{"id":7515,"date":"2022-03-29T14:17:31","date_gmt":"2022-03-29T12:17:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7515"},"modified":"2022-03-30T09:11:33","modified_gmt":"2022-03-30T07:11:33","slug":"lukas-246-52","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-246-52\/","title":{"rendered":"Lukas 1,46-55"},"content":{"rendered":"<h3>Judika | 03.04.22 | Lk 1,46-55 | Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p>Diese Predigt ist eine Art Erinnerungsgeschichte aus der Perspektive eines Kindes. Vieles ist wahr, genauso viel ist Fiktion. Aber wo die Grenze liegt, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>In der ferneren Verwandtschaft, so fern, dass ich mich nicht daran erinnere, sondern nur die Geschichten kenne, wird von einem Maurer namens Johannes erz\u00e4hlt. Ein weltlicher, etwas heruntergekommener Kerl. Man nannte ihn Johannes den Betongie\u00dfer, in Anspielung auf den T\u00e4ufer. Man nannte ihn auch den Eremiten oder die Erdratte, den mit dem staubigen wei\u00df gekalkten Haar.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum T\u00e4ufer, der am Jordan taufte, goss Johannes Beton in der N\u00e4he der Stadt Ikast, eine 2-4-9 Mischung mit nur ein wenig Wasser. Er war bekannt f\u00fcr seine trockenen Mischungen und sein heftiges Temperament. Er war durch und durch Atheist, glaubte an kein himmlisches Wesen. \u201eDer Mensch isst und trinkt und vermehrt sich hier\u201c, sagte er mit einem Zitat des d\u00e4nischen Dichters Gustav Wied. \u201eDas ist das Schicksal des Menschen\u201c, fuhr er fort mit einem R\u00fclpser und nahm ein St\u00fcck K\u00e4se mit Rinde und Datumstempel und steckte es ganz in den Mund.<\/p>\n<p>Johannes war spartanisch, aber nicht geizig. Er sah keinen Grund daf\u00fcr, sein Leben mit materiellem \u00dcberfluss zu f\u00fcllen. Deshalb hatte er nur zwei Kleidungen, eine f\u00fcr den Alltag und eine f\u00fcr Feste. Die waren beide v\u00f6llig identisch, man konnte also keinen Unterschied sehen. Aber man konnte den Unterschied riechen. Johannes war eins mit dem, was er anhatte. Kleider schaffen Leute, so wusste man immer, wer er war. Um die beiden Kleidungen nicht zu verschlei\u00dfen, kehrte er jedes zweite Mal die Kehrseite nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Auf das Essen verwandte er auch keine besondere M\u00fche. In der Regel kochte er zehn Kilo Kartoffeln auf einmal. Die a\u00df er dann im Laufe der Woche mit etwas Salz und Speck, dazu trank er abgekochtes Wasser. Alkohol r\u00fchrte er nicht an. Kartenspiel kannte er auch nicht. Nicht weil er moralische Bedenken hatte, sondern weil das Leben f\u00fcr so etwas zu kostbar war. Daf\u00fcr aber verwandte er viele Stunden darauf, \u00fcber das Leben nachzudenken, wenn er allein Zuhause war.<\/p>\n<p>Es wird erz\u00e4hlt, dass er bei einem Fest mit einem alten Erweckungsprediger \u00fcber Bekehrung und Vergebung der S\u00fcnden diskutierte. Eine Diskussion, die mit einer zerbrochenen Freundschaft endete, nicht mit dem Missionar, sondern mit Bertel, dem besten Freud von Johannes. Der Erweckungsprediger versuchte vergeblich, Johannes von seiner S\u00fcnde zu \u00fcberzeugen und davon, dass er der Vergebung Gottes bed\u00fcrfe. Er sprach dauernd von Bekehrung und Gebet, so dass Johannes schlie\u00dflich von all diesen Worten von Gott und Himmel genug hatte und zur Toilette ging, seine Kleidung zur Kehrseite wendete, zur\u00fcckkehrte, sofort zum Prediger ging und sagte: \u201eJetzt habe ich mich bekehrt, was hast du?\u201c<\/p>\n<p>Der Erweckungsprediger bekam einen Schock. Johannes war nun in Fahrt gekommen. Er erz\u00e4hlte mit einem ironischen Blick, dass er als Maurer n\u00e4her am Wesen Gottes sei als der Prediger. Der Prediger habe es nur im Munde, w\u00e4hren Johannes alles im K\u00f6rper habe. \u201eWir sind trotz allem die, die mit unseren blo\u00dfen H\u00e4nden den Sockel gie\u00dfen\u201c, sagte er und fuhr fort: \u201eEs kann gut sein, dass Gott den Eckstein setzt, aber wir kontrollieren ihn mit dem Lot, und was dich betrifft, du kannst nicht einmal die Axt gebrauchen, die bekanntlich schon am Fu\u00dfe des Baumes liegt\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Augenblick war Bertel gen\u00f6tigt einzugreifen. Er nahm Johannes zur Seite und fragte ihn, warum er sich so aufregte. \u201eDer Prediger ist doch ein freundlicher Mann\u201c, sagt Bertel zu Johannes und f\u00fcgt hinzu: \u201eVielleicht ist da ja etwas dran, du wei\u00dft, Johannes, dein Eigensinn und deine Kompromisslosigkeit. Das steht dir nicht gut an\u201c.<\/p>\n<p>Johannes blickte verwundert auf Bertel, so wie wenn Gott auf einen Menschen blickt und ihn entweder segnet oder verdammt, und sagte: \u201eBertel, mein Freund, was f\u00fcrchtest du? Was ersch\u00fcttert dich und macht dich so weich! Glaubst du, dass der Missionar dem Heil n\u00e4her ist als ich? Wir sind beide getauft? Sein Reden von Bekehrung ist ja nichts wert, wenn der Mann nicht einmal die Axt schwingen kann, mit der er andere f\u00e4llt. Die gef\u00e4hrlichsten Menschen sind die, die Gott verteidigen. Denk daran, Bertel!\u201c Und Johannes f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<p>\u201eGott soll man nicht verteidigen, ihm soll man widersprechen. Man soll ihm die Kraft rauben und mutig ohne seine Gegenwart leben. Ich zweifle daran, dass Gott die Kinder Abrahams aus einem Haufen Kies erwecken kann. Andererseits besteht kein Zweifel daran, dass das Leben eine W\u00fcstenwanderung ist, trivial und immer d\u00fcrstend, aber dennoch mit Oasen von Fruchtbarkeit und Freude.\u00a0 Der Weg, den wir in dieser W\u00fcste gehen sollen, m\u00fcssen wir selbst wandern, da ist niemand, der ihn f\u00fcr uns bahnt und die Wege gangbar macht\u201c.<\/p>\n<p>Bertel gleicht zum Verwechseln einem, der ein Gespenst gesehen hat. Er steht mit aufgerissenen Augen und sieht Johannes sprachlos an. Er wei\u00df keinen Rat und wei\u00df nicht, was er sagen soll.<\/p>\n<p>\u201eBertel, h\u00f6rst du noch immer zu?\u201c &#8211; fragt Johannes und f\u00e4hrt fort: \u201eDer Sinn des Lebens ist nicht an einem anderen Ort, in Gottes Himmel oder Reich, wo man zu Tische sitzt mit allen J\u00fcngern. Das Leben ist nicht in den Schl\u00f6ssern der K\u00f6nige oder den sch\u00f6nen Illustrierten, auch nicht im Geld, in der Macht und dem Wissen. Das Leben ist hier und jetzt, das verdammte und gesegnete Leben\u201c.<\/p>\n<p>\u201eErst wenn wir unsere W\u00fcstenwanderung beginnen, merken wir das Leben. Hier erhalten wir Mut und Hoffnung und stehen zu uns selbst als die nackten Menschen, die wir sind. Wir binden uns an den Sand, unser Leben wir von Sand, Stein und Sonne abgeschliffen. Wir beten nicht, wir schwitzen, das ist unsere Natur. Oder besser: Der Schwei\u00df ist unser Gebet. Deshalb, Bertel, und das kann wirken, als widerspreche ich mir selbst, habe ich mehr Respekt vor Jesus von Nazareth als vor Gott selbst. Jesus kannte die W\u00fcstenwanderung und war solidarisch mit der physischen und realen Wirklichkeit, in der erlebte. Ihm folge ich gerne\u201c.<\/p>\n<p>Bertel \u00f6ffnet vorsichtig den Mund und fragt: \u201eJohannes, wenn das Leben eine W\u00fcstenwanderung ist, ist es dann f\u00fcr uns gew\u00f6hnliche Menschen nicht unertr\u00e4glich? Es mag sein, dass du mit einer solchen Erkl\u00e4rung leben kannst, aber f\u00fcr mich scheint das schwer zu sein\u201c.<\/p>\n<p>Johannes greift ein: \u201eLieber Bertel, auf dieser Wanderung gibt es viele, die Fatamorganas sehen und anfangen, sich selbst und anderen einzubilden, dass dies nicht das wahre Leben ist. Sie sehen nicht die W\u00fcste vor lauter Blendwerk. Sie glauben an Gott und an Geister und an gro\u00dfe Ideologen, aber nicht an den Jesus, der in der W\u00fcste wanderte. Daf\u00fcr aber d\u00fcrsten sie und springen von einer Fatamorgana zur anderen in dem Glauben, dass dies Linderung verschaffen kann. Man sucht Zuflucht im Fl\u00fcchtigen, dem was kommt und geht, dem Neuen und Faszinierenden, aber man wohnt in einem Sandschloss und ist selbst aus Fleisch und Blut geschaffen, um einmal zu Staub und Erde zu werden\u201c.<\/p>\n<p>Bertel und Johannes gingen vielleicht doch als Freunde auseinander. Bertel ging nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern, Johannes ging nach Hause, um die Kleidung zu wechseln. Aber im tiefsten Inneren war Bertel ersch\u00fcttert. Johannes hatte so abgekl\u00e4rt und sicher gesprochen. Er war sowohl Christ als auch Atheist. Bertel konnte sich nicht ausrechnen \u2013 und das tat ihm weh.<\/p>\n<p>Hatte der Erweckungsprediger vielleicht Recht? War Johannes ein schlimmer S\u00fcnder, der sich nicht bekehren wollte? Oder war das Leben wirklich eine W\u00fcstenwanderung, ein Leben im Schatten von Jesus von Nazareth? Amen.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judika | 03.04.22 | Lk 1,46-55 | Anders Kj\u00e6rsig | Diese Predigt ist eine Art Erinnerungsgeschichte aus der Perspektive eines Kindes. Vieles ist wahr, genauso viel ist Fiktion. Aber wo die Grenze liegt, wei\u00df ich nicht. 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