{"id":8431,"date":"2022-06-07T11:50:01","date_gmt":"2022-06-07T09:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8431"},"modified":"2022-06-07T18:11:23","modified_gmt":"2022-06-07T16:11:23","slug":"roemer-11-33-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-11-33-36\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 11, 33-36"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Staunen, Loben und die Gewissheit, dass Gott da ist | Trinitatis | 12.06.2022 | R\u00f6m 11, 33-36 | Martina Jan\u00dfen |<\/strong><\/h3>\n<p><em>Lesung R\u00f6m 11,33-36<\/em>:<\/p>\n<p>33\u00a0O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34\u00a0Denn \u00bbwer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen\u00ab? (Jesaja 40,13) 35\u00a0Oder \u00bbwer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zur\u00fcckgeben m\u00fcsste?\u00ab (Hiob 41,3) 36\u00a0Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Am Ende bleiben diese drei: Staunen, Loben und die Gewissheit, dass Gott da ist. Paulus ist in seinem R\u00f6merbrief an die Grenzen des Denkbaren gegangen. Wie kann er seine \u00dcberzeugung, allein der Glaube an Jesus rettet und die bleibende Erw\u00e4hlung Israels zusammendenken? Gibt es f\u00fcr Israel einen Sonderweg zum Heil, an Christus vorbei? Diese Frage ist nicht nur f\u00fcr Israel bedeutsam, sondern f\u00fcr Gott selbst. Bleibt Gott seiner Verhei\u00dfung an Israel treu? Bleibt er seinem Bund, ja: bleibt Gott sich selbst treu? F\u00fcr Paulus ist das alles nicht nur ein theologisches R\u00e4tsel, eine knifflige Logikaufgabe oder ein intellektuelles Gedankenspiel. Diese Fragen betreffen den Kern seiner Person, war er doch selbst Jude bevor er Christ wurde, traute er doch dem alten Bund bevor er den neuen einging. Paulus steht an der Grenze \u2013 an der Grenze seiner Identit\u00e4t, an der Grenze seines Glaubens, an der Grenze seines Denkens. In drei Kapiteln seines R\u00f6merbriefs versucht er die bleibende Erw\u00e4hlung Israels und den neuen Bund in Jesus Christus zusammenzudenken, in immer wieder neuen Anl\u00e4ufen findet er immer wieder neue Antworten. Ganz l\u00f6st es sich \u2013 so scheint es mir \u2013 nicht auf; es bleiben mehr Fragen als Antworten und der Eindruck: Nicht alles l\u00e4sst sich eben begreifen und erforschen, so sehr es Herz und Kopf auch ersehnen. Dann der Bruch, die Wende, der Sprung. Am Ende argumentiert Paulus nicht mehr, sondern verharrt im Staunen: <em>O welch eine Tiefe des Reichtums!<\/em> Paulus h\u00f6rt auf abzuw\u00e4gen, nachzudenken, immer wieder neue Fragen zu bedenken, er beginnt zu lobpreisen und davon zu singen, wie das Erforschbare im Unerforschlichen aufgehoben wird, wie das Begreifbare dem Unbegreiflichen weicht, wie die Weisheit und die Erkenntnis Gottes alles menschliche Denken und Erfahren \u00fcbersteigen. \u201eWir k\u00f6nnen ihn loben, aber nicht erfassen, denn er ist gr\u00f6\u00dfer als alle seine Werke\u201c (Sir 43,28). Am Ende hat Paulus keine Fragen und Zweifel mehr, am Ende steht f\u00fcr ihn eine Gewissheit, festgeschrieben in seinem Herzen: Gott ist alles, Anfang und Ziel von allem, Sch\u00f6pfer von allem: <em>\u201eDenn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge<\/em>. <em>Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen<\/em>\u201c.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Wie Paulus kommen Menschen immer wieder an die Grenzen des Denkbaren, gerade wenn es um Gott geht. Manchmal ist man gezwungen, sich selbst, seinen Gott, ja vielleicht alles, was tr\u00e4gt, in Frage zu stellen. Wie kann Gott zugleich gerecht und barmherzig sein? Wenn er jedem T\u00e4ter vergibt, wer setzt dann die Opfer ins Recht? Wie kann ein allm\u00e4chtiger und barmherziger Gott all das Leid zulassen? All den Krieg, die Katastrophen, die Krisen im Leben und die zum Tod? Diese Fragen sind nicht nur f\u00fcr all die Menschen, die Gott erleiden, bedeutsam, sondern f\u00fcr Gott selbst. Muss und kann er sich rechtfertigen? Muss und kann er sich fragen, hinterfragen oder gar widerlegen lassen? In immer wieder neuen Anl\u00e4ufen finden Glaube und Theologie immer wieder neue Antworten. Ganz l\u00f6st es sich \u2013 so scheint es mir \u2013 nicht auf. An jeder Antwort entz\u00fcndet sich eine neue Frage, an jeder Frage eine Gegenfrage. Die Argumentationen bleiben l\u00fcckenhaft, die Gedankengeb\u00e4ude br\u00fcchig und durch die Fundamente gehen Risse. Wenn man die Ma\u00dfst\u00e4be menschlicher Logik anlegt, bleibt vieles an Gott unverst\u00e4ndlich, ja Gott selbst erscheint nicht selbstverst\u00e4ndlich. Wenn das passiert, steht man auf der Grenze \u2013des Denkens, des Glaubens, des Aushaltbaren. Dann bleiben entweder die Ablehnung Gottes oder die Anbetung Gottes. Oder beides. Der Holocaust\u00fcberlebende Elie Wiesel berichtet von einer Szene im KZ, wo Gott selbst vor Gericht stellt wird, weil er scheinbar seinen Bund mit Israel gebrochen und all das Leid an seinem erw\u00e4hlten Volk zugelassen hat. \u201eDie Verhandlungen des Tribunals zogen sich lange hin. Und schlie\u00dflich verk\u00fcndete mein Lehrer, der Vorsitzender des Tribunals gewesen war, das Urteil: Schuldig. Und dann herrschte Schweigen \u2013 ein Schweigen, das mich an das Schweigen am Sinai erinnerte, ein endloses, ewiges Schweigen. Aber schlie\u00dflich sagte mein Lehrer, der Rabbi: Und nun, meine Freunde, lasst uns gehen und beten. Und wir beteten zu Gott, der gerade wenige Minuten vorher von seinen Kindern f\u00fcr schuldig erkl\u00e4rt worden war.\u201c (Elie Wiesel).<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III. Ich kenne solche Momente, in denen mein Denken an Grenzen kommt und ich einfach nur wei\u00df: Gott ist da. Trotz allem. Nur diese Gewissheit h\u00e4lt mich, h\u00e4lt mich im Glauben, h\u00e4lt mich in Gott. Diese Momente, in denen alle Widerspr\u00fcche sich aufl\u00f6sen, in denen ich aufh\u00f6re zu rechten und zu richten, zu verstehen und zugrunde zu gehen. Da lasse ich los, lasse alles von mir abfallen, lasse mich fallen in jene Tiefe, die mich nach oben tr\u00e4gt, bin ganz Ohr, ganz Auge, ganz Herz und mir scheint, als trage alles ein Geheimnis in sich, das sich nur den Glaubenden und Liebenden erschlie\u00dft. Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus hat einmal einen wundersch\u00f6nen Satz formuliert: \u201eIm Fr\u00fchling wohnen in Tipasa die G\u00f6tter. Sie reden durch die Sonne und durch den Duft der Wermutstr\u00e4ucher, durch den Silberk\u00fcra\u00df des Meeres, den grellblauen Himmel, die blumen\u00fcbers\u00e4ten Ruinen und die Lichtf\u00fclle des Steingetr\u00fcmmers.\u201c Wie sehr kann ich seine Worte nachempfinden, wie sehr tr\u00f6sten sie mich und wie sehr wecken sie meinen Trotz, trotz allem nicht an den Klippen des Unerforschlichen zu zerschellen und am Unbegreiflichen zu kentern.<\/p>\n<p>Dann staune ich: Wenn Wolken mit Goldrand die vollen Stunden \u00fcber die Grenze zur Nacht tragen und ein letzter Sonnenstrahl noch einmal den Duft des Tages ins Herz brennt. Wenn alle Bl\u00fctenkelche weit und offen atmen und samt-goldene Stunden in meine H\u00e4nde fallen, einfach so von anderswo. Wenn \u00fcber den Wiesen die Nebel schwinden wie versp\u00e4tete Tr\u00e4ume, die beim Erwachen auseinanderfallen. Dann lobsinge ich \u2013 vielleicht mit belegter Stimme und unbeholfenen Worten, vielleicht mit der Faust in der Tasche und Narben auf meiner Haut, vielleicht verborgen und versch\u00fcttet wie eine Sehnsucht, die dem Licht entgegenw\u00e4chst, wenn sie nur Feuer f\u00e4ngt. Dann bin ich gewiss: Gott ist da \u2013 trotz der Dinge, die ich nicht begreifen und erforschen kann, trotz der Dinge, die kaum ertragen und tragen kann, trotz aller Fragen, in allem Verzagen: Ich falle in seine Tiefe, die mich zu neuem Leben tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Am Ende bleiben diese drei, Staunen, Loben und die Gewissheit, dass Gott da ist \u2013 und ein neuer Anfang w\u00e4chst hervor, gewebt aus heiligen Trotz und sanftem Trost, ein Hauch, ein Lied, ein Wimpernschlag. Wie genau, bleibt ein Geheimnis.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>dr.martina.janssen@evlka.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staunen, Loben und die Gewissheit, dass Gott da ist | Trinitatis | 12.06.2022 | R\u00f6m 11, 33-36 | Martina Jan\u00dfen | Lesung R\u00f6m 11,33-36: 33\u00a0O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! 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