{"id":6922,"date":"2022-02-02T17:15:30","date_gmt":"2022-02-02T16:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=6922"},"modified":"2022-02-02T17:15:30","modified_gmt":"2022-02-02T16:15:30","slug":"predigt-zu-mt-1422-33-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-mt-1422-33-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Mt 14,22-33"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ich rufe deinen Namen | 4. Sonntag vor der Passionszeit | 6.2.2022 | Mt 14,22-33 | Nadja Papis |<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In the middle of darkness, in the center of a storm, I know there\u2019s a name I can call. And I call on your name, Jesus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Dunkelheit, mitten in einem Sturm weiss ich: Es gibt einen Namen, den ich rufen kann. Und ich rufe deinen Namen, Jesus.<\/p>\n\n\n\n<p>(Liedtext: \u201eI call on your name\u201c, Oslo Gospelchoir\/Tore W. Aas)<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffnung trotz allem?<\/p>\n\n\n\n<p>Naiver Glaube?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder menschliche Urerfahrung?<\/p>\n\n\n\n<p>Was kommt uns im Song \u201eI call on your name\u201c entgegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vertrauen<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, da meldet sich doch bei mir ein \u201eAber\u201c, nein, nicht nur eines, gleich mehrere:<\/p>\n\n\n\n<p>Aber m\u00fcssen denn der Sturm und die Dunkelheit \u00fcberhaupt sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was ist mit den Menschen, die den Namen vergessen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was ist, wenn mein Ruf nicht geh\u00f6rt wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Vertrauen<\/p>\n\n\n\n<p>Vertrauen, sich einlassen, sich darauf verlassen, glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fasziniert mich immer wieder: das Nachdenken \u00fcber den Glauben, dar\u00fcber, was Glauben ist und bedeutet. Und es fordert mich heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal m\u00f6chte ich gern wissen. Ja, sicher sein, beweisen k\u00f6nnen, glasklar und f\u00fcr alle ersichtlich aufzeigen: Gott ist. Schaut einfach hin. So wie Ihr 2 und 2 rechnen k\u00f6nnt, so wie ich euch physikalische Gesetze beweisen kann oder, dass die Welt eine \u201eKugel\u201c ist, so machen wir\u2019s doch auch kurz mit Gott. Und der Hoffnung. Und der Liebe. Und dem Glauben\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein. Glauben heisst Vertrauen, nicht Wissen. Glauben heisst, sich einlassen, nicht sich beweisen. Glauben heisst mehr ahnen als sehen, anfassen, rechnen, denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der heutige Predigttext macht das deutlich, ja, geradezu symbolisch zeigt er Aspekte des Glaubens auf, die wir heute noch erleben und darum auch nachvollziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Predittext: Mt 14,22-32<\/p>\n\n\n\n<p>(Nach einem erlebnisreichen Nachmittag mit vielen Menschen) dr\u00e4ngte Jesus seine J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen, ins Boot zu steigen und ans andere Ufer vorauszufahren, w\u00e4hrend er selber die Leute verabschiedete. Danach stieg er auf einen Berg, um ungest\u00f6rt zu beten. Das Boot war schon (weit) vom Land entfernt, als es von Wellen hart bedr\u00e4ngt wurde, denn der Wind stand ihnen entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Gegen Morgen) kam Jesus zu ihnen, er ging \u00fcber den See. Als sie ihn sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und schrien vor Angst. Sogleich aber redete Jesus mit ihnen: Seid getrost, ich bin es! F\u00fcrchtet euch nicht! Petrus entgegnete ihm: Herr, wenn du es bist, heisse mich, \u00fcbers Wasser zu dir zu kommen! Jesus sprach: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot, er konnte auf dem Wasser gehen, und ging auf Jesus zu. Als er aber den Wind sp\u00fcrte, f\u00fcrchtete er sich, begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Sofort streckte Jesus die Hand aus, hielt in fest und sagte: Du Kleingl\u00e4ubiger! Warum hast du gezweifelt? Als sie ins Boot stiegen, legte sich der Wind.<\/p>\n\n\n\n<p>Puh, was f\u00fcr eine Dramatik! Haben Sie auch mitgelebt? Hin und her ging\u2019s da mit dem Vertrauen und dem Zweifel und am Schluss gab&#8217;s zum Gl\u00fcck ein Happy End. F\u00fcrs Theater oder den Film ist das eine tolle Geschichte \u2013 und auch f\u00fcr uns. Ja, denn der Petrus in dieser Geschichte steht f\u00fcr jeden und jede, die glaubt. Schauen wir doch nochmal hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wasser, Sturm, Nacht \u2013 so real sie uns in der Geschichte vorkommen, sie stehen noch f\u00fcr mehr. Sie sind Symbole f\u00fcr das, was Angst macht, was gef\u00e4hrlich und sogar lebensbedrohlich ist. Wir brauchen diese Bilder heute noch: Unser Leben kann uns wie riesige Wellen \u00fcbersp\u00fclen, die St\u00fcrme des Lebens ersch\u00fcttern uns zutiefst und nachts kommen in der Schlaflosigkeit \u00c4ngste und Sorgen \u00fcber uns. Das Boot wird von den Wellen gequ\u00e4lt \u2013 wie Menschen von Krankheiten, Folter oder anderen N\u00f6ten, so beschreibt es das griechische Wort im Originaltext eindr\u00fccklich. Auch unser Lebensboot wird immer wieder gequ\u00e4lt, bedroht und herumgewirbelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Dunkelheit, mitten im Sturm weiss ich: Es gibt einen Namen, den ich rufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus kommt \u2013 zu einer symbolischen Zeit: Die 4. Nachtwache, morgens zwischen 3 und 6 Uhr, Zeit der Auferstehung. Jesus kommt. Und es ist klar: Hier kommt die Erl\u00f6sung, die Rettung.<\/p>\n\n\n\n<p>So deutlich erfahrbar, dass Petrus fast ein wenig \u00fcberm\u00fctig wird: Voller Vertrauen wagt er sich aufs Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Kennen Sie solche Momente? Wo Glaube Gewissheit ist? Wo die Erl\u00f6sung glasklar und offensichtlich f\u00fchlbar ist? Wo Sie einfach aufs Leben, auf sich und auf Gott vertraut haben?<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Glaubensmomenten kann mich nichts umhauen, ich stehe fest, weder Wind noch Wellen k\u00f6nnen mir etwas anhaben. Ich vertraue. Ich glaube.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Momenten singe ich das Lied voller \u00dcberzeugung und Inbrunst: Mitten in der Dunkelheit, mitten im Sturm weiss ich: Es gibt einen Namen, den ich rufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was auch immer mir geschieht, was auch immer das Leben von mir fordert, ich bin gehalten und geborgen \u2013 in meinem Glauben. Und in der Liebe der Menschen, die mir nahe sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind wir mit Petrus da draussen auf dem Wasser. Geht nicht, sagt unser Denken, und es hat Recht. Menschen gehen nicht \u00fcbers Wasser. Achtung: Da ist die n\u00e4chste Welle. Der Wind bl\u00e4st uns hart ins Gesicht. Und wir beginnen zu sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich glaube schon, aber\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Zweifel kommt auf, das Vertrauen schwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich begreife ich, was ich getan habe \u2013 Petrus auch: Hilfe!<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, nicht \u201eHilfe!\u201c, sondern: Herr, hilf mir! Jesus, rette mich! Gott, steh mir bei!<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Panik, voller Zweifel, voller Unsicherheit und Haltlosigkeit singe ich das Lied nun: Mitten in der Dunkelheit, mitten im Sturm weiss ich: Es gibt einen Namen, den ich rufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich weiss nicht, ob du da bist, Gott, aber wenn, dann brauche ich dich jetzt!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einer Weile begleitete ich eine Frau, die grosse Angst vor dem Tod hatte. Sie war nicht krank, auch nicht alt, aber sie f\u00fcrchtete sich, tot zu sein und verloren zu gehen. Ich h\u00e4tte ihr gern bewiesen, dass das nicht passiert, also das Sterben schon, aber nicht das Verloren-Gehen. Ich h\u00e4tte ihr gern Wissen gegeben, aber das ist nicht m\u00f6glich. Da habe ich ihr aus einem inneren Impuls heraus den Text dieses Liedes vorgelesen, nur diesen Teil: In the middle of darkness, in the center of a storm, I know there\u2019s a name I can call. And I call on your name, Jesus. Sie hat das Angebot angenommen und ihr eigenes \u201eLied\u201c daraus gemacht: Mitten in der Angst rufe ich: Ich vertrau dir trotz allem! Diesen Satz hat sie in den d\u00fcsteren Stunden ihres Zweifelns und F\u00fcrchtens immer wieder gesagt, manchmal geweint, manchmal geschrien, manchmal gefl\u00fcstert.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus, rette mich! Schreit Petrus. Und alle damaligen Leser und Leserinnen kennen diesen Ruf aus dem Psalm 69 (Vers 2): Gott, hilf mir! Sie k\u00f6nnen ihn mitbeten und \u00fcbernehmen f\u00fcr eigene Situationen, in denen sie in Bedr\u00e4ngnis und Not geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus, hilf mir! Und da ist sie: sofort, ohne Z\u00f6gern, ohne Wenn und Aber \u2013 die Hand, die rettet. Es k\u00f6nnte auch ein Wort, ein Blick, eine Umarmung sein. Mitten im Sturm bleibt der Schrei nicht ungeh\u00f6rt. Jesus ist da. Und best\u00e4tigt und erf\u00fcllt, was der Evangelist Matth\u00e4us als Leitsatz \u00fcber sein ganzes Werk schreibt: Jesus ist der Immanuel, Jesus ist \u201eGott mit uns\u201c. Nicht nur damals, auch heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Glaubst du das?<\/p>\n\n\n\n<p>Glaubst du trotz den Zweifeln, die zum Glauben geh\u00f6ren?<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidest du dich f\u00fcr dieses Vertrauen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist Vertrauen immer auch eine Entscheidung: Lasse ich mich darauf ein? Rufe ich den Name? Sehe ich trotz allen Zweifeln die ausgestreckte Hand?<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist da, sagt unsere Geschichte. Dann, wenn du sie brauchst.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist da, sagt auch das Lied. Mitten in der Dunkelheit, mitten im Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob du das glaubst, ist deine Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Letztes: Was mich pers\u00f6nlich jahrelang an dieser Geschichte gest\u00f6rt hat, sind die Worte, die Jesus zum Schluss an Petrus richtet: Du Kleingl\u00e4ubiger! Warum hast du gezweifelt?<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meinem Glauben haben Zweifel immer dazu geh\u00f6rt. Und ich habe mich oft genug als \u201ekleingl\u00e4ubig\u201c empfunden, als kritisch, misstrauisch und zu wenig fromm. In diesen Worten h\u00f6re ich den Vorwurf, den ich mir selber gerne mache: Du glaubst eben zu wenig! Aber der Tonfall k\u00f6nnte ja auch ein ganz anderer sein; ein liebevoller, verst\u00e4ndnisvoller, ermutigender. Einer, der mich einl\u00e4dt zu glauben und zu vertrauen, auch wenn sich die Zweifel immer wieder bemerkbar machen. Dann w\u00fcrden die Worte wohl so klingen: Vertrau mir doch! Mitten in der Dunkelheit, mitten im Sturm kannst du meinen Namen rufen und ich werde da sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen<\/p>\n\n\n\n<p>Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n\n\n\n<p>Langnau am Albis<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich rufe deinen Namen | 4. Sonntag vor der Passionszeit | 6.2.2022 | Mt 14,22-33 | Nadja Papis | In the middle of darkness, in the center of a storm, I know there\u2019s a name I can call. And I call on your name, Jesus. Mitten in der Dunkelheit, mitten in einem Sturm weiss ich: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6919,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[855,1,157,114,349,814],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-6922","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-4-sonntag-vor-der-passionszeit","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kasus","category-nadja-papis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6922"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6923,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6922\/revisions\/6923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6919"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6922"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=6922"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=6922"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=6922"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=6922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}