{"id":7833,"date":"2022-04-25T20:54:35","date_gmt":"2022-04-25T18:54:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7833"},"modified":"2022-04-26T23:44:58","modified_gmt":"2022-04-26T21:44:58","slug":"johannes-2115-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2115-19\/","title":{"rendered":"Johannes 21,15-19"},"content":{"rendered":"<h3>\u00dcbereifer und Vergebung |\u00a0Misericordias Domini |\u00a001.05.2022\u00a0|\u00a0Predigt zu Joh 21,15-19 | Udo Schmitt\u00a0|<\/h3>\n<p>(1. Unterwegs mit dem Auferstandenen)<\/p>\n<p>Wir sind in der Zeit nach Ostern. Unterwegs mit dem Auferstandenen. Unser heutiger Reisef\u00fchrer, Johannes der Evangelist, hat uns in den vorausgegangenen Kapiteln schon von ber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeiten und ber\u00fchmten Begegnungen berichtet. Zuerst von Maria von Magdala, mit ihr waren wir live dabei, bei der Auffindung des leeren Grabes, wie Maria dem Auferstandenen begegnet und ihn f\u00fcr den G\u00e4rtner h\u00e4lt und ihn nicht ber\u00fchren darf &#8211; davon h\u00f6rten wir am Ostersonntag. Danach lernten wir Thomas kennen, der die erste Begegnung der J\u00fcnger verpasst, und der dann beim zweiten Mal Jesus anfassen muss, um zu glauben, um zu begreifen, dass er es wirklich ist. Das war das 20. Kapitel. Im 21. Kapitel nun erscheint Jesus ein drittes Mal den J\u00fcngern und es ist die letzte und vielleicht auch die merkw\u00fcrdigste Auferstehungsgeschichte im Johannesevangelium. Und im Mittelpunkt steht Petrus. Doch der Reihe nach!<\/p>\n<p>(2. Am See Tiberias)<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal sind die J\u00fcnger beim Fischen auf dem See Tiberias bzw. Genezareth, also wieder in Galil\u00e4a. Warum sie dorthin zur\u00fcckgekehrt sind, erfahren wir nicht. Sie haben jedenfalls nichts gefangen die ganze Nacht \u00fcber. Ein neuer Morgen bricht an. Da steht ein Mann am Strand, winkt, ruft &#8211; doch sie erkennen nicht, wer es ist. \u201eKinder! Habt ihr nichts zu essen?\u201c &#8211; \u201eNein, nichts.\u201c Nichts gefangen die ganze Nacht. \u201eWerft euer Netz noch einmal aus! Auf der rechten Seite werdet ihr es schaffen.\u201c Sie tun es so und tats\u00e4chlich: Auf einmal ist das Netz voller Fische, und erst jetzt merken sie, wer es ist. ER ist es, kein Zweifel, ja, er ist es. Als Petrus das h\u00f6rt, bindet er sich gleich die Kleider hoch, springt ins Wasser und watet hin\u00fcber. Dort brennt bereits ein Kohlenfeuer, da werden Fische gegrillt, Brote ger\u00f6stet. Als die andern im Boot kommen, ist das Netz zum Bersten gef\u00fcllt, doch es h\u00e4lt, rei\u00dft nicht, und Jesus spricht: \u201eBringt von den Fischen!\u201c Petrus mit Feuer-Eifer springt gleich hinzu und zieht das schwere Netz allein an Land. Dann halten sie ein Picknick mit Bratfisch und Toast und hier beginnt der Predigttext: Johannes 21,15-19<\/p>\n<p>\u201eFolge mir nach!\u201c, damit endet das Gespr\u00e4ch. Petrus wird noch einmal berufen, noch einmal in die Nachfolge gerufen. Er darf wieder J\u00fcnger Jesu sein, ein Apostel des Auferstandenen, ein Helfer des Hirten, ein Zeuge der Liebe, die Gott zu den Menschen hat. Und am Ende wird er diese Liebe mit seinem Martyrium bezeugen. Die Geschichte geht gut aus. Vers\u00f6hnung. Happy End.<\/p>\n<p>(3. Petrus)<\/p>\n<p>Und doch, es ist keine Heldengeschichte. Petrus ist f\u00fcr mich nicht der Apostelf\u00fcrst und Gigant des Glaubens. Er ist nicht so, wie die Abziehbilder- und Kitschpostkartenmaler ihn gerne haben. Er ist auch nicht so, wie ihn K\u00fcnstler in makellos wei\u00dfen Marmor gemei\u00dfelt haben, mit der herrischen Geste und den Himmelsschl\u00fcsseln in der Hand. F\u00fcr mich ist er nicht der vorbildhafte, der saubere, der reine und fehlerlose Heilige, der sich mit verkl\u00e4rtem Blick und entr\u00fccktem L\u00e4cheln auf die Folter freut. Nein. All das ist er f\u00fcr mich nicht \u2013 und gerade das macht ihn mir so sympathisch. Petrus war kein Fels, er war auch nicht aus Stein \u2013 er war ein ganz normaler Mensch, mit Schw\u00e4chen und mit St\u00e4rken. Manchmal muss man Mitleid mit ihm haben, manchmal leidet man mit ihm. Wie schwer muss es ihm gefallen sein, all das zu verstehen, was da geschehen, was da geschah mit ihm und um ihn herum, wo er doch nur ein einfacher Mann war.<\/p>\n<p>(4. Der Fels)<\/p>\n<p>Eigentlich hie\u00df er ja gar nicht Petrus, der Fels &#8211; \u201ethe rock\u201c, sondern Simon, Simon Johansson, ein Fischer aus Kapernaum. Ein einfacher Mann, ja \u2013 aber als Jesus seine J\u00fcnger aufforderte Familie und Fischfang hinter sich zu lassen, da war er einer der Allerersten, die ihm nachfolgten. Er war immer schon energisch und tatkr\u00e4ftig, spontan und impulsiv, zupackend, vorangehend, ein Mann der Tat. Und Jesus vertraute ihm. Mehr als einmal hat er ihm das gesagt: Auf dich kann man sich verlassen, du bist mein Fels, auf den ich baue. Mein Petrus!<\/p>\n<p>(5. Das Versprechen)<\/p>\n<p>Tja, und dann kam der Gr\u00fcndonnerstag, ein dunkler Tag f\u00fcr Petrus, sie kennen die Geschichte, nicht wahr. Vollmundig hatte Petrus seine Treue geschworen: Herr, ich folge dir \u00fcberall hin. Niemals will ich von deiner Seite weichen: <em>You\u2019ll never walk alone!<\/em> Ich folge dir! Wenn es sein muss, folge ich dir bis in den Tod. Und so weiter und so fort. Und dann die Verhaftung. Petrus war aufgesprungen, wollte k\u00e4mpfen, die Stunde ist da, so dachte er, alle Eide zu erf\u00fcllen, und hat einem der Schergen gleich mal ein Ohr abgehauen. Doch Jesus wollte das nicht. Er verbot es ihm und lie\u00df sich einfach abf\u00fchren, lie\u00df sich foltern und verh\u00f6ren \u2013 und wehrte sich nicht.<\/p>\n<p>(6. Das Versagen)<\/p>\n<p>Sie waren alle geflohen. Und Petrus war allein. Er versuchte zu folgen, versuchte seinen Treuschwur irgendwie doch noch einzul\u00f6sen, schlich sich also hinterher, bis in den Innenhof wagte er sich, doch dann verlie\u00df ihn der Mut. Er war allein und er war sich auf einmal nicht mehr so sicher. Und so verleugnete er seinen Herrn in dieser kalten Nacht, als er sich w\u00e4rmte an einem Kohlenfeuer: \u201eWas, ich ein Galil\u00e4er? Nein, das muss ein Irrtum sein.\u201c \u00ad\u2013 \u201eWas, wer? Jesus, nee, den kenn ich nicht.\u201c &#8211; \u201eIch, soll einer seiner J\u00fcnger sein? Nein, das kann nicht sein!\u201c Dreimal wurde er schwach, dreimal log er, dreimal sagte er nichts. Und dann kr\u00e4hte der Hahn. Und der Vorhang hob sich f\u00fcr den letzten Akt. So schien es.<\/p>\n<p>(7. Das Unerwartete)<\/p>\n<p>Doch der letzte Akt, blieb nicht der letzte Akt. Etwas, womit keiner gerechnet hatte, war geschehen, etwas, was keiner auf seinem Plan hatte \u2013 au\u00dfer Gott \u2013, war wahr geworden: Jesus war tot. Und siehe er lebt! Als Petrus von dem weg gerollten Stein h\u00f6rt, rennt er gleich los, rennt mit Johannes um die Wette, doch umsonst das Grab ist leer.<\/p>\n<p>(8. Der \u00dcbereifer)<\/p>\n<p>Auf dem See nun, hat er es wieder eilig, wieder will er der Erste sein, springt gleich los, ins Wasser rein, kann nicht abwarten, watet an Land\u2026 Doch umsonst, er h\u00f6rt daf\u00fcr kein Lob. Als die anderen dann kommen und Jesus befiehlt, das Netz an Land zu ziehen, da ist es wieder Petrus, der gleich aufspringt und das schwere Ding ans Ufer hievt. Ganz alleine. Und man m\u00f6chte rufen: \u201eHey, Petrus, das ist jetzt schon das dritte Mal, dass du so \u00fcberaus eifrig bist! Was ist los, was soll all die Kraftmeierei?\u201c \u2013 \u00a0Na ja, wobei. Eigentlich er\u00fcbrigt sich die Frage. Denn es ist ja ganz offensichtlich: Der Mann hat ein schlechtes Gewissen. Ich wei\u00df ja nicht, ob Sie das auch kennen. Aber wenn einer meiner S\u00f6hne sich bei uns zu Hause so verhielte, sofort parierte und gleich gehorchte, ohne langes Spiel und ohne lange Miene, wenn er sogar ohne ausdr\u00fccklichen Befehl und ganz von sich aus Unangenehmes erledigte, dann w\u00fcrde ich wohl zu ihm sagen: \u201eJung, wat is los? Wo dr\u00fcckt der Schuh?\u201c<\/p>\n<p>(9. Die Frage)<\/p>\n<p>F\u00fcr Petrus war es ein neuer Morgen nach einer langen kalten Nacht, das dritte Mal nun, dass er den Auferstandenen sah. Der Stein, der vor dem Grab lag, war weggerollt. Der Stein, der Petrus auf dem Herzen lag aber, der war immer noch da. Da stand Jesus also am Ufer im Licht einer aufgehenden Sonne und da brannte auch ein Kohlenfeuer. Endlich spricht er ihn an: \u201eSimon\u201c, sagte er. Simon und nicht Petrus. \u201eHast du mich lieb?\u201c \u2013 \u201eHast du mich lieber als mich diese haben?\u201c Nein. Wohl nicht. Auch Petrus ist schwach geworden. \u00a0Er wollte es zwar gerne, wollte immer der Erste sein, der St\u00e4rkste, Klassensprecher und Jahrgangsbester unter den J\u00fcngern. \u201eAuch wenn alle schwach werden, so doch ich nicht!\u201c, so hatte er vor kurzem noch gro\u00df get\u00f6nt. \u201eHerr, du wei\u00dft, dass ich dich liebe\u201c, antwortet er jetzt kleinlaut und bescheiden. Noch einmal fragt ihn Jesus: \u201eHast du mich lieb?\u201c Wieder antwortet er so. Und ein drittes Mal fragt er ihn: \u201eHast du mich lieb?\u201c So als wollte er sagen: Wirklich? Kann ich dir wieder vertrauen, ist auf dich noch Verlass? Und diesmal wird Petrus traurig und sagt: \u201eHerr, du wei\u00dft alles. Du wei\u00dft, was ich getan habe, aber du wei\u00dft auch, dass ich dich lieb habe.\u201c<\/p>\n<p>(10. Der Auftrag)<\/p>\n<p>Dreimal hat er ihn damals verleugnet. Dreimal bekennt er sich nun wieder zu ihm. Und dreimal wird ihm verziehen: Weide meine L\u00e4mmer! Weide meine Schafe! <em>Weide<\/em> meine Schafe! Das hei\u00dft: Simon soll wieder der Petrus sein. Ein Anf\u00fchrer, einer der den anderen vorangeht, einer der Anderen Halt gibt, eine S\u00e4ule der Gemeinschaft, ein Eckstein der Urgemeinde. Denn er kann es und er soll es, doch nicht weil er so toll ist, nicht weil er so stark ist, nicht weil er etwa besser w\u00e4re als die anderen J\u00fcnger \u2013 er ist es nicht \u2013, nein, auch er ist nicht unfehlbar \u2013 auch er ist nur ein schwacher Mensch \u2013, sondern, weil er Jesus lieb hat. Die Liebe ist das Entscheidende. Und weil auch Jesus ihn lieb hat, erh\u00e4lt er eine zweite Chance und den Auftrag, es noch einmal zu versuchen. Weide meine Schafe! Und: Folge mir nach!<\/p>\n<p>Und diesmal wird er nicht schwach werden. Er wird Jesus nachfolgen und er wird den Weg der Nachfolge bis zum Ende gehen, bis auch er, wie der Herr, am Kreuz endet. Der Auferstandene deutet es ihm an: Man wird deine H\u00e4nde ausstrecken, dich festbinden und dich dahin f\u00fchren, wohin du nicht willst. Diesmal wird es keine Niederlage sein, sondern im Gegenteil, mit deinem Tod wirst du Gott die Ehre geben und den Menschen Mut machen.<\/p>\n<p>(11. Was mir an Petrus gef\u00e4llt)<\/p>\n<p>Was mir an Petrus gef\u00e4llt, ist nicht der M\u00e4rtyrertod, nicht sein Heiligenschein und all der Tamtam, der sp\u00e4ter daraus gemacht wurde. Mir gef\u00e4llt nicht der Petrus, dem man Dome geweiht und Statuen errichtet hat. Petrus oder Simon, wie er eigentlich hie\u00df, war von Hause aus kein Heiliger, sondern ein einfacher Mann, handfest und nicht voll vergeistigt, ein Mann, der nicht mau ist, sondern was \u201ein den Mauen\u201c hat. Aber auch einer, der manchmal das Maul zu weit aufrei\u00dft, Spr\u00fcche klopft und an seinen eigenen Anspr\u00fcchen scheitert.<\/p>\n<p>Ein Schwankender zwischen Angst und Attacke. Er ist einer der ersten, der sich zu Jesus bekennt, immer wieder Treue bekundet, der aber dann an einem entscheidenden Punkt kneift und feige schweigt. Aber er ist auch einer, der eine zweite Chance erh\u00e4lt, als er sich erneut zu Jesus bekennt. Du darfst hinfallen \u2013 aber nicht liegen bleiben. Als Christen sind wir alle nur Menschen, keiner ist unfehlbar \u2013 auch Petrus nicht \u2013 nobody is perfect. Wir sind als Christen nicht ausgezeichnet, weil wir vollkommen sind, sondern weil uns vergeben wurde und wird. Wir leben alle von diesem neuen Morgen, der 2. Chance f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Entscheidend ist nicht meine St\u00e4rke \u2013 aber auch nicht meine Schw\u00e4che, sondern die Liebe. Die Liebe Gottes zun\u00e4chst und dann auch meine. Die Liebe, die ich zuerst erfahre und dann die, die ich an mir herum trage und weiter trage zu den anderen. Und die auch mich tr\u00e4gt. Getragen kann ich mehr tragen. \u201eJa, ich will euch tragen\u201c, hat Gott gesagt.<\/p>\n<p>Und davon leben wir.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge <\/strong>(au\u00dfer den \u00fcblichen Osterzeit- und Tagesliedern):<\/p>\n<p>Ja, ich will euch tragen (EG 380)<\/p>\n<p>Da ber\u00fchren sich Himmel und Erde (HuE 2)<\/p>\n<p>Stimme, die Stein zerbricht (HuE 256)<\/p>\n<p>Gut, dass wir einander haben (HuE 258)<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/p>\n<p>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/p>\n<p>udo.schmitt@ekir.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbereifer und Vergebung |\u00a0Misericordias Domini |\u00a001.05.2022\u00a0|\u00a0Predigt zu Joh 21,15-19 | Udo Schmitt\u00a0| (1. 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