{"id":8458,"date":"2022-06-14T21:49:10","date_gmt":"2022-06-14T19:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8458"},"modified":"2022-06-16T06:49:57","modified_gmt":"2022-06-16T04:49:57","slug":"lukas-1213-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1213-21\/","title":{"rendered":"Lukas 12,13-21"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Trinitatis | 19.06.22 | Lk 12,13-21 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus C. Dreyer |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist schwerer f\u00fcr einen Reichen, das Reich Gottes zu erlangen als f\u00fcr ein Kamel, durch das Nadel\u00f6hr zu kommen. Das pflegen wir zu sagen mit einem Sprichwort, das direkt aus den Evangelien stammt. Und wenn ich heute nur eine kurze Predigt halten sollte, k\u00f6nnte ich mich damit begn\u00fcgen. Es ist aber verdammt unangenehm f\u00fcr uns zu h\u00f6ren, wo wir uns zuhause in Reichtum w\u00e4lzen. Nun ja, die Preise f\u00fcr Lebensmittel steigen, wir merken die Auswirkungen der Weltkrisen, und dennoch k\u00f6nnen wir hier in der Kirche ein schlechtes Gewissen bekommen, dass wir zufrieden und im Vergleich zu vielen anderen reich sind. \u201eIss, reise und sei froh\u201c, so formulierte der legendarische d\u00e4nische Reisek\u00f6nig Simon Spies das heutige Evangelium. Denn wer will eigentlich nicht G\u00fcter und Reicht\u00fcmer sammeln, um im \u00dcberfluss zu leben. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die D\u00e4nen in der jetzigen Krise offenbar sehr viel sparen \u2013 nur nicht an Besuchen in Restaurants und Ferienreisen! Wir leben mit anderen Worten nach dem Motto von Simon Spies.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gut, genug mit dem schlechten Gewissen f\u00fcr heute. Oder nur ein klein wenig mehr. Die Lesungen dieses Sonntags nach der zweiten Reihe folgen der Perikopenordnung von 1885. Eigentlich war nicht daran gedacht, dass das Evangelium der zweiten Textreihe alleinstehen sollte, und bis 1900 war es denn auch so, dass man auch das \u201arichtige\u2018 Evangelium der altkirchlichen Perikopen las. Nun m\u00fcssen wir uns vorsehen \u2013 die Pointe, der Schl\u00fcssel f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des heutigen Evangeliums findet sich also in dem Text, den wir erst in einem Jahr h\u00f6ren werden. Nach der ersten Textreihe h\u00f6ren wir die Geschichte von Lazarus, der in Abrahams Scho\u00df sitzt. Er ist im Himmel, ein reicher Mann ist da neidisch. Ein reicher Mann und ein Bettler namens Lazarus. Lazarus war eben ein <em>Lazoron, <\/em>jemand der vor der T\u00fcr liegt. Ein Lazarus unter vielen anderen Lazaronen, die Gott nicht mit Reichtum und Gl\u00fcck gesegnet hatte, so wie er den reichen Mann gesegnet hatte. Der einzige Grund daf\u00fcr, dass der Name Lazarus und nicht der des reichen Mannes in unserem Ged\u00e4chtnis geblieben ist, ist der, dass sie ihre Schicksale im Jenseits tauschen. Hier ist Lazarus obenauf und erh\u00e4lt einen Ehrenplatz beim j\u00fcdischen Stammvater Abraham, w\u00e4hrend der reiche Mann bestraft wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dasselbe Schicksal, so k\u00f6nnen wir h\u00f6ren, wird auch dem heutigen Mann ereilen, der Korn und G\u00fcter in seinen Scheunen gesammelt hat. Das Schockierende ist, dass die reichen Leute keine b\u00f6sen Leute sind. Sie haben nur Erfolg und viel Geld. Nach j\u00fcdischer Tradition ist ihr Reichtum tats\u00e4chlich ein Zeichen daf\u00fcr, dass Gott mit ihnen so ist wie Gott seinerzeit mit Abraham war und ihn reich machte. Geld ist also nicht an sich b\u00f6se. Die Gefahr besteht nur darin, dass Geld den Reichen blind machen kann f\u00fcr die armen Verh\u00e4ltnisse und harte Leiden anderer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber h\u00f6rt her. Wer wei\u00df, ob Lazarus arm war? Wir h\u00f6ren im heutigen Evangelium auch nichts davon, dass da arme Leute sind, die unter dem reichen Bauern leiden. Wer wei\u00df \u2013 vielleicht hat sich Lazarus wie viele der Allergr\u00f6\u00dften in der Kirchengeschichte vielleicht selbst daf\u00fcr entschieden, in Askese zu leben? Ein gl\u00fccklicher Lazaron, k\u00f6nnten wir sagen. Vielleicht der M\u00f6nch Franz von Assisi.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Franz lebte im 13. Jahrhundert. Er brach mit seiner Familie, legte all seine reichen Kleider ab, gab sie seinem Vater und sagte: \u201eNun will ich nicht mehr ihn zum Vater haben, sondern mein Vater ist Unser Vater, der du bist im Himmel\u201c. Er lebte in selbstgew\u00e4hlter Armut, krank und geplagt, da sein K\u00f6rper das asketische Leben nicht ertragen konnte. Er starb auf eigenen Wunsch entkleidet, auf der Erde liegend, so dass er dieses Leben so nackt verlie\u00df, wie er gekommen war. Er hinterl\u00e4sst dennoch immer die Frage: War das genug, um nicht zu enden wir der reiche Kornbauer, dem das Leben genommen wurde?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kam Franz leichter zu Gott, weil er dem Reichtum und dem Erfolg entsagte? Nein. Es ist nahezu umgekehrt, dass Franz seine Askese zu einem so gro\u00dfen Projekt machte, dass Selbstqu\u00e4lerei f\u00fcr ihn zu einem Gott wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Reformator Martin Luther sagt in seinem Gro\u00dfen Katechismus: Alles worauf du dein Vertrauen setzt, das ist dein Gott. Hier legt Luther das erste von den zehn Geboten aus., wo es bekanntlich hei\u00dft: \u201eDu sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir\u201c. Das bedeutet nach Luther nicht nur, dass man keine anderen G\u00f6tter haben soll (Odin, Thor, Buddha oder andere). Nein, worauf du dein Leben baust, dein Vertrauen setzt, was du verehrst und anbetest \u2013 eben das ist dein Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will das in einer Weise formulieren, es das leichter verst\u00e4ndlich macht. Das erfordert, dass wir uns auf Skiurlaub begeben \u2013 in die Welt des Films. Ich erz\u00e4hle von dem schwedischen Film \u201eForce Majeure\u201c. Der Regisseur ist Ruben \u00d6stlund, was vielleicht nicht so wichtig ist &#8211; aber vielleicht ist ja bekannt, dass er neulich den gro\u00dfen Filmpreis die goldene Palme in Cannes f\u00fcr seinen letzten Film erhielt. Und sein erster Film hatte also einen franz\u00f6sischen Titel. \u201eForce Majeur\u201c ist ein Ausdruck der Versicherungssprache, und es bedeutet, dass man von Verpflichtungen befreit ist, wenn eine extraordin\u00e4re Lage eintrifft. Das kann zum Beispiel pl\u00f6tzliche ernstliche Erkrankung sein, Krieg oder eine Naturkatastrophe, die es einem unm\u00f6glich machen, dass man das einh\u00e4lt, was man versprochen hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So weit so gut. Lasst uns die Hauptpersonen betrachten. Sie hei\u00dfen Thomas und Ebba. Sie sind auf Skiurlaub irgendwo in Frankreich. Ihnen fehlt nichts. Alles im \u00dcberfluss, Geld, zwei Kinder, nach au\u00dfen das perfekte Leben. Im Film begegnen wir der kleinen Familie am ersten Tag im Hotel, wo alles Friede und Idyll ist. Sie machen zusammen Urlaub, weil Thomas viel gearbeitet hat, und jetzt ist es an der Zeit, mit der Familie zusammen zu sein. Am n\u00e4chsten Tag sitzen sie auf der Dachterrasse des Hotels mit der Aussicht auf die schneebedeckten Alpen. Und dann geschieht es \u2013 eine Lawine, eine Schneelawine kommt herab vom Berghang. Aber es handelt sich um eine kontrollierte Explosion, es besteht also in Wirklichkeit keine Gefahr. W\u00e4hrend die Lawine vom Berg herabrollt, wird der Schnee aufgewirbelt, und als die enorme Schneewolke die Dachterrasse erreicht, glauben die Familie und die anderen G\u00e4ste, dass die Lawine auch das Dach erreicht. Ebba fasst sogleich die Kinder und versucht zu fliehen \u2013 aber was tut ihr reicher Mann? Ja, Thomas nimmt stattdessen sein Telefon und l\u00e4uft davon. Allein um das zu retten, was ihm lieb und teuer war. Nein, das sind nicht Frau und Kinder, sondern er selbst und das Telefon! Eben in dem Augenblick werden seine Priorit\u00e4ten offenbar. Er ist sich selbst der N\u00e4chste, Reichtum und materielle G\u00fcter kommen zuerst. Ebba und die beiden verzweifelten Kinder, die nach der Hilfe des Vaters schreien, l\u00e4sst er im Stich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Masken sind gefallen. Niemand kann mehr Thomas richtig ernst nehmen. Also nun, das ist nicht ganz richtig, wenn wir sagen, dass unsere Taten nichts bedeuten. Luther hat auch gesagt, ein guter Mann tut gute Werke. Also, wenn du Christ bist, wirst du von selbst imstande sein, die Liebe an erste Stelle zu setzen, und dann muss alle Furcht verschwinden.\u00a0 So wie das im ersten Johannesbrief steht: \u201eFurcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe, wer sich aber f\u00fcrchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist die Quelle der Liebe, und wir sollen als seine Kinder frei leben, unbesorgt und im Vertrauen auf ihn. Und so sollen die, die von unserer Liebe und unserem Schutz abh\u00e4ngig sind, das sind unsere Kinder, auch in unserer Gegenwart leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der reiche Kornbauer im heutigen Predigttext ist deshalb ein Beispiel, das nicht zum Befolgen geeignet ist. Gegen seinen Reichtum ist nichts einzuwenden, aber aus der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus m\u00fcssen wir entnehmen, dass das Problem darin besteht, dass man zuerst an sich selbst denkt \u2013 und die Not und die Armut anderer wegen seines eigenen Reichtums \u00fcbersieht. Wie Thomas, der in dem Film Force Majeure seine Frau und seine Kinder im Stich l\u00e4sst. Sie waren reich, sie hatten alles im \u00dcberfluss, aber sie nahmen nicht die Verantwortung wahr f\u00fcr ihre N\u00e4chsten und ihre Mitmenschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der d\u00e4nische Liederdichter Jens Rosendal ist gerade 90 Jahre alt geworden. Er hat viele gute und beliebte Lieder verfasst, Heute ist Jens Rosendal ein alter Mann, und in einem R\u00fcckblick auf sein Leben sagt er: \u201eDass kannst vielleicht leben, wie es die Leute am liebsten haben und sogar viel Erfolg damit haben, aber du kannst so nicht sterben\u201c. Es ist wichtig, was er hier sagt. Denn wie der reiche Kornbauer des heutigen Evangeliums sollen wir ein Leben leben, zu dem wir uns auch im Tode bekennen k\u00f6nnen. Rosendal sagt: \u201eDu kannst es dir nicht deinem Gott und Sch\u00f6pfer gegen\u00fcber erlauben \u2026 zu sterben, ohne versucht zu haben, mit den Gaben zu leben, die dir gegeben waren. Du kannst nicht das vergraben, was dir anheimgegeben wurde. Du kannst kein uneigentliches Leben abliefern\u201c. Nein, unser Leben muss ein eigentliches Leben sein. Und ein eigentliches Leben, das ist ein Leben, das uns bewegt, wo wir lieben und Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder sollten wir nur sagen: Ein guter Mann versteckt weder Gut noch Talente. Er tut gute Werke. Das ist die Verpflichtung der Liebe. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. theol. Rasmus H.C. Dreyer<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK \u2013 4180 Sor\u00f8, Elmevej 6<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: <a href=\"mailto:rhd@km.dk\">rhd(at)<\/a>teol.ku.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis | 19.06.22 | Lk 12,13-21 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus C. Dreyer | Es ist schwerer f\u00fcr einen Reichen, das Reich Gottes zu erlangen als f\u00fcr ein Kamel, durch das Nadel\u00f6hr zu kommen. Das pflegen wir zu sagen mit einem Sprichwort, das direkt aus den Evangelien stammt. Und wenn ich heute nur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8473,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,402,1,185,157,400,349,3,258,834],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-8458","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-1-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-kapitel-12-chapter-12-lukas","category-kasus","category-nt","category-podcast","category-rasmus-h-c-dreyer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8458"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8475,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8458\/revisions\/8475"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8473"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8458"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=8458"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=8458"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=8458"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=8458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}