{"id":7840,"date":"2022-04-25T10:14:52","date_gmt":"2022-04-25T08:14:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7840"},"modified":"2022-04-26T23:42:59","modified_gmt":"2022-04-26T21:42:59","slug":"johannes-1022-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1022-30\/","title":{"rendered":"Johannes 10,22-30"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 01.05.22 | Joh 10,22-30 | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p>O, ein Schaf sein. In der Marsch gehen an einem Morgen mit Tau auf dem Pelz und den kleinen L\u00e4mmern, die umherspringen. Nichts anderes sollen als Gras kauen und auf die V\u00f6gel h\u00f6ren und auf die Wiesen sehen und das Licht, das sowohl von oben vom Himmel kommt und unten vom Meer. Und wenn man keine Lust mehr hat, in die eine Richtung zu gehen, geht man einfach in eine andere Richtung \u2013 und wenn die anderen einen st\u00f6ren, geht man etwas selbst und ist f\u00fcr sich. Da ist ja genug zu essen. Und wenn es Abend wird, braucht man nicht zu denken: Habe ich nun das getan, was ich tun sollte? Habe ich an alles gedacht? Habe ich noch einen Tag vergeudet? Denn ich, das Schaf, habe nichts getan au\u00dfer da zu sein, und das war genug.<\/p>\n<p><em>\u201eMeine Schafe h\u00f6ren meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand rei\u00dfen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>So h\u00f6ren wir heute Jesus sprechen. Es ist zwar gewiss nicht sehr schmeichelhaft, ein Schafskopf zu sein, so etwas schreibt man nicht in seinem CV: Ich, ein Schaf. Aber es ist trostreich und hoffnungsvoll, in den gr\u00fcnen Auen des ewigen Lebens zu sein und zu ruhen.<\/p>\n<p>Die Rede von den Schafen ist einem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch zwischen Jesus und einigen religi\u00f6sen F\u00fchrern entnommen (Wenn im Johannesevangelium von den \u201eJuden\u201c die Rede ist, sind damit die f\u00fchrenden Leute in der Gesellschaft und der Synagoge gemeint). Jesus wandelt in Salomos S\u00e4uleng\u00e4ngen rund um den Tempelplatz in Jerusalem, da wo heute Streit und Unfriede herrscht. Da wandelt er im Freien wie die alten griechischen Philosophen. Salomo war ber\u00fchmt f\u00fcr seine Weisheit. Wenn du also auf Weisheit h\u00f6ren willst, so komm und gehe mit \u2013 ansonsten kannst du es ja sein lassen. Jesus wandelt im Offenen. Und dann hei\u00dft es: \u201eDa umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange h\u00e4ltst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus\u201c.<\/p>\n<p>Sie versuchen, die Wanderung zum Stehen zu bringen, ihn zu umringen und zu stellen und ihn den Erwartungen anzupassen, wie Christus, der Messias, der Erw\u00e4hlte Gottes sein soll: \u201eWie k\u00f6nnen wir wissen, ob du ein wahrer Vertreter Gottes bist? Beweise es!\u201c<\/p>\n<p>Kurz zuvor hatte Jesus n\u00e4mlich einen blind geborenen Mann geheilt, dem er auf seinem Weg begegnete. Aber das erfreute niemanden au\u00dfer den Mann selbst, weil Jesus ihn geheilt hatte. Denn es war an einem Sabbat, einem Ruhetag. Die religi\u00f6sen F\u00fchrer finden das \u00e4u\u00dferst anst\u00f6\u00dfig und wollen, dass sich der geheilte Mann von Jesus distanziert, ansonsten werde er aus der Gemeinschaft ausgesto\u00dfen. Aber der Mann sagt zu ihnen: \u201eOb er ein S\u00fcnder ist, wei\u00df ich nicht, aber eines wei\u00df ich: Ich war blind, und nun kann ich sehen\u201c<\/p>\n<p>Da jagen sie ihn weg, und sp\u00e4ter findet er Jesus. Er hatte ihn nie gesehen, nur seine Stimme geh\u00f6rt \u2013 trotzdem fand er hin zu ihm.<\/p>\n<p>Es ist also mitten in diesem Streit, inwieweit es wahr sein kann, dass Jesus der Messias ist, dass von den Schafen gesprochen wird, die die Stimme des Hirten h\u00f6ren. Denn die j\u00fcdischen F\u00fchrer kommen zu Jesus, bringen seine Wanderung zum Stehen und umringen ihn. \u201eWie lange h\u00e4ltst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus\u201c.<\/p>\n<p>Und Jesus antwortet. \u201eIch habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir\u201c.<\/p>\n<p>Und etwas anderes ist da gar nicht zu sagen, weder damals noch heute.<\/p>\n<p>Seht auf die Werke! Seht das Leben Jesu, h\u00f6rt auf die Erz\u00e4hlungen von ihm.\u00a0 Das ist ja kein Beweis. Die Frage ist immer: Ist das, was wir im Leben Jesu sehen, der Wille Gottes? Gibt es da \u00fcberhaupt einen Sinn? Die Augen des blind Geborenen zu \u00f6ffnen, ihm die Freiheit zu schenken, zu gehen, wohin er will, ist das ein Werk Gottes? Wenn es Christus ist, der so handelt, dann ist Christus kein neues Gesetz, kein neues System, um das man sich scharen kann und \u00fcber das man wachen kann. Dann ist Christus einer, der umhergeht und unerwartete Befreiung schafft.<\/p>\n<p>In dem langen Gespr\u00e4ch, das dem vorangeht, hat Jesus begonnen, von Schafen zu sprechen. Das Schaf ist ein altes Bild f\u00fcr das Volk. Das Volk Israels, das Moses aus der Knechtschaft \u00c4gyptens in die Freiheit f\u00fchrte. Aber Jesus f\u00fcgt etwas Neues hinzu und sagt von sich selbst: \u201eIch bin die T\u00fcr, durch die die Schafe frei ein und aus gehen: ich bin der gute Hirte, dem die Schafe nicht gleichg\u00fcltig sind, sondern der seinen Leben gibt f\u00fcr sie\u201c. Das wird zu neuen Bildern daf\u00fcr, wer Christus ist: Einer, der die Schafe in Freiheit setzt und der sich selbst daf\u00fcr einsetzt, jedes einzelne von ihnen zu retten.<\/p>\n<p>Wenn Jesus der Christus ist, dann ist Christus eine T\u00fcr und ein Hirte, der sein Leben f\u00fcr die Schafe gibt.<\/p>\n<p>\u201eIch habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht\u201c. Und warum glauben sie es nicht? Vielleicht weil sie erwartet hatten, dass Christus mehr sein sollte und etwas anderes. Da sollte ein System sein, einige Regeln, aber das ist nicht der Fall. Da ist nur ein Mensch, der redet und heilt, ein Mensch, der leidet und stirbt und von den Toten aufersteht und der vergibt. Das ist es, was wir sehen.<\/p>\n<p>Es besteht v\u00f6llige Freiheit, das zu h\u00f6ren oder es abzulehnen.<\/p>\n<p>Und dann geht er weiter. \u201eDie Schafe stehen noch da und glotzen\u201c, hei\u00dft es in einem d\u00e4nischen Lied \u2013 oder auch sie trotten mit. Wenn sie nicht meinen, dass dies ausreicht, um davon zu leben, ja dann m\u00fcssen sie woanders hingehen. Niemand zwingt sie.<\/p>\n<p>Der blind geborene Mann konnte wieder sehen und gehen wohin er wollte. Aber als er erst Jesus erblickt hatte, nachdem er vorher nur seine Stimme geh\u00f6rt hatte, folgte er ihm: \u201eMeine Schafe h\u00f6ren meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen\u201c.<\/p>\n<p>Das gilt immer auch uns. In dem Augenblick, wo wir das Evangelium h\u00f6ren, die frohe Botschaft, dass Gott in dem umherwandelnden Menschen erschienen ist, in dem Augenblick empfangen wir die Hoffnung darauf, dass dies Auferstehung, Vergebung, Befreiung bedeutet, dann sind wir wie Schafe Christi auf der gr\u00fcnen Wiese. Schafe, die nicht etwas Bestimmtes leisten sollen, sondern nur unter offenem Himmel wandeln und auf den gr\u00fcnen Augen ruhen d\u00fcrfen \u2013 sogar frei von der Angst vor dem Tode, befreit zur Auferstehung. Befreit zum Dasein und H\u00f6ren auf den Gesang der V\u00f6gel und die Stimme des Hirten.<\/p>\n<p>Eine T\u00fcr, durch die man frei ein und aus geht. Ein Hirte, der uns ruft und findet, wenn wir nicht sehen k\u00f6nnen. So begegnen wir Christus. Amen.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p>Ribe Landevej 37<br \/>\n6100 Haderslev<\/p>\n<p>Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 01.05.22 | Joh 10,22-30 | Marianne Christiansen | O, ein Schaf sein. In der Marsch gehen an einem Morgen mit Tau auf dem Pelz und den kleinen L\u00e4mmern, die umherspringen. 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