{"id":7342,"date":"2022-03-09T09:57:00","date_gmt":"2022-03-09T08:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7342"},"modified":"2022-03-15T22:01:49","modified_gmt":"2022-03-15T21:01:49","slug":"predigt-zu-markus-914-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-markus-914-29\/","title":{"rendered":"Markus 9,14-29"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Reminiszere | 13.3.22 | Mk 9,14-29 (Perikopenordnung DK) | Leise Christensen | <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht heute um Gebet und Glauben, den Glauben daran, dass das Unglaubliche geschehen kann durch Gebet. Ich denke da in der Predigtvorbereitung an ein Spannungsfeld zwischen Glauben und Gebet und was das ist, was im Gebet geschieht. Denn denken wir so: Wenn wir nur genug glauben und beten, kann alles passieren? Verschwindet das Corona-Virus dann, so dass wir uns wieder frei bewegen k\u00f6nnen? Endet der Krieg in der Ukraine, wenn wir nur genug glauben? So denken wir wohl kaum. Ich jedenfalls nicht. Ich bin mit zwei Nachbarkindern aufgewachsen, einem Jungen und einem M\u00e4dchen, die beide viel f\u00fcr mich bedeuteten. Wir gingen in dieselbe Klasse und blieben zusammen bis zum Abitur, und dann auch an der Universit\u00e4t. Das sind Freundschaften, die noch heute existieren. Aber wie das in den meisten Lebensl\u00e4ufen so ist, geschah auch anderes im Laufe der Zeit. Das M\u00e4dchen war streng religi\u00f6s erzogen und hat damit lange gelebt, aber als sie 30 wurde, nahm sie davon resolut Abstand. Der Junge wurde zu der Zeit ernsthaft krank und musste mit dem Tod rechnen, \u00fcberwand aber schlie\u00dflich die Krankheit, einigerma\u00dfen jedenfalls. Aber w\u00e4hrend seiner Krankheit sagte die Mutter des M\u00e4dchens, die den Jungen nat\u00fcrlich auch sehr gut kannte und mochte, dass das M\u00e4dchen f\u00fcr ihn beten solle, damit er wieder gesund w\u00fcrde. Und das M\u00e4dchen, dass mitten in einer Auseinandersetzung mit der Religion des Elternhauses war, fragte voller Verachtung, ob die Mutter wirklich daran glaube, dass die Gesundheit und das Leben des Jungen von den Gebeten irgendeiner Person abh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seht, das ist im Grunde der Kern des Gebets und des Verh\u00e4ltnisses des Menschen zum Gebet. N\u00fctzt es \u00fcberhaupt, und warum n\u00fctzt es nur manchmal, aber nicht immer? Warum konnten die J\u00fcnger im heutigen Evangelium nicht das, was Jesus konnte, n\u00e4mlich den Jungen von seiner Epilepsie heilen? Glaubten sie nicht genug? Beteten sie nicht genug? Die meisten haben wohl erlebt, dass sie nicht erh\u00f6rt wurden, \u201enicht genug getan\u201c und damit erlebt haben, dass absolut nichts in der Richtung dessen passiert ist, worum sie baten und woran sie glaubten, dass sie mit leeren H\u00e4nden dastanden. Die Misere entstand wohl, weil wir Menschen eine Tendenz haben, den lieben Gott mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln, der uns unsere W\u00fcnsche erf\u00fcllt. Unsere sp\u00e4tmoderne Gesellschaft, wie sie heute aussieht, passt nicht zum Wesen des Gebets. Da gibt es einiges, was den Gedanken an das Gebet erschwert. Erstens, dass es zu viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die viel besch\u00e4ftigt sind&nbsp; und \u00fcberhaupt nicht erkennen wollen, dass man in eine Lage kommen kann, wo man Hilfe braucht \u2013 nicht nur vom Nachbarn, um das neue Sofa hereinzutragen, sondern im existenziellen Sinne, dass das Leben wehtut, dass das Leben leer und oberfl\u00e4chlich wirken kann, dass man geistig in eine Weise im Stich gelassen ist, die bewirkt, dass der Wunsch zu beten schockierend gro\u00df wird und dass dies zudem f\u00f6rderlich ist, wenn da nicht eine Tradition und ein Handelsmuster w\u00e4ren, die man aus fr\u00fcheren Lebensabschnitten kennt. Ja, das kann schockierend wirken f\u00fcr einen Menschen, auf das Gebet angewiesen zu sein, also etwas Immaterielles, dessen Wirkung man nicht sicher kennt. Dann lieber eine Pille nehmen und etwas Alkohol. Zweitens leben wir in einer Gesellschaft, die st\u00e4ndig eine Rhetorik gegen\u00fcber Religion und religi\u00f6sen Ausdrucksformen hat, wo so etwas wie Gebet l\u00e4cherlich gemacht wird &#8211; ehrlich gesagt, was n\u00fctzt Beten eigentlich? Ist das nicht ein Weihnachtmann, einen Trosthappen, den wir da an den Pforten des Himmels angebracht haben? Und hat der in sich selbst ruhende Mensch, Redakteur seines eigenen Lebens, \u00fcberhaupt das Bed\u00fcrfnis zu beten? Kann man nicht blo\u00df sagen wie gewohnt, \u201edaf\u00fcr arbeiten wir\u201c, oder \u201edas wird schon gut gehen\u201c, oder \u201edarum wird sich der Arzt k\u00fcmmern\u201c, und andere Ausdr\u00fccke, die auf der Annahme beruhen, dass der Mensch damit schon fertig wird, wenn man es nur will und genug daf\u00fcr arbeitet. Ich glaube aber, dass die Wahrheit des Gebets irgendwo liegt zwischen der Mutter meiner Freundin, die glaubte, dass unser gemeinsamer Freund durch das Gebet meiner Freundin wieder gesund werden k\u00f6nnte, und dann der platten Ablehnung des Gebets als einer rein kindlichen Trostveranstaltung. Es ist klar, wenn nicht anders so aus der Erfahrung, dass das Gebet nicht dasselbe ist wie ein Bestellzettel, den man an ein Warenhaus schickt. Aber das ist nicht das Wesen des Gebets. Nicht \u00fcberraschend kommt das Gebet oft zur Sprache, wenn die Not am gr\u00f6\u00dften ist, und das ist sie bekanntlich oft bei Krankheit, der eigenen Krankheit oder Krankheit in der Familie, in diesem Fall des Kindes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt einen Autor, der dar\u00fcber nachgedacht hat. Der englische Autor C.S. Lewis \u2013 Verfasser der Narnia-B\u00fccher \u2013 heiratete in einem sp\u00e4ten Alter eine amerikanische Frau, die er sehr liebte. Sie hatten nur ganz wenige Jahre zusammen, denn sie erkrankte an Knochenkrebs und starb nach einer Zeit an der schweren Krankheit. Lewis betete f\u00fcr sie, f\u00fcr die Heilung der Krankheit, f\u00fcr Leben, Segen und frohe Tage &#8211; so wie die J\u00fcnger f\u00fcr den kranken Jungen beteten. Aber sie starb. Da wurde ihm deutlich, schreibt er in seinem Tagebuch, dass das Gebet nicht Gott ver\u00e4ndert, sondern den Menschen. Das kann, wie Lewis sagt, auf verschiedene Weise verstanden werden, so wie das Wesen des Gebets verschieden verstanden werden kann. Eine der Einsichten, zu denen Lewis gelang und die, wie ich glaube, sehr wichtig sind, ist die, dass das Gebet ihn ver\u00e4nderte. Aus einem Menschen, der hoffte, die Macht zu haben, das Unabwendbare zu ver\u00e4ndern, wurde er zu einem Menschen, der der Wirklichkeit ins Auge sieht und der im Angesicht dieser Wirklichkeit sowohl seine Ohnmacht als auch sein Vertrauen zu Gott bekannte: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben\u201c. Die Ver\u00e4nderung, die das Gebet bewirkt, liegt hier darin, dass dem Menschen die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet wird, die Situation zu ertragen, die unertr\u00e4glich und unm\u00f6glich erschien. Das Gebet ver\u00e4nderte den Menschen, ver\u00e4nderte C.S. Lewis. Aber dahin zu kommen, ist ein schwerer Prozess \u2013 dort erfuhr Lewis, was viele von uns erfahren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gebet ist in diesem Sinne so etwas wie ein existentieller Atem, der ein Timeout vom Alltag und von den zuweilen schweren Situationen gew\u00e4hrt. Gebet ist die Motion der Seele. Ja aber, wird man nun vielleicht fragen, hilft es dann nicht konkret zu beten, also wenn das nur eine Art existentielles Ventil ist? Das Gebet ist der Atem des christlichen Glaubens, hier k\u00f6nnen wir uns im Leben neu orientieren, Gebet ist Reorientierung. Es ist neuer Lebensweg. Aber Gebet ist auch Erh\u00f6rung \u2013 eine St\u00e4tte der Begegnung mit Jesus. Es ist auch ein Ort, wo wir in unserer Ohnmacht und vielleicht unserem Unglauben geh\u00f6rt werden. Der Horizont Gottes ist ein anderer als der des Menschen, auch wenn wir glauben, dass wir das alles von hier aus \u00fcberschauen k\u00f6nnen, wo wir stehen. Ich glaube, dass das eine Erfahrung ist, die die meisten Menschen machen, n\u00e4mlich dass die L\u00f6sung eines Problems sich als ganz anderes erweist als das, was man geglaubt hatte, worum man gebeten hatte und was man vorausgesetzt hatte. Erh\u00f6rung ist auch, etwas anderes zu h\u00f6ren, das ist auch, dass sich eine geschlossene T\u00fcr \u00f6ffnet. Etwas anderes wird gegeben. Gebet ist ein Ort, wo man seine un\u00fcberwindbar gro\u00dfen Sorgen und tiefe Trauer hinlegen kann, ein Ort, wo man sagt: \u201eIch kann nicht mehr, du kannst f\u00fcr mich, Gott. Ich glaube, Gott, hilf meinem Unglauben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was meine Freundin und meinen Freund betrifft, ja so wurde der junge Mann, der nun wie ich schon ziemlich alt ist, halbwegs gesund. Ich habe die Sache seitdem mit ihm und unserer gemeinsamen Freundin diskutiert, auch die Diskussion \u2013 oder besser den Streit &#8211; zwischen ihr und ihrer Mutter \u00fcber Gebet und F\u00fcrbitte. Wie das zusammenh\u00e4ngt, k\u00f6nnen wir nicht wissen, aber eine andere Seite vom Wesen des Gebets, jedenfalls der F\u00fcrbitte, dass man also f\u00fcr das Wohl und die Gesundheit eines anderen Menschen betet, ist dies, dass das dem notleidenden Menschen St\u00e4rke und Dankbarkeit schenkt.&nbsp; Unser Freund war bewegt dar\u00fcber, dass jemand f\u00fcr ihn betet \u2013 auch als er das selbst nicht mehr konnte und die Hoffnung verloren hatte. Letztlich will Jesus f\u00fcr uns beten, wenn wir es nicht mehr k\u00f6nnen. Ganz allein in der Not sind wir nie. Mitten im L\u00e4rm der Welt gibt es nicht viel, was feststeht, aber einiges steht fest. Wenige Dinge sind unver\u00e4nderlich: Das Wesen und die M\u00f6glichkeit des Gebets, die Kraft und Gnade der taufe und der unver\u00e4nderliche Wille Gottes, uns Menschen mit seiner Liebe zu erreichen. Das hat der Vater im heutigen Evangelium erlebt, als er in seinem Unglauben glaubte. Amen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sognepr\u00e6st Leise Christensen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Email: lec(at)km.dk\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reminiszere | 13.3.22 | Mk 9,14-29 (Perikopenordnung DK) | Leise Christensen | Es geht heute um Gebet und Glauben, den Glauben daran, dass das Unglaubliche geschehen kann durch Gebet. 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