{"id":7662,"date":"2022-04-19T18:00:00","date_gmt":"2022-04-19T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7662"},"modified":"2022-04-17T23:25:39","modified_gmt":"2022-04-17T21:25:39","slug":"kolosser-212-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-212-15\/","title":{"rendered":"Kolosser 2,12-15"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Lebendig | Quasimodogeniti | 24.04.2022 | Kol 2,12-15 | Nadja Papis |&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal regen mich Bibeltexte einfach auf. Wirklich! Oder sollte ich das als Pfarrerin etwa nicht sagen? Oder schon gar nicht denken? \u00abMan\u00bb muss die Bibel ja ehren und toll finden \u2013 in allem. Jetzt sch\u00e4me ich mich. Bin ich einfach keine gute Christin? Zu wenig fromm? Zu wenig bibeltreu? Und doch: Diese Floskeln im Kolosserbrief nerven mich. Und ich weiss, dass es nachher noch schlimmer wird: Eine sogenannte Haustafel sagt uns, wie wir uns zu benehmen haben, welche Rolle wir im Gef\u00fcge von Ehe und Familie einnehmen und dass das g\u00f6ttliche Ordnung ist. Ich \u00e4rgere mich schon, bevor ich weitergelesen habe, erinnere ich mich doch deutlich daran, dass Frauen nicht gut wegkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mache ich nun mit meinem \u00c4rger? Was mache ich mit meiner Scham?<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen den beiden: Der \u00c4rger macht mich lebendig. Ich kann schimpfen, toben, vielleicht sogar mit dem Fuss stampfen. Wenn ich mich ausgetobt habe, kann ich wieder durchatmen und mich in Ruhe mit dem Text auseinandersetzen. Wer weiss, vielleicht enth\u00e4lt er ja doch noch etwas, das mir zu denken gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Scham l\u00e4hmt mich. Sie trennt mich von mir selber und allem Lebendigen in mir. Ich bleibe stecken, das Atmen f\u00e4llt schwer, es geht nichts mehr, weder f\u00fchlen noch denken. Denn Scham betrifft mein Sein. Das ist ja auch der Unterschied zur Schuld. Schuldig f\u00fchle ich mich f\u00fcr etwas, das ich gemacht habe. Ich kann bereuen, mich entschuldigen oder eine Wiedergutmachung leisten. Sch\u00e4men tue ich mich f\u00fcr das, was ich bin oder auch nicht bin. Mitten in mein Sein trifft sie, die Scham, und die Botschaft ist klar: Du bist nicht gut, du bist nicht wertvoll, du bist v\u00f6llig daneben. Das l\u00e4hmt komplett. Da ist nichts Lebendiges mehr. Insofern erinnert mich das an das biblische Bild der S\u00fcnde: Gottferne \u2013 fern von allem, von mir, vom Leben, von der Kraft, die dieses Leben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ah, jetzt bin ich doch mitten in unserem Bibeltext:<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe, und mit ihm seid ihr auch mitauferweckt worden durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. 13&nbsp;Euch, die ihr tot wart in euren Verfehlungen, im unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, euch hat er zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat. 14&nbsp;Zerrissen hat er den Schuldschein, der aufgrund der Vereinbarungen gegen uns sprach und uns belastete. Er hat ihn aus dem Weg ger\u00e4umt, indem er ihn ans Kreuz heftete. 15&nbsp;Die M\u00e4chte und Gewalten hat er ihrer Macht entkleidet und sie \u00f6ffentlich zur Schau gestellt, ja im Triumphzug hat er sie mit sich gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Begraben und mitauferweckt \u2013 wir waren tot und wurden lebendig gemacht \u2013 unsere Schuldscheine ans Kreuz geheftet\u2026 Wow!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was heisst das eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Briefschreibenden, die sich hinter der Autorit\u00e4t des ber\u00fchmten Apostel Paulus verstecken, brauchen Glaubenss\u00e4tze, welche damals gang und g\u00e4be waren. Alle christlich Glaubenden nickten dazu, das waren gebr\u00e4uchliche Bilder \u2013 damals. Und heute? In unseren Kirchen sprechen immer noch viele in diesen Bildern, obwohl sie meiner Meinung nach kaum mehr verst\u00e4ndlich sind f\u00fcr heutige Menschen. Kein Wunder kommen immer weniger Menschen in die Gottesdienste. Daher richtet sich ein Teil meines anf\u00e4nglichen \u00c4rgers auch gegen die Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser S\u00e4tze, die f\u00fcr mich als kirchenfern Aufgewachsene nicht mehr als leere Floskeln sind. Wie kann ich ernsthaft Eltern bei der Taufe erz\u00e4hlen, ihr Kind st\u00fcrbe mit Christus und werde dann wieder auferweckt? Was fangen wir \u00fcberhaupt mit dem Bild der Auferstehung auf, das sicher wieder \u00fcberall gepredigt wurde an Ostern?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach heutigen Bildern und Worten, welche die umfassende Erl\u00f6sungserfahrung beschreibt, denn die ist nat\u00fcrlich nach wie vor aktuell. Es ist ein Versuchen, ein Herantasten, sicher keine abschliessende L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser Suche stosse ich auf den Namen des heutigen Sonntags: Quasi modo geniti \u2013 Lateinisch. \u00abSo wie neugeborene Kinder\u00bb heisst das. In der antiken Kirche wurden an Ostern Menschen getauft und ins Christentum aufgenommen. Schon wieder sind wir beim Kolosserbrief: Sie wurden in der Taufe mit Christus begraben und wiederauferweckt \u2013 wie neugeboren. Eine Woche lang trugen sie ihre weissen Taufgew\u00e4nder zum Zeichen des Reinen, Neuen und Vollendeten. Sie galten als \u00abneugeborene\u00bb, neugeboren in der Taufe, die nun ihr neues Leben begonnen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie neugeboren\u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich wie neugeboren!<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Spruch kommt uns heute noch \u00fcber die Lippen. Wenn ich nach einer anstrengenden Sportaktivit\u00e4t unter der Dusche alle Ersch\u00f6pfung abwasche\u2026 Wenn ich nach langer \u00dcberm\u00fcdung gr\u00fcndlich ausschlafe\u2026 Wenn ich frisch verliebt bin\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Neugeborenen beginnt neues Leben. Immer wenn ich ein kleines Kind sehe, denke ich: Willkommen, Leben! Nicht willkommen im Leben, sondern willkommen, Leben! Hier ist es, das Leben: offensichtlich, unverstellt, frisch. Noch keine Entt\u00e4uschung, noch keine Bitterkeit, noch keine Schuld und schon gar nicht Scham. Leben pur. Das also ist es, was gemeint ist: neues Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist der Sinn unseres Lebens?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist der Grund unseres Lebens?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist die Aufgabe, die uns das Leben stellt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach: zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein und doch ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja und doch nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt das Passiv auf. Nicht: Ich lebe, sondern ich bin lebendig gemacht. Nicht: ich stehe auf, sondern ich wurde auferweckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben ist ein Geschenk. Das Leben ist mir gegeben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich liegt es an mir, wie ich es lebe. Aber zuallererst wurde es mir geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie neugeboren\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist f\u00fcr mich immer und immer wieder das gr\u00f6sste und unfassbarste Geheimnis unseres Glaubens: Am Anfang steht die Glaubenserfahrung des Beschenkt-Werdens, am Anfang steht die Bewegung vom G\u00f6ttlichen hin zu mir, zum Menschlichen. Am Anfang steht Zuwendung, die einfach da ist, ohne dass ich etwas daf\u00fcr tun oder sein muss. Eine Zuwendung zu mir \u2013 trotz all meiner Schuld, trotz all meiner Scham, trotz meinem Unglauben, trotz meinem \u00c4rger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie befreiend ist das!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie erl\u00f6send!<\/p>\n\n\n\n<p>Mir kommt so viel Liebe entgegen \u2013 und dir auch!<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht mich lebendig, das fordert mich heraus, lebendig zu werden, dieses Leben zu leben, so wie es ist, es fordert mich, frei zu sein von allem, was mich einengt \u2013 auch l\u00e4ngst \u00fcberholte Rollenbilder und leere Glaubensfloskeln. Und meine Urteile dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie neugeboren\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Neu belebt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Neu geliebt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht. Amen<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n\n\n\n<p>Langnau am Albis<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebendig | Quasimodogeniti | 24.04.2022 | Kol 2,12-15 | Nadja Papis |&nbsp; Manchmal regen mich Bibeltexte einfach auf. Wirklich! Oder sollte ich das als Pfarrerin etwa nicht sagen? Oder schon gar nicht denken? \u00abMan\u00bb muss die Bibel ja ehren und toll finden \u2013 in allem. Jetzt sch\u00e4me ich mich. Bin ich einfach keine gute Christin? 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