{"id":7073,"date":"2022-02-16T13:57:28","date_gmt":"2022-02-16T12:57:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7073"},"modified":"2022-02-16T14:18:15","modified_gmt":"2022-02-16T13:18:15","slug":"hebraeer-4-12-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-4-12-13\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 4,12-13"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Einschneidend vers\u00f6hnend | Sexagesimae | 20.2.2022 | Hebr 4, 12-13 | verfasst von Thomas Schlag<\/strong> |<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits die ersten Bilder des Films sind schockierend. Der Blick der Kamera richtet sich auf ein Massaker. Der schweizerische K\u00fcnstler, Theater- und Filmemacher Milo Rau inszenierte im Jahr 2015 das sogenannte Kongo-Tribunal und dokumentierte dies eindr\u00fccklich.<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Schneidend ist in diesem Film vieles. Aufnahmen verst\u00fcmmelter Leichname, die schneidende Kritik der Opfer an der Ausbeutung der Minen mit \u201eseltenen Erden\u201c durch den Gro\u00dfkonzern Banro, ein schneidendes Gerichtsverfahren in Anwesenheit der politischen Eliten der Region und schlie\u00dflich ein einschneidendes \u201eUrteil\u201c am Ende der Gerichtsszene.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Film \u2013 laut Guardian das ambitionierteste politische Theaterprojekt, das je inszeniert wurde,<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> lief im Rahmen der Tagung \u201evers\u00f6hnt.ch\u201c, die im Februar 20022 an der Universit\u00e4t Bern stattfand.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> An dieser Dokumentation sollte aufgezeigt werden, wo Vers\u00f6hnung notwendig ist, auf welchen Widerstand diese st\u00f6\u00dft und was an alternativem Handeln dennoch m\u00f6glich ist und unbedingt getan werden muss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon w\u00e4hrend des Films kamen mir \u2013 wissend um die eigene Predigherausforderung! \u2013 die heutigen Worte des Hebr\u00e4erbriefs in den Sinn:<em> Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt hindurch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein und urteilt \u00fcber Regungen und Gedanken des Herzens. Und kein Gesch\u00f6pf ist verborgen vor ihm, sondern alles ist nackt und bloss vor den Augen dessen, dem wir Rede und Antwort zu stehen haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Film standen auch die Opfer nackt und blo\u00df da \u2013 eben nicht vers\u00f6hnt, sondern verh\u00f6hnt von lokalen politischen Verantwortlichen und deren Entourage. Manche der ganz Mutigen, die Rede und Antwort standen, sind offenbar nach ihrer Zeugenaussage in diesem Tribunal schlichtweg verschwunden \u2013 vermutlich verschleppt und mindestens mundtot und kaltgestellt, wenn nicht sogar tot und kalt gemacht. Die Regungen und Gedanken des Herzens lassen den mitteleurop\u00e4ischen Betrachter angesichts der je eigenen Passionserfahrungen und eindringlichen Augen-Blicke der Zeugen alles andere als kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich stellte sich ein seltsames Unbehagen ein; das Ungen\u00fcgen, diese biblische Verhei\u00dfung mit diesen dramatischen Erfahrungen, zusammenzudenken und zusammenzubringen, erst recht, in irgendeinen Einklang miteinander zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Tribunal war eben erst einmal nicht mehr als eine Inszenierung \u2013 jedenfalls ohne Rechtskraft oder juristische Folgen f\u00fcr die T\u00e4ter. Der Konzern hat inzwischen mindestens eine seiner Minen verkauft und sie chinesischen Investoren \u00fcberlassen \u2013 dass es dadurch besser wird, muss vehement bezweifelt werden. Und es wird weiter im Verborgenen agiert, korrumpiert, ausgebeutet und sich bereichert \u2013 \u00fcbrigens nicht zuletzt, damit sich die notwendigen Rohstoffe in unseren digitalen Kommunikationsger\u00e4ten zur Funktionsf\u00e4higkeit \u201eanreichern\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch, so Milo Rau, tr\u00e4gt diese Inszenierung Zukunftscharakter. Vers\u00f6hnung ist noch nicht geschehen, aber sie ist \u201eauf Zukunft hin\u201c schon jetzt im Raum. Schon allein durch die Erz\u00e4hlungen der \u201eZeugen\u201c ist bereits neues Licht auf die Verh\u00e4ltnisse geworfen. Indem die Stimmlosen \u00f6ffentlich eine Stimme erhalten haben, tritt eine neue Form von Realit\u00e4t ein \u2013 Rau spricht selbst vom Prinzip seines Schaffens als \u201eglobalem Realismus\u201c. Denn die Worte der zuvor Stummen haben eine Wirkung entfaltet, die sich nicht mehr einfach ignorieren oder verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Die durch die Zeugen gesprochenen und die vom Publikum der Betroffenen geh\u00f6rten Worte, das Pl\u00e4doyer des Anwalts, der Abschluss des Richterspruchs sind wirksam und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern zeigte dieser Film im Rahmen der ganzen Berner Tagung auf, wie schwierig Vers\u00f6hnung ist und wie viel notwendig und m\u00f6glich ist, um tats\u00e4chlich neu anfangen zu k\u00f6nnen. Viele Beispiele aus kirchlicher, schulischer, psychologischer und zivilgesellschaftlicher Praxis zeigten neue Wege auf, um mit einschneidenden Verletzungen und Traumata anders und besser als \u00fcblicherweise umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und deshalb war es im Rahmen dieser Vers\u00f6hnungstagung dann durchaus eine zwiesp\u00e4ltige Erfahrung, nun ausgerechnet von der Jugend eine ver\u00e4nderte Zukunftspraxis zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollen und k\u00f6nnen sie nun das ganze Gewicht der Beweislast und einer alternativen Neuausrichtung tragen. B\u00fcrdet man ihnen damit letztlich nicht das auf, was wir als Erwachsene vers\u00e4umt oder verschuldet haben? Fast schon zynisch w\u00e4re es jedenfalls, nun gerade der nachkommenden Generation die ganze Aufgabe der Vers\u00f6hnung aufzuerlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt, dass so manche Einsch\u00e4tzung dieser Generation selbst zynisch anmutet: So findet sich in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung vom 26.1.2022 auf dem Titel ein Bild der bleichen Greta Thunberg hinter einer verregneten Fensterscheibe mit der Unterschrift \u201eGreta allein zu Haus\u201c und dem vielsagenden Text: \u201eDas Weltbild der Klimaaktivisten wird dominiert von Schwarz und Weiss, Gut und B\u00f6se. Die Verk\u00f6rperung dessen ist Greta Thunberg, die autistische Jugendliche, die den in Davos versammelten M\u00e4chtigen vor drei Jahren eine Standpauke hielt. Sie hat wachger\u00fcttelt. In z\u00e4hen Verhandlungen geht es in der Klimapolitik nur langsam voran, mit Kompromissen. Ganz ohne Thunbergs Zutun.\u201c Der Text selbst ist kaum weniger herablassend, wenn es darin wiederum in Anspielung auf ihre Krankheit hei\u00dft: \u201eDer Aufstieg von Greta Thunberg markiert den endg\u00fcltigen kulturellen Siegeszug des Nerds.\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Was wohl ein Fridays-for-future Aktivist bzw. eine Aktivistin von \u201euns Erwachsenen\u201c halten m\u00fcsste, sollte sie eine solche Zuschreibung zu Gesicht bekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch sonst stellt sich weniger die Frage, was man der Jugend alles zutrauen darf als vielmehr, was man ihr schon gegenw\u00e4rtig an Unvers\u00f6hnlichkeitserfahrungen zumutet: Dazu nur ebenfalls einige Pressemeldungen und Erkenntnisse aus j\u00fcngster Zeit:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universit\u00e4ren Psychiatrischen Dienste Bern hat im Jahr 2021 \u00fcber 50 Prozent mehr suizidale Minderj\u00e4hrige auf der Notfallstation betreut als im Vorjahr. Und das, nachdem die Fallzahlen schon von 2019 auf 2020 um 50 Prozent gestiegen waren. Einzig der Pandemie den Anstieg zuzuschreiben, greift zu kurz. Seit zehn Jahren nehmen psychische Leiden bei Minderj\u00e4hrigen zu. Ein leitender Arzt f\u00fchrt dies auch auf den allgemeinen Leistungsdruck zur\u00fcck. \u00dcberall gehe es um Anforderungen, auch in der Freizeit.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Pro Jahr gibt es insgesamt gut 12000 \u201aneue\u2018 Scheidungskinder in der Schweiz; hinzu noch 3000, deren Eltern nicht verheiratet waren. Man geht davon aus, dass etwa 10 Prozent dieser Kinder zwischen die Fronten geraten. Die j\u00e4hrlich ausgesprochenen 17000 Kindesschutzmassnahmen, die den Kontakt zwischen Kindern und Eltern regeln, sind ein starker Hinweis, dass dies eher noch vorsichtig gesch\u00e4tzt ist.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Jugendgeneration macht h\u00f6chst zweischneidige Erfahrungen mit dem Wohl und Wehe digitaler Freiheiten und Zumutungen: Cybermobbing ist nur eine der manifesten Ausdrucksgestalten des gegenw\u00e4rtigen Aufwachsens. So haben laut einer aktuellen Medienstudie 25% der Jugendlichen in der Schweiz schon erlebt, dass man sie online fertig machen wollte.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar macht auch die Generation der Kinder und Jugendlichen heftigste, einschneidendste Passionserfahrungen \u2013 mitten in den saturierten Verh\u00e4ltnissen der Schweiz und mitten im reichen Europa sind tief einschneidende Erlebnisse zu verarbeiten. Und als Opfer stehen auch sie dann h\u00e4ufig nackt und bloss und stummgestellt da. Im worst case bleiben ihre Regungen und Gedanken des Herzens verborgen und ungeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder der Versuch, diese geh\u00f6rten Erfahrungen mit dem biblischen Text abzugleichen: <em>Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt hindurch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein und urteilt \u00fcber Regungen und Gedanken des Herzens. Und kein Gesch\u00f6pf ist verborgen vor ihm, sondern alles ist nackt und bloss vor den Augen dessen, dem wir Rede und Antwort zu stehen haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und erneut ein seltsames Unbehagen am Ungen\u00fcgen, das eine mit dem anderen zusammenzudenken, zusammenzubringen, in Einklang zu bringen, ohne sogleich bei plattem biblischem Antirealismus und Idealismus zu landen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch drang dann schneidend die Erinnerung an Paulo Freire, den brasilianischen Bildungstheoretiker und -praktiker in den Raum der Tagung: Schon Anfang der 1970er Jahre mahnte er in seiner damaligen Funktion beim \u00d6kumenischen Rat der Kirchen in Genf: \u201eEs ist falsch, Zaubermittel [wie etwa \u2018Bewusstseinsbildung\u2019] f\u00fcr die Herzen der Menschen anzubieten, ohne die sozialen Strukturen zu ver\u00e4ndern\u201c, denn durch solche Zaubermittel wird das Unvers\u00f6hnliche nicht miteinander vers\u00f6hnt.\u201c Und diese Kritik richtete sich auf die Kirche selbst, die als \u201eneutrale Kirche\u201c das Unvers\u00f6hnliche durch ein Maximum an sozialer Stabilit\u00e4t vers\u00f6hnen wolle. Damit aber kastrierten deren Verantwortliche \u201edie prophetische Dimension der Kirche, deren Zeugnis dann ein Zeugnis der Angst wird \u2013 Angst vor dem Wandel, Angst, dass eine ungerechte Welt radikal umgestaltet wird.\u201c Deshalb m\u00fcsse wahre Menschenbildung \u201eein Instrument umgestaltenden Handelns sein, als politische Praxis im Dienst der permanenten menschlichen Befreiung.\u201c<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn manches an diesen Begrifflichkeiten \u201e\u00fcberholt\u201c erscheint und die Terminologie des ganzen Textes seltsam aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Freires einschneidende \u00dcberlegungen machen bis heute Eindruck und sind im besten Sinn der Erinnerung und Erneuerung wert: Wenn die strukturellen Ursachen aus dem Blick bleiben, ger\u00e4t aller Appell der \u00c4nderung des Bewusstseins von vorneherein zu kurz. Bildungsverantwortliche an den Schulen und in den Kirchen wissen angesichts ihres immer mehr zur Sozialarbeit werdenden Engagements um diesen engen und fatalen Zusammenhang der individuellen Bedingungen des Aufwachsens und den m\u00f6glichen Lernleistungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zugleich und immer noch \u2013 so mein Eindruck auch dieser Tagungserfahrung \u2013 fehlte es immer noch irgendwie an der entscheidenden Substanz, um wirklich besser begreifen und erfassen zu k\u00f6nnen, unter welchen viel weiter gehenden strukturellen Bedingungen Vers\u00f6hnung gedacht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann eben noch einmal: <em>Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt hindurch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein und urteilt \u00fcber Regungen und Gedanken des Herzens. Und kein Gesch\u00f6pf ist verborgen vor ihm, sondern alles ist nackt und bloss vor den Augen dessen, dem wir Rede und Antwort zu stehen haben.<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\"><strong>[9]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf besondere Weise \u2013 und vielleicht gerade aufgrund dieser vielen dunklen und scheiternden Vers\u00f6hnungserfahrungen \u2013 begann diese Passage des Hebr\u00e4erbriefs dann doch langsam zu leuchten. Durch alle einschneidenden Erfahrungen unbarmherziger Unmenschlichkeit und purer Verzweiflung hindurch brachten diese Worte den Zukunftsgedanken des \u201eNoch nicht\u201c, aber \u201eschon jetzt\u201c noch einmal ganz anders, in tiefgreifender und hoffnungsvoller Weise zum Vorschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die in sich k\u00f6rper-bewussten \u2013 und \u00fcbrigens in feinstem Griechisch hymnisch daherkommenden \u2013 Begriffe machen den existentiellen Tiefgang deutlich. Das Wort Gottes geht durch Mark und Bein, kein menschlicher Sinn bleibt von dieser Sinndimension unber\u00fchrt. Besonders dramatisch erscheint hier die Verwendung des Verbs \u201erichten\u201c Diese Gerichtsszene ist jedenfalls viel mehr als theatralische Inszenierung, auch wenn sie in geradezu festlicher Prosa daherkommt. Sondern sie tr\u00e4gt existenziell, ja sogar einen forensisch anmutenden Ton. Denn das Bild vom richtenden und durchdringenden Schwert l\u00e4sst den Lesenden unweigerlich \u201eden entbl\u00f6\u00dften Hals eines zur Hinrichtung Verurteilten vor sich sehen, \u00fcber dem schon das t\u00f6tende Messer schwebt\u201c<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn, wie weiter zu lesen ist, nichts vor Gott verborgen bleibt, ist dies kein Ausdruck permanenter \u00dcberwachung eines auf Fehlerhaftigkeit lauernden Surveillance-Gottes. Sondern dies zeigt wortm\u00e4chtig und weisheitlich-provozierend<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a> an, dass Gottes Wort alle Menschen in einschneidendem Sinn beh\u00fctet. Es geht in diesem Wort \u2013 auch wenn es so klingen mag \u2013 nicht in erster Linie um eine dualistische Scheidung der Geister, sondern darum, sich bewusst zu machen, woher Hilfe kommt, ja, dass Hilfe schon da ist, wenn wir sie n\u00f6tig haben (Hebr. 4,14): Richten ist in erster Linie als <em>rettende<\/em> Tat Gottes zu verstehen: \u201ethe word of God is also \u2018living and active\u2019 as God\u2019s power both to save and to judge.\u201c<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Sch\u00f6n und wohl nicht zuf\u00e4llig an das Politische erinnernd ist dabei der Gedanke, dass das Wort von der \u201eentbl\u00f6\u00dfenden gerichtlichen Rechenschaft\u201c in V13 schon bald darauf zur aufatmenden freien Rede vor dem erbarmenden Gott changiert\u201c (Hebr 4,16).<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lesenden dieser Hebr\u00e4erbriefzeilen werden also nicht mit entbl\u00f6\u00dftem Nacken unter das schwebende Messer gesetzt. Sondern sie werden inmitten aller Passionserfahrungen dazu ermutigt, ihre Hoffnung auf etwas zu setzen, das zwar gegenw\u00e4rtig <em>noch nicht<\/em> sichtbar ist \u2013 und das doch <em>schon jetzt<\/em> alle Weltverh\u00e4ltnisse durchwirken <em>kann<\/em>.<a href=\"#_ftn14\" id=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Denn Christus selbst setzt sich nach \u00dcberzeugung des Briefschreibers verst\u00e4ndnisvoll und barmherzig f\u00fcr alle Menschen als Kinder Abrahams ein (vgl. Hebr 2,14-18; 5,7-8).<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der prek\u00e4ren Lebenserfahrungen, die in \u201ealler Welt\u201c gemacht werden, ist diese substanzielle Einsicht des Hebr\u00e4erbrief kein billiger Trost und schon keine Vertr\u00f6stung. Es ist aber auch nicht einfach ein verzweifelter Appell zum besseren Handeln oder gar moralischer Aufruf zu einer besseren Gewissenshaltung. Sondern mit dem Hinweis auf das \u201eNackte\u201c und \u201eBlosse\u201c wird auf den Sch\u00f6pfungsanfang selbst verwiesen und so vom existenziellen Uranfang her <em>auf eine lebenswerte Zukunft hin<\/em> erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es wird <em>zuallererst von Gott her<\/em> und <em>auf Gott hin zuallererst<\/em> m\u00f6glich, genauer und sch\u00e4rfer hinzusehen und aufmerksam zu werden: auf die strukturellen unterdr\u00fcckenden Verh\u00e4ltnisse; auf die Grundbedingungen daf\u00fcr, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt Mensch sein zu k\u00f6nnen; auf das, was dem Menschen an vers\u00f6hnendem \u201ere-conciliare\u201c<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a> m\u00f6glich ist und was Gott im besten Sinn \u00fcberlassen bleiben darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott durch Jesus Christus,<a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\">[16]<\/a> der uns mit seinem Wort an-spricht, ist selbst \u201eVers\u00f6hnung auf Zukunft hin\u201c. Eine Vers\u00f6hnung, die wir <em>nicht leisten k\u00f6nnen<\/em>, die wir aber an uns <em>leisten lassen d\u00fcrfen<\/em>. An deren Realisierung wir mit allem zusammengenommenen Mut und nach unseren Kr\u00e4ften mitgestalten sollen und dies auch ganz realistisch k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Amen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Thomas Schlag ist der Herausgeber der G\u00f6ttinger Predigten im Internet. Er ist Professor f\u00fcr Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Religionsp\u00e4dagogik, Kirchentheorie und Pastoraltheologie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Zudem ist er Vorsitzender der Leitung des Zentrums f\u00fcr Kirchenentwicklung (ZKE) und Direktor des Universit\u00e4ren Forschungsschwerpunkts \u201eDigital Religion(s). Communication, Interaction and Transformation in the Digital Society\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Das Kongo-Tribunal (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ru39SqbTfHI)\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ru39SqbTfHI)<\/a>; abrufbar, ein aufschlussreiches Interview mit Milo Rau findet sich unter <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vP5VcEMmWM8\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vP5VcEMmWM8<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kate Connolly: The most ambitious political theatre ever staged? 14 hours at the Congo Tribunal. In: The Guardian. 1. Juli 2015 (https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2015\/jul\/01\/congo-tribunal-berlin-milo-rau-political-theatre).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.versoehnt.ch\">www.versoehnt.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/greta-thunbergs-staerkste-waffe-ist-die-kommunikation-ld.1666397\">https:\/\/www.nzz.ch\/international\/greta-thunbergs-staerkste-waffe-ist-die-kommunikation-ld.1666397<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.pukzh.ch\/default\/assets\/File\/Aktuelles\/2022_01_23_SonntagsZeitung.pdf\">https:\/\/www.pukzh.ch\/default\/assets\/File\/Aktuelles\/2022_01_23_SonntagsZeitung.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Beobachter 25\/2020.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> James-Studie 2020 (https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/forschung\/medienpsychologie\/mediennutzung\/james\/).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Paulo Freire, Erziehung und Bildung, Befreiung und die Kirche (1973), in: Ders., Erziehung als Praxis der Freiheit, Stuttgart 1974.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Auch wenn gegen\u00fcber diesem Medium vielerlei Vorbehalte anzubringen sind, ist in diesem Fall die \u201e\u00dcbersetzung\u201c der Volxbibel (Ausgabe 2012) durchaus inspirierend und nicht ohne jugendliche Wucht: V.12: Gottes Worte sind powervoll, sie haben Auswirkungen. Sie sind sch\u00e4rfer als eine Rasierklinge und gef\u00e4hrlicher als ein Laserschwert. Sie durchdringen unsere tiefsten Tr\u00e4ume. Sie trennen das, was von uns kommt, und das, was von Gott ist. Sie verurteilen oder best\u00e4tigen uns, je nachdem, wie wir leben. Und das tun sie ganz neutral, man kann sie nicht bestechen oder belabern. V: 13 Gott kann alles sehen, du kannst keine Geheimnisse vor ihm haben. Und jeder muss sich f\u00fcr die Sachen, die er tut, vor ihm verantworten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Martin Karrer, Der Brief an die Hebr\u00e4er, Kapitel 1,1-5,10, G\u00fctersloh\/W\u00fcrzburg 2002, 225.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. etwa: \u201eDenn als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Gang die Mitte erreichte, fuhr dein allm\u00e4chtiges Wort vom Himmel herab, vom k\u00f6niglichen Thron, ein harter Kriegsmann, mitten in das Land, das zugrunde gerichtet werden sollte. Er trug ein scharfes Schwert, n\u00e4mlich dein unerbittliches Gebot, und trat hin und erf\u00fcllte alles mit Tod; sein Haupt ber\u00fchrte den Himmel, seine F\u00fc\u00dfe standen auf der Erde\u201c (Weish. 18, 14-16).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> James W. Thompson, Hebrews, Grand Rapids 2008, 87.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Martin Karrer, Der Brief an die Hebr\u00e4er, Kapitel 1,1-5,10, G\u00fctersloh\/W\u00fcrzburg 2002, 238.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Wobei dieses \u201eK\u00f6nnen\u201c durchaus dringlich gemeint ist, wie die kurz zuvor (Hebr 3,7) ergangene Referenz an das verstockte Volk in der W\u00fcste (Ps 95, 7-11) deutlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> So der Hinweis der Berner Kollegin Katharina Heyden auf besagter Vers\u00f6hnungs-Tagung.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Die Rede ist auch von \u201eChrist\u2019s own unique role als God\u2019s agent of creation\u201d, Angela Costley, Creation and Christ. An Exploration of the Topic of Creation in the Epistle to the Hebrews, T\u00fcbingen 2020, 150.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einschneidend vers\u00f6hnend | Sexagesimae | 20.2.2022 | Hebr 4, 12-13 | verfasst von Thomas Schlag | Bereits die ersten Bilder des Films sind schockierend. Der Blick der Kamera richtet sich auf ein Massaker. Der schweizerische K\u00fcnstler, Theater- und Filmemacher Milo Rau inszenierte im Jahr 2015 das sogenannte Kongo-Tribunal und dokumentierte dies eindr\u00fccklich.[1] Schneidend ist in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7063,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[59,1,157,114,797,349,3,109,671,642],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-7073","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hebraeer","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-04-chapter-04-hebraeer","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-sexagesimae","category-thomas-schlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7073","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7073"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7073\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7078,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7073\/revisions\/7078"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7073"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7073"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7073"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=7073"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=7073"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=7073"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=7073"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}