{"id":7417,"date":"2022-03-15T14:12:08","date_gmt":"2022-03-15T13:12:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7417"},"modified":"2022-03-17T09:44:17","modified_gmt":"2022-03-17T08:44:17","slug":"1-koenige-191-8-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-koenige-191-8-2\/","title":{"rendered":"1. K\u00f6nige 19,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Elia der Held, Elia das R\u00e4tsel | 20.03.22 | Okuli | 1 K\u00f6n 19,1-8 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p>Manchmal sind Geschichten von Anfang an ein R\u00e4tsel. Man liest sie, aber man versteht nur die H\u00e4lfte, f\u00fchlt sich wie im falschen Film. Andere scheinen glasklar zu sein. So wie diese. Die K\u00f6nigin droht dem Propheten mit dem Tod und der flieht vor der b\u00f6sen Majest\u00e4t. Eine K\u00f6nigin hat schlie\u00dflich Macht und fast jeder f\u00fcrchtet um sein Leben, besonders wenn er eine solche Drohung erh\u00e4lt. So k\u00f6nnte man jedenfalls denken, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt. Aber falls man sie doch kennt, ist die Reaktion des Elia ein einziges R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Denn Elia \u2013 Elia ist ein Held. Ein Baum im Sturm, ein Fels in der Brandung. Wenn es in der Bibel \u00fcberhaupt Heldengeschichten gibt, dann ist es die von Elia. Als Gott ihn beruft, sagt er nicht: \u201eIch bin zu jung\u201c oder \u201eIch habe eine schwere Zunge\u201c oder \u201eIch kann das nicht; schick einen anderen.\u201c Aber eigentlich wird das gar nicht erz\u00e4hlt. Die Geschichte tut so, als sei es das Selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt, Prophet zu sein. Und K\u00f6nig und Volk eine Botschaft auszurichten, die ihnen in den Ohren geklungen haben d\u00fcrfte. Drei Jahre lang werde Gott es nicht regnen lassen, verk\u00fcndet Elia K\u00f6nig und Volk. Drei Jahre lang kein Regen, das bedeutet: furchtbare Hungersnot. Und jeder wei\u00df, was das bedeutet. Eine Kampfansage Gottes an sein ungehorsames Volk. \u00a0Der ausbleibende Regen ist die Strafe daf\u00fcr, dass Israel einen anderen Gott verehrt, einen Gott der Nachbarv\u00f6lker, den die Frau des amtierenden K\u00f6nigs mitgebracht hat: Baal, den Gott der Fruchtbarkeit.<\/p>\n<p>Ein Gott, der von sich sagt, er sei der einzige Gott Israels, kann das nat\u00fcrlich nicht auf sich sitzen lassen. Also schl\u00e4gt er Baal mit seinen eigenen Waffen: mit der Fruchtbarkeit des Landes. F\u00fcr die ja Baal angeblich zust\u00e4ndig ist. Noch ist es nur eine Wette \u2013 eine furchtbare, gewiss \u2013 aber doch eine Wette. Mal sehen, wer mehr Macht besitzt.<\/p>\n<p>Bemerkenswert, wie wenig die Geschichte erz\u00e4hlt. Sie l\u00e4sst Elia aus dem Dunkel treten, l\u00e4sst ihn seinen Auftritt haben und dann bringt sie ihn zu einem Bach, der noch nicht versiegt ist und l\u00e4sst ihn von Raben ern\u00e4hren, die Brot oder Fleisch bringen. Und als der Bach kein Wasser mehr f\u00fchrt, gibt ihm Gott ein, zu einer armen Witwe zu gehen. Er trifft sie beim Holzsammeln und bittet sie um einen Becher Wasser und ein St\u00fcck Brot. Sie sagt, sie habe noch einen Rest Mehl im Krug, von dem wolle sie sich ein Brot backen f\u00fcr sich und ihren Sohn, danach w\u00fcrden sie verhungern. Elia antwortet ihr, ihr werde das Mehl nicht ausgehen, wenn sie f\u00fcr ihn sorge und so passiert es auch. Elias Glauben ist so gro\u00df, dass er ihm sogar die Macht verleiht, den Sohn der Witwe vom Tod aufzuerwecken, als der stirbt. Nat\u00fcrlich kann er das nicht aus eigener Kraft, sondern er muss Gott darum bitten, ihn wieder ins Leben zur\u00fcckzubringen. Aber schlie\u00dflich gelingt ihm das auch. Einen anderen von den Toten aufzuerwecken ist noch keinem Menschen vorher gegl\u00fcckt. Das allein reicht, um Elia zu den ganz Gro\u00dfen zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und dann, kurz bevor die drei Jahre um sind, schickt Gott Elia noch einmal mit einem Auftrag zu K\u00f6nig Ahab. Es soll eine Entscheidung geben zwischen Baal und Jahwe, zwischen den Priestern des Fruchtbarkeitsgottes und Elia. 450 Baalspriester sowie Elia sollen sich auf dem Berg Karmel versammeln, jeweils einen Altar f\u00fcr ihren Gott bauen, ein Tier schlachten und auf den Altar legen. Dann sollen sie ihren Gott bitten, Feuer vom Himmel zu senden, damit es das Schlachtopfer verbrenne.<\/p>\n<p>So geschieht es. Die Baalspriester und Elia versammeln sich auf dem Karmel, bauen ihre Alt\u00e4re und legen das Schlachtopfer darauf. Und dann geschieht das, was jeder Leser der Geschichte erwartet. Die Baalspriester bitten vergeblich und Elia verh\u00f6hnt sie, indem er fragt, ob Baal schlafen gegangen oder \u00fcber Land gefahren sei. Und dann, als Elia an der Reihe ist, kommt das Feuer vom Himmel und verbrennt sein Schlachtopfer. Elia und sein Gott haben auf der ganzen Linie gesiegt und Elia l\u00e4sst auf der H\u00f6he seines Triumphs alle 450 Baalspriester t\u00f6ten.<\/p>\n<p><em>\u201eDa sandte Isebel einen Boten zu Elia und lie\u00df ihm sagen: Die G\u00f6tter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, was du diesen getan hast. Da f\u00fcrchtete er sich, und lief um sein Leben \u2026\u201c<\/em> (1. K\u00f6nige 19,2) Man glaubt, seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu d\u00fcrfen. Wie bitte? Elia l\u00e4uft um sein Leben? Wie habe ich ihn genannt? Fels in der Brandung? Baum im Sturm? Er sollte lieber seine Herolde losschicken und das Volk zu den Waffen rufen. Mit ihnen gemeinsam sollte er nach Samaria ziehen und diese unseligen K\u00f6nigsgestalten aus dem Land jagen.<\/p>\n<p>Oder vielleicht sollte er auch Gott bitten, dass der ihm hilft.<\/p>\n<p>Aber Elia tut nichts von alldem. Er l\u00e4uft um sein Leben. Der Baum im Sturm wird zum d\u00fcrren \u00a0Ast, den der Wind nach Belieben wirbelt. Wie kann das sein? Ist das wirklich derselbe Elia, der Tote auferweckt und nur mit der Kraft seines Glaubens 450 Baalspriester besiegt?<\/p>\n<p>Die einzige Erkl\u00e4rung, die mir daf\u00fcr einf\u00e4llt: Elia hat keine Kraft mehr. Und das kurz nach dem Augenblick seines h\u00f6chsten Triumphs.<\/p>\n<p>Was diesen vollkommenen Zusammenbruch verursacht, das erz\u00e4hlt die Bibel nicht. Vielleicht ist das ja gerade ihre gro\u00dfe Kunst. Man muss sich die Gr\u00fcnde daf\u00fcr selbst suchen. Ich vermute dass sie im \u00dcbereifer des Elia liegen. Er hat das Gute gewollt und daf\u00fcr die Baalspriester umgebracht. Und jetzt ist er ein M\u00f6rder.<\/p>\n<p>Im Grunde kann ich mir nur eine einzige Erkl\u00e4rung vorstellen. Elia hat in den Spiegel gesehen, und in dem Spiegel hat er das Gesicht eines M\u00f6rders erblickt. Er hat ein Gesicht gesehen, das ihm so fremd und so abweisend war, wie noch nie in seinem ganzen Leben.<\/p>\n<p>Oder anders gesagt: Er ist sich selbst abhandengekommen.<\/p>\n<p>Wei\u00df nicht, ob Sie das kennen. Wei\u00df nicht, ob man diese Erfahrung jemand anderem w\u00fcnschen sollte. Es ist wie aus der Welt zu fallen. Hinterher ist man ein anderer. Wenn es denn ein \u201eHinterher\u201c gibt. Wenn man nicht auf der Strecke bleibt.<\/p>\n<p>Kenne ich das? Ja, ich kenne das. Dieses Gef\u00fchl, dass man sich selbst abhandengekommen ist. Dass man nicht mehr wei\u00df, wer man selbst ist. Daf\u00fcr muss man keinen Mord begehen. Man kann sich auch auf andere Art selbst fremd werden. Ich glaube, daf\u00fcr gibt es viele M\u00f6glichkeiten. Er lief um sein Leben, hei\u00dft es in der Geschichte. Mag sein, dass er sich wirklich vor der K\u00f6nigin f\u00fcrchtet, die immer noch gen\u00fcgend Mittel hat, um ihn in den Tod zu schicken. Aber mehr noch, so glaube ich jedenfalls, f\u00fcrchtet er sich vor sich selbst. Er wei\u00df einfach nicht mehr, wie er jetzt weiterleben soll. Ich bin nicht Elia, ich habe niemanden umgebracht, aber auch ich kenne diese Tage, die wie fl\u00fcssiges Blei sind, und keine Stunde, die dir geschenkt wird. Wo man nicht mehr kann und doch vorw\u00e4rts muss, weil es ja nicht nur einen selbst gibt, sondern auch die Erwartungen der Anderen. Obwohl dir eigentlich schon jedes Wort, das du sprechen sollst, zu viel ist. Und wenn du diesen Tag endlich zu Ende gebracht hast, werden weitere Tage kommen und jeder wird so sein wie dieser.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd setzte sich unter einen Wacholder und bat, dass seine Seele st\u00fcrbe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und jetzt? Eigentlich m\u00fcsste ich an dieser Stelle schweigen. Eine lange Zeit. Aber ich werde es nicht tun. Wir w\u00fcrden es nicht aushalten. Wir ertragen die Stille nicht. Schon wenn es l\u00e4nger dauern w\u00fcrde als eine Minute w\u00fcrden wir es nicht mehr ertragen. Oder die Orgel k\u00f6nnte jetzt eine leise Musik spielen. Aber selbst das w\u00fcrde Sie wahrscheinlich irritieren. Es ist eben schwer, die Stille auszuhalten. Besonders dann, wenn es so tief hinuntergegangen ist wie eben.<\/p>\n<p>Und doch: so schnell geht diese Geschichte nicht weiter. Denn da will einer ja wirklich sterben. Da ist einer ja tats\u00e4chlich am Ende seiner Kraft angekommen. Der Engel, der ihn anr\u00fchrt, darf nicht gleich kommen. Noch wei\u00df Elia nichts von ihm. Erst einmal schl\u00e4ft er, und ob er in den Tod hin\u00fcber gleitet oder wieder aufsteht, ist noch nicht entschieden. So laut wie diese Geschichte angefangen hat, so leise ist sie nun. In ihrer Art ist sie ein kleines Meisterwerk. Jedes Mal wenn ich mich mit ihr besch\u00e4ftige, r\u00fchrt sie mich in einer sehr tiefen Schicht an.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass die Geschichte nicht in der Verzweiflung endet, die mich so sehr anr\u00fchrt. Dass es Rettung gibt. Aber auch diese Rettung geschieht ganz unspektakul\u00e4r. Ein Engel r\u00fchrt Elia an. Er bringt ihm einen Krug Wasser und einen Laib Brot. Er bekommt nur das Allern\u00f6tigste. Aber eben dieses Allern\u00f6tigste l\u00e4sst ihn \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Und dann geht Elia zum Horeb. Womit ja nichts anderes gemeint ist als der Sinai, wo Mose zweihundert Jahre zuvor die Gebote empfangen hatte. Geht zum Sinai um dort Gott zu begegnen. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die ihre eigene W\u00fcrde hat und ihre eigene Dramatik. Und weil sie uns wieder woanders hinf\u00fchren w\u00fcrde. F\u00fcr heute m\u00f6chte ich es genug sein lassen mit dieser Geschichte. Weil ich meine, dass viel mehr nicht geht.<\/p>\n<p>Und das R\u00e4tsel von dem ich am Anfang sprach? Nein, nach meinem Gef\u00fchl wird es nicht aufgel\u00f6st. Es bleibt die Spannung zwischen dem todesmutigen Propheten und dem lebensm\u00fcden Elia. Ich habe es mit dem Hinweis auf das Abschlachten der Baalspriester gedeutet. Und doch bleibt da eine Spannung, die ich nicht aufl\u00f6sen kann. Dass einer im guten Glauben handelt, weil er meint, auf der Seite Gottes zu stehen und sich dabei abhandenkommt. Wie gesagt: man kann ihn daf\u00fcr verurteilen. Das ist leicht. Man kann ihn einen Fundamentalisten oder schlimmeres nennen und den Kopf \u00fcber ihn sch\u00fctteln. Aber das ist ziemlich billig, finde ich. Besser ist es, ihm ein St\u00fcck weit auf seinem Weg zu folgen. Und dabei die Spannung zu erleben, die nur schwer auszuhalten ist. Und im Grunde bleibt da auch eine Spannung im Gottesbild. Die in der darauf folgenden Geschichte noch einmal zum Ausdruck gebracht wird. Aber dar\u00fcber m\u00f6chte ich nun nicht mehr reden. Ich vermute, ich werde es am n\u00e4chsten Sonntag tun.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Bernd Giehl<\/p>\n<p>giehl-bernd@t-online.de<\/p>\n<p>Pfr. i.R. Bernd Giehl Albert Einstein Str. 9 D-64569 Nauheim<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elia der Held, Elia das R\u00e4tsel | 20.03.22 | Okuli | 1 K\u00f6n 19,1-8 | Bernd Giehl | Manchmal sind Geschichten von Anfang an ein R\u00e4tsel. Man liest sie, aber man versteht nur die H\u00e4lfte, f\u00fchlt sich wie im falschen Film. Andere scheinen glasklar zu sein. So wie diese. 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