{"id":8323,"date":"2022-05-23T23:01:16","date_gmt":"2022-05-23T21:01:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8323"},"modified":"2022-05-24T23:03:35","modified_gmt":"2022-05-24T21:03:35","slug":"johannes-1720-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1720-26\/","title":{"rendered":"Johannes 17,20-26"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Exaudi | 29.05.22 | Joh 17,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Eins sein um etwas anderes als sich selbst<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht ist das eine der gl\u00fccklichsten Erfahrungen, die man machen kann. Die Erfahrung, eins zu sein mit einem anderen Menschen. Verliebte Paare sind eins in der gemeinsamen Entdeckung, einander zu entdecken. Aber wenn sie Gl\u00fcck haben, dann erw\u00e4chst aus der Verliebtheit eine Liebesgeschichte, wo beide eins sind um etwas anderes als sich selbst. Und das ist gerade dieses Andere, das sie verbindet, vielleicht sogar \u00fcber viele Jahre. Es beginnt vielleicht mit gemeinsamen Freuden, etwas was ihre Augen strahlen l\u00e4sst. Und es kommt dann zu einer gemeinsamen Adresse und einem gemeinsamen Alltag, gemeinsamen Aufgaben, vielleicht sogar gemeinsamen Kinder, f\u00fcr die sie beide sorgen. Ein Tisch, an dem sie zusammensitzen. Ein Bett, in dem sie zusammen liegen. Eine gemeinsame Familie, gemeinsame Freunde, gemeinsame Sorgen, gemeinsame Freuden. Und wenn es h\u00e4lt, wird es zu einer ganz besonderen gemeinsamen Geschichte. Und dann sind es nicht nur die beiden, die zusammenhalten, sondern all das, was ihnen gemeinsam ist, was sie eins macht und sie verbindet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nat\u00fcrlich etwas anderes, eins zu sein, als einig zu sein. Was jeder wei\u00df, der weitergekommen ist als zur ersten freudvollen Begegnung der Verliebtheit. Gleich werden wir nie. Und vielleicht auch nicht einig. Wir f\u00fchlen nicht dasselbe, denken nicht dasselbe, meinen nicht dasselbe, wollen nicht dasselbe, und das ist hin und wieder sowohl eine Entt\u00e4uschung und ein \u00c4rgernis, aber wir k\u00f6nnen sehr gut dennoch eins sein. Weil wir noch immer eins sind um etwas anderes als das, was wir so verschieden sehen. Etwas, was wichtiger ist und uns zusammenbindet trotz Uneinigkeit, trotz Willen und Gef\u00fchlen, die in alle Richtungen gehen. Und da sind hoffentlich die gemeinsamen Freuden. Und auf alle F\u00e4lle ist da eine Geschichte, die freudvoll begann, und da ist eine Familie, eine Aufgabe, ein Alltag, die wir gemeinsam haben, ganz gleich was uns unterscheidet. In diesem Licht sind die Verschiedenheiten und die unterschiedlichen Gef\u00fchle vielleicht nicht entscheidend \u2013 auch nicht, wenn sie weh tun. Was uns gemeinsam ist, darauf kommt es an. Solange das bleibt, kann die Geschichte dann wieder freudvoll werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im heutigen Evangelium sind sie eins um einen Tisch. Dreizehn verschiedene M\u00e4nner, die \u00fcberhaupt nicht gleich sind, die weder gleich denken oder handeln, die auch nicht dasselbe f\u00fchlen oder meinen. Aber so wie sie da um denselben Tisch sitzen, sind sie doch eins. Denn gemeinsam essen sie am selben Tisch und sind deshalb dennoch eins.\u00a0 Sie essen gemeinsam vom selben Brot und trinken denselben Wein \u2013 wie in den t\u00e4glichen und festlichen Zusammenk\u00fcnften, die wir kennen. Aber ihnen ist mehr gemeinsam. Ihnen gemeinsam ist der, der in der Mitte sitzt. Nicht um Meinungen geht es, denn er sitzt nicht da und belehrt sie dar\u00fcber, was sie meinen sollen. Vielmehr geht es um eine Gemeinschaft mit einer Person und der Beziehung zu ihr. Dass er das Zentrum in ihrem Leben ist. Verbunden mit der Erfahrung, dass die wunderbaren Worte, die er sagt, und die Leben schaffenden Taten, die er vollbringt, einen ganz neuen Glauben und eine ganz neue Hoffnung und eine ganz neue Liebe in ihren Herzen schaffen. Seinetwegen leuchten ihre Augen. Sie kommen, jeder mit seiner Geschichte und seiner Pers\u00f6nlichkeit, und einige glauben, einige z\u00f6gern, einige zweifeln, einige verleugnen, einige verraten, einige halten stand. Sie sind genauso verschieden wie wir, die wir hier heute versammelt sind. Aber sie sind dennoch eins. Um ihn, an den sie glauben. Eins in Christus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihre Augen leuchten, weil er ihnen seine Herrlichkeit offenbart hat. Weil sie gesehen haben, wie er leere Gl\u00e4ser mit wunderbarem Wein f\u00fcllt und lahmen Gliedern neue Kr\u00e4fte schenkt und Blinden das Augenlicht wiedergibt. Und schlie\u00dflich haben sie gesehen, wie er ein verschlossenes Grab mit Leben und die Herzen der Trauernden mit Freude gef\u00fcllt hat. Man k\u00f6nnte sagen, dass dies Magie war. Oder ein Spiel von Zuf\u00e4lligkeiten. Denn da sind keine Beweise und kein Zwang in der Geschichte von Jesus. Aber jemand hat ihre Augen ge\u00f6ffnet, sodass sie gesehen haben, dass all das Leben und all die F\u00fclle und all die Freude \u2013 oder kurz all die Herrlichkeit \u2013 nur von dem guten Gott kommen kann. Sie glauben nun, dass der Mann in ihrer Mitte nicht nur ein Wundert\u00e4ter ist, sondern dass er vom Sch\u00f6pfer selbst gesandt ist. Und er hat sie selbst darin best\u00e4tigt, denn er hat sie gelehrt, dass Gott Vater ist. F\u00fcr sie und f\u00fcr ihn. Das er mit anderen Worten selbst Gottes Sohn ist, eins mit Gott. Wenn man also ihn und seine Werke gesehen hat, hat man gesehen, wer Gott ist. Nicht ein ferner, zweideutiger Gott, sondern ein Vater, der seine Herrlichkeit den Menschen schenkt, die er liebt. Da leuchten ihre Augen aufs Neue \u2013 und sie haben Teil an der Liebe zwischen Vater und Sohn. Die Einheit im Raum ist also eine Einheit zwischen dreien. Zwischen dem Mann in der Mitte und seinem Vater im Himmel und den M\u00e4nnern am Tisch. Aber es ist der Mann in der Mitte, der sie verbindet. Sie sind eins um ihn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb muss er so beten, wie er es tut. Denn in dem Augenblick, wo er nicht mehr da mitten unter ihnen sitzt, droht alles auseinanderzufallen. So ist es, wenn wir das verlieren, was wir gemeinsam haben. Wenn da nichts anderes mehr ist als wir selbst, was uns verbindet. Das Gebet im heutigen Evangelium spricht Jesus am Tage, bevor er sterben wird. Er wei\u00df, dass er von seinen N\u00e4chsten scheiden muss, und er wei\u00df, dass dies eine Gefahr daf\u00fcr bedeutet, dass die Gemeinschaft zwischen denen und ihm und zwischen denen untereinander auseinanderf\u00e4llt. Wenn sie zusammenbleiben sollen, muss sie sein Vater zusammenhalten. Das k\u00f6nnen sie nicht selbst. Deshalb bittet er seinen Vater darum, dass sie eins sein und bleiben m\u00f6gen, nun wo ihre gemeinsame Geschichte auf Erden zu Ende geht. Und das ist keine vornehme und h\u00f6fliche Ermahnung, nicht ein: Ich k\u00f6nnte mir denken, oder: Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn \u2026 Sondern ein: Ich will, sagt er. Er gebraucht einen starken Ausdruck, wenn er einen anderen um etwas bittet, aber so stark muss es offenbar gesagt werden, wenn die Worte der Kraft seiner Sehnsucht und seiner Hoffnung entsprechen sollen. Ich will, dass wo ich bin, sollen auch die, die du mir gegeben hast, bei mir sein. Das ist ja ein unm\u00f6gliches Gebet, wenn man sterben muss. Aber er bittet dennoch, dass sie zusammenbleiben sollen. Dass die Gemeinschaft zwischen ihnen bestehen bleiben soll nicht nur in der Zeit, sondern ewig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Vater das Gebet nicht erh\u00f6rt, hat der Sohn umsonst gelebt. Dann ist sein ganzes Lebenswerk vergebens. Wenn die M\u00e4nner einfach auseinandergehen und ihr Leben sich aufl\u00f6st, ist es v\u00f6llig umsonst, dass er ihnen seine Herrlichkeit offenbart hat. Wenn niemand mehr eins ist mit ihm oder miteinander, wenn der Tod die Gemeinschaft trennen kann, kann alles egal sein. Dann w\u00e4re es nicht wahr, was er sagte und ihnen zeigte, dass Gott sein und ihr Vater ist. Deshalb liegt ihm alles daran, dass der Vater sie an dem Namen festh\u00e4lt, den er ihnen offenbart hat, sie daran festh\u00e4lt, dass er wirklich der Vater Jesu und ihr Vater ist. Deshalb sagt er: Ich will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir heute hier in der Kirche sitzen, so deshalb, weil der Vater dieses Gebet am Ostermorgen erh\u00f6rt hat, als er seinen toten Sohn mit Leben erf\u00fcllte, und an Pfingsten , als er die Herzen der J\u00fcnger mit seinem Geist erf\u00fcllte. So stand er zu dem Namen, den sein Sohn ihnen offenbart hatte, stand dazu, dass er nicht fern und zweideutig ist, sondern der Vater Jesu und ihr Vater. Indem er Jesus zum Leben erweckte und ihm im Geist gegenw\u00e4rtig machte, sorgte er daf\u00fcr, dass sie noch immer eins sein konnten. Und wir anderen auch. Denn das Sch\u00f6ne ist ja, dass Jesus nicht allein f\u00fcr die J\u00fcnger damals an seinem Tisch betete, sondern auch f\u00fcr die, die mit ihren Worten an ihn glauben. Das sind wir. Wir glauben an ihn durch die Worte der J\u00fcnger, die von Mund zu Mund gegangen sind und bis zu unseren Ohren und Herzen gelangt sind. Sonst s\u00e4\u00dfen wir heute nicht hier. So sind wir in sein Gebet eingeschlossen als vorl\u00e4ufig letztes Glied in einer unendlich langen Kette von Menschen, deren Augen leuchteten, als sie ihn und von ihm h\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sind nicht gleich. Wir kommen mit ganz unterschiedlichen Geschichten, wir befinden uns an ganz verschiedenen Stellen unseres Lebens, wir haben ganz unterschiedliche Aufgaben, F\u00e4higkeiten, M\u00f6glichkeiten und Bedingungen. Ganz zu schweigen von unseren Gef\u00fchlen. Wir sind uns sicher nicht einig, im Gegenteil, zweifellos ist da vieles, wo wir uns nicht einig sind. Aber dann sind wir eins. Weil wir alle etwas von der Herrlichkeit gesehen haben, ohne die wir nicht leben k\u00f6nnen. Die haben wir in der Erz\u00e4hlung von dem Menschen gesehen, der sich eins machte mit uns, auch wo das Leben am allermeisten weh tut. Damit wir eins sein sollen mit ihm in seinem Glauben und seiner Hoffnung und seiner Liebe. Wir tragen seine kleinen Kinder hierher, damit sie teilhaben an dieser Einheit und dieser Gemeinschaft. Die eine Gemeinschaft ist, weil wir zusammengefunden haben wegen jemand anderem als uns. Wir wollen, dass unsere Kinder eins sind mit ihm und uns in dem Glauben und der Hoffnung und der Liebe, die ein neues Licht auf unser Leben werfen, ohne das wir nicht leben k\u00f6nnen. Eins mit denen, die vor uns da waren, und mit denen, die nach uns kommen. Gleich werden wir nie, einig auch nicht. Aber so verschieden wir auch sind, sind wir dennoch eins mit ihm, an den wir glauben. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">mfl@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi | 29.05.22 | Joh 17,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Frank Larsen | Eins sein um etwas anderes als sich selbst Vielleicht ist das eine der gl\u00fccklichsten Erfahrungen, die man machen kann. Die Erfahrung, eins zu sein mit einem anderen Menschen. Verliebte Paare sind eins in der gemeinsamen Entdeckung, einander zu entdecken. 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