{"id":6779,"date":"2022-01-16T15:05:00","date_gmt":"2022-01-16T14:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6779"},"modified":"2022-02-08T11:32:17","modified_gmt":"2022-02-08T10:32:17","slug":"predigt-zu-matthaeus-8-5-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-8-5-13\/","title":{"rendered":"Predigt zu Matth\u00e4us 8, 5-13"},"content":{"rendered":"<h3>Verkehrte Hierarchie | 3. Sonntag nach Epiphanias | 23.01.2022 | Predigt zu Matth\u00e4us 8, 5-13 | verfasst von Silja Keller |<\/h3>\n<p><em>5 Als er aber nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: 6 Herr, mein Knecht liegt gel\u00e4hmt im Haus und wird von furchtbaren Schmerzen gepeinigt. 7 Und er sagt zu ihm: Ich werde kommen und ihn heilen. 8 Da entgegnete der Hauptmann: Herr, es steht mir nicht zu, dich in mein Haus zu bitten, doch sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund. 9 Denn auch ich bin einer, f\u00fcr den Befehle gelten, und ich habe Soldaten unter mir. Sage ich zu einem: Geh, so geht er; sage ich zu einem anderen: Komm, so kommt er; und sage ich zu meinem Knecht: Tu das, so tut er es. 10 Als Jesus das h\u00f6rte, staunte er und sagte zu denen, die ihm folgten: Amen, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich bei niemandem in Israel gefunden. 11 Ich sage euch aber: Viele werden kommen aus Ost und West und sich mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen. 12 Die S\u00f6hne des Reichs aber werden in die \u00e4usserste Finsternis hinausgeworfen werden; dort wird Heulen und Z\u00e4hneklappern sein. 13 Und Jesus sagte zum Hauptmann: Geh! Dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und in eben jener Stunde wurde der Knecht gesund.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><u>Heilung<\/u><\/p>\n<p>Glauben Sie, dass Gott heilen kann? Glauben Sie, dass das stimmt, was hier in der Bibel steht? Dass es wirklich so passiert ist?<\/p>\n<p>Es ist schon ein starkes St\u00fcck. Jesus wandert mit seinen J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen nach Kafarnaum. Der Weg ist staubig. Da h\u00f6rt man heraneilende Schritte. Ein muskul\u00f6ser Mann, der von seinem schnellen Lauf leicht nach Schweiss riecht, h\u00e4lt vor Jesus. Es ist ein Ausl\u00e4nder, ein R\u00f6mer. Die Metallschnallen seiner Uniform gleissen im Sonnenlicht. Er tr\u00e4gt seinen Helm unter dem Arm. Ein r\u00f6mischer Hauptmann, ein Nichtjude. Einer von denen, die Israel bedrohen, besetzen und unter Kontrolle halten. Und dieser Fremde fragt Jesus, den Juden, um Hilfe. \u2013 Und Jesus hilft.<\/p>\n<p>Er heilt den kranken Knecht des Hauptmanns. Einfach so, aus der Ferne, weil er geglaubt hat.<\/p>\n<p>Glauben Sie, dass Jesus heilen kann? \u2013 Ich pers\u00f6nlich glaube, dass er es kann. Und trotzdem habe ich schon zu oft erlebt, dass Gebete nicht heilen \u2013 zumindest nicht so, wie bei unserem Hauptmann und seinem Knecht.<\/p>\n<p>Tja, k\u00f6nnte man sagen, da haben wir nicht genug geglaubt. Wir sind schuld daran, dass er oder sie nicht geheilt wurde. \u2013 Eine gef\u00e4hrliche Einstellung!<\/p>\n<p>Sie geht davon aus, dass wir es sind, die Heilung bewirken und nicht Gott. Sie b\u00fcrdet uns eine Verantwortung auf, die fast nicht zu tragen ist.<\/p>\n<p>Es gibt sie, die Berichte, die von wundersamer Heilung sprechen. Und es gibt genauso viele Berichte, die erz\u00e4hlen, dass auch nach 10 Jahren Gebet Schmerzen und Krankheiten nicht geheilt wurden. War das Gebet der Betenden nutzlos? Der Glaube zu klein? \u2013 Ich glaube Nein! In meiner Erfahrung hat das Gebet immer etwas bewirkt: Die kranken Menschen und ihre Angeh\u00f6rigen konnten besser mit der Krankheit umgehen. Da war jemand, der sie h\u00f6rte, wenn sie beteten. Eine Kraft, die sie st\u00e4rkte, ein Friede, der half, die Last der Krankheit zu tragen. Gott half doch \u2013 nur anders als erwartet.<\/p>\n<p>Glauben Sie, dass Gott heilt? \u2013 Ich glaube ja. Doch wie er heilt, ist f\u00fcr uns unverf\u00fcgbar. Gott gibt den Glauben, die Kraft weiterzugehen und wie unser Hauptmann nach Jesus Ausschau zu halten.<\/p>\n<p><u>Chef<\/u><\/p>\n<p>Die Heilung des Knechts ist die offensichtliche Ebene unserer Geschichte. Doch der Knecht w\u00e4re nicht geheilt worden, ohne die Initiative seines Chefs. Nur weil dieser sich an Jesus wandte, wurde der Knecht gesund. Wer er wohl war, dieser Hauptmann, dieser R\u00f6mer, der schwitzend und mit so viel Hoffnung vor Jesus stand.<\/p>\n<p>Ein r\u00f6mischer Hauptmann, auch Centurio genannt, befehligte zu jener Zeit eine Hundertschaft. Er war f\u00fcr die Disziplin und Ausbildung seiner Leute zust\u00e4ndig und bildete mit den anderen Centurios das R\u00fcckgrat der r\u00f6mischen Armee. Unser Hauptmann spricht selbst davon, dass Soldaten und Diener seinem Kommando unterstehen. Auch der Knecht ist einer seiner Untergebenen. Der Centurio ist sein Chef und Ausbildner.<\/p>\n<p>War er wohl ein guter Hauptmann? Und was machte einen guten Hauptmann aus? War es einer, der seine Truppen im Griff hatte, der strikt war? Einer der keinen Ungehorsam duldete und erwartete, dass man ihm aufs Wort gehorcht? So zumindest sieht sich unser Centurio selbst. So pr\u00e4sentiert er sich Jesus. Es sind diese Eigenschaften, die von ihm erwartet werden, damit er ein guter Hauptmann, ein guter Chef ist.<\/p>\n<p>Was macht f\u00fcr Sie einen guten Chef aus? Wen haben Sie in Ihrer Schulkarriere als gute Lehrperson erlebt? Welche Adjektive passen zu dieser Person?<\/p>\n<p>Ist sie besonders fair, begeisterungsf\u00e4hig, strukturiert? Oder erbringt sie dieselbe Leistung, die sie auch von Ihnen erwartet? Ist ihr Vorgehen oder Unterricht abwechslungsreich und der Situation angepasst?<\/p>\n<p><u>Der Unterschied<\/u><\/p>\n<p>Und was macht den Unterschied zwischen einer guten Chefin und einer herausragenden Chefin? Einer herausragenden Lehrperson? Es sind die Personen, die noch einen Schritt weitergehen, unterst\u00fctzen, wo sie nicht m\u00fcssten. Es sind die Chefs, die l\u00e4ngere Familienzeit gew\u00e4hren, Teilzeitarbeit erm\u00f6glichen, wenn man \u00fcberlastet ist. Es sind die Lehrpersonen, die gratis Nachhilfe anbieten, ein offenes Ohr f\u00fcr Probleme und Zukunftstr\u00e4ume haben. Diejenigen, die alles tun, damit man den Schritt ins n\u00e4chste Schuljahr doch noch schafft.<\/p>\n<p>Unser Centurio ist einer dieser herausragenden Vorgesetzten. Dieser eine Knecht liegt ihm am Herzen. Was unseren Centurio besonders macht, ist nicht die Disziplin, die er von seinen Untergebenen erwartet, sondern dass er mehr tut, als er muss. Die Krankheit seines Knechtes l\u00e4sst ihn nicht kalt. F\u00fcr ihn nimmt er den Weg zu Jesus auf sich. Er geht weiter, als es \u00fcblich ist f\u00fcr einen Mann in seinem Stande. Er k\u00fcmmert sich mit Leib und Seele um seinen Untergebenen.<\/p>\n<p>Der Hauptmann geht so weit, dass er, als starker Centurio, der Israel kontrolliert, einen Juden um Hilfe bittet. Er unterstellt sich Jesus. Er befiehlt nicht, wie er es gewohnt ist, sondern bittet. Sein Glaube, dass Jesus helfen kann, ist so stark, dass er sich lieber unterwirft, als seine Macht erh\u00e4lt und den Knecht verliert. Das braucht \u00dcberwindung und grosses Vertrauen in Jesus. Er vertraut so stark, dass er Jesus nicht einmal physisch zu seinem Knecht bringen m\u00f6chte, sondern glaubt, dass Jesus auch aus der Ferne heilen kann.<\/p>\n<p>Die Kontrolle abgeben, um Hilfe bitten, wenn ich nicht mehr weiter weiss. F\u00e4llt Ihnen das leicht? K\u00f6nnen Sie sich verletzlich zeigen, wenn eine Situation ihr Verm\u00f6gen \u00fcbersteigt? Oder wahren sie lieber die Fassade, aus Angst, es k\u00f6nnte noch schlimmer werden? Wenden Sie sich an Jesus, an Gott, wenn Sie verzweifelt sind? Glauben Sie, dass er etwas bewegen kann, auch wenn er nicht physisch anwesend ist?<\/p>\n<p><u>Gleichen Sinnes<\/u><\/p>\n<p>Der Hauptmann entscheidet sich f\u00fcrs Vertrauen. Und im Einsatz f\u00fcr seinen Untergebenen begegnet er in Jesus einem Gleichgesinnten. Jesus, der die Macht hat, Menschen zu heilen, ben\u00fctzt seine Macht nicht, um Menschen zu unterwerfen. Jesus, der Lehrer, der Anf\u00fchrer, w\u00e4scht seinen J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen die F\u00fcsse. Er isst mit den Ausgestossenen, ber\u00fchrt Kranke, ohne mit der Wimper zu zucken. Jesus ist es, der sagt: Dient einander.<\/p>\n<p>Der Hauptmann, der vor ihm steht, zeigt mit seinem Einsatz, dass er, ohne es zu wissen, Jesu Botschaft schon verstanden hat. Dient einander. Der Hauptmann kehrt die Hierarchie um \u2013 sein Knecht ist wichtiger als er und sein Ruf. Und so begegnet ihm Jesus auch nicht als R\u00f6mer, als Ungl\u00e4ubigem, sondern als Mensch. Er sagt: Ich komme in dein Haus. Und zeigt damit allen Umstehenden, dass nicht nur Juden und J\u00fcdinnen, sondern auch heidnische, andersgl\u00e4ubige Menschen zu ihm geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Er sagt sogar: Solchen Glauben habe ich bei niemandem in Israel gefunden!<\/p>\n<p><u>Enterbung<\/u><\/p>\n<p>Dabei bleibt es nicht. Jesus f\u00e4hrt fort<em>: \u00abIch sage euch aber: Viele werden kommen aus Ost und West und sich mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen. Die S\u00f6hne des Reichs aber werden in die \u00e4usserste Finsternis hinausgeworfen werden; dort wird Heulen und Z\u00e4hneklappern sein.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich sind wir in einem Horrorfilm gelandet. Heulen und Z\u00e4hneklappern \u2013 die Erben und Erbinnen des Reichs werden verstossen und in die v\u00f6llige Finsternis verbannt. Jesus, der gerade eben noch dem Hauptmann mit Menschlichkeit begegnet, zeichnet nun ein d\u00fcsteres Gerichtsbild. Israelkritisch und wie eine Drohung klingen Jesu Worte. Die, die das Reich erben sollen, die Nachfahren von Abraham, Isaak und Jakob, werden verstossen werden. Also Jesu eigene Lands- und Glaubensleute, die Juden und J\u00fcdinnen.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrhunderte hinweg wurde diese Drohung benutzt, um zu behaupten, dass Gott die Versprechen, die er dem Volk Israel gegeben hat, nicht mehr h\u00e4lt. Das Erbe des j\u00fcdischen Volkes sei auf die Christen und Christinnen \u00fcbergegangen. Mit diesem Vers k\u00f6nne man erkl\u00e4ren, weshalb Juden und J\u00fcdinnen es verdienten, verfolgt zu werden. Sie seien f\u00fcr den Tod Jesu verantwortlich und daf\u00fcr sollten sie b\u00fcssen. Antisemitismus vom feinsten. Auslegungen, die \u00fcber Jahrhunderte durch das Christentum weitergereicht wurden. Bibelverse, die eine Blutspur hinter sich herziehen.<\/p>\n<p>Weshalb stehen sie also da? \u2013 In der Zeit, in der unser Bibeltext geschrieben wurde, war das Christentum noch in den Kinderschuhen. Die Christen und Christinnen waren eine Minderheit und standen mit ihrem neuen Glauben oft in der Kritik ihrer Mutterreligion \u2013 dem Judentum. Diese Worte wurden Jesus in den Mund gelegt, um sich gegen die Ursprungsreligion abzugrenzen. Doch diese S\u00e4tze haben nicht nur zu Abgrenzung, sondern auch zu grosser \u00dcberheblichkeit gef\u00fchrt. Christen und Christinnen sprachen ihrer eigenen Mutterreligion den rechten Glauben ab und wollten sie enterben. Oft trieben sie es so weit, dass j\u00fcdische Menschen dabei ums Leben kamen.<\/p>\n<p>Die Katastrophe des zweiten Weltkriegs hat ein f\u00fcr alle Mal gezeigt: Keine Christin kann von sich behaupten, dass sie besser ist als ein Jude. Die Christenheit hat versagt.<\/p>\n<p>\u00dcberheblichkeit \u2013 Enterbung \u2013 Machtdemonstration \u2013 Verfolgung der Schw\u00e4cheren.<\/p>\n<p>Die Erben des Reichs, ob Christ oder J\u00fcdin, bleiben in der Finsternis, wenn sie sich \u00fcber andere erheben, sich f\u00fcr wichtiger nehmen, anderen den Glauben oder das Mensch-sein absprechen.<\/p>\n<p>Vor Gott z\u00e4hlt weder Macht noch Einfluss, sondern nur, ob wir den anderen menschlich begegnen, auch dann, wenn die gesellschaftliche Norm etwas anderes r\u00e4t.<\/p>\n<p><u>Gesund werden<\/u><\/p>\n<p>Wir brauchen unter den Christinnen und Christen mehr Centurios, die sich wieder allen Wissens f\u00fcr die Machtlosen stark machen. Wir brauchen Chefinnen, die sich hingebungsvoll f\u00fcr ihre Untergebenen einsetzen und Lehrpersonen, die ihren Sch\u00fclern mit grosser Menschlichkeit begegnen. Wir brauchen Menschen, die wider Erwarten zu hoffen wagen, die f\u00fcr ihre Untergebenen einstehen, auch wenn sie sich daf\u00fcr klein machen, oder sich in unbequeme Situationen begeben m\u00fcssen. Und wir brauchen Menschen, die auf einen Gott vertrauen, den sie nur vom H\u00f6rensagen kennen.<\/p>\n<p>Ich bin sicher, ihr Hauptm\u00e4nner und -frauen da draussen, dieser Gott, der Gott von Abraham, Isaak und Jakob heilt. Er heilt den Knecht eines R\u00f6mers. Er, Gottes Sohn, stellt unsere Hierarchien auf den Kopf und begegnet uns menschlich, als Diener. Er heilt uns, von unserer \u00dcberheblichkeit, unserem Egoismus und unserer Selbstbezogenheit.<\/p>\n<p>Und so k\u00f6nnen wir mit dem Hauptmann bitten: <em>Herr, es steht mir nicht zu, dich in mein Haus zu bitten, doch sprich nur ein Wort\u2026 <\/em>befreie mich von aller Unmenschlichkeit, von jeglicher \u00dcberheblichkeit, machtgierigem Verhalten und dem Urteilen \u00fcber andere. Begegne mir Jesus, mit deiner Menschlichkeit, so dass mein Vertrauen in dich und meine Mitmenschen w\u00e4chst. Dann werde ich gesund.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Pfrn. Silja Keller<\/p>\n<p>Fehraltorf<\/p>\n<p><a href=\"mailto:silja.keller@kirche-fehraltorf.ch\">silja.keller@kirche-fehraltorf.ch<\/a><\/p>\n<p>Silja Keller, geb. 1990. Seit 2021 t\u00e4tig als Pfarrerin der Z\u00fcrcher Kantonalkirche in Fehraltorf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verkehrte Hierarchie | 3. 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