{"id":8405,"date":"2022-05-31T16:02:38","date_gmt":"2022-05-31T14:02:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8405"},"modified":"2022-06-03T10:32:48","modified_gmt":"2022-06-03T08:32:48","slug":"roemer-8-1-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-8-1-11\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8, 1-11"},"content":{"rendered":"<h3>Verstrickt ins Leben | Pfingstsonntag| 05.06. 2022 | R\u00f6m 8, 1-11| Kira Busch-Wagner |<\/h3>\n<p>Als ich bei der badischen Kirchenzeitung gelernt habe, da hie\u00df die erste journalistische Regel bei Nachrichten: das Wichtigste an den Anfang. Das Wichtigste nach vorn!<\/p>\n<p>Das Neue, das Ungewohnte, das Au\u00dfergew\u00f6hnliche, das Erstaunliche, das, was elektrisiert!<\/p>\n<p>Die Regel \u201edas Wichtigste zuerst\u201c entstand, weil fr\u00fcher bei Zeitungsartikeln eben nach Bedarf wortw\u00f6rtlich gek\u00fcrzt wurde: wenn der Platz eng wurde, schnitt der Redakteur oder der Setzer das, was zu viel geschrieben war, einfach um ein St\u00fcck k\u00fcrzer. Weg wars, unbekannt f\u00fcr immer, verloren, vergessen, verzichtbar. Je weiter oben ein Satz stand, desto gr\u00f6\u00dfer die Chance, auch unter Platznot und Nachrichtenkonkurrenz doch noch ein Pl\u00e4tzchen zu finden.<\/p>\n<p>Ganz anders verh\u00e4lt es sich, wenn ich zuh\u00f6re. Auf eine Geschichte h\u00f6re, eine Predigt, eine biblische Lesung. Da bleibt m\u00f6glicherweise genau das letzte, was gesagt wurde, ganz besonders im Ohr und im Herzen. Nach 5 Minuten Predigt \u2013 wer kann sich noch an den Anfang erinnern?<\/p>\n<p>Heute haben Sie ein St\u00fcck aus dem Brief des Apostels Paulus nach Rom geh\u00f6rt. Ein Stichwort am Anfang: Verdammnis. Die d\u00fcrfen Sie wirklich vergessen. Schlie\u00dflich schreibt Paulus: es gibt nun KEINE Verdammnis. Doch was nicht ist, kann man sich nur schwer zu Herzen nehmen. Und nur die wenigsten unter uns d\u00fcrften die grandiose Bearbeitung des Komponisten Johann Sebastian Bach im Ohr haben, wo genau das \u201ekeine\u201c in wunderbare T\u00f6ne umgesetzt wird.<\/p>\n<p>So halten wir uns vielleicht als Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer des Wortes an das Ende unserer Abschnitts, das <em>zuletzt<\/em>h\u00f6rbare. Und Sie erinnern sich vielleicht sogar noch. Denn die letzten S\u00e4tze konnten einem doch wirklich das Herz h\u00f6her schlagen lassen. Geist! Wie er zu Pfingsten geh\u00f6rt. Leben und Lebendigkeit. Auch ihr wie Christus! Auferweckt von den Toten. Ihr seids, die nicht geistlos daher kommen, sondern in denen der Geist Gottes wohnt. Ein jubelndes \u201eGr\u00fc\u00df Gott\u201c des Paulus also. Gegr\u00fc\u00dft seid ihr und Gottes Geist in euch.- Was f\u00fcr ein Vertrauen des Paulus auf Gott und auf uns.<\/p>\n<p>Dabei h\u00e4ngt die Lebendigkeit am Ende des Abschnitts mit dem Anfang durchaus zusammen. So wie\u00a0 bei einem Wollkn\u00e4uel der Faden, den man <em>au\u00dfen<\/em> aufnehmen kann, und der letzte Zipfel tief im <em>Innern<\/em> des Kn\u00e4uels schlie\u00dflich auch zusammenh\u00e4ngen. Aber mit dem Kn\u00e4uel arbeiten \u2013 das macht man von au\u00dfen nach innen, vom Faden her, der oben heraush\u00e4ngt; durch das ganze Kn\u00e4uel hindurch zum letzten St\u00fcck am Anfang, innen drin. Und wenn es richtig zugegangen ist mit dem Durcharbeiten, mit dem Stricken oder H\u00e4keln oder Sticken, dann hat sich inzwischen das Kn\u00e4uel zwischen Anfang und Ende verwandelt. Ist immer noch der urspr\u00fcngliche Faden, und doch g\u00e4nzlich anders: ist ein Schal geworden oder wenigstens ein St\u00fcck davon, ein \u00c4rmel vom Pullover oder ein hilfreicher Topflappen. Wer jemals gestrickt oder geh\u00e4kelt oder gestickt hat, kann das bezeugen. Die Frauen unseres Handarbeitskreises sind Expertinnen. Anfang und Ende h\u00e4ngen zusammen und dazwischen liegen Arbeit und Verwandlung in einem.<\/p>\n<p>Paulus hat ja auch irgendwas mit Textilien gemacht, als Zeltmacher irgendwas mit Seilen und Stricken und B\u00e4ndern. Der kann bestimmt gut nachvollziehen, dass man seinen Brief nimmt wie ein gro\u00dfes Kn\u00e4uel, das er uns aufgewickelt hat, mit dem <em>er <\/em>arbeitete, und wir nun sorgsam alles noch mal aufribbeln und von neuem was draus machen.<\/p>\n<p>So ist es hilfreich, dass wir den letzten, den zuoberst liegenden Faden in die Hand nehmen. Dass wir anfangen mit dem, was wir zuletzt geh\u00f6rt haben. Und wenn vielleicht auch kein ganzes Taufkleid draus wird, aus dem Faden, dann doch ein St\u00fcck davon.<\/p>\n<p>Zuletzt, da haben wir geh\u00f6rt: es gibt eine Kraft Gottes, eine Bewegung des Lebens, eine lebendige Macht. So bekommen wir als erstes zu fassen das Versprechen: gegeben ist Geist Gottes, geschenkt, Geist und Lebendigkeit, die jetzt schon in uns stecken. Denn Gottes Geist ist so angelegt, dass er uns immer mit dem Leben verkn\u00fcpft und verknotet. Jetzt heute und schon in vielen biblischen Geschichten. So ist unser Leben verkn\u00fcpft und verknotet mit Gottes Leben, dem ewigen, das sich eben jetzt zeigt, in unseren Zeiten. Ohne Verfallsdatum, wie ja auch sonst Woll- oder Baumwollkn\u00e4uel kein Verfallsdatum tragen.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Wie<\/em> Gottes Geist uns mit dem Leben verkn\u00fcpft und verstrickt, haben wir fr\u00fcher schon geh\u00f6rt und gelesen und bejubelt. So in der ersten der Sch\u00f6pfungsgeschichten. Wo Gottes Geist \u00fcber den Wassern schwebt und dann alles ins Dasein und ins Leben kommt. Sieben Strophen lang webt sich die Schrift durch die Tage der Sch\u00f6pfung und des Lebens, immer verkn\u00fcpft mit Gottes Wort und Geist.<\/li>\n<li><em>Wie<\/em> Gott ins Leben verstrickt, haben wir gesehen bei dem gekreuzigten und begrabenen Jesus, um den Gott neu seinen Lebensknoten schlingt an Ostern.<\/li>\n<li>Verkn\u00fcpft mit Gottes Geist und Leben haben sich die Jesusleute an Pfingsten erfahren. Sieben mal sieben Tage nach Ostern. Sieben mal sieben Tage, wo schon jede Woche an die Sch\u00f6pfung und Gottes Geist und Leben erinnert. 7&#215;7 Tage plus eins von Ostern bis Pfingsten, das ist also eine Sch\u00f6pfungs- und Lebensgeschichte im Quadrat.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solche Verstrickung ins Leben m\u00f6gen sich die Jesusleute, die Frauen und M\u00e4nner aus dem J\u00fcngerkreis und Maria, grade da am 50. Tage ins Ged\u00e4chtnis gerufen haben. Indem sie die Schrift lasen, die Bibel, Lebensgeschichten Gottes. Nichts anderes tun n\u00e4mlich j\u00fcdische Leute in Jerusalem und auf der ganzen Welt heute &#8211; und damals wohl auch &#8211; am 50. Tag, am \u201e7&#215;7 plus eins-Tage-Fest, dem Wochenfest. 7&#215;7 plus 1 Tage nach Pessach, nach dem Fest, das Jesus kurz vor seinem Tod noch gefeiert hat oder in das er hineinstarb. Ein Fest, das vom Leben und der Freiheit zum Leben erz\u00e4hlt. Wie Gott n\u00e4mlich sein Volk aus der Sklaverei zum Leben mit ihm befreit. Und Gott best\u00e4tigt das Lebens- und Befreiungsfest am 50. Tag danach, mit seinem Wort, mit seinem Geist.<\/p>\n<p>Vielleicht waren an jenem Pfingsten, jenem Wochenfest vor knapp 2000 Jahren, nach der Himmelfahrt Jesu den Sch\u00fclern Jesu ihre Tage blut- und lebensleer erschienen, voller Angst und Enge, M\u00fcdigkeit und Ersch\u00f6pfung. Und vielleicht doch auch wieder in der Furcht, gescheitert zu sein, verdammt, ausgeliefert dem Sterben.<\/p>\n<p>Aber sie hatten ja bei ihrem Lehrer lebendige Auslegung der Schrift gelernt. Das werden sie es beim Lesen und H\u00f6ren und gemeinsamen Lernen wieder entdeckt haben, aufs Neue: Dass sie hineinverstrickt sind in Gottes gro\u00dfes Lebensprojekt. Ohne Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern immer und ewig. Und sie werden entdeckt haben, dass damit auch ihr Leben jetzt und hier mitverwandelt ist, wie sich ein Faden verwandelt zum Beispiel in die festen N\u00e4he eines Taufkleids. Mit ihrer Entdeckung von Gottes Lebensprojekt sind auch die Jesussch\u00fcler dort angekommen, wovon Paulus nach Rom und der ganzen Welt geschrieben hat: Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist der in euch wohnt.<\/p>\n<p>So hat unser Paulusabschnitt aufgeh\u00f6rt. Auf mehr m\u00fcssen wir nicht achten. Am Ende ist uns der Faden in die Hand gelegt, der uns verkn\u00fcpft und verstrickt mit Gottes ewigem Leben.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kira Busch-Wagner, geb. 1961, gepr\u00e4gt vom \u201eStudium in Israel\u201c, derzeit Vorsitzende der ACK Karlsruhe, Mitautorin seit Gr\u00fcndung der \u201ePredigtmeditationen im christlich-j\u00fcdischen Kontext\u201c, Mitautorin des \u201eMessbuch. Butzon und Bercker\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verstrickt ins Leben | Pfingstsonntag| 05.06. 2022 | R\u00f6m 8, 1-11| Kira Busch-Wagner | Als ich bei der badischen Kirchenzeitung gelernt habe, da hie\u00df die erste journalistische Regel bei Nachrichten: das Wichtigste an den Anfang. Das Wichtigste nach vorn! Das Neue, das Ungewohnte, das Au\u00dfergew\u00f6hnliche, das Erstaunliche, das, was elektrisiert! 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