{"id":8447,"date":"2022-06-16T04:33:47","date_gmt":"2022-06-16T02:33:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8447"},"modified":"2022-06-16T06:52:08","modified_gmt":"2022-06-16T04:52:08","slug":"8447-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/8447-2\/","title":{"rendered":"Lukas 16,19.26"},"content":{"rendered":"<h3>1. So.<strong> n. Trinitatis | 19.06.22 | Lukas 16,19\u201326 | Hansj\u00f6rg Biener | <\/strong><\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Sorglos geborgen \u201ewie in Abrahams Scho\u00df\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der heutige Predigttext hat uns die Redewendung \u201ewie in Abrahams Scho\u00df\u201c beschert. Sie bedeutet: \u201esorglos und geborgen sein\u201c, \u201esich sicher f\u00fchlen\u201c oder \u201egl\u00fccklich und selig sein\u201c. Vielleicht haben auch Sie so ein Bild vor Augen. Kinder auf den Oberschenkeln von Erwachsenen, die ihr K\u00f6pfchen an deren Brust schmiegen. Oder in anderer Stimmung: Kinder, die auf den Knien von Erwachsenen sitzen und keck in die Welt schauen. Oder vielleicht auch Kinder, die beim \u201eHoppe, hoppe, Reiter\u201c vor Gl\u00fcck jauchzen. Nur f\u00fcr den Fall, dass Sie sich nur vage erinnern:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eHoppe, hoppe. Reiter, wenn er f\u00e4llt, dann schreit er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00e4llt er in den Graben, fressen ihn die Raben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00e4llt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nat\u00fcrlich macht es plumps, aber nie so, dass das Kind auf den Boden f\u00e4llt. Es wird immer festgehalten und aufgefangen. Eine begl\u00fcckende Erfahrung: \u201eDu kannst nicht tiefer fallen&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht alle Kinder k\u00f6nnen das in ihrer Kindheit erleben, denn nicht alle Eltern k\u00f6nnen N\u00e4he geben. Es gibt aber noch eine zweite Chance: Junge Liebe. Umweltvergessen sitzen die beiden, die Arme umeinandergeschlungen. Und wer das sieht, wird sich hoffentlich \u00fcber das Gl\u00fcck freuen und diskret bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die christliche Kunst kennt zwei Darstellungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Variante 1: Kleine Gestalten, die aus einem Tuch oder einer Kuhle in Abrahams wallenden Gewand herausschauen. (<a href=\"https:\/\/www.bibelwissenschaft.de\/fileadmin\/buh_bibelmodul\/media\/wibi\/image\/am_WILAT_Abraham_07_Bamberg_Dom.jpg\">https:\/\/www.bibelwissenschaft.de\/fileadmin\/buh_bibelmodul\/media\/wibi\/image\/am_WILAT_Abraham_07_Bamberg_Dom.jpg)<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Variante 2: Ein Menschlein, das wie ein kleines Kind an die Brust Abrahams geschmiegt ist. (https:\/\/i1.wp.com\/biblicalallusions.org\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/MoissacLaz-Abraham.jpg) Das entspricht den englischen oder franz\u00f6sischen Bibel\u00fcbersetzungen, die von \u201eAbrahams Brust\u201c sprechen. Scho\u00df wie Brust, beides ist vom Griechischen her m\u00f6glich. Das Wort Kolpos\/\u03ba\u1f79\u03bb\u03c0\u03bf\u03c2 hat einen gro\u00dfen Bedeutungsumfang: vom Brust-Bauch-Scham-Bereich \u00fcber die Kuhle, die man in einem wallenden Gewand machen kann, bis hin zur Meeresbucht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Frau und ich haben \u201eAbrahams Scho\u00df\u201c noch zwei Vorstellungen hinzugef\u00fcgt. (1) Manchmal sind Tage nicht so gut gewesen. Wenn so ein Tag zu Ende geht, w\u00fcnschen wir ihm, dass er auf Gottes Scho\u00df klettern und sich bei Gott ausklagen kann. (2) \u00c4hnliches erhoffen wir f\u00fcr uns, wenn es mit uns zu Ende geht. Dann wollen auch wir auf Gottes Scho\u00df und erz\u00e4hlen, was wir erlebt haben. Und vielleicht wollen wir auch etwas erkl\u00e4rt bekommen. Das sind, wie gesagt, private, nicht biblische Bilder. Sie sind auch durchaus entfernt vom heutigen Predigttext. Einmal mehr sto\u00dfen wir darauf, dass etwas aus der Bibel h\u00e4ngen bleibt und ein Eigenleben entwickelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich ist \u201ealles anders\u201c. Nur als erstes Beispiel: Luthers \u00dcbersetzung \u201eAbrahams Scho\u00df\u201c ist sprachlich m\u00f6glich. Kulturgeschichtlich richtiger ist \u201eAbrahams Seite\u201c. \u03ba\u1f79\u03bb\u03c0\u03bf\u03c2 \u1f08\u03b2\u03c1\u03b1\u1f71\u03bc meinte den Ehrenplatz bei einem Festmahl. Solche M\u00e4hler wurden in der Antike im Liegen genommen, so dass der Ehrengast tats\u00e4chlich dem Gastgeber sehr nahe lag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Begeben Sie sich nun mit mir auf eine spannende, aber auch schmerzvolle Erkundung des Predigttextes von heute. Ich werde mit Ihnen in einen Abgrund schauen, doch will ich auch darauf achten, dass wir nicht hineinfallen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigttext<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eDie Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>19 Einst lebte ein reicher Mann.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Er trug einen Purpurmantel und Kleider aus feinstem Leinen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Tag f\u00fcr Tag genoss er das Leben in vollen Z\u00fcgen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>20 Aber vor dem Tor seines Hauses<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>lag ein armer Mann, der Lazarus hie\u00df.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sein K\u00f6rper war voller Geschw\u00fcre.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>21 Er wollte seinen Hunger<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Aber es kamen nur die Hunde<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und leckten an seinen Geschw\u00fcren.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>22 Dann starb der arme Mann,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und die Engel trugen ihn in Abrahams Scho\u00df.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Auch der Reiche starb und wurde begraben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>23 Im Totenreich litt er gro\u00dfe Qualen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und Lazarus an seiner Seite.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>24 Da schrie er: \u203aVater Abraham, hab Erbarmen mit mir!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Bitte schick Lazarus,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>damit er seine Fingerspitze ins Wasser taucht<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und meine Zunge k\u00fchlt.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ich leide schrecklich in diesem Feuer!\u2039<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>25 Doch Abraham antwortete: \u203aKind, erinnere dich:<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Du hast deinen Anteil an Gutem<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>schon im Leben bekommen \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>genauso wie Lazarus seinen Anteil an Schlimmem.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Daf\u00fcr findet er jetzt hier Trost, du aber leidest.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>26 Au\u00dferdem liegt zwischen uns und euch<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>ein tiefer Abgrund.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Selbst wenn jemand wollte,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>k\u00f6nnte er von hier nicht zu euch hin\u00fcbergehen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Genauso kann keiner von dort zu uns her\u00fcberkommen.\u2039<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>(Lukas 16,19-26 Basis Bibel)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Nur beschr\u00e4nkter Platz \u201ein Abrahams Scho\u00df\u201c!<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es beginnt mit dem \u201eEinst war einmal\u201c eines M\u00e4rchens und endet gar nicht m\u00e4rchenhaft. Ein Reicher, beschrieben in der besten Kleidung, die man sich damals vorstellen kann, genie\u00dft sein Leben. Ein Armer, schwer krank und hungrig, liegt vor seinem Haus. Niemand nimmt Notiz. Au\u00dfer Stra\u00dfenk\u00f6tern. So muss man das lesen. Die schn\u00fcffeln an ihm und lecken an seinen Geschw\u00fcren. Irgendwann sterben beide. Der Reiche kommt an einen Ort der Qual; der auf Erden Leidende kommt \u201ein Abrahams Scho\u00df\u201c. Und wenn das wirklich hei\u00dft, \u201eer wird Ehrengast bei Abrahams Mahl\u201c, w\u00e4re die Geschichte richtig \u00fcber Kreuz erz\u00e4hlt: Lazarus, der in seinem irdischen Leben ohne Hilfe litt, kommt jetzt auf den Ehrenplatz bei Abrahams Fest. Der Reiche, dessen Leben aus Feiern bestand, leidet jetzt Qualen, ohne dass ihm geholfen wird. Solche Erz\u00e4hlungen lassen sich in der Antike mehrfach finden. Auch f\u00fcr den Evangelisten Lukas gibt es da offenbar kein Problem. Er \u00fcberliefert bekanntlich in seiner Feldrede nicht nur Jesu Seligpreisungen, sondern auch Wehe-Rufe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Wehe euch, ihr Reichen! Denn ihr habt euren Trost bereits erhalten<\/em>.\u201c (Lukas 6,24)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sch\u00fclerinnen und Konfirmanden jedoch haben mit der Geschichte ein Problem. Sie ergreifen Partei f\u00fcr den Reichen. Zugegeben: Er hatte ein gutes Leben und Lazarus ein schlechtes. Andererseits vergleichen sie beider Lebenszeit mit der von ihnen selbstverst\u00e4ndlich unterstellten Ewigkeit. Warum soll ein gutes Leben hier und heute nach dem Leben bestraft werden &#8211; in alle Ewigkeit? Sie sp\u00fcren auch, dass wir in Deutschland eher auf der reichen Seite des Schicksals leben. Aber ewige Strafe? Das w\u00e4re doch ungerecht. Weil sie nicht mitentscheiden k\u00f6nnen, wie fern die Urlaubsreise der Familie ist und wie sehr sie sich den wirklichen Lebensumst\u00e4nden im Urlaubsland aussetzt. Oder auch weil der soziale Ausschluss zu gro\u00df ist, wenn man aufs Smartphone oder Auto verzichtet, weil man verstanden hat, welche Kosten man damit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen au\u00dferhalb Europas auferlegt. Diese Verwobenheit in Zusammenh\u00e4nge, in die man hineingeboren wurde, die man kaum zerrei\u00dfen kann und vielleicht sogar durch neue Stricke festigt &#8211; nannte die alte Dogmatik \u00fcbrigens \u201eErbs\u00fcnde\u201c. Und die Taufe sagte einem zu, dass man von Gott her &#8211; trotzdem &#8211; wie ein neugeborenes Kindlein erst einmal leben darf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Abwehr gegen die Logik der Geschichte vom Reichen und von Lazarus ist verst\u00e4ndlich. Darum lassen Sie uns auch einmal auf den einzigen \u201eGewinner\u201c der Geschichte schauen: Lazarus. Wir erfahren nicht, wie er zu seinem Schicksal gekommen ist. Wir erfahren nur, dass er von der Feier des Lebens ausgeschlossen ist. Gewiss gibt es Menschen, die in diesem Leben viele Nachteile haben. Das w\u00fcrde niemand bestreiten. Denen w\u00fcrde wohl auch niemand eine Entsch\u00e4digung in der Ewigkeit neiden. Der Predigttext nimmt aber eine andere Perspektive ein. Er l\u00e4sst uns fragen: Gibt es vom Lebensgl\u00fcck ausgeschlossene Menschen, deren Leben so be-S-C-H-&#8230; ist, dass f\u00fcr sie eine ewige Wiedergutmachung eine echte Verhei\u00dfung ist und [!] eine ewige Strafe f\u00fcr die Privilegierten eine Genugtuung?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der Suche nach Beispielen f\u00e4llt mir in diesen Tagen zuerst der Russland-Ukraine-Krieg ein. Ich kann nicht anders, obwohl das unfair ist gegen\u00fcber all den anderen Mega-Reichen und bitterarmen Menschen dieser Welt. Ich denke beim Ukraine-Krieg nicht so sehr an die Toten. Die haben es, trotz allem, hinter sich. [1961 geboren, habe ich als Kind noch Kriegsversehrte aller Art gesehen und sp\u00e4ter als Gemeindepfarrer M\u00e4nner beerdigt, die noch Jahrzehnte mit ihrer Kriegsversehrung gelebt haben.] Ich frage mich nach all den Schwerverletzten, die auf beiden Seiten Opfer des Putin-Kriegs werden. Das wird erst langsam zum Thema in deutschen Medien. Immerhin hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach bei seinem Ukraine-Besuch vor einer Woche das Wort Prothesen verwendet. Damit hat er sich dem angen\u00e4hert, was in deutschen Medien mit \u201ekriegstypischen Verletzungen\u201c immer noch nur andeutend umschrieben wird. [Schon fr\u00fch berichtete dagegen die britische BBC \u00fcber ukrainische \u00c4rzte, denen \u00c4rzte aus dem Ausland via Smartphone assistierten, weil man f\u00fcr die Verletzungen, die man zu operieren hatte, nicht ausgebildet war. (z. B. https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-europe-61195923 24.4.2022) Und ich will die andere Seite nicht vergessen. Schon bei der russischen Kampagne gegen die ukrainische Hauptstadt berichteten die internationalen Medien, dass \u00c4rzte in Belarus rund um die Uhr schwerst verletzte russische Soldaten operierten. (https:\/\/p.dw.com\/p\/48i5K 19.3.2022 \u201eohne Arme, Beine, Augen und Ohren\u201c) Diese wurden dann, sobald sie einigerma\u00dfen transportf\u00e4hig waren, in Z\u00fcgen nach Russland verlegt. Man wird ebenso nach ihrem Schicksal fragen m\u00fcssen, wenn jemals verantwortliche Politiker und Gener\u00e4le vor einen V\u00f6lkergerichtshof gezogen werden.] Egal, wer den Russland-Ukraine-Krieg \u201egewinnt\u201c: Schwerversehrte werden kaum hochdekoriert auf Siegesparaden mitmarschieren. Werden sie jemals angemessen betreut werden, wenn sie nun f\u00fcr den Rest ihres Lebens mit Putins Folgen leben m\u00fcssen? Die Oligarchen dieser Welt werden weiter ihre Luxusjachten und -domizile haben. Ja, es ist aktuell peinlich f\u00fcr einen russischen Superreichen, wenn Konten wegen westlicher Sanktionen gerade unzug\u00e4nglich sind. Aber ich vermute: Bekannte Milliard\u00e4re haben trotzdem Kredite oder finden andere Wege, um fl\u00fcssig zu sein. Und wenn ich sp\u00fcre, wie die Wut in mir \u00fcber Putin und seine Entourage hochkocht und \u00fcber alle, die wahrscheinlich auch im Westen Geld an diesem Krieg verdienen, kann ich nachsp\u00fcren, dass es Lazarusse gibt, denen eine jenseitige Wiedergutmachung f\u00fcr sich nicht reicht. Es m\u00fcsste auch eine jenseitige Bestrafung der unentschuldbar Gl\u00fccklichen dieses Lebens geben, um Genugtuung zu haben. Diese Wut war \u00fcbrigens schon am 24. Februar 2022 Thema im UN-Weltsicherheitsrat. Sie werden sich erinnern: Das war der Tag, an dem Russland erkl\u00e4rte, von nun an werde zur\u00fcckgeschossen. Exakt auf der Sitzung, auf der die anderen Staaten Russland noch um Frieden best\u00fcrmten, gab dessen UN-Botschafter Wassili Nebensja bekannt, Russland habe auf Ersuchen der \u201eVolksrepubliken\u201c Donezk und Lugansk Ukraine angegriffen. Sein ukrainischer Kollege Sergij Kyslystya lie\u00df jede Diplomatie fahren: \u201eWir verurteilen die Aggression, die Sie gegen mein Volk ver\u00fcben. Es gibt kein Fegefeuer f\u00fcr Kriegsverbrecher. Sie fahren direkt zur H\u00f6lle, Botschafter.\u201c (https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/un-sicherheitsrat-russland-ukraine-101.html 24.2.2022)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zugleich w\u00e4chst mein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Mauer, mit der der Reiche im Predigttext umgeben ist. Es ist die von Bewaffneten besch\u00fctzte Mauer, die in Brasilien die Domizile der Reichen vor den Armen sch\u00fctzt. Es ist die Mauer, die um Wohnquartiere gezogen wird, mit Eingangstoren und einem Sicherheitsdienst, der fragt, was denn der Unbekannte innerhalb dieser Festung sucht. Es ist die lichterhellte Mauer oder wenigstens der bewachte befestigte Zaun, der Hotels und Touristenresorts umgibt, damit Europ\u00e4er und andere ihren Urlaub in Sicherheit genie\u00dfen k\u00f6nnen, ohne sich Gedanken zu machen, wie es im Gastland wirklich zugeht. Es ist die Mauer einer Festung Europa, es ist die Mauer, die Trump an den S\u00fcdgrenzen der USA geplant hatte&#8230; Und so hoch die Mauern in dieser Welt werden k\u00f6nnen, so breit ist dann der Graben, der in der Ewigkeit den Reichen und Lazarus in Abrahams Schoss trennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Lieber in \u201eGottes Scho\u00df\u201c als in den Abgrund&#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Treten wir zur\u00fcck vom Abgrund dieser biblischen Geschichte. Wir haben den nahe liegenden Protest gegen die Logik \u201ehier gutes Leben &#8211; dort H\u00f6llenqual\u201c ausgesprochen. Wir haben aber auch Lazarusse von heute gefunden. Es gibt Menschen, f\u00fcr die die doppelte Logik eine Genugtuung w\u00e4re, weil sie ausreichend Zorn \u00fcber die auf der Sonnenseite des Lebens angesammelt haben. Und wir haben gesp\u00fcrt, dass uns mehr mit dem Reichen in dieser Geschichte verbindet als mit Lazarus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Machen wir uns auf den R\u00fcckweg aus dem Predigttext. Dazu schauen wir noch einmal genau hin und denken an andere Vorstellungen vom Gericht und einer Existenz nach dem Tod, die wir im Lauf unseres Lebens kennengelernt haben. Dabei kann jedem leicht auffallen: Eigentlich gibt es hier kein Gericht, sondern eher eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Ganz n\u00fcchtern wir erz\u00e4hlt: Das wird aus dem, und das wird aus dem. Ebenfalls auff\u00e4llig: Von Gott ist keine Rede. Auch nicht von Jesus, der nach unserem Glaubensbekenntnis kommen wird, \u201ezu richten die Lebenden und die Toten\u201c. Jahrhundertelang haben Christenmenschen Angst vor dem J\u00fcngsten Gericht gehabt. Im Vergleich zu unserem Predigttext wird die Gerichtsvorstellung aber wieder attraktiv. Ein Richter k\u00f6nnte mildernde Umst\u00e4nde finden und damit \u201eGnade vor Recht ergehen\u201c lassen. Bei einer Verhandlung k\u00f6nnte ein Retter erscheinen und wom\u00f6glich z. B. Schulden begleichen. Das w\u00e4re nach der traditionellen Dogmatik und unserem Konfirmandenwissen nat\u00fcrlich einer: Jesus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man hat versucht, die \u201eHimmel und H\u00f6llen\u201c-Vorstellungen des Neuen Testaments zu einem gemeinsamen Bild zusammenzusetzen. Ich halte das f\u00fcr falsch. Man muss dann auch Texte harmonisieren, die nicht zusammenpassen. Das hat man auch bei unserem Predigttext versucht. So hat man gesagt, er beschreibe eine Zwischenzeit zwischen Tod und eigentlichem Gericht. Es gibt aber keinen textlichen Anhalt f\u00fcr eine zeitliche Begrenzung von Lazarus Freude und des Reichen Qual. Das ist ja der Grund, weshalb meine Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen protestieren. Mit einer Art Fegefeuer k\u00f6nnten sie vielleicht noch einverstanden sein. Ich halte es f\u00fcr biblischer und richtiger, sich den verschiedenen Texten auszusetzen, den Ernst der Lage wahrzunehmen, vielleicht auch zu erschrecken, aber doch dann selbst zu denken und zu lernen, was man glaubt und warum man glaubt. Am Ende ist das Neue Testament aber doch viel mehr mit dem Leben vor dem Tod besch\u00e4ftigt als mit dem Leben danach.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da wir aber beim Thema Gericht sind, will ich noch einmal ein Bild heranziehen. Die christliche Tradition hat dem Richterstuhl das Bild vom, so Martin Luther, Gnadenstuhl entgegengesetzt. Vielleicht kennen Sie Bilder dazu. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gnadenstuhl\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gnadenstuhl<\/a>) Hier nun Gott Vater und erneut etwas auf dem Scho\u00df: Ein Kruzifixus und dar\u00fcber eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der den Glauben der Gemeinde weckt und st\u00e4rkt. So tritt neben das fr\u00f6hliche Bild \u201ewie in Abrahams Scho\u00df\u201c das ernste Bild der Rechtfertigung. Bei allem, was uns subjektiv und objektiv von Gott trennt, bei allem, wo wir uns und andere verurteilen oder selbst verurteilt werden, bei allem, was uns zu Recht oder Unrecht vor einem Gericht \u00fcber unserem Leben Angst macht: Wir sollen zuallererst sehen, was laut der biblisch-christlichen Tradition in Jesus f\u00fcr uns geschehen ist. Wie immer man das Kreuz deuten will und die Auferstehung, es war dazu bestimmt, den Abgrund zwischen Gottes Scho\u00df und unseren wom\u00f6glich eben doch nicht so unverdienten Strafen zuzusch\u00fctten. In der Geschichte vom Reichen und vom Lazarus gab es einen un\u00fcberwindlichen Abgrund. In der Geschichte von Gott und den Menschen wird der Abgrund durch das Leben und Werk Jesu Christi geschlossen. Um Jesu willen k\u00f6nnen, wieder im Bild gesprochen, die Christenkinder am Ende ihres Lebens auf Gottes Scho\u00df krabbeln. Sie k\u00f6nnen ihm alles erz\u00e4hlen und ihn alles fragen, aber auch Gottes ernste Fragen an sie ertragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer an N\u00fcrnberger Gymnasien t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Begr\u00fcndung, warum der Predigttext auf die Verse 19-26 k\u00fcrzbar ist<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit der exegetischen Tradition, aber gegen das j\u00fcngere Standardwerk \u201eKompendium der Gleichnisse Jesu\u201c (2007, S. 647-660), geht der Verfasser von einem Wachstum des Predigttextes aus. Der Inhalt wirkt abgeschlossen nach Vers 25, aber auch nach Vers 26. Vers 26 klappt sprachlich (\u201eund au\u00dferdem\u201c) und inhaltlich nach. Abgesehen davon: Wenn bereits topographisch keine M\u00f6glichkeit besteht, dass Lazarus dem leidenden Reichen Entlastung verschaffen kann, muss man Zusatzannahmen machen, warum der leidende Reiche das nicht von selber sieht. Ansonsten er\u00fcbrigt sich der Dialog, der Linderung der Qual erbittet. Die chiastische Darstellung der Schicksale in den Versen 19-25 wirkt abgeschlossen und l\u00e4sst den Gespr\u00e4chsgang Verse 27-31 \u00fcber warn- und Rettungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die neu eingef\u00fchrten f\u00fcnf offenbar doch auch reichen Br\u00fcder nicht erwarten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die drei Abs\u00e4tze legen, je f\u00fcr sich, verschiedene Fragen und theologische Themen nahe:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr wen sind diese Verse \u00fcberhaupt ein Evangelium? [f\u00fcr fromme Dulder und sicher nicht f\u00fcr die Reichen]<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Kann man sich Vorstellungen \u00fcber die Topographie von Himmel und H\u00f6lle machen?<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Wie kann man in den Himmel kommen? [im Bibeltext Thora als Heilsweg vorausgesetzt. Paulus und die ihm prim\u00e4r folgende protestantische Tradition: Jesus Christus der Heilsweg]<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. So. n. Trinitatis | 19.06.22 | Lukas 16,19\u201326 | Hansj\u00f6rg Biener | Sorglos geborgen \u201ewie in Abrahams Scho\u00df\u201c Der heutige Predigttext hat uns die Redewendung \u201ewie in Abrahams Scho\u00df\u201c beschert. Sie bedeutet: \u201esorglos und geborgen sein\u201c, \u201esich sicher f\u00fchlen\u201c oder \u201egl\u00fccklich und selig sein\u201c. Vielleicht haben auch Sie so ein Bild vor Augen. Kinder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8473,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,402,1,157,114,271,590,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-8447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-1-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-hansjoerg-biener","category-kapitel-16-chapter-16-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8447"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8452,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8447\/revisions\/8452"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8473"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8447"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=8447"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=8447"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=8447"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=8447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}