{"id":8435,"date":"2022-06-07T11:15:50","date_gmt":"2022-06-07T09:15:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8435"},"modified":"2022-06-14T21:56:27","modified_gmt":"2022-06-14T19:56:27","slug":"matthaeus-2816-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2816-20\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28,16-20"},"content":{"rendered":"<h3>Trinitatis | 12.06.2022 | Mt 28,16-20 | Jens Torkild Bak |<\/h3>\n<p>Nachdem wir uns durch Weihnachten, Ostern und Pfingsten begeben habe und nachdem uns im Lichte dieser drei Festtage deutlich geworden ist, wer Gott ist, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, sind wir nun am Sonntag Trinitatis bereit, die gute Botschaft in ihrer Gesamtheit zu erfassen.<\/p>\n<p>Nur sollte man vielleicht nicht darum bitten, derjenige zu sein, der dazu berufen ist, die D\u00e4nen zu missionieren. Wie es Ansgar ging, als er zu diesem Zweck im 9. Jahrhundert nach D\u00e4nemark geschickt wurde, sieht man deutlich an der zerschlagenen und zerrissenen Gestalt, die ihm der Bildhauer Hein Heinsen hier s\u00fcdlich des Doms in Ribe in seiner Statue gegeben hat.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben die D\u00e4nen inzwischen auf etlichen Kursen sich mehr zweckm\u00e4\u00dfige Dialog-Mittel angeeignet, aber das Problem der D\u00e4nen ist grundlegend dasselbe wie fr\u00fcher. Wir wollen nicht, dass uns eine \u201eWahrheit\u201c aufgedr\u00e4ngt wird!<\/p>\n<p>Recht besehen gilt das f\u00fcr \u201ealle V\u00f6lker\u201c, sollte man meinen, vorausgesetzt, dass sie das selbst entscheiden k\u00f6nnen oder k\u00f6nnten. Nichtsdestoweniger h\u00f6rte ich neulich einen Kollegen, der die D\u00e4nen als ein Volk besonderer Art beschrieb. Angeblich soll der Autor eines amerikanischen Reisef\u00fchrers n\u00e4mlich u.a. D\u00e4nemark so beschrieben haben: Es sei das einzige Land, in dem er kein Diktator sein wolle. Denn hier wird alles l\u00e4cherlich gemacht! Das ist m\u00f6glicherweise eine Wanderlegende, aber gut ist sie, und noch besser w\u00e4re sie nat\u00fcrlich, wenn das auch bedeutete, dass wir D\u00e4nen \u00fcberhaupt immun sind gegen politische Verirrungen.<\/p>\n<p>Wenn wir allein auf den\u00a0 Inhalt sehen \u2013 und nicht auf alle m\u00f6glichen Missbr\u00e4uche in der Geschichte der Kirche und der Gemeinden bis hin in unsere Zeit, dann kann die christliche Botschaft ihrem Wesen nach, in Wort und Sakrament, auch nie etwas werden, was den Menschen aufgezwungen wird, oder eine Wahrheit, die ihnen aufgedrungen wird.<\/p>\n<p>Die christliche Botschaft ist ihrem Wesen nach ein Ruf zur Freiheit, eine Freiheitsbewegung. Und der Befehl, das zu halten, \u201ewas ich euch befohlen habe\u201c, um nun die Worte Jesu aus dem heutigen Text zu zitieren, ist immer ein Befehl, an der Freiheit festzuhalten und sie sich nicht nehmen zu lassen.<\/p>\n<p>Das zentrale Wort \u201eErl\u00f6sung\u201c bezeichnet das Ziel des religi\u00f6sen Lebens in vielen anderen Religionen als der christlichen. Aber in christlichem Zusammenhang macht es nun einmal wirklich einen guten Sinn, wenn man bedenkt, dass das d\u00e4nische Wort f\u00fcr Erl\u00f6sung, \u201efrelse\u201c, eigentlich \u201efreier Hals\u201c bedeutet, d.h. Befreiung des Sklaven von der Halskette. Da befinden wir uns nat\u00fcrlich unmittelbar nicht \u2013 unter Sklaven. Aber deshalb kann man sehr wohl eine Kette um den Hals haben. Es ist doch wohl so, dass jede Zeit ihre Ketten hat, seien sie materiell oder geistig, und das jeder Mensch nur allzu gut seine eigenen Ketten kennt.<\/p>\n<p>Als Gott in Jesus von Nazareth Fleisch und Blut wurde, zerbrach das Bild von dem Gott des Gesetzes, der das Individuum rundum \u00fcberwacht und kontrolliert. Der Gott des Gesetzes, der eine Trennung vollzieht zwischen einerseits denen, die ihm geh\u00f6ren, die das Reich erben sollen, und andererseits denen, die au\u00dfen vor und verloren sind. Hinter diesem zerbrochenen Gottesbild zeigt sich statt dessen ein anderer Gott, ein Gott, der den Menschen nur mit Liebe und Gnade begegnet, ein Gott in Bezug auf den man bemerken muss, was einem selbst an den Gnaden gaben der Liebe fehlt, zugleich aber ein Gott, vor dem man frei sein kann und man selbst sein kann.<\/p>\n<p>Der Tauf- und Missionsbefehl, der im Gott Jesu begr\u00fcndet ist, kann nie ein Joch werden, das dem Individuum auferlegt wird, eine neue Kette, die ihm um den Hals gelegt wird. Der Tauf- und Missionsbefehl ist vielmehr eine Botschaft von etwas, das einen befreit. Von der Furcht. Der Furcht vor dem Tod, der \u00dcbertretung, dem B\u00f6sen, der Niederlage, dem Gesichtsverlust, der Einsamkeit \u2013 und all dem, was uns sonst noch um den Schlaf bringen kann.<\/p>\n<p>Wenn Jesus in seiner Rede gegen die Sorgen in der Bergpredigt die Frage stellt: <em>Ist das Leben nicht mehr als Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? \u2013 <\/em>dann geht es im Evangelium dort darum, uns daran zu erinnern, dass ein Mensch aus Gottes Gnade mehr ist als die eine oder andere weltliche Sorge, die sich ihm um den Hals legt. Das Evangelium, in dessen Dienst der Tauf- und Missionsbefehl steht, gibt unserem Leben ein neues Niveau, eine neue Sicht, einen neuen Horizont, wenn wir vom Dasein bedr\u00fcckt und gequ\u00e4lt werden. Und wenn wir z.B. aus sicher guten Gr\u00fcnden besorgt sind \u00fcber all die Datum, die \u00fcber uns gesammelt werden, so ist es vern\u00fcnftig daran zu denken, dass der Mensch mehr ist als alle seine Daten. Darum geht es im Tauf- und Missionsbefehl.<\/p>\n<p>Aber dennoch m\u00f6gen wir D\u00e4nen es nicht, dass jemand uns missionieren will.\u00a0 Das steht fest. Wir wollen selbst bestimmen. Nat\u00fcrlich spielt auch die Scham eine Rolle, wenn es um Mission geht. Das schrieb der Rektor der Universit\u00e4t Odense und seinerzeit Pr\u00e4sident des Komitees zum Reformationsjubil\u00e4um 2017, selbst Naturwissenschaftler mit einem Doktor in Chemie, einmal in einem Beitrag in einer d\u00e4nischen Zeitung:<\/p>\n<p><em>Wir sind in D\u00e4nemark voller Scham, wenn es um Glauben geht. Tabus sind keine konstanten Gr\u00f6\u00dfen, aber es ist wohl allgemein bekannt, wenn man einen D\u00e4nen dazu bringen will, verlegen auf den Boden zu blicken, muss man nur nach seinem pers\u00f6nlichen Glauben fragen. Die meisten finden das unangebracht. Das m\u00f6gen wir nicht, auch wenn 85,9 % der Bev\u00f6lkerung d\u00e4nischer Herkunft freiwillig bezahlende Mitglieder der Volkskirche sind. Das Verh\u00e4ltnis zu Gott ist ganz und gar Privatsache \u2026 und es geschieht selten, dass man Lust hat, seinen eigenen Glauben in aller \u00d6ffentlichkeit zu zeigen.<\/em><\/p>\n<p>Das schrieb Jens Oddershede, und er f\u00fcgt dann spitz hinzu: <em>Es ist vielleicht auch besser, das zu lassen <\/em>[von seinem Glauben zu reden], <em>wenn man dann auf unsicheren Boden ger\u00e4t, wie z.B., als jemand im d\u00e4nischen Radio w\u00e4hrend des Reformationsjubil\u00e4um Martin Luther mit Martin Luther King verwechselte.<\/em><\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich w\u00fcrde ich das nun jederzeit verteidigen \u2013 nicht die Unwissenheit, die einem nicht gut ansteht und neben vielem anderen auch daran liegt, dass die Art und Weise, wie man in der Volkskirche die Botschaft vermittelt, durch aus verbesserungsw\u00fcrdig ist \u2013 aber die Scham w\u00fcrde ich verteidigen wollen. In einer allzu sehr auf Identit\u00e4t fixierten Zeit meinen wir, dass wir einander f\u00fcr alles M\u00f6gliche Rechenschaft ablegen sollen. Es sollte mehr geben, was jeden von uns angeht, ohne dass wir uns veranlasst f\u00fchlen, uns daf\u00fcr vor anderen als Gott zu verantworten.<\/p>\n<p>Sich zu sich selbst bekennen bedeutet nun einmal, dass man dem Drang widersteht, sich selbst zu erkl\u00e4ren. Stattdessen sollte man einigerma\u00dfen freim\u00fctig der sein, der man ist, das tun, was man tut, die Entscheidungen treffen, die man trifft, und es dabei bewenden lassen, ohne Tatsachen zu schm\u00fccken. Sich zu sich selbst bekennen, das ist sicher nicht etwas, was von selbst kommt, sondern etwas, in dem man sich \u00fcben muss \u2013 als eine \u00dcbung zugleich in pers\u00f6nlicher Freiheit und im Vertrauen zu Gott. Und als ein Ausdruck f\u00fcr das, was aus der Sicht des Empf\u00e4ngers im Tauf- und Missionsbefehl liegt, und wo es darum geht, die Halskette abzulegen und frei atmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie aber ist das zu vermitteln? Wie kann man eben das weitergeben? Der d\u00e4nische Kronprinz, dessen Gottesverh\u00e4ltnis wohl dem der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung entspricht, hat in einem Interview gesagt, dass er mit seinen Kindern das Vaterunser betet und damit einer Tradition folgt, die er aus seiner eigenen Kindheit kennt. Ist das geistlich zu weit gegangen? Ist die Taufe, also die Kindertaufe, ein \u00dcbergriff? So wird es oft dargestellt, wenn man gegen die Kindertaufe damit argumentiert, dass man auf das unverletzliche Selbstbestimmungsrecht des Individuums verweist. Nein! Man kann zwar dies und jenes unterschiedlich sehen, und man kann einen anderen Weg w\u00e4hlen. Aber es handelt sich hier nicht um einen \u00dcbergriff. Es geht vielmehr darum, dem Kind Worte, Erz\u00e4hlungen und Rituale mitzugeben, die den Horizont und die geistige Welt erweitern. Wenn das Kind sp\u00e4ter als Erwachsener seinen Horizont wieder einengen will, ist das durchaus m\u00f6glich. Es ist nie zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir sollten uns unserer Tradition, die wir \u00fcbernommen haben, nicht so sch\u00e4men. Weder hier bei uns noch drau\u00dfen in der weiten Welt \u2013 ungeachtet der Vorstellung, der ideale unverdorbene Mensch sei ein unbeschriebenes Blatt. Das Dasein eines Menschen beginnt nie damit, dass er in sich selbst ruht, vielmehr beginnt es damit, dass er einige Worte empf\u00e4ngt, Erz\u00e4hlungen, Erlebnisse und Traditionen und dadurch die M\u00f6glichkeit erh\u00e4lt, zu sich selbst zu finden &#8211; das danken wir dem Tauf- und Missionsbefehl. Einen frohen Sonntag! Amen.<\/p>\n<p>___<\/p>\n<p>Dompropst Jens Torkild Bak<\/p>\n<p>DK-6760 Ribe<\/p>\n<p>Email: jtb(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatis | 12.06.2022 | Mt 28,16-20 | Jens Torkild Bak | Nachdem wir uns durch Weihnachten, Ostern und Pfingsten begeben habe und nachdem uns im Lichte dieser drei Festtage deutlich geworden ist, wer Gott ist, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, sind wir nun am Sonntag Trinitatis bereit, die gute Botschaft in ihrer Gesamtheit zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8428,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,185,157,114,261,305,349,3,109,395],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-8435","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-deut","category-jens-torkild-bak","category-kapitel-28-chapter-28","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-trinitatis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8435"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8463,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8435\/revisions\/8463"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8435"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=8435"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=8435"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=8435"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=8435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}