{"id":6435,"date":"2021-12-15T10:39:00","date_gmt":"2021-12-15T09:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6435"},"modified":"2021-12-16T10:41:47","modified_gmt":"2021-12-16T09:41:47","slug":"6435-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/6435-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Johannes 1,19-28"},"content":{"rendered":"<h3>Vierter Advent 2021 | Johannes 1,19-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Rasmus N\u00f8jgaard |<\/h3>\n<p>Verwandlung<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt nicht viel Phantasie dazu, sich Johannes in der W\u00fcste vorzustellen. Keiner stellt das so dramatisch dar wie der Evangelist Johannes, ganz so wie die Geburt Jesu bei Lukas dramatisch inszeniert ist.<\/p>\n<p>Hier steht mit anderen Worten etwas auf dem Spiel. Die Adventszeit ist die Zeit der Verwandlungen. Daran erinnern uns auch die Propheten:<\/p>\n<p>Die Ruinen Jerusalems jubeln, die W\u00fcste bl\u00fcht, die ganze weite Welt soll erl\u00f6st werden!<\/p>\n<p>Hier beim Evangelisten Johannes hat das Wort alles geschaffen. Das Wort, das im Anfang war und durch das alles geworden ist und durch das die Sch\u00f6pfung schon bei Gott war. Wir merken hier beim Evangelisten Johannes, dass Johannes der T\u00e4ufer das wei\u00df. Er wei\u00df, dass Jesus das Wort ist. Er ist die Erf\u00fcllung aller Erwartungen, und wir leben nun wirklich in der Zeit der Erwartungen. Advent, die Zeit, die das Kommen des Herrn feiert.<\/p>\n<p>Keine andere Zeit des Jahres ist so getragen von Erwartungen wie diese Adventszeit. Ernsthafte Erwartungen, kindliche Erwartungen. Das ist die Zeit der Hoffnung. Wir sp\u00fcren das in der Finsternis, die sich wie ein Kissen \u00fcber uns gelegt hat und die nur darauf wartet, dass ein Spalt das Licht durchbrechen l\u00e4sst.\u00a0 Wir \u00fcben uns und z\u00fcnden Licht an, ungeduldig decken wir den Tisch und machen ihn festlich, wir feiern zur Unzeit die R\u00fcckkehr des Lichts, noch ehe es an der Zeit ist. Weil wir die Geschichte kennen und es wie der T\u00e4ufer schon wussten, wissen auch wir, dass die Zeit der Drangsal bald vorbei ist. Dieses Bewusstsein muss seine eigene Ahnung von seinem Schicksal ertr\u00e4glich machen, und das machte die Untat des Herodes, als er Johannes enthaupten lie\u00df, zu einer Erinnerung daran, dass es nichts n\u00fctzt, den Boten umzubringen. Die Botschaft ist schon in der Welt und hat sich befreit. Das wusste Johannes. Das Wort war schon helllebendig, es wird das Joch des Sklavenf\u00fcrsten brechen und die Finsternis verdr\u00e4ngen, die Johannes und alle Zeiten vor ihm umschlossen hatte. Aber er wusste, dass er es vollbracht hatte. So wie auch wir es merken, wenn wir das tun, was wir sollen, auch wenn eine ganze Welt gegen uns ist. Johannes bringt das Licht, und er macht uns allen die Hoffnung, dass die Welt durch eine gr\u00f6\u00dfere Kraft verwandelt werden wird, als sie selbst besitzt.<\/p>\n<p>Zusammen mit Johannes k\u00f6nnen wir jeder ruhig und \u00fcberzeugt sagen: Ich bin kein Prophet, ich bin kein Messias, ich bin nicht Christus, ich bin nicht Gott. Aber ich bin sein Bote.<\/p>\n<p>Auch wenn wir nicht Elias oder Moses sind, zeugen wir von Gott durch das Leben, das wir leben. Denn wir teilen schon Leben und Schicksal mit Gott. Wir sind getauft und schon eins mit Christus, wir sind Kinder und Erben Gottes. Nicht allein getauft mit Wasser, sondern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir geh\u00f6ren zusammen, teilen Leib und Geist. Erl\u00f6ste und anerkannte Kinder Gottes!<\/p>\n<p>Wir haben die Pflicht, dieses Erbe Jesu Christi weiterzugeben. Das tun wir ungeduldig in dieser Adventszeit, wenn wir Licht im Adventskranz anz\u00fcnden, das Haus schm\u00fccken, backen und das Haus und die Stra\u00dfen mit Tannenzweigen, Papiergirlanden und Weihnachtslichtern f\u00fcllen. Wir k\u00f6nnen es gar nicht sein lassen mit allen m\u00f6glichen Sp\u00e4\u00dfen und Spielen, die den ganzen Monat in eine gem\u00fctsvolle und erwartungsfrohe Zeit mit Heinzelm\u00e4nnchen, Weihnachtsm\u00e4nnern, Weihnachtskalendern, Geschenken und Weihnachtsm\u00e4rkten verwandeln.<\/p>\n<p>Ob wir es wussten oder nicht, diese Adventszeit verdient das lebendige Wort davon, dass wir uns in Erinnerung rufen: Das H\u00f6chste kam zum Niedrigsten, das Geringste erwies sich als das Gr\u00f6\u00dfte, Himmel und Erde stehen in einem unverbr\u00fcchlichen Verh\u00e4ltnis zueinander. Unser Leben selbst kann allein auf das verweisen, was gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst.<\/p>\n<p>Wir kennen die Verzweiflung im Ruf des Johannes in der W\u00fcste: \u201aBahnt dem Herrn einen Weg\u2018. Er kann die Dinge nicht selbst realisieren. Das k\u00f6nnen wir auch nicht. Das ist das eigentliche Geheimnis des Christentums \u2013 und die wahre Befreiung des Glaubens, dass wir nur auf Gott verweisen k\u00f6nnen, aber dass Gott dann umgekehrt uns entgegenkommt und uns befreit hat von jedem Irrtum dar\u00fcber, dass wir selbst die Welt erl\u00f6sen k\u00f6nnen. Das kann nur Christus. Dies ist das Wunder, das wir ahnen. Dass Er es kann. Wir k\u00f6nnen das Licht nicht aus dem Boden stampfen oder die Antwort des Himmels entschl\u00fcsseln, aber wir k\u00f6nnen auf sein Wort h\u00f6ren, das uns Befreiung verhei\u00dft, wenn wir es nur vertrauensvoll annehmen. Unser Leben hat die evangelische Aufgabe, ein lebendiges Zeugnis von der lebendigen Sch\u00f6pferkraft zu sein, die das Wort noch immer in der Welt ist. \u201aFackeln mit Freude tragen\u2018<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, das k\u00f6nnen wir, und das tun wir. Unser Leben bahnt den Weg f\u00fcr einen Glauben daran, die Liebe Gottes erfahren zu haben. Gott ist nicht mehr unbekannt, sondern bekannt und geglaubt.<\/p>\n<p>In Lampedusa\u2019s Roman <em>Der Leopard <\/em>sagt der Prinz von Salina: \u201aAlles muss niedergerissen werden, damit alles dasselbe bleiben kann\u2018. Advent ist der Widerspruch gegen diese Prophetie vom Untergang, diesem Mythos vom Vogel Ph\u00f6nix, der erst verbrennen muss, um sich wieder aus der Asche zu erheben. Johannes der T\u00e4ufer ruft uns zur Umkehr, zum Umdenken, dass wir zur Ruhe kommen, ehe wir verbrennen. Der Evangelist Johannes erz\u00e4hlt uns von der W\u00fcste, in der wir schon leben. Von den N\u00f6ten, die wir schon erleben. Von dem Krieg und Unfrieden, die schon herrschen. Von den Krankheiten und den Vira, die das Leben schon verpesten. Und mitten in dieser leeren W\u00fcste mit bei\u00dfendem Frost und sengender Hitze bl\u00e4st pl\u00f6tzlich ein frischer Wind, und der Regen s\u00e4ttigt die Erde, so dass alles zum Leben erwacht. \u201aBl\u00fchen wie ein Rosenhag, wird die W\u00fcste wieder\u2018.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die Verwandlung geschieht in dem Leben, das wir leben, und dieses Leben wird nie mehr dasselbe sein. Advent ist die Zeit der Verwandlung, die Zeit der Vorbereitung, die Zeit der Ahnungen: \u201aDoch wir tragen fackeln mit Freude\u2018, und wir singen von der Hoffnung.<\/p>\n<p>Die Verwandlung ist im Gange.\u00a0 Gottes Wort ist schon in der Welt. Es ist nicht Tag des Gerichts, sondern der Verwandlung. Die Verwandlung geschieht durch das Wort. Das Wort verwandelt. Es kommt zu uns als ein Klang, als all das, was vor unseren Augen geschieht, als Duft und Geschmack. Das Wort kennt keine Grenzen, es ist Leib und Geist zugleich. Fr\u00fcher sagte man, die Liebe sitzt im Herzen, aber es erfordert ein Gehirn, das L\u00e4cheln umzusetzen und zu sp\u00fcren, dass die Gef\u00fchle ein Schauern und ein Prickeln auf der Haut bewirken. Sitzt die Liebe dann im Gehirn? Freundlichkeit, F\u00fcrsorge, Aufmerksamkeit, Offenheit, Nachgiebigkeit und alle die anderen Kennzeichen der Liebe kommen durch die Sinne und werden mit Mund, Augen, Haut und dem ganzen K\u00f6rper erfahren, und sie geh\u00f6ren unl\u00f6sbar zusammen mit dem\u00a0 Gehirn, nicht getrennt, sondern verwoben.<\/p>\n<p>Wir sind Fleisch und Geist. Wie Gott selbst. Die Welt, an der wir teilhaben, ist Gottes Wirklichkeit. Unsere Art in der Welt zu ein als Leib und Geist entscheidet dar\u00fcber, ob die Welt vergeht oder ob sie erbl\u00fcht, ob sie stirbt oder lebt. Wenn das Wort Gottes seinen freien Lauf in der Welt hat, kommt das Licht, und der Frost verschwindet.<\/p>\n<p>An all das erinnert uns der Advent. Dass das Wort Gottes Gabe ist f\u00fcr jeden, der es h\u00f6ren und annehmen will. Ein Wort so kraftvoll, dass es Steine in Brot verwandeln kann, Wasser in Wein \u2013 und von den Toten auferwecken kann:<\/p>\n<p>Bl\u00fchen wir ein Rosenhag<\/p>\n<p>Wird die W\u00fcste wieder,<\/p>\n<p>bl\u00fch\u2019n in einem Jubeljahr<\/p>\n<p>voller Vogellieder,<\/p>\n<p>neigen sich dem Strahlentanz<\/p>\n<p>Libanons und Karmels Glanz,<\/p>\n<p>Sarons Lieblichkeiten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pastor Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p>DK-2100 K\u00f8benhavn \u00d8<\/p>\n<p>Email: rn(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Lied Nr. 733 im d\u00e4nischen Gesangbuch<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Lied Nr. 78 im d\u00e4nischen Gesangbuch.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> D\u00e4nisches Gesangbuch Nr. 79, \u00dcbersetzung Deutsch-d\u00e4nisches Kirchengesangbuch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierter Advent 2021 | Johannes 1,19-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Rasmus N\u00f8jgaard | Verwandlung Es geh\u00f6rt nicht viel Phantasie dazu, sich Johannes in der W\u00fcste vorzustellen. 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