{"id":7623,"date":"2022-04-09T01:01:00","date_gmt":"2022-04-08T23:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7623"},"modified":"2022-04-08T14:59:25","modified_gmt":"2022-04-08T12:59:25","slug":"lukas-2332-49","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2332-49\/","title":{"rendered":"Lukas 23,32-49"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der traumatisierte Gott&nbsp;|&nbsp;Karfreitag | 15.04.2022 | Lk 23,32-49&nbsp;| Ulrich Pohl |<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sahen das alles, die Frauen, die da unter dem Kreuz standen. Sie sahen das alles.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal im Jahr sollen auch wir es sehen. Wir sollen hinschauen, wie die Frauen unter dem Kreuz. Einmal im Jahr sollen wir es uns ganz nahekommen lassen, was wir sonst mit einer gewissen Routine in Worte fassen: Jesus Christus gekreuzigt, gestorben und begraben. Was damals auf Golgatha geschehen ist, wir sollen es mit erleiden, wir sollen unserem Herrn Jesus nachfolgen, mit Haut und Haar dabei sein, es an uns selber f\u00fchlen: Gekreuzigt, gestorben und begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in diesem Jahr kommt es uns besonders nah: Wie qualvoll das gewesen sein muss, dort am Kreuz zu sterben. Wie verzweifelt und wie verloren sich der gef\u00fchlt haben muss, der diesen Tod erlitten hat. Denn in diesem Jahr vermischt sich das Bild vom Kreuz mit anderen Bildern. Mit Bildern, da k\u00f6nnen wir nichts mehr routiniert in Worte fassen; die k\u00f6nnen wir kaum ertragen. Es sind die Bilder von dem, was 2000 Kilometer weiter \u00f6stlich von uns geschieht. Das h\u00f6rt sich weit weg an, aber in den letzten Tagen kommt es uns best\u00fcrzend nah! Kameraaufnahmen von Menschen, die in den Stra\u00dfen liegen, als w\u00e4re das, was sie einmal waren und was sie sind, nichts! Nichts wert, nicht von Bedeutung. Wir haben es mitempfunden, das Entsetzen derer, die vor ihren H\u00e4usern stehen und fassungslos auf das zeigen, was sie sehen; und die sagen m\u00fcssen, der da liegt, den kannte ich, und die dort liegen, die habe ich t\u00e4glich gegr\u00fc\u00dft, genau hier an dieser Stelle. Und die, die das verbrochen haben, ihre Gesichter habe ich auch gesehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wird so etwas bald auch in unseren Stra\u00dfen geschehen?! Rollt da ein Krieg auf uns zu, der nirgends halt macht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie waren da und sahen das alles.\u201c Die Angst und das Entsetzen der Frauen unter dem Kreuz, der Schrecken, er kommt uns in diesem Jahr besonders nah.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ein Schutzraum ist unser Glaube wahrlich nicht! Ein so genannter Safe Space, in dem sich die Opfer der Gewalt zun\u00e4chst einmal geborgen f\u00fchlen d\u00fcrfen, nachdem sie dem Entsetzlichen haben entrinnen k\u00f6nnen. In einem solchen Safe Space verbietet es sich, dass man Dinge wie eine Kreuzigung zeigt. So etwas wirft traumatisierte Menschen zur\u00fcck in den Schrecken, vor dem sie sich gerade in Sicherheit gebracht haben. F\u00fcr manche von ihnen ist es dann so, sie stehen von einem Moment auf den anderen wieder mittendrin in dem, was ihnen angetan wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Evangelium nimmt darauf merkw\u00fcrdigerweise keinerlei R\u00fccksicht. Obwohl ja auch die Menschen damals oft in h\u00f6chstem Ma\u00dfe traumatisiert waren. Offenbar will die christliche Botschaft die, an die sie sich richtet, auf eine andere Weise widerstandsf\u00e4hig machen. Sie mutet uns nicht weniger zu, als dass wir uns dem Leben aussetzen, wie es ist. Es ist mitunter wundersch\u00f6n, aber genauso eben auch schrecklich. Und es ist nicht ausgemacht, \u00fcberwiegt am Ende der Schmerz oder die Lust? Vieles spricht daf\u00fcr, mit dem Tod wird die Bilanz negativ. Dem m\u00fcssen wir standhalten und einmal im Jahr entf\u00fchrt uns unser Glaube nach Golgatha, dorthin, wo alles, was uns in unseren schrecklichsten Tr\u00e4umen verfolgt, seinen Ort hat: Der Mensch, den wir lieben und der uns liebt, wird zu Tode gequ\u00e4lt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist traumatisierend, erst recht, wenn man es an sich heranl\u00e4\u00dft, wenn man versucht, es mitzuf\u00fchlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war traumatisierend f\u00fcr den, der es erleiden musste. Es war traumatisierend f\u00fcr die, die es in der ersten Stunde mitangesehen haben, dort, unter dem Kreuz. \u201eSie waren da und sahen das alles.\u201c Traumatisierend war es aber auch f\u00fcr den, der sich zum Vater dessen erkl\u00e4rt hatte, der da am Kreuz gestorben ist. Jesus ist der Sohn Gottes! Wenn wir das w\u00f6rtlich nehmen, muss es auch f\u00fcr Gott schlimm gewesen sein. Er hat zugesehen, wie seinem Sohn so etwas widerf\u00e4hrt. Dabei h\u00e4tte er etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen! Er h\u00e4tte als einziger eingreifen k\u00f6nnen, er h\u00e4tte seinen Sohn retten und vom Kreuz herab holen k\u00f6nnen. Wie sehr muss ihn das innerlich zerrissen haben: Etwas tun k\u00f6nnen und stattdessen tatenlos zusehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das f\u00fcr ein Gott? Was bedeutet das, was da geschehen ist und was Gott hat geschehen lassen? Haben wir es am Ende tats\u00e4chlich mit einem traumatisierten Gott zu tun? Mit einem Gott, der nicht damit fertiggeworden ist, was sich am Karfreitag abgespielt hat? Ist das, was danach kam, in der Geschichte der Menschheit, das Ergebnis einer transzendenten postraumatischen St\u00f6rung: Ein ratloser Gott, ersch\u00fcttert, und \u00fcberfordert damit, auch nur das Schlimmste zu verhindern: Die fortschreitende Kultivierung unmenschlicher Grausamkeiten, Pogrome, V\u00f6lkermorde, die Erfindung ma\u00dflos vernichtender Waffen, vor deren Einsatz uns heute auch wieder graut? Steht das alles unter einem Trauma? Unter dem schrecklichen Trauma dessen, was damals auf Golgatha mit Gott passiert ist? Braucht Gott unser Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass er soviel schuldig geblieben ist? Braucht er unser Mitleid? Unsere Vergebung gar?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Darf man so \u00fcberhaupt von Gott sprechen? Darf man solche Dinge fragen, die alles auf den Kopf stellen? Und wenn man so von Gott spricht, was ist dann das Ergebnis?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist dann eigentlich noch da, der uns hilft? Wo ist die Macht, die uns beistehen k\u00f6nnte? Wo ist ein Gott, der uns sch\u00fctzen k\u00f6nnte? Der uns sch\u00fctzt vor denen, die die Vernichtung ganzer V\u00f6lker mit leichter Hand in Gang setzen. Wer hilft uns gegen die, die \u00fcber Leichen gehen, und sich dabei erhaben f\u00fchlen? Wer hilft uns gegen die Menschenschl\u00e4chter, ihre Folterknechte und Erf\u00fcllungsgehilfen? Wer hilft uns in alldem, wenn auf der anderen Seite nur ein hilfloser Gott steht, selbst ersch\u00fcttert von dem, was seine Gesch\u00f6pfe einander antun? Soll da wirklich nur ein Gott sein, der unser Mitleid braucht? Wir brauchen etwas anderes! Wir brauchen den Glauben an einen, der alles kann, alles wei\u00df, alles vermag. Wer hilft uns sonst?!<\/p>\n\n\n\n<p>Wer hilft uns sonst?<br>Wir stehen ratlos da. Unsere Gedanken sind leer.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen hilflos unter dem Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gut, da geh\u00f6ren wir an diesem Tag auch hin:&nbsp;<br>Karfreitag, Leidenstag, Sterbetag, Golgathatag.<br>Wir stehen da wie die Frauen, von denen uns der Evangelist Lukas erz\u00e4hlt. Sie wollten wegschauen, aber sie konnten es nicht. \u201eSie sahen das alles\u201c, und sie konnten kaum einen klaren Gedanken fassen. Immerhin, ihnen sind wir nah, wenn auch wir leer und ratlos unter dem Kreuz stehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihnen sind wir nah, und damit sind wir auch Jesus nah.&nbsp;<br>Auch uns selbst k\u00f6nnen wir nahe bleiben. Denn es ist furchtbar schwer, dem einen Sinn abzugewinnen, was an Leiden in der Welt ist, und dem, was an Leiden am Kreuz geschieht. Wir wollen nicht so tun, als h\u00e4tten wir da eine kluge Erkl\u00e4rung. Wir haben nichts. Wir verm\u00f6gen nichts. Wir k\u00f6nnen nichts. Wir k\u00f6nnen nichts anderes tun, als da bleiben und aushalten. Das war damals schwer, und das ist heute schwer, aber das hei\u00dft wohl, auf der Seite Gottes zu bleiben. Denn Gott hat auch ausgehalten. Er hat sich sozusagen dazugestellt, zu denen, die unter dem Kreuz standen. Wenn wir da ebenfalls stehen, sind wir Teil seiner Gemeinschaft, und er ist Teil unserer Gemeinschaft. Und genauso sollte es sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hilft uns das?<br>Es wird uns helfen. Es wird uns helfen, wenn das Leben irgendwann einmal auch uns ans Kreuz nagelt. Wenn die Krankheit kommt, gegen die man nichts tun kann, weil sie den K\u00f6rper von innen zerfri\u00dft. Es wird uns helfen, wenn uns irgendwann das Vergessen \u00fcberkommt; und nach und nach versinkt, was wir waren und was wir sind. Es wird uns helfen, wenn wir einen Menschen loslassen m\u00fcssen, aber wir k\u00f6nnen es nicht. Es wird uns helfen, wenn uns mitten im Leben das Starrwerden der Seele bef\u00e4llt, und nichts kann mehr sch\u00f6n sein. Es wird uns helfen, wenn der Tod kommt, so oder so, wie auch immer er kommt. Es wird uns helfen, wenn uns das Leben ans Kreuz nagelt, und wir sp\u00fcren jeden einzelnen Schlag. Dann ist einer dabei, der geht nicht weg. Dann steht einer unter unserem Kreuz. Dann ist einer da, und er wei\u00df wie das ist und wie sich der Schmerz anf\u00fchlt. Wir werden seine N\u00e4he sp\u00fcren. Wir werden empfinden, wie uns das tr\u00f6stet: Er ist einfach bei uns. Und schlie\u00dflich, wir k\u00f6nnen dann zu ihm sprechen. Er h\u00f6rt uns zu. Wir k\u00f6nnen dann zu ihm beten. Beten, er m\u00f6ge uns sein Geheimnis schauen lassen. Aus aller Verzweiflung und aller Leere w\u00e4chst etwas Neues. Und er, der hier nicht mehr tun konnte als dabei zu bleiben, wird uns dort in Empfang nehmen, in seiner Welt, in der alles noch einmal beginnt. Darauf hoffen wir, darum beten wir. Begreifen k\u00f6nnen wir es nicht. Wir k\u00f6nnen nur vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl<br>Neuss\/Alsdorf,&nbsp;<br>E-Mail:&nbsp;<a href=\"mailto:Ulrich.Pohl@EKiR.de\">Ulrich.Pohl@EKiR.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der traumatisierte Gott&nbsp;|&nbsp;Karfreitag | 15.04.2022 | Lk 23,32-49&nbsp;| Ulrich Pohl | Sie sahen das alles, die Frauen, die da unter dem Kreuz standen. Sie sahen das alles.&nbsp; Einmal im Jahr sollen auch wir es sehen. Wir sollen hinschauen, wie die Frauen unter dem Kreuz. 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