{"id":6514,"date":"2021-12-23T11:55:00","date_gmt":"2021-12-23T10:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6514"},"modified":"2021-12-30T11:09:52","modified_gmt":"2021-12-30T10:09:52","slug":"micha-51-3-4a-und-lk-2-1-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/micha-51-3-4a-und-lk-2-1-20\/","title":{"rendered":"Micha 5,1.3-4a und Lukas 2, 1-20"},"content":{"rendered":"<h3>Window(s) of opportunity | Micha 5,1.3-4a und Lk. 2, 1-20 | Christvesper | 24.12.2021 | verfasst von Thomas Schlag |<\/h3>\n<p>Liebe Heiligabend-Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c \u2013 danach fragen auch in der diesj\u00e4hrigen Weihnachtszeit aktuell wieder die gro\u00dfen weltlichen Bl\u00e4tter und Magazine.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Und dann geben Expertinnen und Experten, Prominente und Personen des \u00f6ffentlichen Lebens ihre Einsch\u00e4tzungen preis. Und es erhebt sich eine h\u00f6chst vielf\u00e4ltige Heerschar unterschiedlichster verk\u00fcndigter Meinungen und Orientierungsabsichten.<\/p>\n<p>Es scheint, als ob die Weihnachtzeit verl\u00e4sslich jedes Jahr immer wieder die wesentlichen Fragen des Lebens und vollmundige Antworten besonders deutlich ans Tageslicht hebt.<\/p>\n<p>Die adventlichen Tage auf Weihnachten funktionieren offenkundig wie ein Teilchenbeschleuniger: Alle offenen Fragen, die einen das ganze Jahr \u00fcber umtreiben, werden mit besonderer Energie nochmals angesto\u00dfen, als ein besonderer Lichtpunkt geb\u00fcndelt und zum Vorschein gebracht.<\/p>\n<p>Jetzt ist offenbar wieder einmal die Zeit gekommen, sich auf das Wesentliche zu besinnen: \u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c Die Weihnachtszeit entfaltet sich als besondere Gelegenheit f\u00fcr stimmige Antworten auf dr\u00e4ngende Lebensfragen.<\/p>\n<p>Im politischen oder wirtschaftlichen Bereich w\u00fcrde man hier wohl von einem \u201ewindow of opportunity\u201c sprechen \u2013 einem \u201eFenster der Gelegenheit\u201c. Demzufolge ist dann die L\u00f6sung f\u00fcr ein bestimmtes Problem m\u00f6glich, weil einen konkreten Moment lang die Bedingungen daf\u00fcr besonders gut sind. So etwa, wenn in der Verhandlung eines Konfliktes f\u00fcr einen \u00fcberraschenden Moment Vertrauen unter den Parteien entsteht. Oder wenn pl\u00f6tzlich einer auf den anderen zugeht \u2013 und dann sogar zu mittern\u00e4chtlicher Stunde ein gemeinsames Selfie entstehen kann. Oder wenn sich pl\u00f6tzlich eine M\u00f6glichkeit auftut, jetzt anders, friedlicher, vers\u00f6hnlicher zu handeln, als es das Gegen\u00fcber rational gesehen jemals erwarten d\u00fcrfte. Also in etwa das, was man sich f\u00fcr viele aktuelle politische Konflikte sozusagen als Moment der Erleuchtung w\u00fcnschen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Denn dann best\u00fcnde f\u00fcr einen Moment eine besondere Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Ansonsten k\u00f6nnte sich dieses Fenster alsbald schon wieder schlie\u00dfen bzw. von einer Seite zugehauen oder gar zerst\u00f6rt werden. Und damit w\u00e4re die besondere Chance dann wom\u00f6glich ein f\u00fcr alle Mal vertan.<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet die Weihnachtszeit ein solches Fenster der Gelegenheit? Um sich zu besinnen, nach Sinn zu fragen, \u00dcberraschendes zu entdecken? \u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c<\/p>\n<p>Ist das nun die besondere Zeit, in der etwas aufleuchten kann, was ansonsten das Jahr hindurch eher verborgen und dunkel ist?<\/p>\n<p>Dass wir gerade in diesem Jahr allergr\u00f6\u00dfte Existenzfragen haben, muss nicht eigens erw\u00e4hnt werden. Und dass uns vieles von dem weit \u00fcber die Weihnachtszeit hinaus umtreiben und besch\u00e4ftigen und sorgen wird, ist schon jetzt leidvoll absehbar. Wir befinden uns inmitten eines geradezu babylonischen Stimmengewirrs aus politischen Absichten, rechtlichen Ma\u00dfnahmen und h\u00f6chst unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen dessen, was nun wirklich Sinn macht. Es geht ganz dramatisch um nicht weniger als die Frage nach Leben und Tod.<\/p>\n<p>Und so verwundert es kaum, wie massiv und unvers\u00f6hnlich Meinung auf Meinung, Haltung auf Haltung trifft. Das Eis gesellschaftlicher Gemeinsamkeit scheint d\u00fcnn geworden zu sein und die Spaltungen sind so tiefgreifend wie lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Wenn man der Publizistin Carolin Emcke folgt, dann ist jetzt tats\u00e4chlich auch die Zeit, in der sich die Demokratie in besonderer Weise zu bew\u00e4hren hat. Dies bedeutet ihr zufolge auch, um so deutlicher zu machen, wo die antidemokratischen gesellschaftsfeindlichen Kr\u00e4fte sind. Oder wie sie sagt: \u201eEine demokratische Gesellschaft braucht die F\u00e4higkeit zu spalten \u2013 sie muss unverhandelbare Grenzen markieren k\u00f6nnen, sie muss rationale Standards aus Gr\u00fcnden und Argumenten verlangen k\u00f6nnen. Sonst l\u00e4sst sie diejenigen allein, die an sie glauben und die ihren Schutz brauchen.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Vielleicht kein Wunder, dass diese Intervention und Inspiration ebenfalls kurz vor Weihnachten erscheint. Und so sei nochmals gefragt: \u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c<\/p>\n<p>Die Weihnachtszeit wirft diese Fragen in ganz eigener Dynamik auf. Und sie verbinden sich eng mit dem, was uns inmitten dieser Krise gerade so intensiv und schmerzhaft und in dunkler Ahnung umtreibt und manchmal auch umwirft. \u00d6ffnet sich also am Heiligen Abend ein solches \u201eFenster der Gelegenheit\u201c, um sich zu besinnen, nach Sinn zu fragen, \u00dcberraschendes zu entdecken, sich friedlich zu vers\u00f6hnen?<\/p>\n<p>Am heutigen Abend interveniert und inspiriert jedenfalls nicht nur die engagierte Publizistin, sondern auch ein h\u00f6chst spannender biblischer \u00dcberraschungstext des Propheten Micha:<\/p>\n<p>Diesen Micha kennt man von seiner geradezu vision\u00e4ren Friedensforderung her, \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c zu machen. Mitten in eigenen h\u00f6chst dramatischen politischen Zeiten hatte der Prophet vision\u00e4r formuliert: \u201eKein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Man hat das stilisierte Motiv vor Augen, in dem ein Schmid mit schwerem Hammerschlag ein scharfes Schwert zum Pflug umwandelt. Als Aufn\u00e4her aus Stoff wurde dieses Bild zu einem der zentralen Symbole der Friedensbewegung, aber auch des demokratischen Aufbruchs in der DDR in den 1980er Jahren. Wer sich mit diesem Symbol zeigte, musste mit gr\u00f6\u00dften Nachteilen f\u00fcr das eigene Leben rechnen.<\/p>\n<p>Und nun h\u00f6ren wir am heutigen Heiligabend ein weiteres Wort von Micha, das unmittelbar mit dieser Friedensvision zu tun hat. Und dabei k\u00fcndigt der Prophet ganz weihnachtlich den Ort und die Gestalt an, an dem und durch den alles neu werden soll:<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><em>1 Und du, Betlehem, die du klein bist unter den tausenden Orten von Juda: Aus dir wird er hervorgehen, um Herrscher zu sein \u00fcber Israel. Seine Urspr\u00fcnge liegen in der Vorzeit, von Ewigkeit her. 3 Und er wird auftreten. Und mit der Kraft des Herrn wird er alle Israeliten weiden, mit der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen. Und nun wird er gro\u00df sein bis an die Enden der Erde. 4 Und mit ihm wird der Friede kommen.<\/em><\/p>\n<p>Dem politisch sensiblen und aufgekl\u00e4rte H\u00f6rer str\u00e4uben sich hier eigentlich die Nackenhaare. Denn angek\u00fcndigt wird auf den ersten Blick die enorme Gestalt eines neuen Herrschers. Die totale \u00dcberh\u00f6hung deutet sich scheinbar noch st\u00e4rker durch dessen Herkunft und \u201eHeilsvision einer neuen Herrschergestalt\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> an. Dieser habe, wie Micha beschreibt, l\u00e4ngst vor aller Zeit schon gelebt und werde auf Ewigkeit hin und bis an die Enden der Erde herrschen. Eine solche allumfassende Heilsvorstellung wirkt durchaus befremdlich.<\/p>\n<p>Und doch gilt es genauer hinzusehen: Und dann zeigt sich: Dieses Prophetenwort kommt nicht mit dem Bild eines vollm\u00e4chtigen Hammerschlags daher. Sondern im Gegenteil spannt sich ein weiter, friedlich gew\u00f6lbter Bogen aus: von der uralten ur-urspr\u00fcnglichen Friedenshoffnung Israels her auf die weihnachtliche Szenerie hin. Und zugleich hat die angek\u00fcndigte Hoheit gerade keine politische Legitimation, sondern erfolgt allein und ausschlie\u00dflich von Gott her.<\/p>\n<p>Damit sind wir am anderen Ende des weihnachtlichen, friedlich gew\u00f6lbten Bogens angekommen: Die Ank\u00fcndigung des \u00fcberm\u00e4chtigen Friedensherrschers passt \u00fcberraschend gut mit der weihnachtlichen Krippenszene zusammen. \u00dcber die Zeiten hinweg verbinden sich die gro\u00dfen Fragen und Hoffnungen der Menschen auf einen friedlichen Neuanfang miteinander.<\/p>\n<p>Und um es gleich einmal vorwegzunehmen: Gut, dass dabei die Verh\u00e4ltnisse und Dimensionen wieder menschlicher werden. Bekannterma\u00dfen beginnt diese Weihnachtsgeschichte ganz klein, \u00fcberhaupt nicht pomp\u00f6s, schon gar nicht in einer Hauptstadt oder an einem Zentralheiligtum.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Sondern am denkbar uninteressantesten l\u00e4ndlichen Ort in Bethlehem und unter denkbar widrigen Geburtsumst\u00e4nden \u2013 sozusagen als ein geburtliches Gef\u00fchlsgemisch.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir (Lk. 2, 1-9):<\/p>\n<p><em>1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt gesch\u00e4tzt w\u00fcrde. 2 Und diese Sch\u00e4tzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich sch\u00e4tzen lie\u00dfe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galil\u00e4a, aus der Stadt Nazareth, in das jud\u00e4ische Land zur Stadt Davids, die da hei\u00dft Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich sch\u00e4tzen lie\u00dfe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie geb\u00e4ren sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. 8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den H\u00fcrden, die h\u00fcteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie f\u00fcrchteten sich sehr. <\/em><\/p>\n<p>Die Weihnachtsgeschichte, die wir geh\u00f6rt haben, ist wie gesagt alles andere als pomp\u00f6s. Sie ist von h\u00f6chst bedr\u00e4ngender Natur: Da ist Flucht und Unterkunft auf den letzten Dr\u00fccker; da ist nicht Komfortzone, sondern Notbehausung. Und drau\u00dfen bei den Hirten auf dem Feld ist es stockdunkle Nacht, sicher eher unheimlich als heimelig.<\/p>\n<p>Diese eigenartig dramatische Nachtszene l\u00f6st sich auch keineswegs gleich in Wohlgefallen auf. Sondern sie wird erst einmal immer bedrohlicher. Kein Wunder, dass es \u2013 als der Engel zu den Hirten tritt und die Klarheit des Herrn leuchtete &#8211; hei\u00dft: \u201eUnd sie f\u00fcrchteten sich sehr\u201c. Von Antworten auf die gro\u00dfen Fragen ist erst einmal gar keine Rede und es herrscht erkennbar Desorientierung.<\/p>\n<p>Aber gerade in dieser Situation tut sich ganz \u00fcberraschend ein lichtvolles Fenster auf (Lk. 2, 10-15) \u2013 und so h\u00f6ren wir weiter:<\/p>\n<p><em>10 Und der Engel sprach zu ihnen: F\u00fcrchtet euch nicht! Siehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. 15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.<\/em><\/p>\n<p>Erkennbar \u00f6ffnet sich ein Fenster. Die unheimliche Nachtszene l\u00f6st sich zwar nicht auf. Aber nun sind alle gro\u00dfen Fragen energetisch beschleunigt. Das \u201eGegen\u00fcber von kleinen, unscheinbaren Urspr\u00fcngen und gro\u00dfer Wirkung\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> entfaltet seine besondere Dynamik. Nun findet das Suchen und Fragen im wahrsten Sinn ein Ziel, eine Richtung, eine erste Orientierung f\u00fcr das Weitergehen. Wir h\u00f6ren weiter (Lk. 2, 16-20):<\/p>\n<p><em>16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich \u00fcber die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott f\u00fcr alles, was sie geh\u00f6rt und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.<\/em><\/p>\n<p>Jetzt wird dem allgemeinen Stimmenwirrwarr und all dem Konflikthaften eine echte Gegenbotschaft entgegengestellt. Nun wird neues Licht auf die eigenen gro\u00dfen Fragen geworfen: \u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c. Und die dunkle Furcht der Hirten ver\u00e4ndert sich auf \u00fcberraschende Weise zum vollmundigen Loben. Das Fenster der Gelegenheit haben sie offenbar f\u00fcr sich weit aufgesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist damit f\u00fcr uns das eigene Denken und Handeln nicht erledigt. Im Gegenteil geht es mit dem Heiligen Abend sozusagen erst richtig los. Diese Weihnachtsgeschichte macht die Dinge erst einmal nicht einfacher. Und doch macht es erheblichen Sinn, sich sozusagen von Bethlehem aus neu zu orientieren:<\/p>\n<p>Um es einmal auf unsere gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nde \u201eherunterzubrechen\u201c: Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat angesichts der j\u00fcngsten Bedrohungen westlicher Demokratien in einem flammenden Pl\u00e4doyer \u201egegen die Tyrannei\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> formuliert, worauf es in diesen Zeiten ankommt:<\/p>\n<p>Angesichts der Lehren aus der europ\u00e4ischen Geschichte formuliert er h\u00f6chst bedeutsame Tugenden f\u00fcr die Zukunft: Drei der von ihm genannten (insgesamt zwanzig!) Lehren seien hier genannt:<\/p>\n<ol>\n<li>\u201eGlaube an die Wahrheit\u201c. Denn: \u201eDie Fakten preiszugeben hei\u00dft, die Freiheit preiszugeben. Wenn nichts wahr ist, dann kann niemand die Macht kritisieren, denn es gibt keine Grundlage, von der aus man Kritik \u00fcben k\u00f6nnte. Wenn nichts wahr ist, dann ist alles Spektakel.\u201c (56)<\/li>\n<li>\u201eFrage nach und \u00fcberpr\u00fcfe\u201c: Das bedeutet: \u201e\u00dcbernimm Verantwortung f\u00fcr das, was du mit anderen kommunizierst\u201c (64), denn: \u201eIm Zeitalter des Internets sind wir alle Publizisten, und jeder von uns tr\u00e4gt eine private Verantwortung f\u00fcr das Wahrheitsempfinden der \u00d6ffentlichkeit\u201c (71) und schlie\u00dflich:<\/li>\n<li>\u201eNimm Blickkontakt auf und unterhalte dich mit anderen\u201c: Und Snyder f\u00fchrt dazu aus: \u201eDas ist nicht nur eine Frage der H\u00f6flichkeit. Es geh\u00f6rt schlicht dazu, wenn man B\u00fcrger und verantwortungsvolles Mitglied einer Gesellschaft ist\u201c (75).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und zusammenfassend hei\u00dft es bei ihm dann \u00fcber die notwendige Grundhaltung: \u201eSei so mutig wie m\u00f6glich\u201c.<\/p>\n<p>Aus der h\u00f6chst widerst\u00e4ndigen Botschaft Snyders kann man je f\u00fcr sich folgern: Die gro\u00dfen Lebensfragen nach Sinn sind mutig durchzubuchstabieren. Wir selbst k\u00f6nnen zu \u201eLeuten werden\u201c, die \u201ef\u00fcr den Frieden durchl\u00e4ssig werden.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Das mag in den aktuellen komplexen Verh\u00e4ltnissen allzu unrealistisch und idealistisch erscheinen. Aber man stelle sich einmal vor, dass es dieses weihnachtliche Fenster der friedensstiftenden Gelegenheit \u201eauf alle Zeiten hin\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> nicht g\u00e4be. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit w\u00fcrde uns Wesentliches fehlen.<\/p>\n<p>Die weihnachtliche Friedensbotschaft bietet ganz eigene Lichtenergie f\u00fcr den je eigenen Energiehaushalt: Friede soll sein, Friede kann sein, Furcht darf an ihr Ende kommen, denn: <em>\u201eSiehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids, in Bethlehem\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Dies gilt es im wahrsten Sinn des Wortes f\u00fcr uns zu begreifen und zu ergreifen \u2013 gerade in diesen angstmachenden und konflikttr\u00e4chtigen Zeiten. Dann wird erkennbar, dass wir mitten in dieser Weihnachtsgeschichte selbst anwesend, pr\u00e4sent und gefragt sind: Mit unseren \u00c4ngsten, mit unserer Hoffnung auf Frieden, mit unseren Energien und mit allen unseren menschlichen M\u00f6glichkeiten, mit unserem Widerstand gegen Tyrannei und mit unserem Mut, friedlicher miteinander weiterzuleben.<\/p>\n<p>An diesem Heiligen Abend \u00f6ffnet sich ein Fenster \u2013 oder besser gesagt: Jetzt \u00f6ffnen sich viele Fenster: zu mir selbst, zum anderen, zu Gott hin, mitten in die Gesellschaft hinein. Weihnachtlich entsteht Raum daf\u00fcr, dass unsere gro\u00dfen Lebensfragen ein Ziel haben und Sinn machen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Denn Gott ist in Bethlehem klein und zugleich auf Erden m\u00e4chtig Mensch geworden.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Thomas Schlag<\/p>\n<p>Z\u00fcrich<\/p>\n<p>E-Mail: thomas.schlag@theol.uzh.ch<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Stern \u00abWas gibt uns noch Halt?\u00bb, vom 16.12.2021; \u00abLebenssinn: Das gro\u00dfe Warum\u00bb, ZEIT-Magazin vom 15.12.2021, NZZ (Streitgespr\u00e4ch zwischen Thomas Schlag und J\u00f6rg Stolz) vom 24.12.2021.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Carolin Emcke, Fanatiker sind\u2019s, SZ vom 18.12.2021.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> So lapidar wie zentral ist hier die Einsicht: \u201eMicha 5 ist kein Text, der von sich aus von der Geburt Jesu spricht. Er stammt aus der Zeit des babylonischen Exils. Sein Autor wusste nicht und konnte nicht wissen, was f\u00fcnfhundert Jahre sp\u00e4ter geschehen wird.\u201c, sowie im Sinn der historisch-hermeneutischen Einordnung: \u201eDie Wahrheit dieser Verhei\u00dfung liegt nicht darin, dass ihr Autor im 6. Jahrhundert v. Chr. richtig geraten hat, was ein halbes Jahrtausend sp\u00e4ter geschehen w\u00fcrde, sondern darin, dass sie sich als so stimmig erwies, dass man sie im Nachhinein auf Jesus Christus bezog, den von der Urgemeinde verk\u00fcndigten Messias, den man in der Tradition Davids sah, der aus dem kleinen Dorf Bethlehem stammte und der der j\u00fcngste unter seinen Br\u00fcdern war\u201c, Konrad Schmid, Das Geheimnis der Nacht, Predigtstudien f\u00fcr das Kirchenjahr 2021\/2022, Perikopenreihe IV \u2013 Erster Halbband, Freiburg i.Br. 2021, 40.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Robert Oberforcher, Das Buch Micha. Stuttgart 1995, 106.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Insofern sammelt sich in der \u201eWahl des Ortes\u201c Bethlehem bei Micha zugleich seine Fundamentalkritik am sozial h\u00f6chst bedenklichen Zustand Jerusalems und seiner Eliten, vgl. Helmut Utzschneider, Michas Reise in die Zeit. Studien zum Drama als Genre der prophetischen Literatur des Alten Testaments, Stuttgart 1999; wer sich rasch einen ganz anderen \u00dcberblich \u00fcber das Micha-Buch verschaffen bzw. dieses z.B. mit Jugendlichen bedenken will, sei verwiesen auf die frei verf\u00fcgbare Videoproduktion im Rahmen von \u201ehttps:\/\/dasbibelprojekt.visiomedia.org\/\u201c, zu Micha: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=M4xHtQQ4vik<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Andrea Bieler, Gemische Gef\u00fchle. Praktisch-theologische Erkundungen, in: ThZ 74\/2 (2018), 137-155.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Konrad Schmid, Das Geheimnis der Nacht, Predigtstudien f\u00fcr das Kirchenjahr 2021\/2022, Perikopenreihe IV &#8211; Erster Halbband, Freiburg i.Br. 2021, der hier zugleich von einer \u00abStatusinversion\u00bb spricht, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Christentum nicht wie \u00abwie jeder Herrscher- oder Kaiserkult\u00bb untergegangen ist, 39.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Timothy Snyder: \u00dcber Tyrannei. Zwanzig Lehren f\u00fcr den Widerstand, M\u00fcnchen 2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. Ralph Kunz, Gro\u00dfer Gott f\u00fcr kleine Leute, in: G\u00f6ttinger Predigtmediationen 110 (2021\/11), 45.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Im Rekurs auf das \u201eZeitgemisch\u201c als charakteristischem Merkmal der &#8222;prophetischen Dramaturgie\u201c schreibt R. Kunz im Blick auf den liturgischen Anlass der Christvesper sehr sch\u00f6n: \u201ewenn es im Kirchenjahr einen Kairos gibt f\u00fcr Eschatologie, dann ist es die Christvesper.\u201c und er f\u00e4hrt fort: \u201eDie Christvesper ist erf\u00fcllte Prophetie \u2013 und bleibt doch offen\u201c, Gro\u00dfer Gott f\u00fcr kleine Leute, in: G\u00f6ttinger Predigtmediationen 110 (2021\/11), 50f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> In sch\u00f6ner Erweiterung zur Idee eines weihnachtlichen Resonanzraums schreibt dazu Wilhelm Gr\u00e4b: \u00abEs will ein Resonanzraum entstehen, in dem die Gemeinde, die so zahlreich und zugleich so verschieden ist wie in keinem anderen Gottesdienst, sich wieder- und zurechtfinden kann. Wozu dann die Predigt vor allem beitragen kann, das ist der Vorgang, durch den wir selbst, ein jeder, eine jede auf eigene Weise in das, was da im kleinen Bethlehem auf welt\u00adbewegende Weise geschehen ist, einbezogen werden \u2013 im gl\u00fccklichsten Fall dergestalt, dass wir schlie\u00dflich, innerlich bewegt, nachsprechen und mitsingen: \u00bbIch steh an deiner Krippen hier, o, Jesu, du mein Leben &#8230; \u00ab (EG 37,1), Das Geheimnis der Nacht, Predigtstudien f\u00fcr das Kirchenjahr 2021\/2022, Perikopenreihe IV \u2013 Erster Halbband, Freiburg i.Br. 2021, 40.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Window(s) of opportunity | Micha 5,1.3-4a und Lk. 2, 1-20 | Christvesper | 24.12.2021 | verfasst von Thomas Schlag | Liebe Heiligabend-Gemeinde, \u201eWas gibt mir Halt?\u201c, \u201eWas ist der Sinn?\u201c, Was soll das alles bedeuten?\u201c, \u201eBraucht es den christlichen Glauben noch?\u201c \u2013 danach fragen auch in der diesj\u00e4hrigen Weihnachtszeit aktuell wieder die gro\u00dfen weltlichen Bl\u00e4tter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6456,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,30,122,1,2,157,120,545,114,121,636,827,349,3,109,642],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-6514","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-micha","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-christvesper","category-deut","category-festtage","category-kapitel-02-chapter-02-lukas","category-kapitel-05-chapter-05-micha","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-thomas-schlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6514"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6621,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6514\/revisions\/6621"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6456"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6514"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=6514"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=6514"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=6514"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=6514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}