{"id":7812,"date":"2022-04-19T16:59:00","date_gmt":"2022-04-19T14:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7812"},"modified":"2022-04-18T18:39:24","modified_gmt":"2022-04-18T16:39:24","slug":"jesaja-4310-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-4310-12\/","title":{"rendered":"Jesaja 43,10-12"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Quasimodogeniti | 24.04.2022 |\u00a0Jes 43,10-12; Apg 2,22-28; 1. Petr 1,17-25; Joh 21,15-19 | Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Dichter n\u00e4hert sich dem Abschluss seines Lebens, aber er bittet darum, dass der Abschluss zu einem anderen Zeitpunkt geschehen m\u00f6ge:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jetzt, wo ich geblendet bin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Klarheit<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo das Gras meine Haut durchbohrt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">mit der F\u00fclle des Seins.<a href=\"applewebdata:\/\/0858B8DC-FFEE-41AD-89F6-42ED5C3C6BE4#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gras ist nicht vertrocknet, die Blumen sind nicht verwelkt. Daf\u00fcr ist da etwas, was ihm zufl\u00fcstert. Es fl\u00fcstert \u2013 lebe, lebe, lebe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dasselbe Fl\u00fcstern hat auch den Evangelisten Johannes erreicht. Er n\u00e4hert sich dem letzten Punkt, da, wo nichts mehr hinzugef\u00fcgt wird. Und dann doch noch ein Kapitel zu dem Evangelium, das ansonsten f\u00fcr eine unmittelbare Betrachtung zu seinem Abschluss gelangt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn jemand den Dichter gefragt h\u00e4tte, dessen Haut von der F\u00fclle des Seins durchbohrt ist, ob er nicht hier am Ende von dem Leben erz\u00e4hlen will, das er gelebt hatte, h\u00e4tte er sich sicher geweigert. Nicht jetzt. Da war immer noch zu viel Leben, das sich aufdr\u00e4ngte. Da ist keine Zeit, sich zur\u00fcckzublicken. Warum von alten Tagen erz\u00e4hlen, eine Anekdote nach der anderen erz\u00e4hlen, wenn das Gras gr\u00fcn leuchtet und mit Klarheit blendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer wei\u00df, vielleicht ging es dem Dichter auch so wie vielen anderen. Vielleicht war auch sein Ged\u00e4chtnis l\u00f6cherig in einer Weise, wo nach r\u00fcckschauend keine klare Linie findet. Die Vergangenheit liegt selten da wie ein Stapel von ausf\u00fchrlichen Berichten. Und es ist eine Herausforderjung, wenn nach einer fortschreitenden biographischen Erz\u00e4hlung gefragt wird. Die Vergangenheit erscheint viel mehr in kleinen einzelnen Augenblicken, die sich pl\u00f6tzlich entfalten k\u00f6nnen als ein Duft, ein Blick, ein Klang eines Namens oder einige T\u00f6ne \u2013 kleine aktivierte Erinnerungen bei sonst vergesslichen Leuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich bedeutet unsere Geschichte etwas. Was sie bedeutet, ist nur nicht so leicht zu sagen, jedenfalls nicht auf einmal, Und dann ist da auch dieses Jetzt, das einen ergreifen und die ganze Aufmerksamkeit erfordern kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was f\u00fcr einen Dichter gilt, gilt auch f\u00fcr einen Evangelisten. Es kann gut sein, dass sich Johannes dem Abschluss seines Evangeliums n\u00e4hert, das ist dann aber ein Abschluss, der nach vorn weist. Da, wo sein Text endet, werden wir schon in Gang gesetzt. \u201eFolgt mir\u201c, ruft der Auferstandene. Ein Schlusswort, das mehr ein Beginn ist als ein Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ruf zur Nachfolge ergeht erst an Petrus. Auch er h\u00e4tte sich sicher geweigert, wenn jemand ihn gebeten h\u00e4tte, von seinem Leben zu erz\u00e4hlen, jedoch kaum, weil er sich nicht erinnert oder weil er mit der Gegenwart besch\u00e4ftigt ist. Das Problem des Petrus ist eher, dass er sich allzu gut erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, sie bedeutet etwas, unsere Geschichte. Sie bestimmt uns im Guten wie im Schlechten. Das gilt auch f\u00fcr Petrus. Wenn er tats\u00e4chlich den Versuch gemacht h\u00e4tte und sich zur\u00fcckgeblickt h\u00e4tte, w\u00e4re das deshalb auch ein gemischtes Bild gewesen, das ihm da begegnet. Einerseits das Bild eines Menschen, der im Vollen gelebt hat. Ein Mensch, der die Sch\u00fcrze aufgebunden hat, zur Tat schritt, das Garn ausgeworfen hat und wieder eingeholt hat. Ein Mensch, der sich auf die 70.000 Wogen gewagt hat. Ein mutiger Mensch, der sich dem innersten Kern und dem Sinn seines Lebens gewidmet hat, und ein Fels, der fest stand mitten im L\u00e4rm und den Gleichg\u00fcltigkeiten der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andererseits aber w\u00fcrde er in seinem R\u00fcckblick auch einen elenden Menschen gesehen haben. Einen Menschen, der versagt hatte, als es darauf ankam, der sich in die Schatten zur\u00fcckzog, statt aufzutreten. Ein kleiner Mensch, der wackelte und log, und der als das Bedeutendste in seinem Leben sagte: \u201eIch kenne ihn nicht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die L\u00f6cher im Ged\u00e4chtnis k\u00f6nnen gn\u00e4dig sein f\u00fcr die, die in ihrem Leben Fehler gemacht haben. F\u00fcr Petrus aber liegt das Versagen nicht l\u00e4nger zur\u00fcck als dass er nicht anders kann als es in frischer Erinnerung zu haben. Oder eher: Das Versagen ist zu gro\u00df, als dass man es vergessen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was h\u00e4tte Petrus tun sollen, wenn Gott Vergeltung gefordert h\u00e4tte? Wenn die Schuld von Karfreitag zur\u00fcckbezahlt werden&nbsp;&nbsp;sollte, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ja, was h\u00e4tte eine Menschheit \u00fcberhaupt getan, wenn das Gesetz der Vergeltung das Gesetz w\u00e4re, das uns \u00fcberlassen war? Ist es vielleicht wohl deshalb, dass noch ein Kapitel zum Johannesevangelium hinzugef\u00fcgt wurde? Damit wir nicht in unserer angelaufenen Vergangenheit behaftet bleiben, und damit wir nicht daran zweifeln, dass es das Gesetz der Liebe ist, das gilt und in unserem Leben G\u00fcltigkeit haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Evangelium des Johannes schlie\u00dft wie ein Liebesbrief. \u201eLiebst du mich?\u201c fragt der Auferstandene.&nbsp;&nbsp;Ja, antwortet Petrus drei Mal und darf mit diesen drei Antworten sein dreimaliges Verleugnen in der Nacht zum Karfreitag in drei Liebeserkl\u00e4rungen verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Leben des Petrus war ein Chaos, in dem er nun leben muss in den menschlichen Mischungen von Gut und B\u00f6se. Und seine Geschichte bedeutet etwas. Er tr\u00e4gt sie mit sich.&nbsp;&nbsp;Aber das bedeutet mehr. Die Liebe tut nicht so, als sei das, was geschehen ist, gleichg\u00fcltig. Aber sie l\u00e4sst auch nicht die S\u00fcnder zur\u00fcck, eingebunden in das Versagen ihrer Vergangenheit. Die Liebe richtet wieder auf und befreit satt dessen zu einem Leben in der Zukunft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist noch mehr, was zu tun ist, und trotz seines Versagens wird Petrus noch immer gebraucht. Auch die frohe Botschaft soll n\u00e4mlich nicht in die Vergangenheit eingesperrt werden. Sie soll in die Welt, zum Trost, zur Freude und Hoffnung, zu Fleisch und Blut werden in den Werken der Liebe. Das Heil gilt allen, und Petrus wird dazu berufen, es zu verk\u00fcnden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sind unsichtbare Bande zwischen einem Dichter und einem Evangelisten. Da wo sie sich beide ihrem Ende n\u00e4hern, f\u00e4ngt es so f\u00fcr sie beide erst richtig an. Fang an, hei\u00dft es, und die Worte schaffen das, was sie sagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Elend und zugleich gut beginnen wir so jeden Tag. Wir fangen an mit L\u00f6chern in unserem Ged\u00e4chtnis, aber doch mit der Bildung, die sich daraus ergibt, im Bilde Gottes geschaffen zu sein. Wir gehen aus von der Liebe. Das ist unser Ausgangspunkt. Er tr\u00e4gt uns, f\u00fchrt uns zueinander, verweist uns auf unsere Verantwortung. Da ist etwas, was gesagt werden muss, und etwas, was getan werden muss. Da ist eine frohe Botschaft, die wir teilen m\u00fcssen, und eine Hoffnung, die auszubreiten ist als der gemeinsame Horizont. Jeder Tag etwas Aufmunterung, etwas Poesie, etwas Himmel, etwas Liebe. Jeder Tag eine Verantwortung daf\u00fcr, Mitarbeiter zu sein an der Freude der anderen. Jeder Tag Vertrauen und Vergebung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir begreifen niemals die gro\u00dfe unerkl\u00e4rliche, g\u00f6ttliche Liebe. Das ist nun einmal das Wesen der Liebe, dass sie h\u00f6her ist als unser Verstand.&nbsp;&nbsp;Aber die frohe Botschaft ist, dass wir von dieser Liebe umfangen sind. Sie war im Anfang, schreibt der Evangelist Johannes und sie war am Ende. Also nein:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jetzt, wo ich geblendet bin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Klarheit<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo das Gras meine Haut durchbohrt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">mit der F\u00fclle des Seins.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist nicht die Zeit zum letzten Punkt. Die Liebe fl\u00fcstert \u2013 lebe, lebe, lebe!\u201c Amen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">E-mail: cgh(at)km.dk&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"applewebdata:\/\/0858B8DC-FFEE-41AD-89F6-42ED5C3C6BE4#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Poul Borum; \u201dHvis det\u201d, Gyldendal 1994.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 24.04.2022 |\u00a0Jes 43,10-12; Apg 2,22-28; 1. 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