{"id":6629,"date":"2021-12-30T09:36:08","date_gmt":"2021-12-30T08:36:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6629"},"modified":"2021-12-30T11:38:37","modified_gmt":"2021-12-30T10:38:37","slug":"matthaeus-65-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-65-13\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6,5-13"},"content":{"rendered":"<h3>Neujahrstag | Matth\u00e4us 6,5-13 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p><strong>Ein g\u00f6ttliches Inferno<\/strong><\/p>\n<p>Bis zu meinem 15. Jahr wurde Neujahr zu Hause gefeiert. Das war in den 60er Jahren, und zu diesem Zeitpunkt war der Hof der Gro\u00dfmutter in einer der Hochburgen der Erweckungsbewegung in Kib\u00e6k in Westj\u00fctland. Der Hof wurde von zwei unverheirateten S\u00f6hnen bewirtschaftet mit der Gro\u00dfmutter an der Spitze. Da waren Schweine, H\u00fchner, K\u00fche, K\u00e4lber, Tauben und L\u00e4mmer. Da war auch ein Pferd, es hie\u00df Ezechiel, benannt nach dem alttestamentlichen Propheten Hesekiel, der von Gott berufen war, um f\u00fcr das Volk zu verk\u00fcndigen. Einer Berufung kam Ezechiel am n\u00e4chsten, wenn er fra\u00df. Er fra\u00df wie ein Nilpferd, und wir Kinder liebten es, ihn zu f\u00fcttern. Der Hof bestand aus vier Geb\u00e4uden mit einem gro\u00dfen gepflasterten Hof. In der Mitte des Hofes befand sich ein Brunnen. Hier stand Ezechiel und trank Wasser. Aber nicht an dem Abend. Zu Neujahr packte Gro\u00dfmutter alle Tiere buchst\u00e4blich ein in Stroh, damit sie unversehrt ins neue Jahr kamen. Sie sollten auch merken, dass man sich ihrer annahm wie aller der anderen.<\/p>\n<p>Wir kamen um halb sechs an. Alle Vettern und Kusinen waren da, etwa 25 au\u00dfer den Erwachsenen. Nun sollte gefeiert werden. Wir Kinder waren voll dabei. Wir tauschten Neujahrsfeuerwerk, machten Pl\u00e4ne, wie wir die Erwachsenen erschrecken konnten, banden kleine Knallk\u00f6rper an die Dochte der Kerzen, die dann explodieren w\u00fcrden, wenn die Kerzen angez\u00fcndet wurden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend wollten wir hin\u00fcber zu den Nachbarn gehen und dessen Schubkarre an der Fahnenstange aufh\u00e4ngen. Das machten wir jedes Jahr. Der Bauer Jensen hatte deshalb Vorsorge getroffen und die Schubkarre vor uns versteckt. Indem er uns so indirekt aufforderte, kam er unserem Drang zu frechen Streichen entgegen und verhinderte dadurch, dass wir auf schlimmere Ideen kamen. Jensen war ein guter P\u00e4dagoge: Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist ratsam.<\/p>\n<p>Das Essen bestand aus Suppe mit Fleisch und Mehlkl\u00f6\u00dfen, die Klara, seit 45 Jahren Hausm\u00e4dchen f\u00fcr Gro\u00dfmutter, nach allen Regeln der Kunst zubereitet hatte. Klara wog hundert Kilo und war nicht sehr gro\u00df. Wenn sie an dem gro\u00dfen Topf stand mit einer blauen Sch\u00fcrze mit aufgekrempelten \u00c4rmeln und Schuppen in den grauen Haaren, erinnerte sie mich an Madam Mim, die alte Hexe, die Suppe aus Fledermausfl\u00fcgeln und Eulenspucke kocht. F\u00fcr mich war Klara eine Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit. Ihre Suppe schmeckte hervorragend, aber was den Geschmack ausmachte, das wei\u00df ich zum Gl\u00fcck nicht. Die Suppe wurde mit Zitronenwasser heruntergesp\u00fclt, denn Wein oder Bier durfte man nicht trinken.<\/p>\n<p>Alkohol, Spiel und Tanz gab es auf dem Hof von Gro\u00dfmutter nicht. Enthaltsamkeit war eine Tugend, und den schmalen Weg der Tugend durfte man nicht verlassen. Tat man das dennoch, wurde man nicht kritisiert, Gro\u00dfmutter fing nur an zu weinen und f\u00fcr einen zu beten. Wer konnte das ertragen? Dann doch lieber auf dem Pfad der Tugend bleiben.<\/p>\n<p>In der Stube war nicht Platz f\u00fcr alle, die Tische waren deshalb der Reihe nach aufgestellt und zogen sich wie in einem Labyrinth durch alle anliegenden Zimmer. Man trank Brause, w\u00e4hrend man die Suppe in sich schl\u00fcrfte, so dass die Backen und die Mundwinkel vor Fettperlen und Resten von Mehlkl\u00f6\u00dfen leuchteten. Trotz der Enthaltsamkeit war die Stimmung gut, Man kam kaum zu Worte. Alle reifen durcheinander. Manchmal konnte man aus den anliegenden Zimmern h\u00f6ren, wie zwei miteinander aus zwei R\u00e4umen diskutierten, die Gespr\u00e4che gingen quer durch alle Zimmer. Es konnte sein, dass einer der Lautesten eine Serpentine in den Hals bekam. Aber das machte nichts, sie fiel in die Suppe, w\u00e4hren die Worte weiter munter aus dem Mund str\u00f6mten. Man musste auch aufpassen, dass man nicht von einer Tischbombe getroffen wurde. Die Luft war voll von Konfetti. \u00dcberhaupt war das Essen ein gro\u00dfes l\u00e4rmendes Chaos. Nicht einmal das englische Parlament k\u00f6nnte da mithalten. H\u00e4tten die Beh\u00f6rden den Ger\u00e4uschpegel gemessen, sie h\u00e4tten das Fest aufgel\u00f6st und beendet.<\/p>\n<p>Schon um acht Uhr am Abend war der Hof hell erleuchtet von Neujahrsfeuerwerk, bis hin zu Mitternacht gebadet in Licht. Es erinnerte an die Szene aus der Offenbarung des Johannes, wo das neue Jerusalem aus dem Himmel herabkommt, in Rauch und Dampf. Alle waren ganz aufgedreht.<\/p>\n<p>An einer Ecke stand Peter. Er hatte Raketen zusammengebunden, so dass sie in je ihre Richtung flogen. Die in der N\u00e4he standen, warfen sich auf die Erde, um nicht getroffen zu werden. In der anderen Ecke stand Thomas. Er hatte einen der gro\u00dfen Bomben der Erwachsenen genommen und sie im Auspuff von Gro\u00dfmutters Moped angebracht \u2013 mit dem Ergebnis, dass der Auspuff einer gesprengten Trompete glich. Gro\u00dfmutter lachte laut und meinte, dass der Auspuff sich in eine Posaune verwandelt h\u00e4tte, und nun k\u00f6nne sie ja Gott beim Fahren preisen. Im Vergleich zu der Moral, die mit Spiel, Trinken und Tanz verbunden war, war dies eine Unmoral, die mit dem Neujahrsfeuerwerk zusammenhing. Hier waren keine Grenzen. Das galt auch f\u00fcr gesetzwidrige Mopeds und Autos.<\/p>\n<p>Zu Mitternacht versammelten sich alle mitten auf dem Platz um den Brunnen. Man konnte vor lauter Rauch kaum Luft kriegen. Hier bekamen alle Erwachsenen ein kleines Glas Portwein. Die einzige Flasche, die im Hause war und nur an diesem Abend hervorgeholt wurde, war oben auf dem Dachboden versteckt, nur Gro\u00dfmutter wusste wo. Feierlich prostete man sich zu. Gro\u00dfmutter las aus der Bibel. Dann beteten wir alle das Vaterunser.<\/p>\n<p>Das war spannend und unterhaltsam, vor allem weil das Vaterunser von Gro\u00dfmutter doppelt so lang war wie das, was wir anderen kannten. Kurz vor dem Amen begann Gro\u00dfmutter n\u00e4mlich all die zu erw\u00e4hnen, die Gott \u201ebeschirmen\u201c solle. Und das waren viele. Die ganze Familie, die Nachbarn, die Innere Mission, der Vorstand der Kartoffelz\u00fcchtervereins \u2013 alle namentlich genannt. Gro\u00dfmutter sagte u.a.:<\/p>\n<p>\u201eLieber Gott, beschirm Onkel Hans und Tante Dagny, Onkel Sigurd und Tante Inga und Aase \u2013 und Ezechiel, das Pferd also, und die Ente Didrik und alle K\u00fcken \u2013 gib ihnen heute ihr t\u00e4gliches Brot.\u201c Und sie fuhr fort: \u201eThomas, Peter, Lorenz und Jens \u2013 lasst euch nicht in Versuchung f\u00fchren\u201c \u2013 mit einer besonderen Ermahnung an Jens, den frechen Kerl.\u00a0 Und schlie\u00dflich: Jytte und Klara und Gerda, bewahre sie vor dem B\u00f6sen \u2013 au\u00dfer Jytte vielleicht\u201c.<\/p>\n<p>Zum Schluss sangen wir \u201eSei willkommen Jahr des Herrn\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Danach tanzten wir alle in einer langen Kette Hand in Hand um den Brunnen, drinnen im Haus um den Weihnachtsbaum, der in einer der Stuben stand, und dann hinaus durch die andere T\u00fcr zum Hof und dem Brunnen. Eine lange Kette von Kindern und Erwachsenen, jubelnd und froh. Als der Tanz beendet war, w\u00fcnschten wir einander ein richtig gutes Neues Jahr. Wir Kinder wurden ins Auto gepackt, uns es ging nach Hause.<\/p>\n<p>Nach meinem 15. Lebensjahr habe ich nie mehr Neujahr auf diesem Hoff gefeiert. Spiel, Trinken und Tanz hatten so langsam meine Neugier geweckt. Maine Eltern haben m\u00edch gelehrt, das alles in Ma\u00dfen zu genie\u00dfen, aber sie wollten nicht, dass ich mit Feuerwerk experimentierte oder ein ungesetzliches Moped fuhr. Meine Kindheit war offenbar vorbei. Neujahr war nicht mehr dasselbe. Sp\u00e4ter trank man viel Wein an diesem Abend, aber der Enthusiasmus wurde dadurch nicht gesteigert. Wir versuchtes es mit Champagner, aber das half nicht. Der Hof von Gro\u00dfmutter existiert nicht mehr. Gro\u00dfmutter ist vor vielen Jahren gestorben. Wie werden wohl meine eigenen Kinder ihren Neujahrsabend erleben, wenn sie einmal davon erz\u00e4hlen. Sollen sie ein Pferd haben, das Ezechiel hei\u00dft?<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Email: ankj(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> D\u00e4nisches Neujahrslied von Grundtvig, D\u00e4nisches Gesangbuch Nr.712.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahrstag | Matth\u00e4us 6,5-13 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig | Ein g\u00f6ttliches Inferno Bis zu meinem 15. Jahr wurde Neujahr zu Hause gefeiert. Das war in den 60er Jahren, und zu diesem Zeitpunkt war der Hof der Gro\u00dfmutter in einer der Hochburgen der Erweckungsbewegung in Kib\u00e6k in Westj\u00fctland. 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