{"id":7193,"date":"2022-03-02T11:10:20","date_gmt":"2022-03-02T10:10:20","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7193"},"modified":"2022-03-03T12:26:43","modified_gmt":"2022-03-03T11:26:43","slug":"2-korinther-61-10-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-61-10-3\/","title":{"rendered":"2. Korinther 6,1-10"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Ein offener Blick <\/strong>| <strong>Invokavit <\/strong>| <strong>6.3.2022 <\/strong>| <strong>\u00a02. Kor 6,1-10 <\/strong>| <strong>Nadja Papis <\/strong>|<\/h3>\n<p>Auf dem Pausenplatz fliegen die Fetzen: Emma und Luca streiten sich. Um was, weiss eigentlich niemand mehr, aber alle sind irgendwie beteiligt. Die einen ergreifen Partei und schreien lauthals mit, andere verdr\u00fccken sich weit weg und wieder andere beobachten gespannt, was passiert. Irgendwann geht der Lehrer dazwischen: \u201eWas ist eigentlich los?\u201c Stille kehrt ein, Emma und Luca schauen sich nicht an, keines Blickes w\u00fcrdigen sie sich. Und der Lehrer erh\u00e4lt keine Antwort.<\/p>\n<p>Auch in Korinth haben sie gestritten und wie. Um den richtigen Glauben, um den richtigen Lebenswandel, um den richtigen Apostel. Korinth war damals bekannt als Schmelztiegel der Kulturen und hatte den Ruf eines Ortes voller Laster. Eine grosse antike Stadt mit vielen Menschen und mitten drin die christliche Gemeinde, gegr\u00fcndet von Paulus, auf der Suche danach, was es heisst, Gemeinde zu sein und christlich zu leben. Paulus ist nicht mehr dort, er zog weiter. Aber es scheint, dass er in regem Kontakt blieb mit Menschen der korinthischen Gemeinde. Und so vom grossen Konflikt h\u00f6rte, der die Gemeinde zu spalten, auseinanderzureissen drohte. Sachlich ging\u2019s um das Benehmen der Gemeindemitglieder. Paulus selber hatte ihre Freiheit verk\u00fcndet, und die einen nahmen sich diese Freiheit nun wortw\u00f6rtlich und machten Dinge, die den anderen sauer aufstiessen. So assen sie zum Beispiel das Fleisch, das in den Tempeln anderen G\u00f6ttern geopfert wurde. Dar\u00fcber und \u00fcber anderes Verhalten entbrannte ein heftiger Streit, der immer mehr eskalierte. Auf einmal ging es auch darum, welcher Apostel denn nun ein richtiger Apostel sei, welche Botschaft denn nun die wahre sei etc. Wir k\u00f6nnen es uns vorstellen, es geht ja auch heute unter uns oft so. Eine scheinbar sachliche Auseinandersetzung f\u00fchrt zu unvereinbaren Positionen und pl\u00f6tzlich wird mit allem verbal um sich geschlagen, was gerade da ist.<\/p>\n<p>Die Antwort von Paulus t\u00f6nt wie das Machtwort des Lehrers, sie ist meiner Meinung nach eine klassische Krisenintervention.<\/p>\n<p>Predigttext: 2Kor 6,1-10<\/p>\n<p>Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch auch: Empfangt die Gnade Gottes nicht vergeblich! Denn es heisst: Zu willkommener Zeit habe ich dich erh\u00f6rt, und am Tag der Rettung habe ich dir geholfen. Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.<\/p>\n<p>Mit nichts wollen wir Anstoss erregen, damit der Dienst nicht in Verruf komme. Vielmehr stellen wir uns ganz und gar als Gottes Diener zur Verf\u00fcgung: mit grosser Ausdauer, in Bedr\u00e4ngnis, in Not und in \u00c4ngsten; unter Schl\u00e4gen, im Gef\u00e4ngnis, in unruhigen Zeiten, in M\u00fchsal, in durchwachten N\u00e4chten und beim Fasten; in Reinheit, in Erkenntnis, in Geduld, in G\u00fcte, in ungeheuchelter Liebe, im Wort der Wahrheit und in der Kraft Gottes; mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken, ob wir anerkannt oder abgelehnt, verleumdet oder gelobt werden! Wie Verf\u00fchrer sind wir und doch wahrhaftig, wie Unbekannte und doch wohlbekannt, wie Sterbende und seht: wir leben, wie Gez\u00fcchtigte und doch nicht dem Tod geweiht, wie Trauernde und doch stets voller Freude, wie Bettler, die dennoch viele reich machen, wie Besitzlose, die alles besitzen.<\/p>\n<p>Ein Machtwort\u2026 Ein ziemlich heftiges. Paulus h\u00e4tte es auch einfacher sagen k\u00f6nnen: Beruhigt euch mal! Und schaut auf das, was euch verbindet und tr\u00e4gt. Ja, denn das ist seine Intention: Die streitenden Parteien auf den gemeinsamen Nenner auszurichten. Geht es nicht in jedem Streit genau darum? Dass Menschen statt auf das Trennende auf das Gemeinsame schauen?<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe keine M\u00fche mit Streit. Er geh\u00f6rt zu menschlichen Beziehungen dazu und zwar nicht nur die reif ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten, sondern auch emotionale Vulkanausbr\u00fcche und Wutanf\u00e4lle. Sie sind eine Chance aufzudecken und zu kl\u00e4ren, was nie zur Sprache kam. Immer wieder erlebe ich es, dass ein Streit zu mehr Offenheit f\u00fcr die anderen f\u00fchrt \u2013 solange wir im Kontakt miteinander bleiben. Schwierig wird es f\u00fcr mich nur, wenn ich mit dem anderen keine tragende Basis habe. Oder wenn nach dem Streit das Trennende noch trennender ist und sicher weiter wirken wird in diese Richtung.<\/p>\n<p>In Korinth scheint dies der Fall gewesen zu sein. Die h\u00f6heren Eskalationsstufen waren erreicht. Ging es noch um die Sache oder nur noch um die Macht und das Sagen? Hier schreitet Paulus nun ein. Und spricht oder besser gesagt schreibt sein Machtwort. \u201eJetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, der Tag der Rettung!\u201c<\/p>\n<p>Jetzt ist sie da: die Zeit der Gnade, der Tag der Rettung!<\/p>\n<p>Das ist euer gemeinsamer Nenner, das ist die Mitte, der Boden.<\/p>\n<p>Alles andere sind Meinungsverschiedenheiten, die gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen, aber das hier, das ist es: Darum geht es in unserem Leben als Christinnen und Christen.<\/p>\n<p>Ich finde das eine wunderbare Intervention. Sie verleugnet die Verschiedenheit nicht, sie verleugnet auch die verschiedenen Meinungen und Ansichten nicht, sie steigt schon gar nicht ein in den Machtkampf. Mit einem Satz l\u00e4dt Paulus die Streitparteien in eine Gemeinschaft ein, die ihre menschlichen Zankereien \u00fcbersteigt: Jetzt ist sie da: die Zeit der Gnade, der Tag der Rettung.<\/p>\n<p>Eindringlich sind seine Worte, ja, sie brauchen eine gewisse Energie und \u00dcberzeugungskraft, um zu den Streitenden \u00fcberhaupt durchzudringen, aber dann stelle ich mir den Tonfall relativ ruhig vor: Denkt daran, wir alle sind im gleichen Boot, wir alle stellen uns in den Dienst derselben Sache und erfahren darin Freud und Leid, Gefahr und Ermutigung. Diese Aufz\u00e4hlung von N\u00f6ten und dann die Gegen\u00fcberstellungen von Schwierigem und Sch\u00f6nen wirken auf mich irgendwie beruhigend, obwohl die Zeit alles andere als ruhig, friedlich und sch\u00f6n war.<\/p>\n<p>Der Lehrer auf dem Pausenplatz fragte: \u201eWas ist eigentlich los?\u201c Und damit verhindert er wohl, dass sich die streitenden Kinder anschauen und wieder offen werden f\u00fcreinander. Paulus fragt nicht: Worum geht\u2019s? Sondern stellt klar und deutlich fest: Jetzt geht es um Gnade.<\/p>\n<p>Gnade \u2013 dieses alte Wort, das sich einfach nicht ersetzen l\u00e4sst, nicht \u00fcbersetzen l\u00e4sst in etwas Moderneres. Paulus sagt: Um Gnade geht\u2019s. Gnade ist das, was euch verbindet. Auch wenn ihr verschiedener Meinung seid, auch wenn ihr um die Vorherrschaft in der Gemeinde k\u00e4mpft, auch wenn ihr scheinbar unvereinbare Vorstellungen habt: Ihr habt einen gemeinsamen Nenner. Und der kommt nicht aus euch, sondern ist euch zugesprochen.<\/p>\n<p>Manchmal fange ich mitten in einer heissen Diskussion oder einem heftigen Streit an zu beten. Einfach f\u00fcr mich. Das Gebet lautet immer gleich: Gott, wir sind alle deine Gesch\u00f6pfe, ich bin dein Kind, er oder sie ist dein Kind, an dem du Wohlgefallen hast. Es ist genau diese Ausrichtung. Statt eine Gegnerin oder einen Feind zu sehen, wird mein Streit-Gegen\u00fcber wieder zum Menschen, bejaht von der g\u00f6ttlichen Lebenskraft, genau wie ich am Atmen, am Leben, am Lieben, am F\u00fchlen, am Sein. Das hilft mir, meinen Blick zu \u00f6ffnen. Ich kann trotzdem bei meiner Meinung bleiben, aber mein Blick wird offen \u2013 offen f\u00fcr andere Meinungen und Ansichten, offen f\u00fcr das, worum es geht. Denn oft geht\u2019s im Streit nicht um die Sache, sondern um Beziehung, Anerkennung, Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Gnade \u2013 das alte Wort beschreibt f\u00fcr mich diesen offenen Blick. Zuerst kommt er von Gott auf uns zu. Ja, ich werde mit einer unfassbaren, \u00fcberw\u00e4ltigenden und liebevollen Offenheit angeschaut. Sie l\u00e4dt mich ein, ebenfalls offen hinzusehen \u2013 auf mich, auf dich und auf die Welt.<\/p>\n<p>Dieser offene Blick ist f\u00fcr mich der Kern meines christlichen Glaubens. Und geh\u00f6rt f\u00fcr mich zentral zur Passionszeit, die ja nun begonnen hat. Wir werden in dieser Zeit aufgefordert, hinzuschauen, hinzuh\u00f6ren, uns zu \u00f6ffnen f\u00fcr andere und f\u00fcr das, was uns verbindet. Paulus ist da deutlich. Ich kann als Christin nicht sagen: Juhui, ich bin gerettet, diese Welt interessiert mich nicht, ich mach, was ich will. Die Freiheit, die wir geschenkt bekommen haben, fordert uns heraus, offenen Blickes durch die Welt zu gehen und solidarisch zu sein mit denen, die sich (noch) nicht so frei f\u00fchlen wie wir. Ja, die Zeit der Gnade ist da, aber es ist keine egoistische Gnade, es ist eine verbindende, eine offene, eine solidarische.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p>Langnau am Albis<\/p>\n<p><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein offener Blick | Invokavit | 6.3.2022 | \u00a02. Kor 6,1-10 | Nadja Papis | Auf dem Pausenplatz fliegen die Fetzen: Emma und Luca streiten sich. Um was, weiss eigentlich niemand mehr, aber alle sind irgendwie beteiligt. 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