{"id":6618,"date":"2021-12-30T10:45:04","date_gmt":"2021-12-30T09:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6618"},"modified":"2021-12-30T11:06:28","modified_gmt":"2021-12-30T10:06:28","slug":"jesaja-4913-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-4913-16\/","title":{"rendered":"Jesaja 49,13\u201316"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c | 1. So. nach Christfest | 2. 1. 2022 | Predigt zu Jesaja 49,13\u201316.\u00a0 | verfasst von Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p><strong>Predigttext <\/strong><\/p>\n<p>\u201e13 Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!<\/p>\n<p>Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!<\/p>\n<p>Denn der HERR hat sein Volk getr\u00f6stet<\/p>\n<p>und erbarmt sich seiner Elenden.<\/p>\n<p>14 Zion aber sprach:<\/p>\n<p>Der HERR hat mich verlassen,<\/p>\n<p>der Herr hat meiner vergessen.<\/p>\n<p>15 Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen,<\/p>\n<p>dass sie sich nicht erbarme \u00fcber den Sohn ihres Leibes?<\/p>\n<p>Und ob sie seiner verg\u00e4\u00dfe,<\/p>\n<p>so will ich doch deiner nicht vergessen.<\/p>\n<p>16 Siehe,<\/p>\n<p>in die H\u00e4nde habe ich dich gezeichnet;<\/p>\n<p>deine Mauern sind immerdar vor mir.\u201c (Jesaja 49,13-16)<\/p>\n<p><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bittere Nachrichten aus unseren Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie uns zun\u00e4chst auf Alltagserfahrungen achten, die sich mit dem Predigttext verbinden lassen. \u201eK\u00f6nnte eine Mutter ihr Kleinkind vergessen?\u201c Das ist im Predigttext eine rhetorische Frage. Selbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen. So stellen wir fest: Jesaja oder genauer Deutero-Jesaja, das wird noch erkl\u00e4rt, setzt Mutterliebe als Regelfall voraus.<\/p>\n<p>Bleiben wir einen Moment bei der Mutterliebe. Seit einigen Jahren findet man das Thema \u201ebereute Mutterschaft\u201c in den Medien. 2015 ver\u00f6ffentlichte die Soziologin Orna Donath dazu eine Studie. (Deutsch: Donath, Orna: #regretting motherhood. Wenn M\u00fctter bereuen, M\u00fcnchen: Knaus, [2016]) Die befragten Frauen gaben an, in ihrer Rolle als Mutter gefangen zu sein. Sie kamen zu einer scheinbar widerspr\u00fcchlichen Aussage: Sie liebten ihre Kinder, aber sie hassten es, Mutter zu sein. Manche h\u00e4tten die Mutterschaft schon in der Schwangerschaft bereut. Das schlie\u00dft einen Zusammenhang zwischen der Reue der Mutter und der Pers\u00f6nlichkeit des Kindes aus. Eine deutsche Umfrage kam zu einem \u00e4hnlichen Schluss wie die Gesellschaftswissenschaftlerin aus Israel. (https:\/\/yougov.de\/news\/2016\/07\/28\/ein-funftel-der-deutschen-eltern-bereut-die-eltern. Breit aufgegriffen, wie das Suchstichwort \u201ebereute Elternschaft\u201c zeigt. ) Hier wurden auch V\u00e4ter befragt. Jeweils 20 Prozent der V\u00e4ter und M\u00fctter bereuten ihre Elternschaft. Trotzdem gaben 95 Prozent an, dass sie ihre Kinder liebten. Das muss man erst einmal sacken lassen, obwohl solche Aussagen im Kern nicht neu sind. (Vgl. eine Generation fr\u00fcher Beck-Gernsheim, Elisabeth: Alles aus Liebe zum Kind, in: Beck, Ulrich\/Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt: Suhrkamp, 1990, S. 135-183. Hier werden auch Themen wie Kinderlosigkeit oder Abtreibung \u201eaus Liebe zum Kind\u201c beobachtet.)<\/p>\n<p>Dass Erzeuger ihre Kinder verlassen und deren Mutter mit dazu, \u2013 das kommt oft genug vor, ist aber offenbar keine Schlagzeile wert, weil M\u00e4nner halt so sind. Anders ist es, wenn M\u00fctter ihre Kinder verlassen oder kein Erbarmen mit ihnen kennen. Da ist die \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung gro\u00df. Man findet die Beispiele nicht nur in der Sensationspresse, sondern auch bei geachteten Nachrichtenanbietern. (Mir sind solche F\u00e4lle bei der britischen BBC begegnet, der ich f\u00fcr meinen internationalen Informationsbedarf folge. Der im Folgenden geschilderte Fall war der Anlass, mich um den Auftrag f\u00fcr diesen Predigtvorschlag zu bewerben.)<\/p>\n<p>Im Sommer 2021 wurde in S\u00fcdengland eine junge Erwachsene zu neun Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Sie war am 5. Dezember 2020 aufgebrochen, um ihren 18. Geburtstag zu feiern. Am 11. Dezember 2020 kam sie nach Hause zur\u00fcck. Dort fand sie ihr 20 Monate altes Kind \u2013 tot. Die Staatsanw\u00e4ltin rechnete vor Gericht vor, wie lange die junge Mutter nicht zuhause war: \u201eF\u00fcnf Tage, 21 Stunden und 58 Minuten\u201c. Dies habe die Auswertung der Video\u00fcberwachung des Hauses gezeigt. Die Angeklagte h\u00e4tte die Pflicht gehabt, f\u00fcr ihr Kind zu sorgen. Aber: [Zitat] sie \u201estellte selbsts\u00fcchtig ihr eigenes Bed\u00fcrfnis nach Party \u00fcber alles andere\u201c. Die Richterin sah es ebenso: [Zitat] \u201eEs ist schier unertr\u00e4glich, an das Leiden Ihrer Tochter in ihren letzten Lebenstagen zu denken, Leiden, das sie ertragen musste, damit Sie als unbeschwerter Teenager Ihren Geburtstag und die Geburtstage Ihrer Freunde feiern konnten.\u201c ([&#8230;] Mum left girl to die to party for 6 days, 6. August 2021, https:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-sussex-58102792<\/p>\n<p>Eine weitere Schock-Geschichte: The short life and death of a beloved toddler, 14. Dezember 2021, https:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-leeds-59599884 [&#8230;])<\/p>\n<p>Ich war schockiert, als ich den Artikel das erste Mal las. Die Berichterstattung war ausf\u00fchrlich. Dennoch hatte ich viele Fragen. Wo war eigentlich die Familie, die sp\u00e4ter ein Statement der Best\u00fcrzung ver\u00f6ffentlichte. Wo waren Nachbarn? Die h\u00e4tten doch etwas merken m\u00fcssen. Wo war die Sozialf\u00fcrsorge, die immerhin die \u00dcberpr\u00fcfung ihrer Routinen ank\u00fcndigte. Und f\u00fcr mich als Pfarrer stellte sich die Frage: Wo war Gott? Immerhin macht die BBC eines richtig. Sie weist routinem\u00e4\u00dfig darauf hin, dass man professionelle Hilfe suchen soll, wenn ein Artikel eigene Lebenserfahrung ber\u00fchrt. Gl\u00fccklicherweise haben wir auch in Deutschland ein Netz von Beratungsstellen. Wer selbst Vernachl\u00e4ssigung erlebt hat, findet dort jemanden zum Reden. Wer sich mit der Elternschaft \u00fcberfordert f\u00fchlt, m\u00f6ge dort Hilfe suchen.<\/p>\n<p>Ich habe mit einer schockierenden Geschichte aus den Medien begonnen, aber es geht mir nicht darum, mit dem Finger zu zeigen. Es geht darum, in welche Welt das Evangelium sprechen soll. Und es geht mir auch darum, dass christliche Verk\u00fcndigung nicht als Harmonieso\u00dfe erlebt wird. Niemand sollte in einem Gottesdienst sitzen und innerlich schreien, \u201edas ist doch alles ganz anders!\u201c. Wir mussten ja erkennen, dass Kinderheime nicht immer eine Zuflucht waren. Umso bitterer, dass das auch von kirchlichen H\u00e4usern gilt.<\/p>\n<p><strong>Gute Nachrichten f\u00fcr bittere Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c Schon als unser Predigttext das erste Mal sprechen sollte, musste sich die Botschaft gegen deprimierende Umst\u00e4nde behaupten. Wir befinden uns nach Auskunft der Wissenschaft in den 540er Jahren vor Christus. Wir sind nicht in Jerusalem, sondern in Babylonien. Man kennt das Gebiet heute als Irak. Wir sprechen von Jahrzehnten nach dem Untergang Jerusalems, nach dem Ende der Staatlichkeit Judas, nach Deportationen in ein anderes Land und Jahrzehnten der Konfrontation mit einer \u00fcberlegenen Kultur in Babylonien.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen schwerlich ermessen, welch tiefe Ersch\u00fctterung die Eroberung und Zerst\u00f6rung Jerusalems gewesen sein muss. Jerusalem, das war f\u00fcr die Menschen in Jerusalem, um Jerusalem und weit darum herum der Ort des einzigen rechtm\u00e4\u00dfigen Tempels des Gottesvolks und regelm\u00e4\u00dfiger Pilgerort. Es war auch der Sitz des K\u00f6nigs, von dem es in einer Einsetzungszeremonie hei\u00dft: \u201eDu bist mein Sohn, heute[, bei der Throneinsetzung,] habe ich[, Gott,] dich gezeugt. Bitte mich, so will ich dir V\u00f6lker zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum.\u201c (Psalm 2,7b-8) Nach 587 sind Stadt und Tempel zerst\u00f6rt. Das Zentrum der Religion und der politischen F\u00fchrung \u2013 ausradiert. [Das war in gewisser Hinsicht noch schlimmer als der Einschlag der Flugzeuge im New Yorker World Trade Center und im Pentagon von Washington, auch wenn die Attent\u00e4ter des 11. September symbolisch gut gew\u00e4hlt ein Wirtschafts- und ein Milit\u00e4rzentrum der USA angegriffen haben.]<\/p>\n<p>Jerusalem ist eine Tr\u00fcmmerst\u00e4tte, die Bev\u00f6lkerung in die Babylonische Gefangenschaft gef\u00fchrt. [Das ist mehr als der Untergang Berlins am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ja, die Hauptstadt Nazi-Deutschlands war eine Tr\u00fcmmerw\u00fcste. Ja, symboltr\u00e4chtig war die rote Fahne der Sowjetunion auf dem Reichstag gehisst worden. Aber wo w\u00e4re eine Nazi-Kultst\u00e4tte gewesen, zu der man pilgerte? Au\u00dferdem: In Berlin wurde weitergelebt. Nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ost-Teil der Stadt wieder als offizielle Hauptstadt ausgerufen. Gehen wir zur\u00fcck nach Babylonien.]<\/p>\n<p>Jahrzehnte der Babylonischen Gefangenschaft sind inzwischen vergangen. Die \u00e4lteren Generationen werden l\u00e4ngst in fremder Erde bestattet. Die j\u00fcngeren erinnern sich kaum noch an Jerusalem und die Umgebung. Und [f\u00fcr die Kinder ist es, wie wenn Gro\u00dfeltern Nachkriegsenkeln von Masuren oder dem Sudetenland erz\u00e4hlen. Die Heimat und Kultur der Vorfahren d\u00fcrften nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich Heimat gewesen sein.] Lag es f\u00fcr die in Babylonien geborenen Kinder und Kindeskinder nicht n\u00e4her, sich in der offensichtlich \u00fcberlegenen Welt Babyloniens einzugliedern?<\/p>\n<p>Weil es den Tempel nicht mehr gab, konnten nur noch Klagefeiern gehalten werden. In diese Stimmung einer offenkundigen Abwesenheit des Gottes Israels spricht unser Predigttext. \u201eZion sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.\u201c (Jesaja 49,14) Doch dagegen setzt der Prophet sein Gotteswort: \u201eJauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! [&#8230;] Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme \u00fcber den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner verg\u00e4\u00dfe, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die H\u00e4nde habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir. (Jesaja 49,13.15-16)<\/p>\n<p>Es spricht ein zweiter Jesaja, der weit nach der Gottesklage lebt, die heute das Jesaja-Buch er\u00f6ffnet: \u201eH\u00f6ret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet! Ich habe Kinder gro\u00dfgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen.\u201c Das klingt so \u00e4hnlich und ist doch verschieden. Zion klagt \u00fcber Gottverlassenheit, doch weit zuvor hat Gott dar\u00fcber geklagt, dass Zion ihn verlassen hat.<\/p>\n<p>Auch solche Zerw\u00fcrfnisse fallen in den Bereich unserer Lebenserfahrung. Es gibt S\u00f6hne und T\u00f6chter, die jeden Kontakt zu Vater oder Mutter abgebrochen haben. Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. \u00dcbrigens hat uns die Klage Gottes \u00fcber seine Verlassenheit Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe beschert. \u201eIch habe Kinder gro\u00dfgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen. Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt\u2019s nicht, und mein Volk versteht\u2019s nicht.\u201c (Jesaja 1,2-3)<\/p>\n<p>Das von verschiedenen Propheten angek\u00fcndigte Strafgericht f\u00fcr den Abfall von Gott ist zur Zeit des zweiten Jesaja l\u00e4ngst eingetroffen. Aber Deutero-Jesaja sieht Licht am Horizont, den Aufstieg des Perserk\u00f6nigs Kyros: \u201eSo spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich V\u00f6lker vor ihm unterwerfe und K\u00f6nigen das Schwert abg\u00fcrte [&#8230;]. Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserw\u00e4hlten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest.\u201c (Jesaja 45,1.4*)<\/p>\n<p>Deutero-Jesaja sieht in unserem Predigttext den Wiederaufbauplan f\u00fcr Jerusalem wortw\u00f6rtlich in der Hand Gottes. Dauerhaft eingezeichnet in die Handinnenfl\u00e4chen. Wir haben heutzutage \u00c4hnliches, wenn M\u00fctter die Namen ihrer Kinder als Tattoos auf dem Unterarm tragen. Und wir alle wissen: Tattoos lassen sich nicht spurlos beseitigen. Deutero-Jesaja hat Recht behalten: Kyros hat 539 Babylon eingenommen. Nachfahren der nach Babylonien Weggef\u00fchrten konnten sogar nach Jerusalem aussiedeln. Dort haben sie sich an den Wiederaufbau gemacht und um 517 mit dem Bau eines neuen Tempels begonnen.<\/p>\n<p><strong>Gute Nachricht f\u00fcr heute<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c Als unser Predigttext das erste Mal sprechen sollte, musste sich die Botschaft gegen die Umst\u00e4nde der Babylonischen Gefangenschaft behaupten. Aber Deutero-Jesaja hat mit seiner Verk\u00fcndigung wider den Augenschein recht behalten. Heute soll die Zusage ein weiteres Mal geh\u00f6rt werden, aber an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit.<\/p>\n<p>Der andere Ort ist der christliche Gottesdienst. Wir, die wir in der Regel nicht j\u00fcdischer Abstammung sind, suchen Anteil an den biblischen Verhei\u00dfungen. Jesus Christus ist nach dem Zeugnis des Neuen Testaments Erl\u00f6ser \u201ef\u00fcr Juden und Griechen\u201c und alle anderen V\u00f6lker. (Galater 3,28; Matth\u00e4us 28,18-20) Das ist eine Internationalisierung, die das Taufzeugnis wichtiger macht als P\u00e4sse, geschweige denn NS-Ahnenp\u00e4sse. Nachdem dem alttestamentlichen Text ansatzweise Gen\u00fcge getan ist, muss er jetzt in die Predigt von Jesus Christus eingebettet werden. Ich greife dazu auf ein \u201eGottesknechtslied\u201c zur\u00fcck, das wir ebenfalls im Trostbuch von der Erl\u00f6sung Israels finden, wie die Lutherbibel die Kapitel Jesaja 40-55 \u00fcberschreibt, die von der Wissenschaft Deutero-Jesaja genannt werden. Das zweite Neue ist unsere Zeit und unser Leben, in dem sich die Zusagen Gottes neu zu behaupten haben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Gottesknechtslied: \u201eEr hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen h\u00e4tte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn f\u00fcr nichts geachtet. F\u00fcrwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn f\u00fcr den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert w\u00e4re. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer S\u00fcnde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden h\u00e4tten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller S\u00fcnde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gef\u00fchrt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf [&#8230;]. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen.\u201c (Jesaja 53,2-7.10)<\/p>\n<p>Das klingt doch sehr nach der Passionsgeschichte. Und tats\u00e4chlich war Jesaja 53 eine Deutungshilfe f\u00fcr die ersten Christen. Sie standen vor der Not, das Unerkl\u00e4rliche zu verstehen. Der Verbrechertod Jesu am Kreuz schien seine Widerlegung gewesen zu sein. Auch durch Gott, denn verflucht ist, wer am Holze h\u00e4ngt. Doch Unerkl\u00e4rliches ist geschehen: Die Auferstehung als Best\u00e4tigung durch Gott. Also musste man dem Kreuz einen Sinn abringen. Der Naheliegendste: die Rede vom Opfer. Dass man Tiere opferte, um Gottheiten zu bes\u00e4nftigen oder ihr Wohlwollen zu erhalten, war in der Antike g\u00e4ngige Praxis. Der r\u00f6mische Schriftsteller Tacitus (ca. 58-120), der in der Zeit lebte, als das Neue Testament entstand, berichtet in der Germania davon, dass die Germanen sogar Menschenopfer brachten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Christen wurde Jesus zum letzten und einzigen Opfer. Paulus zitiert \u00e4ltere Glaubensformeln, wenn er schreibt: \u201eWir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unsrer S\u00fcnden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt.\u201c (R\u00f6mer 4,24b-25) Das ist noch ganz im antiken Schema von Schuld und Strafe gedacht und doch ge\u00f6ffnet, wenn von unserer Rechtfertigung und Heiligung als Projekt des neu erm\u00f6glichten Lebens gesprochen wird.<\/p>\n<p>Und damit sind wir bei Gottes Projekt mit uns. Gerne w\u00fcrden wir die Botschaft h\u00f6ren: \u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c Doch da leben wir m\u00f6glicherweise in einer mehrfachen Babylonischen Gefangenschaft, die uns das nicht glauben l\u00e4sst. Zwei Mauersteine unseres mentalen Gef\u00e4ngnisses m\u00f6chte ich nennen, und dabei von der schockierenden Medienmeldung des Anfangs ausgehen. Es sind die Fragen \u201eWie konnte Gott das zulassen?\u201c und \u201eWarum ich&#8230;\u201c, die uns auf der Misstrauensseite einmauern.<\/p>\n<p>Viele von uns tragen ein P\u00e4ckchen Lebenslast mit sich. Manche seit fr\u00fchester Kindheit. Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Deportation in der \u00e4ltesten Generation unserer Gemeinden. Verlust von Eltern, mangelnde Zuwendung in der Kindheit, Missbrauch in allen m\u00f6glichen Generationen. Wir k\u00f6nnen die Liste der Lebenslasten fortsetzen. Manche wurden uns ohne unser Zutun aufgeb\u00fcrdet; bei anderen m\u00fcsste man ehrlicherweise auch von eigenem Zutun sprechen. Manchmal ist professionelle Hilfe angeraten, nicht nur wegen der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Es geht auch darum, dass wir nicht allein im Vergangenen leben und Verhaltensmuster wiederholen, die sich damals eingebrannt haben, uns f\u00fcr die Zukunft aber nicht helfen. Gl\u00fccklicherweise haben wir auch in Deutschland ein Netz von Beratungsstellen. Da hat die BBC mit ihrem Hinweis unter Schockthemen recht. Wer selber Vernachl\u00e4ssigung erlebt hat, findet dort jemanden zum Reden. Wer sich selber mit der Elternschaft \u00fcberfordert f\u00fchlt, m\u00f6ge dort Hilfe suchen.<\/p>\n<p>Nehmen wir das Beispiel von der Wegf\u00fchrung ins Exil auf: Ich bin Menschen begegnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren haben, aber es in sp\u00e4teren Jahren verstanden, Heimat zu geben. Ich bin Menschen begegnet, die aus einem schweren Schicksal Vereine und Einrichtungen der Selbsthilfe gegr\u00fcndet haben. [In meiner Zeit als Gemeindepfarrer in Amberg h\u00e4tte ich als Lokalbezug die Lebenshilfe ansprechen k\u00f6nnen oder Armin Nentwigs Verein Sch\u00e4del-Hirn-Patienten in Not (https:\/\/www.schaedelhirnpatienten.de).] Das f\u00fcr mich beeindruckendste \u00f6ffentliche Zeugnis ist die Bj\u00f6rn-Steiger-Stiftung (https:\/\/www.steiger-stiftung.de), denn Bj\u00f6rn Steiger w\u00e4re so alt wie ich. 1969 wurde er angefahren. Obwohl die damalige Hilfskette sofort anlief, kam die Rettung zu sp\u00e4t. Das Kind starb nicht an Verletzungen, sondern am Schock. Die Eltern gr\u00fcndeten eine Stiftung, die die Notfallhilfe beschleunigen sollte. Sie stellte zum Beispiel die Notrufs\u00e4ulen auf, die wieder abgebaut werden, weil Smartphones inzwischen das Festnetz abl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Es geht darum, Traumatisierung zu transformieren. Der Glaube kann daf\u00fcr eine Kraftquelle sein. Und daf\u00fcr muss man dann wohl auch gelegentlich die biblische Verhei\u00dfung bei Gott einklagen: \u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer an N\u00fcrnberger Gymnasien t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSelbst wenn eine Mutter ihr Kleinkind vergessen w\u00fcrde: Gott will dich nicht vergessen.\u201c | 1. 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