{"id":7580,"date":"2022-04-09T00:01:00","date_gmt":"2022-04-08T22:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7580"},"modified":"2022-04-12T11:03:01","modified_gmt":"2022-04-12T09:03:01","slug":"karfreitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/karfreitag\/","title":{"rendered":"Karfreitag"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Karfreitag | 15.04.2022 | Marianne Frank Larsen |<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Mitte steht das Holz des Kreuzes. Nicht tot, sondern offenbar lebendig, mit gerippter Rinde, wo das Licht in der Feuchtigkeit und den Spalten in vielen Farben spielt. Auf dem Altarbild des d\u00e4nischen K\u00fcnstlers Per Kirkeby in der Kirche von Gentofte (Kopenhagen) sieht man keine Menschen. Und doch. Am Fu\u00dfe des Baumes finden wir die klare blaue Farbe auf der einen Seite und die klare rote Farbe auf der anderen Seite. Das kann nichts anderes sein als ein Hinweis auf die Menschen, die da in der Kirchenkunst seit dem Mittelalter gestanden haben, auf Altartafeln, in Kreuzigungsgruppen, auf Ikonen, als holzschnittarbeiten und Gem\u00e4lde sowie i Mosaiken wie das wunderbare Mosaik in der Kirche San Clemente in Rom. Maria in einem Gewand, das so blau ist wie der Himmel, Johannes in einem Gewand, das so rot ist wie Blut \u2013 und wie Liebe. Wenn da zwei Menschen am Fu\u00dfe des Kreuzes stehen, dann k\u00f6nnen wir damit rechnen, dass sie es sind: Die Mutter Jesu und der J\u00fcnger, den Jesus liebhatte. Das ist eine sehr alte Tradition, die Per Kirkeby in sein ganz neues Altarbild einbezieht. Das ist die Gegenwart zweier Menschen, die er mit der klaren blauen und der klaren roten Farbe am Fu\u00dfe des Kreuzes andeutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Motiv stammt aus der Leidensgeschichte, so wie Johannes sie erz\u00e4hlt, so dass man sagen kann: Sie stehen dort, weil es im Text steht. Aber daran sind K\u00fcnstler bekanntlich nicht gebunden, das gen\u00fcgt also nicht als Begr\u00fcndung. Wenn Per Kirkeby und \u00fcbrigens auch der d\u00e4nische Maler Ane Haugen S\u00f8rensen und mehrere andere die alte mittelalterliche Tradition in ihre ganz neuen Deutungen des Karfreitags heranziehen, so ist das eine bewusste Wahl. Maria und Johannes geben n\u00e4mlich dem Bild vom Kreuz eine ganze Reihe von fruchtbaren Deutungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden stehen am Fu\u00df des Kreuzes als Zeugen der F\u00fcrsorge Jesu. Denn wie Johannes erz\u00e4hlt, ist Jesus nicht besch\u00e4ftigt mit seinem eigenen Leiden und Schmerz. Selbst als er am Kreuz h\u00e4ngt und seinen furchtbaren Tod stirbt, hat er einen Blick f\u00fcr die Menschen, die ihm verbunden sind, und einen Blick f\u00fcr den Verlust, den sein Tod f\u00fcr ihr Leben bedeutet. Auch in den letzten Stunden str\u00f6mt seine Liebe frei und l\u00e4sst ihn Maria und Johannes der gegenseitigen F\u00fcrsorge anvertrauen. So erf\u00e4hrt Maria die F\u00fcrsorge, die er selbst ihr h\u00e4tte geben sollen, wenn seine Aufgabe nicht eine andere gewesen w\u00e4re. Er hatte die Seinen geliebt, wie Johannes an einer Stelle sagt, und er liebte sie bis zuletzt. Davon zeugen Maria und Johannes am Fu\u00dfe des Kreuzes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So zeugen sie jedoch auch von der F\u00fcrsorge, die wir einander geben sollen, wenn die Katastrophe oder der Verlust und treffen. Und dazu verpflichtet uns der Gekreuzigte. Wenn uns Krankheit oder Ungl\u00fcck oder Unrecht widerfahren und wenn wir die verlieren, die unentbehrlich sind, macht es einen gro\u00dfen Unterschied, ob wir damit allein sind. Oder ob da jemand kommt und uns beisteht und die Hand reicht, wie sie Johannes Maria reicht und ihr in der \u00e4u\u00dfersten Not beisteht. Die W\u00e4rme der Hand eines anderen Menschen oder Worte oder eine Umarmung k\u00f6nnen das sein, was uns daran festh\u00e4lt, dass das Leben wert ist zu leben, ja dass wir \u00fcberhaupt am Leben sind trotz des Unterganges, in dem wir mitten drinstehen. Das einzige, was wir einander geben k\u00f6nnen. Das ist scheinbar unendlich wenig, und dennoch ist es buchst\u00e4blich lebenswichtig f\u00fcr den, der einen Verlust erlitten hat. Maria und Johannes sind Zeugen diese F\u00fcrsorge am Fu\u00df des Kreuzes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind jedoch Zeugen f\u00fcr mehr als das. Denn sie bezeugen ja, was sie sehen und h\u00f6ren. Maria und Johannes stehen am Fu\u00df des Kreuzes im Mittelalter und heute, weil sie das bezeugen, was Karfreitag auf Golgatha geschieht, und deshalb bezeugen, was geschieht, dass er stirbt mit einer Ruhe als einer, der wei\u00df: Was hier geschieht, macht unendlich viel Sinn. Als einer, der die grausamen Ereignisse mit den Augen der Ewigkeit sieht und voll und fest darauf vertraut, dass er auch hier eins ist mit dem Vater, ja dass er so gesehen nie mehr eins war mit dem Vater als jetzt, wo er am Kreuz erh\u00f6ht wird, wie Johannes das formuliert. Das ist die Verherrlichung, nach der er gestrebt hat, seit er zum ersten Mal die Wirklichkeit der Menschen bei der Hochzeit zu Kana verwandelte.&nbsp;&nbsp;Das sind Worte, an denen wir uns sto\u00dfen. Erh\u00f6hung und Verherrlichung \u2013 \u00fcber eine brutale Hinrichtung und einen furchtbaren Tod. Aber das ist der Sinn, den er selbst in den Ereignissen von Karfreitag sieht: So tut er den Willen seines Vaters \u2013 indem er den Tod stirbt, den wir Menschen sterben. Das ist das Vertrauen zum Vater, von dem Maria und Johannes zeugen, wenn sie seine Ruhe sehen und ihn sterben h\u00f6ren, nicht mit einem Schrei, sondern mit der Gewissheit, dass es vollbracht ist. Das ist so wie es sein soll. Er ist dort, wo er sein soll. In unserem Leiden und Tod \u2013 in den H\u00e4nden seines Vaters.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sind wir jedoch bei dem innersten Sinn dessen, dass Maria und Johannes dort stehen, wo sie stehen, am Fu\u00df des Kreuzes. Sie sind nicht nur Zeugen. Sie sind Repr\u00e4sentanten. Johannes ist ein Mann, so jung, dass er noch keinen Bart tr\u00e4gt, er hat auch keine Familie. Maria ist Frau und Ehefrau und Mutter, und sie ist nicht mehr jung. Zusammen repr\u00e4sentieren sie uns alle, Frauen und M\u00e4nner, Junge und Alte, Kinderlose und Singels, M\u00fctter und V\u00e4ter, S\u00f6hne und Tochter, verletzlich und ohnm\u00e4chtig, liebend und trauernd. Sie stehen da, weil sie es sind, f\u00fcr die er stirbt. Oder f\u00fcr uns. Damit wir darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass er mitten unter uns lebt, in unserem gew\u00f6hnlichen Leben, und das er unseren Tod stirbt. In die Verletzlichkeit und die Katastrophen unseres Lebens bringt er die Gegenwart, das Leben und die Sch\u00f6pferkraft seines Vaters, und in die Finsternis in unserem Tod. Das ist das warme gelbe Licht, dass auf dem Altarbild von Per Kirkeby die Finsternis vertreibt. Weder wenn wir an unserem Kreuz stehen wie Maria und Johannes, oder wenn wir in unseren Gr\u00e4bern liegen, sind wir au\u00dfer der Reichweite seines Vaters und seiner Liebe. . Das ist es, was Maria und Johannes uns ohne Worte erz\u00e4hlen. Und im Grunde sind sie deshalb auf Alt\u00e4ren, Kruzifixen und Bildern zu sehen, im Mittelalter wie in Gentofte im Jahr 2012.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und im Jahr 2013. In der N\u00f8rremarkskirche im d\u00e4nischen Vejle hat der d\u00e4nische K\u00fcnstler Peter Brandes eine Kreuzigung geschaffen, die in meinen Augentief bewegend ist. Auch hier sehen wir Maria zur Linken des gekreuzigten und Johannes zur rechten, gebeugt, trauernd. Sie erinnern an Adam und Eva und alle anderen, Frauen und M\u00e4nner, die trauern. Die goldene Wand ist denn auch bedeckt von goldenen Tr\u00e4nen. Es sind die Tr\u00e4nen, die Mafia, Johannes und wir anderen weinen, wenn wir die verlieren, die wir lieben. Oder sind es goldene Flammen, die schon jetzt ank\u00fcndigen, dass die Freude neu aufflammen kann? Oder goldene Kerne. Weizenk\u00f6rner, die in die Erde fallen und sterben, um vielf\u00e4ltig zu geben? Christus hat jedenfalls die Gestalt eines S\u00e4mannes erhalten. Zugleich ist er der Gekreuzigte. Das ist verwunderlich und sehr sch\u00f6n. Das Lendentuch ist \u00fcber dem Arm angebracht und in den Sack verwandelt, in dem der S\u00e4mann das Korn tr\u00e4gt. Der eine Arm hat sich vom Kreuz gel\u00f6st. Mit seiner gro\u00dfen Hand streut er das goldene Korn in die Welt, wo Maria und Johannes und wir anderen leben, und in die Erde, der wir auch liegen werden. Sch\u00f6ner l\u00e4sst es sich vielleicht nicht sagen, dass er stirbt, um sein Leben als goldene K\u00f6rner in unser Leben zu s\u00e4en. Amen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 15.04.2022 | Marianne Frank Larsen | In der Mitte steht das Holz des Kreuzes. Nicht tot, sondern offenbar lebendig, mit gerippter Rinde, wo das Licht in der Feuchtigkeit und den Spalten in vielen Farben spielt. Auf dem Altarbild des d\u00e4nischen K\u00fcnstlers Per Kirkeby in der Kirche von Gentofte (Kopenhagen) sieht man keine Menschen. 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