{"id":7346,"date":"2022-03-09T19:55:44","date_gmt":"2022-03-09T18:55:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7346"},"modified":"2022-03-15T22:02:54","modified_gmt":"2022-03-15T21:02:54","slug":"predigt-zu-mt-2636-46-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-mt-2636-46-2\/","title":{"rendered":"Mt 26,36-46"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Beten unter Gottes Schweigen | Sonntag Reminiscere | 13.03.22 | Mt 26,36-46 | Kira Busch-Wagner |<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da hilft nur noch beten, so haben die Kirchen\u00e4ltesten hier in Trinitatis (Karlsruhe Aue) mit Plakaten aufgerufen, die ge\u00f6ffnete Kirche zum Gebet zu nutzen in diesen Wochen des Krieges, den Russland in die Ukraine getragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir stehen mitten in Europa und die Zeitl\u00e4ufte f\u00fchren uns ins Kriegsgeschehen. In Entscheidungen zu R\u00fcstungsausgaben, Aufr\u00fcstung, Waffenverk\u00e4ufen. Was gestern noch fremd war, wird heute Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und alle fragen nat\u00fcrlich: was hilft? Spenden hilft. Gemeinschaft herstellen hilft. Kontakte helfen. Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen, ihre Begleitung, ein Rahmen von Normalit\u00e4t und Sicherheit vor allem f\u00fcr Kinder. Das hilft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Ukrainer sagen: Waffen helfen. Sanktionen helfen. Milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung hilft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hilft beten? Was hilft der Ruf zu Gott? Immerhin hei\u00dft es in Luthers \u00dcbertragung der alten Psalmantiphon \u201eDa pacem domine\u201c: \u201eEs ist doch ja kein andrer nicht, der f\u00fcr uns k\u00f6nnte streiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders, als der oft gesungene resignierende Satz: \u201eEs ist ja doch kein andrer nicht \u2026\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hilft nur noch beten? Was hilft beten? Da liegt es nahe, uns biblisches Gebet anzuschauen. Ganz so, wie es unsere regul\u00e4re Ordnung mit dem Predigtabschnitt auftr\u00e4gt. Wir stehen noch zu Beginn der Passionszeit. Und doch f\u00fchren die Verse aus dem 26. Kapitel des Evangeliums nach Matth\u00e4us uns unmittelbar in die Nacht vor Karfreitag, in die Nacht vor dem Tod Jesu. Sie f\u00fchren uns hinein in den Garten Gethsemane, in den Garten der Gat Schammaiim, den Garten der \u00d6lpresse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00d6lbaum geh\u00f6rt zu den klassischen Sieben Fr\u00fcchten des Landes Israel. Er spielt eine wichtige Rolle nicht f\u00fcrs Alltagsleben, etwa im Speiseplan &#8211; zur Zeit Jesu genauso wie heute. Das \u00d6l des \u00d6lbaums geh\u00f6rt grade noch zur Zeit Jesu auch zur &nbsp;j\u00fcdischen Glaubenspraxis, zum Tempel. Ohne \u00d6l keine Lichter, keine Leuchter, keine Menora.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Jesus im Johannesevangelium sagt: Ich bin das Licht der Welt, dann setzt das voraus: Ich bin das \u00d6l, gewonnen vom \u00d6lbaum, aus seinen zersto\u00dfenen, zerpressten, ausgequetschten Fr\u00fcchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Garten Gethsemane, im Garten der \u00d6lpresse, steht Jesus bevor, zersto\u00dfen, zerschlagen zu werden Er wei\u00df das. Er geht drauf zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er will beten. Er will allein sein. Aber nicht ganz. Jesus hat sich ja \u00f6fters zur\u00fcckgezogen zum einsamen Gebet. Umso auff\u00e4lliger, dass er diesmal einige seiner Sch\u00fcler ausdr\u00fccklich drum bittet, ihn zu begleiten. Drei sollen mitkommen. Petrus und die zwei S\u00f6hne des Zebed\u00e4us, Jakobus und Johannes. Es sind die drei, die bei seiner Verkl\u00e4rung auf dem Berg Horeb mit dabei waren. Drei, die ihm wichtig sind, von denen er sich vielleicht besonderes Verst\u00e4ndnis erhofft. Vielleicht auch, denen er etwas zeigen m\u00f6chte. Vielleicht auch \u2013 wie auf dem Horeb \u2013 die er als Zeugen der Geschehnisse dabei haben will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieso nehmen <em>wir <\/em>denn zu einem schwierigen Gespr\u00e4ch jemanden mit?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oft, damit es offizieller, objektiver wird. &nbsp;Weil man dem Gegen\u00fcber nicht allein, nicht ungesch\u00fctzt vor Augen treten will. Dass mehr als die beiden Gespr\u00e4chspartner drauf h\u00f6ren, dass es zum 6- oder 8-Ohren Gespr\u00e4ch wird. Tatsache ist bei Jesus: w\u00e4hrend sp\u00e4ter Dutzende von Menschen jede Szene der Passion Jesu mitverfolgen, Gefangennahme, Verh\u00f6re, Folterung, das Hin und Her zwischen den verschiedenen Machthabern und Beh\u00f6rden \u2013 Hoher Rat, Pilatus, Herodes und wieder zur\u00fcck \u2013 die Szene im Garten bleibt, da die J\u00fcnger schlafen, ohne Zeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal nimmt man ja auch jemanden mit in ein Gespr\u00e4ch, um sich selbst am Riemen zu rei\u00dfen. Um nicht die Contenance zu verlieren, die sachliche ruhige Haltung. Um nicht Dinge zu tun oder zu sagen, die man hinterher bereut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Jesus die J\u00fcnger dabei haben will &#8211; f\u00fcrchtet er eine Flucht? Die \u00fcbrigens so schwierig nicht gewesen w\u00e4re \u2013 einfach \u00fcber die H\u00fcgelkette des \u00d6lbergs auf die andere Seite, die der Stadt abgewandt ist, also Richtung W\u00fcste. Immerhin scheint jetzt am Pessachfest der Fr\u00fchlingsvollmond. Er f\u00e4nde schon einen Pfad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder f\u00fcrchtet Jesus sein eigenes Gebet? Den Widerspruch zum Vater? Die Aufk\u00fcndigung seines Weges? F\u00fcrchtet er die Aussichtslosigkeit seines Gebets?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcrchtet er, der Stille ausgesetzt zu sein? Keine Resonanz von Gott her wahrzunehmen? H\u00e4tte er die J\u00fcnger gern mit dabei, damit sie wirken wie zus\u00e4tzliche Radarger\u00e4te, die vielleicht jene Schwingungen aufnehmen k\u00f6nnten, die er f\u00fcrchtet zu \u00fcberh\u00f6ren, wenn sie eintreffen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es ist ja tats\u00e4chlich so: Jesus legt alles Gott vor die F\u00fc\u00dfe. Und er h\u00f6rt keine Antwort. Keine Himmelsstimme erschallt. Kein Zeichen erscheint. So bleibt es. Das ganze Leidensgeschehen hindurch bis zum Tod am Kreuz, bis in die endg\u00fcltige Verlassenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die J\u00fcnger schlafen, l\u00e4sst nicht einmal den Gedanken aufkommen: \u201eIch kann im Wirken von Menschen Gottes Wirken erkennen.\u201c Die J\u00fcnger schlafen und geben keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dreimal hofft Jesus auf Rettung, dass der Kelch vor\u00fcbergehe. Dreimal wirft er sich hinein ins Gebet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann sind alle Gelegenheiten verstrichen, keine 24 Stunden mehr hat Jesus zu leben. Er stirbt \u2013 so schreibt Matth\u00e4us \u2013 mit dem Ruf: \u201eMein Gott! Warum hast du mich verlassen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was f\u00fcr eine Tat der Evangelisten, so von Jesus zu schreiben. So vom Schweigen Gottes zu schreiben. Was muten die Evangelisten uns da zu. Man k\u00f6nnte es ja geradezu f\u00fcr gef\u00e4hrlich halten, von so furchtbarem Schweigen Gottes Zeugnis abzulegen. Und es mag zugleich f\u00fcr manche etwas sein, das sie kennen: von Gott ohne Antwort zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Predigtordnung auf biblischen Spuren mutet es uns zu, uns dem zu stellen. Dass wir selbst ohne Antwort bleiben auf unser Gebet. Und dass andere neben uns ohne Antwort bleiben, und wir doppelt dran leiden. Und nicht helfen, nichts herbeizwingen k\u00f6nnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt eine seltsame Passage im Matth\u00e4usevangelium nach dem Verlassenheitsschrei Jesu und unmittelbar nach seinem Tod. Da zerrei\u00dft der Vorhang im Tempel. Die Erde birst. Tote auferstehen. Kleidung zu zerrei\u00dfen ist Zeichen der Trauer. F\u00fcr mich das Zeichen: Vom Tod Jesu ist Gott selbst zutiefst getroffen. Gottes Schmerz reicht bis ins Innerste des Tempels, ins Innerste seiner selbst. Die ganze Erde bebt, so ersch\u00fcttert ist Gott. Die Auferstandenen best\u00e4tigen: hier ist Christus, hier der Messias Gottes, hier ist messianische Zeit \u2013 allem zum Trotz bricht sie an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Evangelien richten uns aus auf das Leben Jesu jenseits des Todes. Die Evangelien erz\u00e4hlen von der Sehnsucht nach Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen, nach Reich Gottes, Sehnsucht nach messianischem Frieden, nach Leben dem Tod zum Trotz. Sehnsucht, wie Jesus sie gehabt hat, wie Jesus sie gelebt und gelehrt hat. Auf diesen Weg wollen die Evangelien uns mitnehmen. Auch mit unserem Gebet. Und indem wir gegenseitig helfen, die Trauer Gottes zu tragen. So lasst uns beten, mit Jesus zu Gott rufen und uns &nbsp;aufmachen \u2013 durch die Passionszeit, hin auf Ostern. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und der Friede Gottes, h\u00f6her als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, bewahre unser Hoffen und Sehnen im Christus Jesus. Amen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira Busch-Wagner, Pfarrerin Karlsruhe Durlach-Aue, <a href=\"mailto:Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de\">Kira.Busch-Wagner@kbz.ekiba.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kira Busch-Wagner, geb. 1961, gepr\u00e4gt vom \u201eStudium in Israel\u201c, derzeit Vorsitzende der ACK Karlsruhe, Mitautorin seit Gr\u00fcndung der \u201ePredigtmeditationen im christlich-j\u00fcdischen Kontext\u201c, Mitautorin des \u201eMessbuch. Butzon und Bercker\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Liedvorschl\u00e4ge:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Korn, das in die Erde \u2026 EG 98<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleibet hier und wachet mit mir \u2026.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus \u201eWo wir dich loben, wachsen neue Lieder\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gott, du gingst fort&nbsp;\u2026 &nbsp;45<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir gehn hinaus nach Jerusalem \u2026 217<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum leiden so viele Menschen &#8230;.&nbsp; 208 &#8211; ganz besonders gut zu verbinden mit dem Ausschnitt aus den Klageliedern (z.B. als Klagepsalm) 1, 12-13:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">12&nbsp;Euch allen, die ihr vor\u00fcbergeht, sage ich:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSchaut doch und seht,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ob irgendein Schmerz ist wie mein Schmerz,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der mich getroffen hat;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">denn der HERR hat Jammer \u00fcber mich gebracht<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">am Tage seines grimmigen Zorns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">13&nbsp;Er hat ein Feuer aus der H\u00f6he<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">in meine Gebeine gesandt und l\u00e4sst es w\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hat meinen F\u00fc\u00dfen ein Netz gestellt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">und mich r\u00fcckw\u00e4rts fallen lassen;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">er hat mich zur W\u00fcste gemacht,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dass ich f\u00fcr immer siech bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">___<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literaturhinweis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Magnus Striet: Gottes Schweigen. Auferweckungssehnsucht \u2013 und Skepsis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beten unter Gottes Schweigen | Sonntag Reminiscere | 13.03.22 | Mt 26,36-46 | Kira Busch-Wagner | Da hilft nur noch beten, so haben die Kirchen\u00e4ltesten hier in Trinitatis (Karlsruhe Aue) mit Plakaten aufgerufen, die ge\u00f6ffnete Kirche zum Gebet zu nutzen in diesen Wochen des Krieges, den Russland in die Ukraine getragen hat. 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