{"id":7947,"date":"2022-05-01T16:35:35","date_gmt":"2022-05-01T14:35:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7947"},"modified":"2022-05-08T16:56:16","modified_gmt":"2022-05-08T14:56:16","slug":"johannes-141-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-141-11\/","title":{"rendered":"Johannes 14,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>Jubilate | Jo 14,1-11 | Leise Christensen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor einigen Jahren war ich f\u00fcr meinen damaligen Arbeitsplatz, einem p\u00e4dagogischen Institut der d\u00e4nischen Volkskirche, zusammen mit einem Kollegen, der an einer anderen Institution der Volkskirche angestellt war, und einem Photographen in Myanmar. Wir sollten Material f\u00fcr den Konfirmandenunterricht in D\u00e4nemark ausarbeiten, das davon handelte, was es bedeutet, eine christliche Minorit\u00e4tskirche zu sein. D\u00e4nische Konfirmanden sind so sehr daran gew\u00f6hnt, einer Mehrheitsreligion anzugeh\u00f6ren, dass sie in der Regel nicht daran denken, dass dies anderswo in der Welt nicht immer so ist. In Myanmar, einer Union verschiedener Staaten, ist der Buddhismus Hauptreligion und dominiert das Stra\u00dfenbild mit den sch\u00f6nen Tempeln und den orangefarbigen M\u00f6nchen an allen Stra\u00dfenecken mit dem wenigen, was sie besitzen d\u00fcrfen \u2013 z.B. die Ess-Schale, mit der sie umhergehen und die von den Gl\u00e4ubigen in ihrer Gemeinde gef\u00fcllt wird. Es gibt aber auch Christen in Myanmar. In einigen Staaten sind sie sogar die Hauptgruppe, aber es gibt in diesen Staaten so wenige Menschen, dass sie insgesamt nicht so viel bedeuten. Zu einem Zeitpunkt sollten wir in einen gro\u00dfen Staat reisen mit dem Namen Shan, wo der Buddhismus stark dominiert. Dort sollten wir einen M\u00f6nch treffen, der vor einigen Jahren vom Buddhismus zum Christentum konvertiert war. Er war als 14-j\u00e4hriger in ein buddhistisches Kloster eingetreten und war fast nie au\u00dferhalb dieses Klosters gewesen au\u00dfer in den Perioden, wo er bei gelehrten Buddhisten z.B. in Sri Lanka studiert hatte. Er war aber zu einem Zeitpunkt auf die Bibel gesto\u00dfen, die er las. Und hier faszinierte ihn das Johannesevangelium. Und die Stelle, die ihn tats\u00e4chlich bekehrt hatte, war der Predigttext dieses Sonntags, n\u00e4mlich die Worte, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Die meisten, die sich aus einer anderen Religion zum Christentum bekehren, fassen einen Entschluss, dann lassen sie sich taufen, und dann sind sie nat\u00fcrlich Christen. So verlief das aber nicht bei diesem M\u00f6nch. Er las diese drei Worte, und dann kehrte er zur\u00fcck in sein Kloster in Shan, setzte sich in eine H\u00f6hle, die etwa 2 mal 2 Meter gro\u00df war \u2013 ich habe sie gesehen \u2013 mit einer kleinen schmalen \u00d6ffnung als T\u00fcr, die allerdings zugesperrt wurde, als er hineinkam. Dann sa\u00df er dort 21 Jahre lang und studierte den Satz: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Allm\u00e4hlich kam er zu der Einsicht, dass das Zentrale war, dass Jesus Christus der Weg ist. Der Weg, nur der Weg \u2013 so verstand er es schlie\u00dflich. Dann klopfte er an die T\u00fcr und kam heraus &#8211; nach 21 Jahren. \u2013 und lie\u00df sich taufen. Ich war ganz \u00fcberw\u00e4ltigt, als ich das h\u00f6rte, Ich, der ich kaum mal zwei Stunden stillsitzen kann \u2013 dann brauche ich wieder mein iPhone, Facebook und Unterhaltung. Er hatte etwas zu sagen \u00fcber \u201eden Weg\u201c. Ich wunderte mich, denn das war ein ganz anderes Christentum als das etwas schwere nordeurop\u00e4ische Modell, das ich aus dem lutherischen D\u00e4nemark kannte \u2013 S\u00fcnde, Blut, Gerechtigkeit, Schuld, Opfer \u2013 ganz zu schweigen vom Kreuz, all das waren f\u00fcr ihn keine bedeutenden Teile des christlichen Glaubens. Dann dachte ich als die klassisch ausgebildete Theologin, die ich bin: \u201eIst das wirklich Christentum?\u201c Geh\u00f6rt da nicht etwas Schwermut dazu, Sinn f\u00fcr das Leiden und den Kreuzestod Jesu mit all dem, was das an Gedankengut mit sich bringt? In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, sagt Jesus heute auch zu uns und zu dem M\u00f6nch aus Shan. Und der <em>Weg<\/em> dahin kann unglaublich verschieden sein. Von dem, der froh und dankbar zu einer \u201eDrop-in-Taufe\u201c in einer Kirche in Aarhus kommt, bis zu dem, der 21 Jahre in einer dunklen H\u00f6hle sitzt und meditiert und zu dem <em>Weg<\/em> gelangt, indem er dasitzt (!) und sich dann in einem See von einem englischen Christen taufen l\u00e4sst, der zuf\u00e4llig eines Tages vorbeikommt. Der Weg ist verschieden. Thomas fragt in seiner \u00fcblichen etwas zweifelnden Art, wie man denn den Weg kennen kann, wenn man das Ziel nicht kennt. Wo will Jesus hin? Das muss man doch erst wissen, meint Thomas. Ein guter Pragmatiker ist er und nicht einer, der sich etwas einbilden l\u00e4sst. Aber der <em>Weg<\/em> ist das Ziel an sich in dem Sinne, dass der <em>Weg<\/em> Jesus ist. Auf diesem Weg ist die Wahrheit und das Leben. Der Weg f\u00fchrt zu vielen Wohnungen. Gibt es einen einfachen wahren Weg, den man gehen soll, um sich einen Christen nennen zu k\u00f6nnen? Ich glaube nicht, dass die Frage, wenn ich es so sagen darf, ins Ziel f\u00fchrt. Da <em>ist<\/em> ein wahrer Weg in dem Sinne, das Jesus der Weg ist. Er ist der Weg. Aber wie man Jesus auf diesem Weg begegnet, das kann sehr verschieden sein. Wohl deshalb sind da so viele Wohnungen, und viele Pl\u00e4tze sind bereit. Ich w\u00fcrde nie den Weg gehen k\u00f6nnen, den der M\u00f6nch aus Shan gibt. Ich war nie in einem Kloster und k\u00f6nnte nicht ann\u00e4hernd so viel \u00fcber einen einzelnen Satz meditieren wie er. Ich w\u00fcrde da durchdrehen! Aber ich k\u00f6nnte auch nicht sagen, dass seine Taufe auf einer falschen Grundlage beruht in Bezug auf das, was ich gelesen, gelernt, gedacht habe und was ich glaube, zu dem, was mir den <em>Weg<\/em> gezeigt hat. Dar\u00fcber habe ich aber ziemlich viel nach meinem Besuch in Shan nachgedacht. Wo sind die Grenzen daf\u00fcr, was der richtige Weg ist, und was Irrtum ist? Ich glaube, dass der <em>Weg<\/em> breit ist und jeden einschlie\u00dft, der sieht, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. All das, wof\u00fcr Jesus mit seinem ganzen Wirken einstand, n\u00e4mlich die F\u00fcrsorge f\u00fcr den Schwachen, die Liebe zum Mitmenschen in seiner ganzen Not und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Wege des Menschen, das ist wahr, ja, es ist geradezu <em>die<\/em> Wahrheit. Das ist keine objektive wissenschaftliche Wahrheit \u00fcber den physischen Ursprung aller Dinge und die Existenz der Dinosaurier. Das ist die Wahrheit \u00fcber das (menschliche) Leben, wie es hier auf Gottes Erde jeden Tag gelebt wird. Die Wahrheit dar\u00fcber, dass Gott und Jesus so eng verbunden sind, dass sie eins sind, und das wir mit ihnen auf unserem Weg durch das Leben verbunden sind. Unsere Herzen k\u00f6nnen so leicht erschrecken, und das nicht ohne Grund. Wir sind Zeugen von Krieg und Gewalt, von viel Furcht vor der Zukunft bringt das mit sich, auch die Sorge um einen baldigen Kollaps des Klimas und der \u00d6konomie bedr\u00e4ngt uns. Dennoch sollen wir nicht erschrecken, sagt Jesus. Das kann er sagen! Aber was mit uns? Die Antwort darauf n\u00e4hert sich dem Kern dessen, was es hei\u00dft, mit dem <em>Weg<\/em> zu leben. Diesen Schritt muss man wagen. Dass man wie Thomas einmal alle Vern\u00fcnftelei und allen Pragmatismus fahren l\u00e4sst wie ein Thomas. In dem Glauben ruhen, dass Jesus der wahre Weg ist, das f\u00fchrt uns nicht um die Sorgen des Lebens herum oder an ihnen vorbei, sondern durch das Leben mit all dem Schmerz, den es nun einmal gibt, aber doch hindurch in dem Sinne, dass wir es ertragen und damit leben k\u00f6nnen. Denn er ist mit uns auf dem Weg. Denn die Wahrheit ist, dass er der Weg und das Leben ist. Nicht \u00fcber 21 Jahre lang dar\u00fcber in einer H\u00f6hle meditiert zu haben, aber wohl hin und wieder dar\u00fcber nachgedacht zu haben, glaube ich sehr wohl, das sagen zu k\u00f6nnen. Dass ich das glaube. Ob der Sprung kurz ist oder es sich um einen langen Weg wie bei dem M\u00f6nch handelt, das ist nicht das Entscheidende. Das Wesentliche ist, dass der <em>Weg<\/em> zu den vielen Wohnungen bereit ist. Wir m\u00fcssen ihn nur gehen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | Jo 14,1-11 | Leise Christensen | Vor einigen Jahren war ich f\u00fcr meinen damaligen Arbeitsplatz, einem p\u00e4dagogischen Institut der d\u00e4nischen Volkskirche, zusammen mit einem Kollegen, der an einer anderen Institution der Volkskirche angestellt war, und einem Photographen in Myanmar. 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