{"id":7702,"date":"2022-04-11T15:21:00","date_gmt":"2022-04-11T13:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7702"},"modified":"2022-04-11T15:27:18","modified_gmt":"2022-04-11T13:27:18","slug":"markus-161-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-161-8\/","title":{"rendered":"Markus 16,1-8"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Abwesende Anwesenheit. So&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;so. Punkt.&nbsp;| Ostersonntag | 17.4.2022 | Mk 16, 1-8| Thomas Schlag |<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe \u00f6sterliche Gemeinde,<\/p>\n\n\n\n<p>dieser eine pr\u00e4gnante Satz kommt jedes Mal \u2013 garantiert und verl\u00e4sslich. Ihn spricht der Pfarrkollege meiner Heimatgemeinde bei jeder Bestattung, die er durchf\u00fchrt. Dieser eine Satz durchf\u00e4hrt mich jedes Mal aufs Neue. Immer noch \u2013 wie beim ersten Mal, als ein Nachbar zu Grabe getragen wurde und mich dieses Wort ganz unvorbereitet traf. So muss sich ein g\u00e4nzlich unerwarteter, unvermeidbarer Nackenschlag anf\u00fchlen. Seitdem warte ich bei jedem seiner Trauergottesdienste darauf \u2013 hin- und hergerissen zwischen dem Gef\u00fchl, diesen einen Satz nicht h\u00f6ren zu wollen, aber auch unter keinen Umst\u00e4nden darauf verzichten zu wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pfarrkollege sagt am Grab dieses folgende Wort \u2013 direkt an die Angeh\u00f6rigen, aber notabene auch an die ganze Gemeinde: &#8222;Und wann immer sie hierher zu ihrem geliebten verstorbenen Menschen kommen \u2026 hier ist er nicht.&#8220;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder aufs Neue sp\u00fcre ich, wenn dieser Satz auf mich zukommt und mich bedr\u00e4ngt, tiefe Irritation. Bei mir, und vermutlich auch bei den Angeh\u00f6rigen, m\u00f6glicherweise bei der ganzen Gemeinde. Wie kann er, so denke ich im Modus der eigenen deformation professionelle, nur so hartherzig formulieren? Und zugleich bin ich dankbar daf\u00fcr, dass mein fast sehns\u00fcchtiges Warten auf dieses Wort einmal mehr nicht vergebens war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und wann immer sie hierher zu ihrem geliebten verstorbenen Menschen kommen \u2026 hier ist er nicht.&#8220; Ein Satz, der mir jedenfalls jedes Mal neu durch Mark und Bein f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich male mir aus, wie ich mit diesem Satz umgehen w\u00fcrde, wenn ein ganz naher Angeh\u00f6riger von mir hier von eben jenem Pfarrkollegen begleitet zur Grabe getragen w\u00fcrde. K\u00f6nnte das f\u00fcr mich ernsthaft ein Trostwort sein? Oder w\u00e4re es gerade im Gegenteil wortm\u00e4chtiger Ausdruck des finalen Komplettverlustes. Ohne auch nur die geringste Chance auf irgendetwas, das vom geliebten Menschen bleiben darf und kann? Mit ultimativer theologischer Deutungsmacht formuliert und an den Kopf des Angeh\u00f6rigen geknallt, der sich gerade in diesem Moment am allerwenigsten wehren kann, sicherlich nicht mit einem &#8222;Doch!&#8220; aufbegehrt, weil er gerade jetzt h\u00f6chst verletzlich und stumm ist. Wohin mit meiner Trauer, wenn purer Entzug und komplette Ortlosigkeit verk\u00fcndigt wird?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich stelle mir auch das Umgekehrte vor: Wollte ich, dass meine Angeh\u00f6rigen im Abschied von mir sozusagen die vergebliche Suche nach mir so radikal vor Augen gef\u00fchrt bekommen? W\u00fcrden sie best\u00fcrzt und voller Angst und Schrecken diesen dunklen Ort verlassen und nie mehr hierher zur\u00fcckkehren? W\u00fcrde ich dann ganz allein zur\u00fcckbleiben mit der mich umfangenden Todesmacht? Wie radikal darf und muss man im Angesicht des Todes reden und glauben?<\/p>\n\n\n\n<p>Folgendes wird von der Radikalit\u00e4t des Ostermorgens erz\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als der Sabbat vor\u00fcber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende \u00d6le, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr fr\u00fch am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegw\u00e4lzen? Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggew\u00e4lzt ist. Er war sehr gross. Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen, weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagt zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. Doch geht, sagt seinen J\u00fcngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galil\u00e4a. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie f\u00fcrchteten sich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So also endet alles \u2013 im Markusevangelium und dar\u00fcber hinaus. Mit einer solchen final deklarierten Abwesenheit k\u00f6nnen die Frauen offenkundig nur schwer umgehen, es ist kaum auszuhalten. Sie fliehen. Das klingt weit weg und doch hat sich an den Todesfluchten vielleicht nicht so viel ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Blickt man jedenfalls auf die gegenw\u00e4rtige Praxis im Umgang mit dem Tod bis hin in die postreligi\u00f6sen oder posts\u00e4kularen Bestattungsinszenierungen, so kann man an den gr\u00f6sseren gesellschaftlichen Trends \u00c4hnliches beobachten. Am liebsten w\u00fcrde man alles so anwesend wie gegenw\u00e4rtig halten. Und schon gar nicht will man dem Tod alles aus der eigenen Hand geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das schweizerische Unternehmen Algordanza bietet an, die Asche eines verstorbenen Menschen zu einem Diamanten zu pressen und schreibt dazu in \u00f6konomisch-empathischer Diktion: &#8222;Der Erinnerungsdiamant ist ein Symbol der Liebe, Verbundenheit und Wertsch\u00e4tzung. Der Erinnerungsdiamant ist im Vergleich zu traditionellen Bestattungsarten ein ganz pers\u00f6nlicher Ort der Trauer, Erinnerung und der Freude. Dieses wertvolle Erinnerungsst\u00fcck wird von den Hinterbliebenen individuell aufbewahrt oder veredelt. In der Diamantschatulle neben einem Portraitfoto oder in einem Ring oder Anh\u00e4nger dezent gefasst. Der Goldschmied Ihres Vertrauens wird Sie gerne hierzu beraten.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Andere versuchen \u2013 durchaus unter Umgehung legaler M\u00f6glichkeiten \u2013 die Asche am Lieblingsort des Verstorbenen zu verstreuen, um dann wenigstens tr\u00f6stlich auf die bleibende Gegenwart des Verstorbenen zu hoffen; in einem Bergsee, am Lieblingsstrandabschnitt am Meer, in einem geliebten Wald. Im Umkehrschluss gilt \u00fcbrigens auch: Wenn sich immer mehr Menschen f\u00fcr einen anonymen Platz im Friedwald entscheiden, weil sie niemandem mehr &#8222;zur Last fallen wollen&#8220;, sagt dies m\u00f6glicherweise mehr \u00fcber die eigenen famili\u00e4ren defizit\u00e4ren Lebenserfahrungen aus als \u00fcber die \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten der Angeh\u00f6rigenfamilie. Und dann ist eine solche Selbstanonymisierung vielleicht nur die letzte Konsequenz der l\u00e4ngst schon gesp\u00fcrten Ber\u00fchrungsarmut, Verbindungslosigkeit und des kolossalen Wertsch\u00e4tzungsverlusts im eigenen Leben. Warum sollte ich nicht im Tod allein bleiben, wenn schon vorher niemand da war?<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar betrifft uns der Totalverlust der Ber\u00fchrung des Anderen mit besonderer Radikalit\u00e4t. Der Versuch, inmitten dieser Abwesenheit noch etwa &#8222;festzuhalten&#8220; zeigt sich so eindr\u00fccklich wie ambivalent im Beispiel der koreanischen Mutter, die in einer gebauten Virtual Reality Welt nochmals mit ihrem viel zu fr\u00fch verstorbenen Kind in Kontakt kommt.<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Das mag von aussen her betrachtet schrecklich wirken. Zugleich sind diese Eindr\u00fccke im tiefsten Sinn ber\u00fchrend und bewegend. Aber wer wollte der Mutter einen Vorwurf machen, dass sie diese technische M\u00f6glichkeit f\u00fcr sich nutzt \u2013 und offenbar hat sie, wie sie selbst nach dieser Erfahrung berichtet, grossen Trost erfahren. Offensichtlich \u2013 und es lohnt sich, dar\u00fcber l\u00e4nger nachzudenken<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;\u2013 er\u00f6ffnen eben auch digitale M\u00f6glichkeiten eine Form sichtbarer und sp\u00fcrbarer Anwesenheit. Und dies selbst dann, wenn die Ber\u00fchrung nicht mit allen Sinnen geschieht. Sie ist und bleibt auch so in bewegender Weise sinnvoll \u2013 gerade und wenn anderes nicht oder nicht mehr m\u00f6glich ist. Und doch weist der Ausbau digitaler M\u00f6glichkeiten auf die reale gesellschaftliche Ber\u00fchrungsarmut hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Frauen des Ostermorgens waren auf der Suche nach einer letzten sp\u00fcrbaren Ber\u00fchrung. Die geplante Salbung war wohl dazu gedacht, Erinnerungen und Ber\u00fchrungen nochmals im wahrsten Sinn des Wortes aufzufrischen, noch einmal im Kontakt mit dem zu sein, der zum Zentrum des eigene Lebens geworden war. Auch sie suchen im Wissen um die unab\u00e4nderliche Abwesenheit nochmals Anwesenheit, ja eine leibliche Erfahrung jenseits dessen, was gegenw\u00e4rtig noch erhofft darf. Sie geben ein eindr\u00fcckliches Zeugnis davon, dass der sorgsame Umgang mit dem Tod das Beste der Menschlichkeit unseres eigenen Lebens zum Vorschein bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie immer sie sich auch den eigenen schweren Gang zum Grab vorgestellt haben \u2013 mit dieser Erfahrung d\u00fcrften sie schlechterdings nicht gerechnet haben: Nicht nur war der Stein schon weggew\u00e4lzt \u2013 welch wunderbar anschauliches Bild am Beginn der Szene ! \u2013 sondern auch &#8222;das Innere&#8220; der ganzen Situation zeigt sich jenseits all dessen, was nach dem Massstab menschlicher Vernunft erwartbar sein konnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ob und inwiefern sich in diesem Gang &#8222;ins Innere&#8220; ohnehin die intensive Begegnung mit der inneren Wirklichkeit widerspiegelt, darf in aller Freiheit der Auslegung dieser radikalen Osterpassage gefragt und weiter studiert werden. Jedenfalls kommt nun Licht in diese dunkle Todesabschattung \u2013 und daf\u00fcr sind die Frauen trotz aller Ber\u00fchrungshoffnung weder selbst zust\u00e4ndig noch selbst verantwortlich. Vielmehr greift die hoffnungsvolle Erfahrung in aller Abwesenheit um sich: \u201eGerufen und ungerufen, Gott wird da sein.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nun spitzt sich in dieser Osterbotschaft die pastoral-ultimative Abwesenheitsaussage christologisch zu: Denn es heisst nicht mehr: &#8222;Hier ist er nicht&#8220;, sondern &#8222;Er ist nicht hier&#8220;. Dies fokussiert auf diesen einen, um den sich zur Zeit seiner Anwesenheit alles drehte \u2013 und der nun der Welt abwesend und verlorengegangen ist. Jedenfalls scheinbar und allem Anschein nach. Aber dieser Anschein wird, weiss Markus zu berichten, sogleich durch ein wirkliches neues Scheinen durchbrochen. Es bleibt eben nicht alles abwesend und dunkel. Aber zugleich ist diese abwesende Anwesenheit und anwesende Abwesenheit nur in engelsgleicher Gestalt aussagbar: Tats\u00e4chlich er\u00f6ffnet sich jetzt eine Dimension, die Himmel und Erde so miteinander verbindet, dass sie nur engelsmetaphorisch n\u00e4her gefasst werden kann: Denn Engel sind &#8222;Gesten in der Bewegung&#8220;, sie verweisen auf etwas anderes, als sie sind: &#8222;Gerichtet auf ein Hinaus aus der Welt und auf ein Hin\u00fcber haben sie einen Zeichencharakter.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein k\u00fchnes, hellsichtiges Bild \u2013 man mag sich an manche k\u00fcnstlerischen Ausdrucksformen erinnern, die zumindest ein zeichnerisches Abbild dieser Szene versuchen \u2013 und einmal mehr bringt es die orthodoxe Ikonografie auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"304\" height=\"378\" src=\"blob:https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/89d82e3e-1f7b-4a97-85d2-d0c54a3f63f7\"><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das weisse Gewand taucht die gesamte Grabesszenerie in ein zutiefst anderes zentrales Licht. Ich stelle mir dieses Osterereignis wie eine Art bildhaftes Punctum mathematicum vor \u2013 als &#8222;Ort&#8220;, den man sich jedenfalls nicht physikalisch denken kann, sondern der als Ber\u00fchrung Gottes mit der f\u00fcr uns erfahrbaren Wirklichkeit einen erfahrbaren, aber nicht festzuhaltenden&nbsp;<em>actus purus<\/em>&nbsp;darstellt.<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Das Ganze kommt in einen neuen Fokus, konzentriert auf einen Punkt, der das Dunkle schon jetzt ins Helle hinein ver\u00e4ndert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag hier aus vielen guten Gr\u00fcnden an Martin Luthers theologische \u00dcberlegungen dazu ankn\u00fcpfen, was eigentlich zu denken und zu glauben m\u00f6glich ist. Und kein Wunder, dass er selbst vom punctum mathematicum &#8222;ausgeht&#8220; bzw. darauf zugeht: Im Unterschied zu aller messbaren Form von Erkenntnis hat es der Mensch unbedingt mit Christus als eben jenem lebensentscheidenden Moment und punctum mathematicum zu tun: &#8222;Ergo cum conscientia haben die iuristen nit zu thun, da haben sie gar verlorn, etiam civiliter, quia non possunt habere punctum mathematicum. Sed ein theologus mus yhn haben vnd gewiss treffen, ut dicat: Da stehets in vero Dei vnd sonst nirgends&#8220;.<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben kann weitergehen, von der ber\u00fchrenden Erfahrung kann weitererz\u00e4hlt werden, weil sie eben geschehen ist. Weil sich Anwesenheit und Abwesenheit in einem Grabespunkt miteinander verbunden haben, weil der Raum hell geworden ist. Und der Engel eben zugleich im wahrsten Sinn des Wortes daf\u00fcr steht, dass &#8222;die ersch\u00fctterndste Offenbarung aus dem Inneren des Menschen [kommt], dorther, wo er nichts von sich weiss, \u2018innerer als mein Innerstes\u2019, interior intimo meo (Augustinus) [\u2026] die Gottheit, die sich mir zeigt, ein Tiefenselbst als unendlicher Raum.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist damit nicht ein f\u00fcr alle Mal alles ergriffen \u2013 was in der Natur dieser dynamischen Sache selbst liegt \u2013 wie Martin Luther konstatierend ahnt bzw. glaubend konstatiert: &#8222;Wiewohl aber dasselbige P\u00fcnctlein, das sie mathematicum hei\u00dfen, nirgend zu finden ist, doch mu\u00df man nach dem Zweck und Ziele schie\u00dfen, so viel es m\u00f6glich ist, man triffts doch nicht und k\u00f6mmet noch weit genug davon. Es will gleichwohl hei\u00dfen, man mu\u00df bisweilen durch die Finger sehen, h\u00f6ren und nicht h\u00f6ren, sehen und nicht sehen.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses \u00f6sterlich punctum mathematicum, die Gleichzeitigkeit von Abwesenheit und Anwesenheit, ist \u00fcbrigens durchaus auch politisch herausfordernd, wenn Gerhard Ebeling dazu schreibt: Luthers &#8222;Insistieren auf dem mathematischen Punkt warnt die Theologie entschieden vor Verwechslung mit Moral und Politik. &#8218;Christus&#8216;, so hei\u00dft es in einer Predigt des Jahre 1535, &#8217;sagt nicht: Brecht ein, rei\u00dft um, sondern Predigt! Er sagt nicht: Richtet eine neue Weltordnung an&#8216; Die Theologie ist nicht eine Theorie, die in die Praxis umzusetzen, durch Handeln zu verwirklichen ist. Sie wacht vielmehr \u00fcber dem Wort, ohne welche das Leben ungewi\u00df und dunkel ist. Die Gewi\u00dfheit des rechtfertigenden Glaubens beruht nicht auf den Werken.&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>&nbsp;Das soll nicht heissen, nun in politischen Dingen stumm zu werden \u2013 sondern ganz im Gegenteil ermutigt diese Zusage erst recht dazu, scharf und radikal im besten Sinn des Wortes zu formulieren, wo diese Welt immer neue Abgr\u00fcnde schafft und den allzu fr\u00fchen Tod von allzu vielen Menschen bewusst bewirkt, in Kauf nimmt oder nicht verhindert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wo m\u00f6glich&#8220; ist dies das eigentliche Profil christlichen Glaubens in Zeiten bin\u00e4rer bzw. bipolarisierender Anwesenheits-Abwesenheitslogik: Dass wir es uns eben nicht zu einfach machen k\u00f6nnen, indem wir sichtbare Materie und leibhafte Ber\u00fchrung von unsichtbarer Begegnung scheiden, so als ob das eine vom anderen un\u00fcberbr\u00fcckbar und f\u00fcr alle Zeit geschieden w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Wahrheit liegen und stehen die Dinge ganz anders, sind komplexer, spannungsvoller, eindringlicher und das eigene Innere verwandelnder als wir uns selbst es zutrauen k\u00f6nnten. Und so ist dieser paradoxe engelsgleiche J\u00fcnglings im Inneren der Grabst\u00e4tte die h\u00f6chste Verwirrung bin\u00e4rer Eindeutigkeit. Mit der Erinnerung als erfahrbarer Anwesenheit und Abwesenheit ist es eben nicht einfach so&nbsp;<em>oder<\/em>&nbsp;so, sondern so&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;so \u2013 jedenfalls solange bis wir von Angesicht zu Angesicht schauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn am Ende der \u00f6sterlichen Erz\u00e4hlung<a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>&nbsp;Angst und Entsetzen und Furcht stehen, ist dies jedenfalls weder exegetisch noch theologisch das letzte Wort. Und ich werde beim n\u00e4chsten Trauergottesdienst meines Kollegen nochmals genauer aufpassen. Denn vielleicht habe ich einfach bisher das engelshelle &#8222;Erschreckt nicht&#8220; des Ostermorgens \u00fcberh\u00f6rt. Vermutlich hat der pastorale Kollege es gesagt. Ich werde beim n\u00e4chsten Mal jedenfalls genauer hinh\u00f6ren \u2013 vorausgesetzt, dass es mich dann nicht selbst getroffen hat. Aber selbst dann: Die frohe, alles Dunkle umso heller \u00fcberstrahlende Botschaft ist f\u00fcr mich l\u00e4ngst auf den Punkt gebracht \u2013 so&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;so. Amen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Thomas Schlag<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.algordanza.com\/de\/?gclid=CjwKCAjwo8-SBhAlEiwAopc9W_hrihP0LcV1Cfy3wHJzaOABTbhGutyEQjM9QNg1peNeqoSqFT0TmBoCl5QQAvD_BwE\">https:\/\/www.algordanza.com\/de\/?gclid=CjwKCAjwo8-SBhAlEiwAopc9W_hrihP0LcV1Cfy3wHJzaOABTbhGutyEQjM9QNg1peNeqoSqFT0TmBoCl5QQAvD_BwE<\/a>; zur Deutung des Ph\u00e4nomens vgl. Thomas Klie, \u201eDer Diamant ist das Funkeln von ihr\u201c. Eine Fallanalyse zur Diamantpressung, in: Thomas Klie\/Jakob K\u00fchn (Hg.), Die Dinge die bleiben. Reliquien im interdisziplin\u00e4ren Diskurs, Bielefeld: transcript 2020, 163-173.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Das Video selbst findet sich unter:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uflTK8c4w0c\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uflTK8c4w0c<\/a>; dazu: https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/suedkorea-mutter-begegnet-toter-tochter-in-der-virtuellen-realitaet-a-3a62a126-12c3-49a9-af34-40b26eb32d08<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Vgl. den Z\u00fcrcher Universit\u00e4ren Forschungsschwerpunkt &#8222;Digital Religion(s).&nbsp;Communication, Interaction and Transformation in the Digital Society&#8220;,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.digitalreligions.uzh.ch\/\">www.digitalreligions.uzh.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;Es ist hier durchaus in Verbindung mit der Bemerkung zur &#8222;inneren Wirklichkeit&#8220; der anwesenden Abwesenheit darauf zu verweisen, dass sich dieses Diktum in lateinischer Form &#8222;VOCATUS ATQUE NON VOCATUS DEUS ADERIT&#8220; erst \u00fcber dem Hausportal, dann auch auf dem Grabstein C.G. Jungs findet.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>&nbsp;Christian Lehnert, Ins Innere hinaus. Von den Engeln und M\u00e4chten, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.pinterest.de\/pin\/69735494210371869\/\">https:\/\/www.pinterest.de\/pin\/69735494210371869\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Vgl. &#8222;Offenbarung hat insofern die Struktur eines punctum mathematicum; Ausdehnung findet sie nur in Gestalten, die als solche inad\u00e4quate Zeichen f\u00fcr sie sind. Sie ist ungegenst\u00e4ndlicher, allenfalls punktuell gegenstandsbezogener actus purus. Was nicht als es selbst in Anschauungen und Begriffe eingehen kann, l\u00e4\u00dft sich zwar mittels auswechselbarer Zeichen metaphorisch darstellen. Die Auswechselbarkeit der Zeichen aber gestattet f\u00fcr diese keinen Absolutheitsanspruch. Die Zeichen k\u00f6nnen erst recht den Absolutheitsanspruch der durch sie bezeichneten Offenbarung nicht darstellen&#8220;, Hans-Peter M\u00fcller, Theologie und Religionsgeschichte im Blick auf die Grenzen historisch-kritischen Textumgangs, in: ZThK&nbsp;94 (1997), 323.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>&nbsp;Zitat nach&nbsp;Gerhard Ebeling, Lutherstudien Band III, T\u00fcbingen 1985, 38.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;Christian Lehnert, Ins Innere hinaus. Von den Engeln und M\u00e4chten, 2020.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>&nbsp;Tischreden D. Mart. Luthers von der S\u00fcnde,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/luther\/tischred\/chap008.html\">https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/luther\/tischred\/chap008.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>&nbsp;Gerhard Ebeling, Lutherstudien Band III, T\u00fcbingen 1985, 40.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/62D8A7CB-39DA-44F8-AE63-8356E0195577#_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>&nbsp;Bibelwissenschaftlich gelten Mk 16,9-20 bekanntermassen aufgrund der Quellen\u00fcberlieferung als unechter Markusschluss, wobei m\u00f6glicherweise zu Recht konstatiert wird: \u00bbEs ist unm\u00f6glich, dass das Evangelium mit den daran anschlie\u00dfenden Worten vom Schweigen der Frauen geendet h\u00e4tte: Es setzt ja die Mitteilung ihrer Begegnung voraus.\u00ab, Joseph A. Ratzinger, Jesus von Nazareth, Band II, Freiburg 2011, 287.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abwesende Anwesenheit. So&nbsp;und&nbsp;so. Punkt.&nbsp;| Ostersonntag | 17.4.2022 | Mk 16, 1-8| Thomas Schlag | Liebe \u00f6sterliche Gemeinde, dieser eine pr\u00e4gnante Satz kommt jedes Mal \u2013 garantiert und verl\u00e4sslich. Ihn spricht der Pfarrkollege meiner Heimatgemeinde bei jeder Bestattung, die er durchf\u00fchrt. Dieser eine Satz durchf\u00e4hrt mich jedes Mal aufs Neue. 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