{"id":6748,"date":"2022-01-11T10:50:52","date_gmt":"2022-01-11T09:50:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6748"},"modified":"2022-01-11T11:23:57","modified_gmt":"2022-01-11T10:23:57","slug":"1-kor-2-1-10-die-rueckseite-des-weihn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-kor-2-1-10-die-rueckseite-des-weihn\/","title":{"rendered":"1. Korinther 2, 1-10"},"content":{"rendered":"<h3>Die R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums | 2. So. nach Epiphanias | 16.01.2022 | Predigt zu 1. Kor 2, 1-10 | verfasst von Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p><em>Ich bin nicht mit grossartigen Worten und abgr\u00fcndiger Weisheit dahergekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich kam in Schwachheit und mit Furcht und Zittern.<\/em><\/p>\n<p><em>Meine Rede und meine Verk\u00fcndigung bauten nicht auf kluge \u00dcberredungskunst.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Mir kommt das wenig \u00fcberzeugend vor, was Paulus seinen Korintherinnen und Korinthern schreibt. Will er sie etwa so \u00fcberzeugen? Gewinnen f\u00fcr das Evangelium? Auf diese Weise?<\/p>\n<p>Um Menschen zu begeistern braucht es doch brillante Worte, rhetorische Kompetenz, spannende Predigten.<\/p>\n<p>Ich denke daran, welch ein Aufwand heutzutage betrieben wird mit der Ausbildung und mit der Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer. An den Kompetenzen wird gefeilt und poliert, damit sie ihren Auftrag m\u00f6glichst gut erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Besser w\u00e4re nat\u00fcrlich: sehr gut.<\/p>\n<p>Mir kommt das mit diesen Kompetenzen vor wie die Weisheit der Menschen oder die Weisheit der Weltzeit, von der Paulus schreibt. Kompetenz ist die Weisheit der heutigen Zeit.<\/p>\n<p><em>Ich weiss nichts<\/em>, sagt Paulus, <em>nur etwas weiss ich: Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten.<\/em> Auch nicht grad unbedingt eine Erfolgsgeschichte.<\/p>\n<p><em>Ich komme in Schwachheit. Mit Furcht und Zittern. <\/em><\/p>\n<p><em>Meine Verk\u00fcndigung baut nicht auf meine \u00dcberredungskunst.<\/em><\/p>\n<p><em>Und euer Glaube kommt nicht davon, dass ich meine Sache so gut gemacht habe, sondern gr\u00fcndet in der Kraft Gottes.<\/em><\/p>\n<p>Ehrlich gesagt, das provoziert mich. Immer wieder. Ich will meine Sache gut machen. Ich meine, es kommt darauf an. Auf mich. Auf meine Kompetenz.<\/p>\n<p>Obwohl das Fest schon l\u00e4nger vorbei ist, die Sterne, Engel und Krippenfiguren in Kisten verpackt auf dem Estrich verstaut und der Weihnachtsbaum von der Gr\u00fcnabfuhr mitgenommen wurden, m\u00f6chte ich euch heute von der R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums predigen. Unser Predigtwort erinnert mich daran, wie ich in der Advents- und Weihnachtszeit eine leise Ahnung davon bekam, was mit der anderen Weisheit, der Weisheit Gottes gemeint sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Vielmehr verk\u00fcndigen wir, wie geschrieben steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr geh\u00f6rt hat und was in keines Menschen Herz aufgestiegen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.<\/em><\/p>\n<p>Was ich gesehen habe, bleibt mir kostbare Erinnerung, Mahnung und Trost.<\/p>\n<p>Gerade an Weihnachten erwische ich mich bei dem Gedanken, was ich dieses Jahr nur besser, sch\u00f6ner und origineller machen k\u00f6nnte, damit wieder mal richtiger Weihnachtsjubel aufkommt.<\/p>\n<p>Das hat nat\u00fcrlich zu tun mit Inhalten. Mit Geschichten, Botschaften. Aber es hat auch zu tun mit dem Drumherum. Alles muss sch\u00f6n dekoriert sein. Stimmungsvoll und feierlich.<\/p>\n<p>Der Weihnachtsbaum ist zum Beispiel sehr wichtig. Und der muss sein wie immer, wie fr\u00fcher, damit Weihnachten sch\u00f6n wird.<\/p>\n<p>Am Tag vor der Seniorenweihnachtsfeier wird bei uns in der Kirche der Weihnachtsbaum aufgestellt und geschm\u00fcckt. Und da steht er dann wie alle Jahre: Genauso hoch wie immer, obwohl der Sigrist damit gedroht hat, elektrische Kerzen zu nehmen, wenn er nicht etwas kleiner sei. Pr\u00e4chtig geschm\u00fcckt mit roten Kugeln, Strohsternen und richtigem Kerzenlicht.<\/p>\n<p>In den B\u00e4nken sitzen die Seniorinnen und Senioren. Graue und weisse Haare, H\u00f6rger\u00e4te, St\u00f6cke dominieren das Bild. Witwen, Witwer. Menschen, die gewohnt sind, mit Versehrtheit zu leben.<\/p>\n<p>Menschen, die schon oft erlebt haben, dass es fast nie so sch\u00f6n wird, wie man es gerne h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und vorne der strahlende Baum.<\/p>\n<p>Was suchen diese Menschen hier? Weihnachten wie es war? Weihnachten, wie es noch nie war? Wer k\u00f6nnte diese Erwartung erf\u00fcllen? Der geschm\u00fcckte Baum? Die Pfarrerin, die eine richtige Weihnachtspredigt h\u00e4lt? Ich f\u00fchle mich schwach. Der Aufgabe nicht gewachsen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Liedvortrags des Chors setze ich mich nach vorne. Und blicke gewissermassen hinter die Kulissen: Ich sehe den Weihnachtsbaum von hinten. Und wissen Sie was: Das ist ein ganz anderer Anblick: Die R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums. Hinten flackert eine einsame Kerze, und das ist nicht etwa der Bequemlichkeit des Sigristen geschuldet, nein, es hat gar keine \u00c4ste, an denen etwas befestigt werden k\u00f6nnte. Hinten ist der Baum kahl. Vielleicht hatte er auf dieser Seite zu wenig Raum zum Wachsen. Vielleicht hat der Schnee \u00c4ste abgedr\u00fcckt oder ein Reh hat sie abgefressen.<\/p>\n<p>H\u00e4sslich, versehrt, elend, schwach, auf jeden Fall nicht perfekt!<\/p>\n<p>Die R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums hat mich durch die ganze Weihnachtszeit hindurch begleitet.<\/p>\n<p>In den Adventsgottesdiensten, als die Kirchenb\u00e4nke leer waren, Am Heiligabend, als die Kirchenb\u00e4nke voll waren, die Luft geschw\u00e4ngert von Erwartungen, von Sehnsucht nach Weihnachten wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Immer diese Perspektive: von hinten.<\/p>\n<p>H\u00e4sslich, versehrt, elend, schwach, auf jeden Fall nicht perfekt!<\/p>\n<p>Davon ist in den Briefen des Paulus ziemlich oft die Rede. Nicht vom Weihnachtsbaum, aber von dieser R\u00fcckseite.<\/p>\n<p>In Korinth gibt es einen regelrechten Wettbewerb darum, wer die eindr\u00fccklichsten Erfahrungen macht mit Gott. Es werden grosse Worte gemacht. Es wird darum gestritten, wer der bessere Verk\u00fcnder sei. Wer \u00fcberzeugender auftrete.<\/p>\n<p>Paulus muss in diesem Wettbewerb der religi\u00f6sen Erfahrungen mitmachen, wenn er in Korinth als Apostel, als Lehrer des Glaubens anerkannt werden will. Die Leute befragen ihn gleich bei seinem ersten Auftritt: Was kannst du vorweisen?<\/p>\n<p><em>Ich bin<\/em>, schreibt Paulus, <em>nicht mit grossartigen Worten und abgr\u00fcndiger Weisheit dahergekommen, euch das Geheimnis Gottes zu verk\u00fcndigen. Denn ich hatte beschlossen, bei euch nichts anderes zu wissen ausser das eine: Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten. Auch kam ich in Schwachheit und mit Furcht und Zittern zu euch, und meine Rede und meine Verk\u00fcndigung baute nicht auf kluge \u00dcberredungskunst, sondern auf den Erweis des Geistes und der Kraft,\u00a0damit euer Glaube nicht in der Weisheit der der Menschen, sondern in der Kraft Gottes gr\u00fcnde.<\/em><\/p>\n<p>Damit kann Paulus keinen Staat machen. Es ist nicht das, was die Leute h\u00f6ren wollen. Sie wollen Erfolgsmeldungen. Was Paulus da redet von schwach, nicht grossartig, versehrt, das ist h\u00f6chstens etwas f\u00fcr die R\u00fcckseite. Damals und heute. Niemand erz\u00e4hlt gerne vom Ungen\u00fcgen, von der Schw\u00e4che, von der Versehrtheit des Lebens. Allerh\u00f6chstens die Pfarrerin, die muss manchmal einen Blick auf die R\u00fcckseite werfen.<\/p>\n<p>Und aus dieser Perspektive, den Weihnachtsbaum von hinten vor Augen, kommt mir ein anders Pauluswort in den Sinn, das ganz gut zum heutigen Bibelwort passt. Gott habe zu ihm, zu Paulus gesagt:<\/p>\n<p><em>Lass dir an meiner Gnade gen\u00fcgen; denn meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig<\/em> (2 Kor 12,9).<\/p>\n<p>Auch das t\u00f6nt ziemlich verkehrt in unseren Ohren. Kraft in der Schwachheit. Und doch gibt es Erfahrungen, die genau das best\u00e4tigen. Ein Problem in die R\u00fcckseite zu dr\u00e4ngen, damit vorne alles sch\u00f6n und gut scheint, braucht manchmal unendlich viel Kraft.<\/p>\n<p>Ein Problem jemandem erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, Hilflosigkeit, Ohnmacht einzugestehen, dabei vielleicht erm\u00f6glichen, dass jemand anderes die Karten auch aufdeckt, erfahren, dass man nicht alleine ist damit, das kann ungeahnte Kr\u00e4fte wecken.<\/p>\n<p>Kraft in der Schwachheit.<\/p>\n<p><em>Nichts wissen als Jesus Christus, den Gekreuzigten.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht mit grossartigen Worten oder Weisheit auftrumpfen.<\/em><\/p>\n<p>H\u00e4sslich, versehrt, elend, schwach, auf jeden Fall nicht perfekt!<\/p>\n<p>Das halten wir in der Regel nicht aus. Dabei k\u00f6nnen wir es nicht belassen. Das l\u00e4sst uns aktiv werden. Etwas tun: Helfen, unterst\u00fctzen, verbinden. Wenn alles nichts hilft: Verdecken.<\/p>\n<p><em>Uns aber hat Gott dieses Geheimnis durch den Heiligen Geist<\/em><em>\u00a0<\/em><em>enth\u00fcllt.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn der Heilige Geist erforscht alles, selbst die unergr\u00fcndlichen Geheimnisse Gottes.<\/em><\/p>\n<p>In meiner Kindheit durften wir am 24. Dezember jeweils mit dem Vater in den Wald, um den Tannenbaum zu schlagen. Da es einfach unser Wald war und nicht eine professionelle Baumschule, hatte es eigentlich nie einen Baum, der genau richtig war. Mal waren die \u00c4ste zu dicht, dann wieder klaffte ein Loch. Deshalb machte sich mein Vater ans Werk. Er s\u00e4gte \u00c4ste ab, und setzte sie an anderer Stelle wieder ein, so dass wir zuletzt einen ziemlich perfekten Baum hatten. Wenn er geschm\u00fcckt in der verdunkelten Wohnstube stand, wer dachte da noch daran, dass er geflickt war?<\/p>\n<p>Jetzt, wo ich die ganze Zeit \u00fcber die R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums nachgedacht habe, erscheint mir das eigentlich schade: Dass wir damals vergassen, dass er geflickt war wie wir auch.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine andere Weihnachtsgeschichte, gelesen habe ich sie im Adventskalender \u00abDer andere Advent\u00bb:<\/p>\n<p>Die L\u00fccke im Baum<\/p>\n<p>Weihnachten kann zum Horror werden, wenn ein Kind gestorben ist. Der Schmerz der L\u00fccke meldet sich f\u00fcr die zur\u00fcckgebliebenen Eltern und Geschwister in diesen stillen Tagen besonders heftig. Weihnachten hat f\u00fcr sie seinen Sinn verloren, jedenfalls wenn sie es als reines \u00abFest der Freude\u00bb erlebt haben. H\u00e4ufig fliehen die Trauernden, um sich dann im S\u00fcden, bei Sonne und W\u00e4rme noch elender zu f\u00fchlen. Was tun?<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffers Schwester Sabine berichtet von einem Ritual aus ihrem Elternhaus:<\/p>\n<p>\u00abWeihnachten 1918 ist alles sehr schwer. Unser Bruder Walter fehlt. Er, der zweit\u00e4lteste Sohn meiner Eltern, ist am 28. April 1918 als achtzehnj\u00e4hriger Fahnenjunker im Westen gefallen. Eine schreckliche L\u00fccke ist nun da, und sie bleibt offen.<\/p>\n<p>An diesem Weihnachtstag sagt unsere Mutter: \u00abWir wollen nachher hin\u00fcbergehen.\u00bb Das Hin\u00fcbergehen heisst, wir gehen alle auf den Friedhof. Mama und Papa sind vorher noch einmal ins Wohnzimmer gegangen und haben einen Tannenzweig vom Baum geschnitten mit einem Licht und Lametta und nehmen diesen Weihnachtszweig f\u00fcr das Grab von Walter mit. Auch in den folgenden Jahren ist es zu Weihnachten bei diesem Friedhofsgang geblieben.\u00bb<\/p>\n<p>Weihnachten hat sein perfektes Heilsein verloren, wie die L\u00fccke im Baum es allen deutlich macht. Aber gerade dadurch, dass dies sichtbar sein darf, wird es zum Trost.<\/p>\n<p>H\u00e4sslich, versehrt, elend, schwach, auf jeden Fall nicht perfekt!<\/p>\n<p><em>Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; der Geist n\u00e4mlich ergr\u00fcndet alles, auch die Tiefen Gottes.<\/em><\/p>\n<p>So kann es kommen, dass ein abgeschnittener Ast oder die h\u00e4ssliche R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums einer Pfarrerin zur kraftvollen Predigt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und Ihnen hoffentlich auch.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckseite des Weihnachtsbaums | 2. So. nach Epiphanias | 16.01.2022 | Predigt zu 1. 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