{"id":6379,"date":"2021-12-08T11:04:37","date_gmt":"2021-12-08T10:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6379"},"modified":"2021-12-09T11:08:59","modified_gmt":"2021-12-09T10:08:59","slug":"6379-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/6379-2\/","title":{"rendered":"Lukas 1,67-80"},"content":{"rendered":"<h3>Dritter Advent | 12.12.21 <strong>| <\/strong>Lukas 1,67-80 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p>Die Zeit ist vorbei, in der Kinder erwartet werden. Vorbei die Zeit des Anfangs, wo die M\u00f6glichkeiten noch vor einem liegen und wo die Lebensbahn noch eine unerforschte Landschaft ist. Elisabeth und Zacharias sind alt. Wir begegnen ihnen im Lukasevangelium. Beide sind hoch in die Jahre gekommen, stehen da, und sind damit in einem Lebensabschnitt gekommen, wo \u201ealt\u201c eine treffende Bezeichnung der Lage ist.<\/p>\n<p>Alte Leute wissen, was Verlust hei\u00dft. Vieles liegt da hinter einem, viel hat man erlebt, es hat sich in unser Bewusstsein und im Unbewussten eingegraben. Und die Sinne sind selten ganz unber\u00fchrt von dem vielen Gebrauch.\u00a0 Die Welt steht nicht mehr so deutlich vor uns, wie sie dies einmal in jungen Jahren tat, und das geschw\u00e4chte Geh\u00f6r legt einen D\u00e4mpfer auf die Laute, die zuvor ungehindert in unsere Ohren drangen. Nach all den Jahren sind da auch mehr Gr\u00e4ber, an denen wir stehen. F\u00fcr den Alternden leben die Toten hinter unseren Ohren. Hier sind sie lebendig zugegen. Nahe und liebenswerte Namen, aus denen Liebe str\u00f6mt. Nahe und liebenswerte Menschen, die noch immer teilhaben an dem inneren Gespr\u00e4ch und deren Gangart und Auftreten noch lebendig ist bei den Nachfahren.<\/p>\n<p>Alte Leute wissen auch etwas dar\u00fcber, was Zeit ist. Die Jungen sagen: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Alte Leute greifen selten zu so schlagkr\u00e4ftigen Formulierungen. Alte Leute wissen n\u00e4mlich, dass da mehr ist als nur ein Heute und dass das Jetzt ein enger Raum werden kann, in dem man sich bewegt.\u00a0 Denn da sind Tage, die unertr\u00e4glich sind und wo der Trost darin besteht, dass auch andere Tage kommen. Alte Leute wissen auch, dass die Vergangenheit nicht nur ein verlassenes Land ist, mit dem der heutige Tag nichts zu tun hat. Da liegen Erkenntnisse und Einsichten in der Vergangenheit, die wichtig sind und die man mit sich tragen muss. Entweder um nicht das zu wiederholen, was nicht wiederholt werden darf, oder um die Weisheit fr\u00fcherer Zeiten mitzunehmen in das Leben heute. Die alten Leute breiten also die Zeit aus. Sie reden nicht nur vom Heute, sie reden auch vom Gestern, ja von einer Zeit, die weit zur\u00fcck liegt. Und sie tragen die Sitten und Rituale mit sich, die f\u00fcr fr\u00fchere Generationen den Rahmen ihres Lebens darstellten.<\/p>\n<p>So ist es auch f\u00fcr Zacharias. Er ist Priester im Tempel mit den Traditionen und Ritualen, die das mit sich bringt. Er bewegt sich im Heiligtum und kehrt dahin zur\u00fcck. Das ist sein Leben zwischen dem Alltag und den Festen.\u00a0 Bis zu dem Tag, wo das Heilige die Lebensbahn unterbricht, auf der er sich bis dahin bewegt hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine gew\u00f6hnliche Betrachtung folgt dies einem festen Schema. Erst Kindheit, dann Jugend, dann Erwachsenalter und schlie\u00dflich das Alter. Aber Gott nimmt das offenbar nicht so genau mit der Reihenfolge der Lebensabschnitte. Wenn Gott auf den Plan tritt, kann es deshalb sehr wohl beginnen, auch wenn der lineare Ablauf mehr einen Abschluss nahelegt. Auch wenn sie also alt geworden sind, Elisabeth und Zacharias,\u00a0 erf\u00e4hrt Zacharias dennoch eines Tages, als er in das Heiligtum geht, dass sie ein Kind bekommen werden \u2013 einen Jungen, der vom Mutterleibe an mit dem Heiligen\u00a0 Geist erf\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Als diese g\u00f6ttliche Unterbrechung geschieht, wird Zacharias stumm. Drau\u00dfen warten sie aber auf den Priester, warten darauf, was er zu sagen hat. Und warten vielleicht auch darauf, dass der Alte etwas von seiner Lebensweisheit preisgeben wird &#8211; von den Erfahrungen erz\u00e4hlen wird, die er in einem langen Leben gemacht hat, was f\u00fcr edle Gedanken er sich gemacht hat und ob er im Laufe der Jahre einem Sinn n\u00e4her gekommen ist, der Wahrheit \u00fcber das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Aber die Verhei\u00dfung l\u00e4sst Zacharias verstummen. Was soll man auch sagen, wenn das Leben gr\u00f6\u00dfer wird als man glaubt. Gr\u00f6\u00dfer als die Tr\u00e4ume, die man zuvor zu tr\u00e4umen gewagt hat. Die Worte reichen nicht aus. Oder auch verstummt er, weil dies etwas ist, was in ihm reifen soll? Ein neues Verstehen vielleicht, ein neuer Glaube, eine neue Hoffnung? Und in diesem Reifeprozess ist das Verstummen nur eine Zeit der Vorbereitung, in der das Neue seinen Weg in ihm findet.<\/p>\n<p>Es vergehen neun Monate, und Zacharias sagt kein Wort. Als die neun Monate vergangen sind, bringt Elisabeth das Kind zur Welt, und die Leute fragen, wie man das nun einmal tut: Was soll das Kind hei\u00dfen? Zacharias schreibt auf einer Tafel: Johannes. Und von da an kann er wieder sprechen. Oder besser gesagt, es sind zuerst nicht Worte. Zacharias singt. Er singt seine Freude und seinen Dank heraus.<\/p>\n<p>Ein neues Leben ist in die Arme des alten Mannes gelegt, ein Junge, aus dessen Namen Liebe str\u00f6mt. Und die ungew\u00f6hnliche Lebensbahn des Jungen ist vorausbestimmt. Der soll den Weg bahnen f\u00fcr neue Erkenntnisse nicht nur bei einem Vater, sondern einer Menschheit, er soll den Weg bahnen, auf dem Gott den Weg in die Welt finden kann.<\/p>\n<p>Neues und Altes, Altes und Neues vereinen sich im Lobgesang des Zacharias. Er steht eben da im \u00dcbergang zwischen dem, was war, und dem, was kommt, zwischen Abschluss und Beginn. Er tr\u00e4gt die Geschichte mit sich, die alten Gedanken und die alten Erkenntnisse. Sie haben dazu beigetragen, ihn zu pr\u00e4gen, so wie er auch das Sch\u00f6ne aus der Vergangenheit mit sich weitergetragen hat.\u00a0 Ja vielleicht h\u00e4tte er gar nicht zu diesem Punkt gelangen k\u00f6nnen ohne das, was ihn zuvor gepr\u00e4gt hat. Zugleich aber ist entscheidend Neues eingetroffen, was f\u00fcr immer nicht nur die Gegenwart und die Zukunft ver\u00e4ndert, sondern auch zur\u00fcckwirkt auf das, von dem er herkommt, so dass es in einem neuen Licht erscheint. Zuvor war er der Kinderlose, jetzt ist er der, der neues Leben geschenkt hat. Vorher war er der, der sich in das Heiligtum begab, um Gott zu dienen. Nun hat Gott ein Kind in seine H\u00e4nde gelegt und gesagt, dass dieses Kind die Ankunft Gottes selbst ank\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Zacharias ist wie nein Moses, der nach vierzig Jahren W\u00fcstenwanderung in das verhei\u00dfene Land gelangt. Er ist der Alte, der nicht nur das Neue erblickt, sondern mit dem Neuen im Arm dasteht. Und die W\u00fcste ist wie das Verstummen, das Zacharias wiederfahren ist. Ein Verstummen, ehe der Jubel ausbricht.<\/p>\n<p>Das Neue, von dem Zacharias singt, ist wie ein Wiedererklingen des Alten in einer neuen, verkl\u00e4rten Form. Ein Gott, der nicht gefesselt ist an die Gebote und Vorschriften, denen Zacharias sein ganzes Leben gedient und nach denen er gelebt hat. Es ist vielmehr ein Gott so lebendig wie zwei Kinderaugen, die einen anschauen. Ein Gott, von dem Liebe ausstr\u00f6mt.<\/p>\n<p>Als alter Mensch wei\u00df Zacharias etwas von Verlusten, nun wei\u00df er auch etwas von Geburten. Und Johannes ist zwar sein Junge, aber das Neue reicht weiter als zu ihm selbst und weiter als zu dieser Geburt. Zacharias singt also von der Barmherzigkeit Gottes und dem Licht aus der H\u00f6he. Von dem, was gut begonnen hat und dem, was vollendet werden wird. Es kann gut sein, dass die Sinne geschw\u00e4cht sind, aber die innere Einsicht hat sich eingefunden.<\/p>\n<p>Und eben dies ist ein Anfang. Noch eine Geburt ist zu erwarten. Sie steht nun nahe bevor. Bald werden die Glocken l\u00e4uten und ein himmlischer Lobgesang wird erklingen. Der Lobgesang des Zacharias erweist sich als Auftakt dazu. Denn direkt nach diesem Lobgesang beginnt Lukas im Ernst sein Evangelium. \u201eEs begab sich aber zu der Zeit\u201c, schreibt er, und alte Leute, die diese Erz\u00e4hlung schon fr\u00fcher geh\u00f6rt haben, wissen, dass dies der Anfang der Erz\u00e4hlung vom Kommen Gottes ist. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dritter Advent | 12.12.21 | Lukas 1,67-80 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen | Die Zeit ist vorbei, in der Kinder erwartet werden. Vorbei die Zeit des Anfangs, wo die M\u00f6glichkeiten noch vor einem liegen und wo die Lebensbahn noch eine unerforschte Landschaft ist. Elisabeth und Zacharias sind alt. Wir begegnen ihnen im Lukasevangelium. 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