{"id":6678,"date":"2022-01-05T16:27:36","date_gmt":"2022-01-05T15:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6678"},"modified":"2022-01-05T16:28:49","modified_gmt":"2022-01-05T15:28:49","slug":"predigt-zu-jesaja-421-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-jesaja-421-4\/","title":{"rendered":"Predigt zu Jesaja 42,1-4"},"content":{"rendered":"<h3>Bleibende Chancen <strong>| <\/strong>1. Sonntag nach Epiphanias | 09.01.2022 | Predigt zu Jesaja 42,1-4 | verfasst von Udo Schmitt |<\/h3>\n<p>Das Rohr<\/p>\n<p>Das Rohr, das pflanzliche Rohr, insbesondere das Bambusrohr hat fantastische Eigenschaften. Es ist leicht und dennoch sehr stabil und belastbar. Zugleich ist es flexibel und elastisch. Es hat beides: H\u00e4rte und Biegsamkeit, Kraft und Widerstandsf\u00e4higkeit. So k\u00f6nnten, so sollten auch wir sein. Zumindest ist dies in China, beim Kung-Fu ein Ideal: Fest stehen, mit beiden Beinen auf dem Boden, und zugleich im Oberk\u00f6rper beweglich und biegsam sein. So trotzt man jeder Anfechtung.<\/p>\n<p>Der Docht<\/p>\n<p>Ein Docht macht eine Kerze erst zu einer Kerze. Ohne Docht ist eine Kerze lediglich ein Klumpen Wachs und kann auch nicht brennen. Jedenfalls nicht so sch\u00f6n wie eine Kerze. Der Docht ist das Wichtige, die Mitte. So auch bei uns. Auch wir brauchen ein R\u00fcckgrat f\u00fcr unseren K\u00f6rper, einen roten Faden f\u00fcr unser Leben \u2013 einen Sinn, ein Gel\u00e4nder, eine Aufgabe. Denn so k\u00f6nnen auch wir Lichttr\u00e4ger sein \u2013 das Licht, die Hoffnung zu anderen Menschen weitertragen: <em>\u201eIhr seid das Licht der Welt\u201c<\/em>, sagt Jesus zu seinen J\u00fcngern (Matth\u00e4us 5, 14). Doch dazu brauchen sie Jesus als Mitte und Ziel ihres Lebens. Denn auch das sagt er zu seinen J\u00fcngern: \u201eOhne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun\u201c (Johannes 15,5).<\/p>\n<p>Der Knacks<\/p>\n<p>Das geknickte Rohr steht f\u00fcr die Erfahrung der Besch\u00e4digung, f\u00fcr Br\u00fcche in unserem Leben, in unserer Biographie. Wenn wir einen Knacks weghaben, dann sind wir nur noch teilweise stark, flexibel, nur noch eingeschr\u00e4nkt brauchbar und verwendungsf\u00e4hig. Als junger Mensch ahnt man noch nicht viel davon. Aber irgendwann kommt man dann doch ins knackige Alter. Es knackt. Mal laut mal leise. Mal ist es ein Zerbrechen unter Macht- und Gewalteinwirkung von au\u00dfen. Ein Unfall, eine Krankheit. Aber nicht nur das. Es kann auch ein Urteil sein, etwa eine betriebsbedingte K\u00fcndigung: Du bist unbrauchbar, du bist zu alt. Oder wenn einem schon fr\u00fch und immer wieder eingeredet wird: \u201eDu kannst nichts!\u201c Und man tr\u00e4gt es mit sich herum, das Urteil. Eine alte Verletzung, innerlich und unsichtbar und doch ein Knacks, den man fortan mit sich schleppt.<\/p>\n<p>Das Verl\u00f6schen<\/p>\n<p>Manchmal ist es nicht laut. Es ist vielleicht eher ein leises Verl\u00f6schen: Wie eine Pflanze, die zu wenig Sonne und zu wenig Wasser kriegt, so ist ein Mensch, der zu wenig Aufmerksamkeit kriegt, zu wenig Anerkennung und Achtung. Es kann die Atmosph\u00e4re am Arbeitsplatz sein, die Lieblosigkeit in der Familie, das Fehlen von N\u00e4he oder von \u00fcberhaupt jemandem, der da ist. Ohne dass etwas Lautes und Besonderes es ausl\u00f6st, kann es dennoch sein, dass so Lebensflamme langsam und leise verl\u00f6scht. Sie erstickt an zu viel oder zu wenig und wird immer schw\u00e4cher, es dunkelt in mir.<\/p>\n<p>Bleibender Schaden<\/p>\n<p>Manchmal gibt es Sch\u00e4den, die nicht wieder gut gemacht werden k\u00f6nnen. Kein \u201eHeile G\u00e4nschen\u201c hilft, auch kein \u201eGlaube an Gott, dann wird alles gut.\u201c Mein Papa kann alles \u2013 glaubte ich, bis ich merkte, dass auch er nicht alle Spielzeuge \u201eheile machen\u201c kann. Auch Gott heilt nicht alle Sch\u00e4den. Manches bleibt gebrochen und der Hilfe bed\u00fcrftig. Manchmal bleiben Schaden, Knacks, Geknicktes eben das: ein bleibender Schaden. Und doch\u2026 nicht immer, nicht immer ist das geknickte Rohr deshalb ganz kaputt. Es kann dennoch wachsen, dar\u00fcber hinaus wachsen. Und der glimmende Docht, der zu verl\u00f6schen droht, kann neu entfacht werden, wenn abflie\u00dft, was erstickt.<\/p>\n<p>Bleibende Chance<\/p>\n<p>Auch wenn Gott nicht alle Sch\u00e4den restlos beseitigt, er kann mir doch Zuversicht schenken, bei ihm kann ich Regeneration erfahren, Wiederbelebung erfahren \u2013 und Kraft sch\u00f6pfen, neu und immer wieder, im Glauben und in Gebeten. Denn hier bin ich im Kontakt mit dem, der anders ist. Die Gesellschaft schreibt einen schnell ab. Krankes, Schwaches kann keiner brauchen: Weg damit! Gut, dass einer anders ist! Jesus, der selbst die Mitte ist, die Kraft und das Ziel, gerade er ist es, der sich nach au\u00dfen wendet, den Schwachen zuwendet, den Au\u00dfenseitern, und der daf\u00fcr die M\u00e4chtigen und Starken kritisiert. Um die Schwachen aufzurichten und den Kaputten eine neue Chance zu geben, geht Jesus ein Risiko ein. Das Risiko, selbst schwach zu werden und kaputt zu gehen. So sehr stellt er sich an die Seite der geknickten Rohre und der glimmenden Dochte, dass er selber geknickt wird und schlie\u00dflich verglimmt. Er, die Mitte, ist nicht Insider geblieben, hat sich nicht mit Insiderhandeln begn\u00fcgt, sondern ist in den Au\u00dfendienst gegangen, in den Dienst an den Menschen, gerade an den Schwachen und Genickten. Er hat sich selbst ent\u00e4u\u00dfert, hat alles riskiert. Und so gibt der H\u00f6chste, denen, die ganz unten sind, eine Chance. Eine bleibende Chance.<\/p>\n<p>Mildes Urteilen<\/p>\n<p>Und gerade so hat er es uns gelehrt, sie anders zu sehen, die Geknickten um uns und auch die Br\u00fcche in uns, die Geknickten, die wir selber manchmal sind. <em>\u201eSeid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist!\u201c<\/em> (Lukas 6, 36), hat Jesus gesagt. Habt ein Herz, seid weise und seid milde in eurem Urteil. Wenn jemand schwach ist, Fehler hat, Fehler gemacht hat, urteilt ihn nicht ab, verhaftet ihn nicht bei diesem Schaden, stempelt ihn nicht ab mit seiner Schw\u00e4che. Besonders und auch dann, wenn ihr selbst es seid. Die Schw\u00e4che der anderen kann ich ja manchmal gut ertragen. Meine eigene Unzul\u00e4nglichkeit und Fehlerhaftigkeit wurmt mich manchmal sehr viel eher und sehr viel mehr. Mit den anderen kann man ja gerne Mitleid haben, mit den anderen, O.K., von mir aus. Aber bei mir \u2013 bei mir selbst &#8211; da bin ich gnadenlos! Nein, seid weise und seid milde in eurem Urteil! Auch dann wenn ihr selbst es seid, die nicht perfekt, nicht makellos durchs Leben gehen und nicht bruchlos in diese Welt passen.<\/p>\n<p>Jesus, der das geknickte Rohr nicht bricht, der den glimmenden Docht nicht verl\u00f6scht, er sagt zu euch: \u201eIch bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben\u201c (Johannes 8,12), und: \u201eIch lebe, und auch ihr sollt leben!\u201c (Johannes 14,19).<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>Licht, das in die Welt gekommen (EG 552)<\/p>\n<p>Strahlen brechen viele (EG 268)<\/p>\n<p>Licht bricht durch die Dunkelheit (HuE 322)<\/p>\n<p>Wo Menschen sich vergessen (HuE 2 \/ EG.E 29)<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bleibende Chancen | 1. 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