{"id":7992,"date":"2022-05-12T15:59:31","date_gmt":"2022-05-12T13:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=7992"},"modified":"2022-05-12T15:59:31","modified_gmt":"2022-05-12T13:59:31","slug":"matthaeus-77-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-77-14\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 7,7-14"},"content":{"rendered":"<h3>Kantate | 15.05.22 | Mt 7,7-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung)<a href=\"applewebdata:\/\/99B89CB8-4381-4488-A235-C3FEF6250231#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> | Rasmus H.C. Dreyer |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201aDie Theologie des Kreuzes ist unsere Theologie\u2018, sagt Luther, oder in der lateinischen Sprache, in der er dies schrieb: \u201eCRUX sola est nostra theologia\u201c. Viele Theologen werden dieses Zitat kennen, weniger die Kirchg\u00e4nger. Ich kann ihnen erz\u00e4hlen, dass Luther das Wort Kreuz mit gro\u00dfen Buchstaben schreibt. CRUX. So wie der das Wort Gott mit gro\u00dfen Buchstaben schrieb, oder wie man auch in der Bibel das Wort HERR schreibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Lutherzitat stammt aus Luthers Vorlesungen \u00fcber die Psalmen aus den Jahren 1519-1521. Hier findet sich sogar ein noch besseres Zitat: \u201eDas Kreuz ist die Probe aller Dinge\u201c. Diese zentralen und entscheidenden Formulierungen Luthers erschienen auch kurz nach der ber\u00fchmten Schrift, wo Luther seine sogenannte Theologie des Kreuzes formulierte. Das geschah in den sogenannten Heidelberger Thesen, die er im Jahr 1518 bei einer Disputation vortrug. Ich will heute in meiner Predigt von diesen Thesen ausgehen, nicht zuletzt weil mich eine kurze Passage in diesen Thesen an das Evangelium dieses Tages denken l\u00e4sst.\u00a0 Jesus spricht hier davon, dass wir an der T\u00fcr Gottes anklopfen sollen. Eine Formulierung, die Jahrhunderte lang in der d\u00e4nischen Taufliturgie wiederkehrte, in dem Gebet, mit dem seit Luther die Taufe eingeleitet wurde. In der heutigen Taufliturgie ist es nicht mehr enthalten, ich habe es aber hin und wieder bei einer Taufe Erwachsener verwendet. Hier\u00a0 bitten wir mit den Worten des heutigen Evangeliums: \u201eAllm\u00e4chtiger, ewiger Gott, ich rufe dich an \u00fcber diesen deinen Diener, der deiner Taufe Gabe bittet und deine ewige Gnade\u00a0 durch die geistliche Wiedergeburt begehrt. Nimm ihn auf HERRE, und wie Du gesagt hast: \u201eBittet, so werdet Ihr nehmen, sucht, so werdet Ihr finden, klopft an, so wird Euch aufgetan \u2026\u201c. Die Taufe ist die T\u00fcr, die zu Gott und der Gemeinschaft mit ihm \u00f6ffnet. Das ist ein starkes Gebet, und es w\u00e4re eine Erw\u00e4gung wert, es wieder in die Taufliturgie aufzunehmen. Die d\u00e4nischen Bisch\u00f6fe haben bekanntlich Pl\u00e4ne f\u00fcr eine neue Taufliturgie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur\u00fcck zu Luther. In den Heidelberger Thesen spricht Luther er an einer Stelle unter Hinweis auf den Text des letzten Sonntags \u00fcber Philipp, der gerne Gott sehen will \u2013 aber darauf verwiesen wird, Gott in Christus zu sehen. Dazu sagt Luther: \u201eEs ist also im gekreuzigten Christus, wo sich die wahre Theologie und Erkenntnis findet\u201c.\u00a0 \u201eChristus ist die T\u00fcr\u201c, schlie\u00dft Luther seine Erkl\u00e4rung an dieser Stelle. Christus ist die T\u00fcr \u2013 und eine T\u00fcr ist nur dazu da, dass man durch sie eintritt. Christus ist T\u00fcr und Weg zugleich. Luther sagt in einer seiner Thesen: \u201eDen Namen Theologe verdient der, der das sichtbare und uns zugewandte Wesen Gottes so er erkennt, dass er das in Leiden und Kreuz sieht\u201c. Mit anderen Worten: Wir k\u00f6nnen Gott nicht sehen, wir k\u00f6nnen weder seine Herrlichkeit erfassen, seine Majest\u00e4t ergreifen oder ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Oder doch, nur durch seinen Gegensatz: Christus am Kreuz, Gott wird so verehrt, meint Luther, wenn wir ihn sehen, \u201ewie er verborgen ist in seinen Leiden\u201c. Das wirkt verkehrt, und das ist jedenfalls paradoxal. Das gibt Luther auch offen und ehrlich zu. Luther verweist auf noch einen Bibeltext, n\u00e4mlich 1. Korinther 1,21, wo Paulus die Weisheit der Welt und die Torheit der Predigt einander gegen\u00fcberstellt. Anders gesagt: Es wirkt verkehrt, ja dumm, dass man Gott selbst in dem erniedrigten und leidenden Christus am Kreuz erkennen soll, dass das Kreuz unsere wahre Erkenntnis Gottes ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einer sp\u00e4teren These von Heidelberg wendet sich Luther direkt gegen die, die er \u201eHerrlichkeitstheologen\u201c nennt. Das sind die Gelehrten und die scholastischen Theologen seiner Zeit. Aber das ist auch mehr als das. Das sind auch wir. Wir, die wir Gott ergreifen wollen, uns ihm n\u00e4hern wollen durch eigene Leistungen, oder die wir nicht sehen wollen, dass das Leiden, die tiefe Finsternis, der Tod und das Nichts da sind, wo Gott ist, und wo uns Gott wieder aufrichten kann. Luther sagt: \u201eDie Herrlichkeitstheologie nennt das, was b\u00f6se ist, gut und das, was gut ist, b\u00f6se. Die Theologie des Kreuzes nennt die Dinge bei ihrem rechten Namen\u201c. Der Herrlichkeitstheologe zieht all das vor, was das Eigentliche ins Gegenteil verkehrt. Er zieht Werke vor, Fortschritt usw. im Gegensatz zu Leiden, Niedergang, Kreuz und Untergang, wo Gott uns nahekommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das klingt d\u00fcster. Und Luther meint geradezu, dass wir ganz in die Finsternis m\u00fcssen, bis hin zur Vernichtung von uns selbst, ehe wir wiederaufgerichtet werden k\u00f6nnen. Es ist wieder das Kreuz, worum es geht. Wir sollen sterben und auferstehen auch hier und jetzt. So wie das Kreuz Jesu Tod ist, aber auch Auferstehung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Christus sagt, dass der Mensch neu geboren werden muss (Joh. 3), muss der Mensch erst sterben und dann mit Christus erh\u00f6ht werden. Das kann man auch mit einem theologischen Wort <em>Kenosis<\/em> nennen, Selbstent\u00e4u\u00dferung und Zunichtewerden des Menschen \u2013 das ist das fremde und f\u00fcr uns verborgene und unbekannte Werk Gottes im Dasein, aber das ist zugleich ein Wegbereiter der Gnade. Die Theologie des Kreuzes, wo wir selbst uns f\u00e4llen, wo wir daran leiden und uns plagen, dass wir uns nicht selbst Gl\u00fcck und Zufriedenheit verdienen k\u00f6nnen; wer ist jemals mit seinem Leben zufrieden? Nein, niemand kann das Perfekte vollbringen, aber in Christus k\u00f6nnen wir, die wie unvollkommen sind, vollkommen werden. Das Kreuz ist somit nicht das Ende eines Prozesses \u2013 dass wir auch einmal sterben und auferstehen werden. Es ist auch keine Art Erkenntnisprinzip, dass wir Gott nur so kennen, wie er historisch in der Welt erschien und an einem Kreuz starb. Nein, das Kreuz ist Ausgangspunkt f\u00fcr uns als Christen, da, wo Gott sein eigentliches Werk mit uns beginnt. Und das eigentliche Werk Gottes \u2013 was Gott mit uns will \u2013 ist uns seine Gnade gew\u00e4hren. Erst m\u00fcssen wir uns offenbaren, und das werden wir sicher in einem Leben erfahren \u2013 danach sollen wir uns in der echten Weise einkleiden. So liebt Gott uns, die wir nicht liebenswert sind. Nicht in unseren eigenen Augen, sondern in den Augen Gottes, weil wir glauben, dass wir \u00fcber uns selbst verf\u00fcgen. Aber hkier kommen wir immer zu kurz, oder zum Kreuz, bin ich versjucht zu sagen. Luther ist befreiend ehrlich: \u201eDas Gesetz (also was wir infolge Gott tun sollen) sagt: Tue dieses Werk! Und es wird nie getan. Die Gnade sagt: Glaube an diese Person! Und sogleich ist alles getan\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nun \u2013 was ist dann Glaube? Ist das in unserer Zeit, die Authentizit\u00e4t verlangt, nicht auch etwas, was man leisten muss? Von \u201aechtem Glauben\u2018 k\u00f6nnen wir manchmal reden. Oder die Konfirmanden reden von einem \u201ahundertprozentigen\u2018 Glauben. Nein, Glaube ist keine Leistung. Nach Luther wird uns der Glauben von Gott gereicht, wenn Christus \u201ein uns ist durch den Glauben, ja eins mit uns\u201c. Durch das Kreuz, im Glauben ist Christus in uns. Christus hat Teil an uns und wir an ihm. Ist eine Einheit mit uns im Glauben. So sind wir nichts und alles, S\u00fcnder und gerecht, sterblich und unsterblich. Das ist wie bei Taufe und Abendmahl. Wir sind eins, aber h\u00f6ren etwas anderes. Wir h\u00f6ren, dass Christus tauft, wir h\u00f6ren, dass Christus im Brot und im Wein ist. So ist Christus auch in uns im Glauben. Denn auch Christus war und ist wie wir. Er starb wie wir. Deshalb ist das Kreuz die T\u00fcr, durch die wir eingehen zur Gemeinschaft mit ihm in seiner Auferstehung. Es sind vielleicht wenige, die diese T\u00fcr finden \u2013 oder das Tor, von dem Jesus sp\u00e4ter im Evangelium spricht. Nicht weil so wenige erl\u00f6st werden sollen, sondern weil es so schwer zu begreifen ist, dass der Weg zu Gott durch das Widerspr\u00fcchlich zu Gott selbst geht. Ein Folterinstrument, an dem Gott mit uns und wie wir stirbt, aber nicht um zu sterben \u2013 sondern damit wir leben sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich komme zum Schluss. Vielleicht war es etwas zu akademisch, ich bitte um Verzeihung. Ich wei\u00df, es ist alles schwer zu begreifen. Aber h\u00f6rt die letzte These Luthers aus Heidelberg. Sie handelt von der Liebe Gottes. Von dieser These her Sind alle die anderen 27 Thesen aus Heidelberg nat\u00fcrlich zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die letzte These enth\u00e4lt einen paradoxalen Widerspruch: Die Liebe Gottes und die Liebe der Menschen: \u201eDie Liebe Gottes findet nicht das, was sie liebt, sondern schafft es. Die Liebe des Menschen entsteht durch das, was die liebt\u201c. Die menschliche Liebe, erkl\u00e4rt Luther, ist eine gebundene Liebe, weil ihre Ursache ihr Gegenstand ist: Einer, der einen anderen liebt, liebt den anderen auf Grund seines Wertes. Gegen\u00fcber dieser menschlichen Liebe, die in Wirklichkeit sich selbst sucht, wenn sie Liebe sucht, steht die Liebe Gottes. Die Liebe Gottes ist nicht abh\u00e4ngig vom Wert ihres Gegenstandes. Also liebt Gott nicht die Menschen, weil sie ihm Gutes tun. Vielmehr leibt Gott das, was nicht liebenswert ist. Das sind wir. Wir, die wir ehrlich gesagt schwach sind. So ist es im Leben, wir k\u00f6nnen das genauso gut einr\u00e4umen, auch wenn wir gerne unsere starken Seiten hervorkehren wollen \u2013 und Gott gegen\u00fcber. Wir sind schwach, aber Gott will uns lieben, die wir nicht liebenswert sind, und will uns stark machen. So gibt Gott, ist g\u00fctig, gut und gibt uns Gaben \u2013 seine Liebe ist gro\u00dfz\u00fcgig. Das ist ein umgekehrtes Verst\u00e4ndnis von Liebe als das der Menschen. Deshalb ist es ein Kreuz f\u00fcr uns. Aber durch dass Kreuz wird angeklopft, wird ge\u00f6ffnet \u2013 und wir erlangen Gemeinschaft mit Gott. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Phd. Rasmus H.C. Dreyer<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK \u2013 4180 Sor\u00f8, Elmevej 6<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: <a href=\"mailto:rhd@km.dk\">rhd(at)<\/a>teol.ku.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/99B89CB8-4381-4488-A235-C3FEF6250231#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zum d\u00e4nischen Bu\u00df- und Bettag am Freitag, den 13. Mai<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantate | 15.05.22 | Mt 7,7-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung)[1] | Rasmus H.C. Dreyer | \u201aDie Theologie des Kreuzes ist unsere Theologie\u2018, sagt Luther, oder in der lateinischen Sprache, in der er dies schrieb: \u201eCRUX sola est nostra theologia\u201c. Viele Theologen werden dieses Zitat kennen, weniger die Kirchg\u00e4nger. 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