{"id":7664,"date":"2022-04-09T00:31:00","date_gmt":"2022-04-08T22:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7664"},"modified":"2022-04-09T15:33:38","modified_gmt":"2022-04-09T13:33:38","slug":"lukas-2332-49-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2332-49-3\/","title":{"rendered":"Lukas 23,32-49"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Actus Tragicus| Karfreitag | 15.04.2022 | Lk 23, 32-49 | Verena Salvisberg |<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen, dreizehnj\u00e4hrig wohl, am Radioapparat seiner Eltern. Unten die Drehkn\u00f6pfe zum Einstellen der Lautst\u00e4rke und des Senders. Die Einstellung immer gleich. Das Ger\u00e4t wird eingeschaltet um halb eins, die Familie beim Mittagessen. Psst, die Nachrichten!<\/p>\n\n\n\n<p>Oben kann eine Klappe ge\u00f6ffnet werden. Da ist der Plattenspieler. Das M\u00e4dchen ist gut instruiert, Sorgfalt ist gefragt. Die Platten nur am Rand ber\u00fchren. Die Nadel sanft auf dem schmalen Rand aufsetzen. In der Regel werden hier Kasperliplatten geh\u00f6rt, vier, f\u00fcnf Platten, immer wieder. Auf der Vorderseite eine Geschichte, hinten eine. Sorge tragen. Trotzdem: die Geschwister erg\u00f6tzen sich am Abspielen der Platte im doppelten Tempo.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein M\u00e4dchen am Plattenspieler. Da sind noch drei, vier Platten von der Mutter. Eine kleine Nachtmusik. Weihnachtsoratorium. Actus Tragicus.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit kurzem Lateinunterricht. Actus Tragicus. Tragischer Akt. Trauerst\u00fcck. Das M\u00e4dchen legt die Platte auf, immer wieder. Fasziniert von der Musik. Blockfl\u00f6ten, Streicher, Gesang.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abGottes Zeit ist die allerbeste Zeit\u00bb \u00abAch Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen legt die Platte auf. Immer wieder. Sch\u00f6n ist das. Aber noch viel mehr. Da ist eine Ahnung von Tiefe. Von Wichtigkeit. Sterben m\u00fcssen. Leben ist mehr als schlafen, Schule, essen, arbeiten. Was ist Leben? Was ist mein Leben? Meine Aufgabe? Berufung, darum geht es, auch wenn das M\u00e4dchen dieses Wort nicht kennt. \u00abBestelle dein Haus, denn du wirst sterben\u00bb. Gut m\u00f6glich, dass hier die Musik auf erste Anfl\u00fcge von pubert\u00e4rer Melancholie trifft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Actus Tragicus, ein Trauerst\u00fcck, die Kantate von Johann Sebastian Bach, wohl geschrieben f\u00fcr eine Trauerfeier. Traurig ist es nicht, das M\u00e4dchen, eher ber\u00fchrt und bewegt und irgendwie getr\u00f6stet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abHeute, heute wirst du mit mir im Paradies sein.\u00bb, singt der Bass in der Kantate. Ein Zitat aus der Kreuzigungsgeschichte nach Lukas. H\u00f6ren Sie noch einmal, was sich gem\u00e4ss dem Evangelisten am Kreuz abspielt:&nbsp;<em>39Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, verh\u00f6hnte ihn und sagte: Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>40Da fuhr ihn der andere an und hielt ihm entgegen: F\u00fcrchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist?&nbsp;41Wir allerdings sind es zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.&nbsp;42Und er sagte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.&nbsp;43Und er sagte zu ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-42).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Jesus werden zwei Verbrecher gekreuzigt, rechts und links. Davon berichten alle Evangelien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das Bild, das wir alle vor Augen haben. Eingebrannt im kollektiven Ged\u00e4chtnis. Die drei Kreuze auf dem H\u00fcgel. In der Mitte Jesus. Die Totale.<\/p>\n\n\n\n<p>Lukas als einziger zoomt heran und erz\u00e4hlt die eben geh\u00f6rte intime Szene am Kreuz. Das Gespr\u00e4ch der drei Todgeweihten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich werden da wichtige theologische Fragen verhandelt. Die wichtigste wohl: Wer ist dieser Mensch? Wer ist Jesus? K\u00f6nig der Juden steht auf der Inschrift \u00fcber dem Kreuz. Hilflos kommt mir dieser Spott vor. Der eine Nachbar am Kreuz stimmt ein in den Spott der Oberen. Er l\u00e4stert: Wenn du der bist, dann hilf dir doch selbst. Und uns. Da ist diese Bitterkeit \u00fcber das verkorkste, verspielte Leben. Die abgrundtiefe Verzweiflung. Aber nicht mal am Ende kann er sich das eingestehen. Es bleibt die Aggression.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere mischt sich ein. Er weist den ersten zurecht. Mehr als was er jetzt erleidet, hat er von Menschen nicht zu bef\u00fcrchten. Die Furcht vor Gott aber, die ist noch da. Er hat sich Gedanken gemacht. Ist in sich gegangen. Vielleicht gerade angesichts des bevorstehenden Todes. Auch er hat das Leben verspielt. \u00c4ndern kann auch er nichts mehr. Da ist eine Ehrfurcht angesichts des Todes. F\u00fcr das, was er getan hat, muss er sich verantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei h\u00e4ngen am Kreuz, aber da ist ein grosser Unterschied. Darauf weist er hin: Wir zwei b\u00fcssen zu Recht f\u00fcr das, was wir getan haben. Dieser aber hat nichts getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Aussage wird er mit Pilatus und Herodes Antipas zum dritten Zeugen f\u00fcr die Schuldlosigkeit Jesu in der lukanischen Passionserz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist dieser Jesus?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun,<\/em>&nbsp;hat er eben noch gebetet.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dem einen, dem Sp\u00f6tter, kommt nichts mehr. Der andere wendet sich an Jesus:&nbsp;<em>Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.&nbsp;<\/em>Dein Reich. Eigentlich auch ein Bekenntnis zu Jesus, dem K\u00f6nig, aber nicht h\u00f6hnisch, sondern ernst gemeint. Zum K\u00f6nig geh\u00f6rt das Reich. Und er bekommt eine Antwort:&nbsp;<em>Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht in dieser Szene wie in der ganzen Passionsgeschichte um die Frage: Wer ist dieser Mensch? Wer ist dieser Jesus? Und es geht um S\u00fcnde und Einsicht. Um Umkehr und Verstockung. Um die Frage nach Verantwortung und Rechenschaft. Was kommt nach dem Tod? Nichts? Die ewige Verdammnis? Reich Gottes? Ja, wichtige theologische Fragen werden in diesem Gespr\u00e4ch verhandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist es nicht auch einfach ein Gespr\u00e4ch zwischen drei Todgeweihten? Es geht immer noch um alles, bis zuletzt. Verloren sein. Gerettet sein. Was war und was sein wird. Die Intimit\u00e4t des Lebens. Das Gespr\u00e4ch, das auch in diesem Moment nicht abbricht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abHeute, heute wirst du mit mir im Paradies sein.\u00bb, singt der Bass in der Kantate.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas sp\u00e4ter setzt der Alt ein:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit Fried und Freud ich fahr dahin in Gottes Wille<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Getrost ist mir mein Herz und Sinn sanft und stille\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Kantate verwebt sich die Arie \u00abHeute, heute wirst du mit mir im Paradies sein.\u00bb mit einem Choral Luthers, die Zusage Jesu mit der Antwort des Menschen. Auch hier das Gespr\u00e4ch.&nbsp;<em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit Fried und Freud fahr ich dahin.<\/em>&nbsp;Nunc dimittis. Der Lobgesang des Simeon, den er anstimmt am Ende seines Lebens. Nachdem er sein ganzes Leben lang auf den Erl\u00f6ser gewartet hat, kommen Josef und Maria mit dem Kind in den Tempel. Simeon darf das Kind auf den Arm nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nun, l\u00e4sst du deinen Diener in Frieden gehen<\/em>, singt er.<\/p>\n\n\n\n<p><em>34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird \u2013 35&nbsp;und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen \u2013, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden (Lk 2,34f).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss erinnern sich die Leserinnen und Leser des Lukasevangeliums, hier, beim Bericht \u00fcber den Tod Jesu an diese Prophezeiung am Anfang seines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Simeon? Jetzt sind wir pl\u00f6tzlich bei Weihnachten angelangt. Und an Weihnachten haben wir ja auch gesungen:&nbsp;<em>Heut schliesst er wieder auf die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis<\/em>&nbsp;(RG 395.5).<\/p>\n\n\n\n<p>Was also jetzt? Karfreitag oder Weihnachten?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wie da ist eine Grenze aufgebrochen. Eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Der Vorhang zum Allerheiligsten im Tempel gerissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Heute&nbsp;<\/em>wirst du mit mir im Paradies sein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Heut&nbsp;<\/em>schliesst er wieder auf die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nun<\/em>&nbsp;l\u00e4sst du deinen Diener gehen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich geht es wohl um dieses \u00abheute\u00bb oder \u00abnun\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim M\u00e4dchen mit der Schallplatte. Ergriffen von der klaren Ansage der Sterblichkeit allen Lebens. Das sp\u00fcrt: Es kommt darauf an im Leben. Was du bist. Was du machst. Auch wenn es begrenzt ist. Und das getr\u00f6stet ist durch die Zusage Jesu, der das Todesschicksal des Menschen geteilt hat:&nbsp;<em>Heute&nbsp;<\/em>wirst du mit mir im Paradies sein. Da ist eine leise Ahnung von diesem \u00abheute\u00bb, nicht erst nach dem Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht wohl um dieses \u00abheute\u00bb. Im Gespr\u00e4ch, das nie aufh\u00f6rt. Bis zur letzten Stunde. Bach hat es vorgemacht. Luther auch und viele, viele andere auch. Das Gespr\u00e4ch mit sich selbst, mit andern Menschen und mit Christus. Das Wissen um die Endlichkeit und um die Kostbarkeit des Lebens wird in diesem Gespr\u00e4ch entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es geht um den Trost unseres Bruders am Kreuz.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb bitte ich heute an Karfreitag, unter dem Kreuz:&nbsp;<em>Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Amen<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n\n\n\n<p>Roggwil<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Actus Tragicus| Karfreitag | 15.04.2022 | Lk 23, 32-49 | Verena Salvisberg | Liebe Gemeinde Ein M\u00e4dchen, dreizehnj\u00e4hrig wohl, am Radioapparat seiner Eltern. Unten die Drehkn\u00f6pfe zum Einstellen der Lautst\u00e4rke und des Senders. Die Einstellung immer gleich. Das Ger\u00e4t wird eingeschaltet um halb eins, die Familie beim Mittagessen. Psst, die Nachrichten! Oben kann eine Klappe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7612,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,157,120,853,114,121,303,702,349,3,123,109,242],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-7664","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-festtage","category-kapitel-23-chapter-23","category-karfreitag","category-kasus","category-nt","category-passionsz_karw_ostern","category-predigten","category-verena-salvisberg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7664"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7664\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7665,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7664\/revisions\/7665"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7612"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7664"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=7664"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=7664"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=7664"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=7664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}