{"id":7727,"date":"2022-04-10T22:10:17","date_gmt":"2022-04-10T20:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7727"},"modified":"2022-04-11T22:12:54","modified_gmt":"2022-04-11T20:12:54","slug":"kolosser-3-1-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kolosser-3-1-4\/","title":{"rendered":"Kolosser 3, 1-4"},"content":{"rendered":"<h3>Osternacht | 17.4.2022 | Kol 3, 1-4 | verfasst von Thomas-M. Robscheit |<\/h3>\n<p>Friede sei mit Euch!<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern, liebe Br\u00fcder,<\/p>\n<p>f\u00e4llt es Ihnen in diesem Jahr besonders schwer, \u00f6sterliche Freude zu empfinden?<\/p>\n<p>Angesichts des Krieges in der Ukraine, der bedrohlichen Teuerung und der sich am Horizont abzeichnenden Schwierigkeiten und Verwerfungen w\u00e4re das ja kaum verwunderlich. Sieg des Lebens \u00fcber den Tod? Wo denn?<\/p>\n<p>Oder ist es genau andersrum: das was die Osterbotschaft ausmacht, dringt nun leichter in unser Inneres? Feiern wir Ostern nicht trotz des Krieges, sondern wegen des zumindest im Fernsehen allgegenw\u00e4rtigen Todes? Ber\u00fchrt uns der Kampf des Lebens gegen den Tod jetzt wirklich? Und wir erleben Ostern nicht nur als eine esoterisch angehauchte Wohlf\u00fchl-Zugabe zum Braten und wohlges\u00e4ttigten Osterspaziergang mit Kindern oder Enkeln, die zwischen erstem Gr\u00fcn und bl\u00fchenden Narzissen viel zu viele Osters\u00fc\u00dfigkeiten in bunten K\u00f6rbchen finden? Ein Nachhall nur von Goethes Osterspaziergang: Juhu, der Winter ist vorbei?<\/p>\n<p>So ist es in diesem Jahr nicht.<\/p>\n<p>Und letztes Jahr?<\/p>\n<p>Da auch nicht, werden Sie sagen. Da war Corona, wie das Jahr davor \u00fcbrigens auch. Wenn wir ehrlich sind, werden wir feststellen, dass Ostern noch nie das perfekte Sieges- &amp; Jubelfest war. Kleine oder gro\u00dfe N\u00f6te haben Menschen immer belastet, und immer standen auch Leid und Tod mit im Raum.<\/p>\n<p>Was ist das dann, diese Osterbotschaft? Eine, man mag das Wort, weil es so inflation\u00e4r geworden ist, kaum verwenden: eine Zeitenwende? Ja, das sicherlich. Doch was hat sich denn ver\u00e4ndert? Sp\u00fcre ich irgendetwas von dieser Zeitenwende? Hat die Botschaft: \u201eJesus lebt!\u201c eine Auswirkung auf unsere Welt? Hatte sie das in den letzten 2000 Jahren? Wie ging es Christen der fr\u00fchen Generationen? Unser heutiger Predigttext aus dem 1. Jahrhundert (Kol. 3, 1-4) wirkt auf mich erschreckend plakativ und ideologisch:<\/p>\n<p><em>Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.<\/em><\/p>\n<p>Irgendwie ist das alles nicht falsch, aber erbauend, hilfreich im bedr\u00e4ngenden Alltag oder mutmachend wirkt dieser Text nicht. Vielleicht war das auch dem Verfasser, einem Paulussch\u00fcler, um das Jahr 75 schon bewusst. In den folgenden Zeilen versucht er die Osterbotschaft in den christlichen Alltag seiner Zeit zu \u00fcbersetzten. In einem stark gnostisch gepr\u00e4gten Denken, in dem Menschen M\u00e4chten und Kr\u00e4ften unterstellt sind, guten oder b\u00f6sen, wirbt er f\u00fcr einen ehrlichen, liebevollen und toleranten Umgang miteinander. Und zwar nicht aus humanistischen Gr\u00fcnden, sondern weil wir als Ebenbilder Gottes uns so untereinander verhalten d\u00fcrfen, wie Gott mit uns umgeht: liebevoll.<\/p>\n<p>Im gnostischen Denken des 1. Jh. ist der Mensch nicht v\u00f6llig frei in seinen Entscheidungen. Er unterstellt sich einer Macht und daraus resultiert sein Handeln. Wer sich unter Christi Einfluss stellt, \u00fcberwindet damit die weltlichen Fu\u00dfangeln. Sein Handeln \u00e4ndert sich. Es wird mitmenschlich, einf\u00fchlsam, tolerant, so unser Briefeschreiber.<\/p>\n<p>Heute, 2000 Jahr sp\u00e4ter, sch\u00e4tzen wir die menschliche Entscheidungsf\u00e4higkeit weitreichender ein. Wir leben in der Vorstellung, dass man sich willentlich immer auf\u00b4s Neue entscheiden kann (&amp; muss). Dass das eine Illusion ist, wird uns leider nur gelegentlich bewusst. Auch wir treffen Vorentscheidungen, die sp\u00e4ter Auswirkungen auf unser Handeln und Denken haben werden. Es sind oft Banalit\u00e4ten: mit wem verbringe ich meine Lebenszeit? Oder: welche Nachrichten halte ich f\u00fcr glaubw\u00fcrdig? \u00dcberpr\u00fcfen kann ich den Wahrheitsgehalt in den seltensten F\u00e4llen. Halte ich Journalisten generell f\u00fcr eher intelligent, unabh\u00e4ngig und um Wahrheit bem\u00fcht oder vertraue ich lieber anderen Meinungen und Berichten? Halte ich Menschen, die in Institutionen, Beh\u00f6rden und Parteien arbeiten f\u00fcr aufrichtig bem\u00fcht oder vermute ich weitgehend geheime Absprachen? Das wird mein Weltbild entscheidend pr\u00e4gen und mein Handeln beeinflussen. Ich unterstelle mich im antiken Sinn mit meinen Ansichten und Vorentscheidungen M\u00e4chten und bin dann nicht mehr wirklich frei in meinen Entscheidungen. Das Ringen der M\u00e4chte um Einfluss auf Menschen erleben wir heute sicherlich anders, aber nicht weniger bedrohlich als vor 2000 Jahren. Zu Ostern wird uns Menschen eine g\u00e4nzlich neue Option geschenkt. Das ist im Jahr 2022 nicht anders als damals in Kolossai: wir h\u00f6ren die Botschaft von der Auferstehung Jesu und dem Versprechen, dass das Leben st\u00e4rker ist als der Tod.<\/p>\n<p>Wie die Christen damals sie sind wir eingeladen, unser Leben auf die Osterbotschaft auszurichten.\u00a0 Die Osterbotschaft hinterfragt jedes Jahr erneut die eingeschliffen irdischen Regeln, Machtverh\u00e4ltnisse und \u201eunumst\u00f6\u00dflichen\u201c Gesetze. Ist der Tod in der Welt mit Ostern \u00fcberwunden? Nein. Aber er ist nicht mehr das Letzte. Diese Osterbotschaft ver\u00e4ndert Menschen: ihre Sicht auf das Leben, den Umgang mit anderen.<\/p>\n<p>Mag sein, dass sich unser westlicher Blick auf die Welt so ver\u00e4ndert hatte, dass wir fast blind geworden waren f\u00fcr b\u00f6se M\u00e4chte, f\u00fcr das Lebensfeindliche und Bedrohliche. Die letzten Jahre und besonders dieses Fr\u00fchjahr haben uns wachger\u00fcttelt. Ver\u00e4ndert hat sich unser Blick auf das Leben. Er ist ehrlicher und realistischer geworden. Vieles scheint nicht mehr sicher und selbstverst\u00e4ndlich zu sein; vielleicht wird es dadurch f\u00fcr uns aber wertvoller und die Worte an die Kolosser auch f\u00fcr uns wieder wichtig: 2\u00dcberlege Dir, welchen M\u00e4chten Du Dich unterordnest. Du bist eingeladen. Zieht nun an als Auserw\u00e4hlte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, G\u00fcte, Demut, Milde, Langmut! Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr! Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist!2 Und der Friede des Christus regiere in euren Herzen. Amen<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Thomas-M. Robscheit<\/p>\n<p>EKM, Apolda<\/p>\n<p>thm@robscheit.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osternacht | 17.4.2022 | Kol 3, 1-4 | verfasst von Thomas-M. Robscheit | Friede sei mit Euch! 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