{"id":6324,"date":"2021-11-30T17:11:57","date_gmt":"2021-11-30T16:11:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6324"},"modified":"2021-12-03T15:01:08","modified_gmt":"2021-12-03T14:01:08","slug":"6324-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/6324-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 63,15-64-3 | Gibt es&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Gibt es noch Hoffnung? | Advent, 5. Dezember 2021 | Predigt zu Jesaja 63,15-64,3 | von Katharina Wiefel-Jenner |<\/h3>\n<p><em>So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine gro\u00dfe, herzliche Barmherzigkeit h\u00e4lt sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham wei\u00df von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; \u00bbUnser Erl\u00f6ser\u00ab, das ist von alters her dein Name. Warum l\u00e4sst du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht f\u00fcrchten? Kehr zur\u00fcck um deiner Knechte willen, um der St\u00e4mme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, \u00fcber die du niemals herrschtest, wie Leute, \u00fcber die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und f\u00fchrest herab, dass die Berge vor dir zerfl\u00f6ssen, wie Feuer Reisig entz\u00fcndet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundw\u00fcrde unter deinen Feinden und die V\u00f6lker vor dir zittern m\u00fcssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und f\u00fchrest herab, dass die Berge vor dir zerfl\u00f6ssen! Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat geh\u00f6rt, kein Auge hat gesehen einen Gott au\u00dfer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.<\/em><\/p>\n<p>Gibt es noch Hoffnung? So wie es ist?<\/p>\n<p>Es ist, als ob Gott nicht existiere.<\/p>\n<p>Wir weinen. Wir tragen 100.000 zu Grabe, ohne von ihnen Abschied zu nehmen. Das Sterben will kein Ende nehmen. Uns geht der Atem aus. Wir streiten und trauern, sind m\u00fcde und w\u00fctend. Wir warten, dass irgendjemand Verantwortung \u00fcbernimmt. Wir ringen darum, dass irgendjemand etwas tut. Wir k\u00f6nnen unsere Kinder nicht besch\u00fctzen. Hilflos h\u00f6ren wir zu, wie unverst\u00e4ndliche Zahlen jeden Tag neues Dunkel verk\u00fcnden. Ratlos schauen wir, wie das Leben verrinnt und niemand hilft. Die Bitternis greift um sich. M\u00fcdigkeit l\u00e4hmt schon am Morgen die Seelen. Es ist d\u00fcster.<\/p>\n<p>Als ob es keinen Gott g\u00e4be.<\/p>\n<p>Hoffnung w\u00e4re sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Gibt es \u00fcberhaupt Hoffnung? So, wie es ist?<\/p>\n<p>Ja, die Alten \u2013 die hatten noch Hoffnung. Die Alten hatten auch noch Gott. Die haben sich nicht in die absolute Trostlosigkeit dr\u00e4ngen lassen. Sie hatten es auch schwer. Auch sie haben sich geweigert, ihr Verhalten zu \u00e4ndern. Die Propheten haben mit ihnen gerungen. Gott h\u00e4tte sich an ihnen erfreut, h\u00e4tten sie den Propheten zugeh\u00f6rt. Vern\u00fcnftiger w\u00e4re es gewesen, h\u00e4tten sie die Warnungen der Propheten nicht in den Wind geschlagen. Sie h\u00e4tten klug sein k\u00f6nnen. Sie h\u00e4tten tun k\u00f6nnen, was um Gottes Willen das Richtige gewesen w\u00e4re. Es war ihnen bewusst. Sie taten das Falsche. Sie hielten es lieber mit denen, die ihnen keine schweren Entscheidungen abverlangten. Eine Kurs\u00e4nderung schien ihnen nicht durchsetzbar. Sie liefen mit Ansage in die Katastrophe. Dann blieb ihnen nur ihre Hoffnung auf Gott.<\/p>\n<p>Hatten sie \u00fcberhaupt Hoffnung? So, wie ihre Lage war?<\/p>\n<p>Sie weinten um ihre Heimat. Sie weinten vor Sehnsucht nach ihrem Zuhause. Sie weinten um den sch\u00f6nen Tempel, in dem Gott gewohnt hatte. Sie sa\u00dfen im Exil und weinten. Was ihr Leben sch\u00f6n gemacht hatte, war verloren. Die sch\u00f6nen Feste, die sie einst gefeiert hatten, waren nun bedr\u00fcckend und ohne helle Lieder. Die leuchtenden Kinderaugen geh\u00f6rten zur Vergangenheit. Sie sa\u00dfen im Elend. Gott hatte den Krieg verloren.<\/p>\n<p>Es war, als ob Gott nicht existiere.<\/p>\n<p>Gab es \u00fcberhaupt noch Hoffnung?<\/p>\n<p>Sie waren sehenden Auges in die Katastrophe gegangen. Gottes sch\u00f6ner Tempel war zerst\u00f6rt und nun endlich h\u00f6rten sie den Propheten zu. Nicht Gott hatte den Krieg verloren. Nicht Gott war besiegt. Sie waren besiegt. Die Alten h\u00f6rten, wovon sie zuvor kaum eine Ahnung hatten. Sie verstanden, was sie zuvor nicht interessiert hatte. Sie waren aus ihrem alten Leben herauskatapultiert worden und lernten neue Worte. Sie entdeckten, dass Gott den Himmel und die Erde geschaffen hatte. Da war die Hoffnung. Gott war nicht nur im Tempel zu Jerusalem zu finden. Gott ist in allen Himmeln zuhause. Da ist die Hoffnung. Die Unbarmherzigkeit der Feinde konnte ihnen Leid zuf\u00fcgen, aber kein Feind ist f\u00e4hig, die Barmherzigkeit Gottes zu zerst\u00f6ren, denn Gott ist unzerst\u00f6rbar. Die Geschichtsvergessenheit der eigenen Anf\u00fchrer konnte ihre Erinnerung an Abraham und Jakob verdunkeln, aber Jakobs Erbe konnten sie nicht ausl\u00f6schen, denn Gott h\u00fctet die Erinnerung. Gab es Hoffnung? Ja, bei Gott war die Hoffnung, denn Gott war immer noch da. Gott im Himmel und sie auf der Erde. Und wenn der Tempel tausende Kilometer entfernt und zerst\u00f6rt ist. Der Himmel ist \u00fcber ihnen. Gott ist \u00fcber ihnen.<\/p>\n<p>Ja, es gab Hoffnung. Das hatten sie nun verstanden. Sie h\u00f6rten den Propheten zu. Sie glaubten den Propheten. Endlich! Und dann begannen sie damit, Gott in den Ohren zu liegen.<\/p>\n<p>\u201eWas n\u00fctzt es uns, wenn du, Gott, nicht nur in deinem Tempel wohnst, sondern auch im Himmel bist? Was sollen unsere Kinder glauben, Gott, wenn du dich nicht in Erinnerung bringst? Was tr\u00f6stet es uns in unserer Traurigkeit, wenn es sich so anf\u00fchlt, als ob du gar nicht da bist, Gott? Rei\u00df den Himmel auf, mach etwas, damit das Elend endlich aufh\u00f6rt. Komm aus deinem Himmel, Gott, du Trost der ganzen Welt. Zeig dich, damit es ein Ende hat mit der Finsternis.\u201c<\/p>\n<p>Ja, die Alten \u2013 die hatten noch Hoffnung. Die Alten hatten Gott und klagten und weinten.<\/p>\n<p>Hoffnung w\u00e4re sch\u00f6n. Wie bei den Alten! Aber wir haben doch auch Gott! Es ist ja nicht so, als dass Gott nicht existierte. Auch \u00fcber uns ist der Name Gottes genannt. Schon vor langer Zeit ist Gottes Name in unserer Mitte ausgerufen worden.<\/p>\n<p>W\u00fcrden wir hier zusammenkommen, g\u00e4be es Gott nicht? Ohne Gott w\u00e4re das zweite Licht am Adventskranz sinnlos. Ohne Gott m\u00fcssten wir irre werden. Diese anhaltende Ungerechtigkeit ist sogar mit dem Wissen um Gottes Existenz kaum auszuhalten. Wie hoffnungslos w\u00e4re die dauernde Verachtung der Schwachen, g\u00e4be es Gott nicht. Wie unertr\u00e4glich w\u00e4re dieser ungebrochene Hochmut der M\u00e4chtigen, w\u00e4re Gott nicht da. Wir t\u00f6dlich w\u00e4re der Hass, w\u00e4re Gott nicht schon l\u00e4ngst gekommen. W\u00e4re Gott nicht in diesem Kind aus Bethlehem l\u00e4ngst in unserer Mitte geboren, bliebe es f\u00fcr alle Ewigkeiten finster. Aber Gott ist da. Wir k\u00f6nnen Gott in den Ohren liegen. Wir k\u00f6nnen Gott daran erinnern, dass es Zeit ist, den Himmel aufzurei\u00dfen. Wir haben alles Recht der Welt, Gott unsere Tr\u00e4nen hinzuhalten und \u00fcber unsere Toten zu klagen. Vor wem sonst sollten wir unsere Ratlosigkeit aussch\u00fctten? Wem sonst k\u00f6nnen wir ohne Scham unsere abgearbeiteten H\u00e4nde und wunden Seelen zeigen? Niemand anderes kann unsere Verbitterung ertragen. Wir m\u00fcssen Gott einfach daran erinnern, dass wir immer noch warten. Wir warten auf den Frieden. Wir warten darauf, dass niemand mehr fl\u00fcchten muss. Wir haben es satt mit den zahllosen ungerechten Machthabern. Jeden Tag sind die Besten von uns am Ende mit ihrer Verzweiflung. Wir sehnen uns so sehr, dass Gott endlich alle Tr\u00e4nen abwischen wird.<\/p>\n<p>Die Alten klagten und weinten. Und sie wurden getr\u00f6stet. Sie kehrten nach Jerusalem zur\u00fcck. Sie bauten Gott einen neuen Tempel und als ein neuer Gewaltherrscher in ihm sein Unwesen trieb, waren sie mutig. Noch heute erinnert sich Israel mit Lichtern daran, dass sie sich in ihrer Hoffnung nicht get\u00e4uscht haben und feiern Chanukka. Heute Abend wird deswegen auf der ganzen Welt das achte Chanukka-Licht angez\u00fcndet \u2013 hier in Hamburg, da, wo einst die Bornplatzsynagoge stand.<\/p>\n<p>Gibt es noch Hoffnung? Die Alten sangen: \u201eKein Ohr hat geh\u00f6rt, kein Auge hat gesehen einen Gott au\u00dfer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.\u201c Sie z\u00fcndeten Lichter an und mit jedem Licht wurde es heller \u2013 sie haben sich in Gott nicht get\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Gibt es noch Hoffnung f\u00fcr uns? Die Alten rufen es uns zu: Gott ist da. Nicht nur im Himmel, sondern mitten unter uns. Wir hei\u00dfen nach seinem Namen. H\u00f6ren wir auf die Alten. Seht, die zweite Kerze brennt. Mit jedem Licht wird es heller. Gott wird uns nicht entt\u00e4uschen. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dr. Katharina Wiefel-Jenner<\/p>\n<p>Berlin<\/p>\n<p><a href=\"mailto:wiefel_jenner@hotmail.com\">wiefel_jenner@hotmail.com<\/a><\/p>\n<p>Katharina Wiefel-Jenner, geb.1958, Pfarrerin i.R., bildet als Dozentin f\u00fcr Liturgik und Homiletik Ehrenamtliche f\u00fcr den Verk\u00fcndigungsdienst aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es noch Hoffnung? | Advent, 5. Dezember 2021 | Predigt zu Jesaja 63,15-64,3 | von Katharina Wiefel-Jenner | So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine gro\u00dfe, herzliche Barmherzigkeit h\u00e4lt sich hart gegen mich. 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