\n<p>Wir werden den Trost der Liebe Gottes erfahren.<\/p>\n<p>Das w\u00fcnsche ich uns allen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Pfarrer i. R. Rainer Kopisch<\/p>\n<p>Braunschweig<\/p>\n<p>E-Mail: rainer.kopisch@gmx.de<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Diese Ansprache ist der Versuch, eine Predigt allein von einem k\u00fcnstlerischen Bild her zu gestalten.<\/p>\n<p>Literatur zum Predigtbild:<\/p>\n<p>Emil Nolde, Die religi\u00f6sen Bilder (Nolde Stiftung Seeb\u00fcll und DUMONT),<\/p>\n<p>Kirsten J\u00fcngling, Biographie, EMIL NOLDE, \u00a0DIE FARBEN SIND MEINE NOTEN, Propyl\u00e4en<\/p>\n<p>Interessantes Interview \u201eWie Nolde die Bibel sah\u201c:<br \/>\nInterview mit Manfred Reuther, 1912 Direktor der Nolde Stiftung:<br \/>\nhttps:\/\/www.shz.de\/deutschland-welt\/kultur\/wie-nolde-die-bibel-sah-id132216.htm<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Rainer Kopisch, Pfarrer in Ruhe der Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig,<\/p>\n<p>Seelsorger mit logotherapeutischer Kompetenz, letztes selbstst\u00e4ndiges Pfarramt: Martin Luther in Braunschweig,<\/p>\n<p>in der Vergangenheit:<\/p>\n<p>langj\u00e4hriger Vorsitzender der Vertretung der Pfarrer und Pfarrerinnen in der Landeskirche,<\/p>\n<p>Mitglied in der Pfarrervertretung der Konf\u00f6deration der Landeskirchen in Niedersachsen,<\/p>\n<p>Mitglied in der Pfarrvertretung der VELKD, Mitglied in der Fuldaer Runde.<\/p>\n<p>Seit Beginn meines Ruhestandes vor 15 Jahren schreibe ich Predigten im Portal der G\u00f6ttinger Predigten. Diese Arbeit ist mein Dank f\u00fcr die Liebe Gottes, die mich in meinem Leben begleitet hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trauer und Liebe | Totensonntag | 21.11.2021 | Predigt zu Emil Nolde, Grablegung 1915 | Joh 19, 38-42\u00a0 | verfasst von Rainer Kopisch | Liebe Gemeinde, heute ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der Totensonntag. Der f\u00fcr den heutigen Tag vorgesehene Predigttext berichtet vom Lebensende Moses. 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