{"id":8531,"date":"2022-06-29T13:49:49","date_gmt":"2022-06-29T11:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8531"},"modified":"2022-06-29T13:49:49","modified_gmt":"2022-06-29T11:49:49","slug":"lukas-1511-32-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1511-32-2\/","title":{"rendered":"Lukas 15,11\u201332"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Glaube und Selbstbestimmung | 3. Sonntag nach Trinitatis | 03.07.22, St. Marien | Lk. 15,11\u201332 | Dietz Lange |<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor etwas \u00fcber 100 Jahren hat der franz\u00f6sische Schriftsteller Andr\u00e9 Gide eine Erz\u00e4hlung geschrieben \u00fcber die R\u00fcckkehr des verlorenen Sohnes. Darin ist der junge Mann ausgezogen, nicht um das Leben zu genie\u00dfen, sondern um sich selbst zu finden. Im Elternhaus f\u00fchlte er sich zu sehr beengt. Doch in der Ferne hat er es dann nicht geschafft, auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen, und ist resigniert nach Hause zur\u00fcckgekehrt. Hier kommt es zu einem Gespr\u00e4ch mit dem j\u00fcngsten Bruder \u2013 den hat Gide zu der Geschichte dazuerfunden. Der Junge will es seinem Bruder nachtun und am n\u00e4chsten Morgen ausziehen. Dieser best\u00e4rkt ihn darin und w\u00fcnscht ihm die St\u00e4rke, in der Fremde durchzuhalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gide hat viele Z\u00fcge des biblischen Gleichnisses in seine Erz\u00e4hlung aufgenommen, aber ihm einen neuen Sinn gegeben. Der verlorene Sohn ist hier nicht einer, der das v\u00e4terliche Erbe verschleudert und sich damit schuldig gemacht hat. Er ist vielmehr jemand, der sich von seinem Elternhaus emanzipieren will, so wie auch heute Kinder das Haus verlassen, wenn sie fl\u00fcgge geworden sind. Seine R\u00fcckkehr nach Hause ist nicht durch Reue motiviert, sondern durch Schw\u00e4che. Die Entt\u00e4uschung dar\u00fcber wird am Ende durch die Hoffnung ausgeglichen, dem j\u00fcngsten Sohn m\u00f6ge der Schritt in die Selbstst\u00e4ndigkeit gelingen. Darauf will Gide hinaus. Der Kontrast zu dem \u00e4ltesten Sohn, der die ganze Zeit zu Hause geblieben ist und der die Erhaltung der Familientradition verk\u00f6rpert, ist dadurch gegen\u00fcber dem Neuen Testament wom\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dfer geworden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gides Umdichtung der alten biblischen Geschichte spricht moderne Menschen sehr an. Es ist kein Zufall, dass sie in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt und viel gelesen worden ist. Man darf sie nicht als reine Familiengeschichte verstehen. Gide hat nicht vergessen, dass der Vater im Gleichnis ein Bild f\u00fcr Gott ist. Hat man das im Blick, dann gew\u00e4hrt seine Erz\u00e4hlung einen ergreifenden Einblick in seine eigene Lebensgeschichte. Andr\u00e9 Gide ist nach dem fr\u00fchen Tod seines Vaters von seiner Mutter evangelisch-reformiert erzogen worden. Da die Reformierten in Frankreich eine Minderheit sind, ist die Disziplin unter ihnen oft sehr streng. So auch bei Gides Mutter. Ihr setzt die Erz\u00e4hlung ein Denkmal mit der Figur des \u00e4ltesten Sohnes und dessen unbeugsamer Treue zur elterlichen Tradition. Gide hat unter solcher Strenge sehr gelitten. Kein Wunder, dass er die Ketten der Religion g\u00e4nzlich abstreifen wollte \u2013 so wie nach seinem Verst\u00e4ndnis der verlorene Sohn. Aber das ist ihm ebensowenig wie diesem gelungen. Die dominierende Mutter, und mit ihr die harsche Religiosit\u00e4t, hat ihn immer wieder eingeholt. Es blieb ihm nur vage Hoffnung \u00fcbrig, verk\u00f6rpert durch den erfundenen dritten Sohn. Die inneren K\u00e4mpfe haben seine schriftstellerische Produktivit\u00e4t enorm gef\u00f6rdert; aber ein gl\u00fccklicher Mensch ist er nie geworden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Inzwischen hat sich das Rad der Geschichte weiter gedreht. Enge und strenge Religiosit\u00e4t gilt heute \u00fcberwiegend als Kennzeichen von Sekten. Auf dem Vormarsch ist die grenzenlose Freiheit von aller Religion. Eine R\u00fcckkehr zu ihr wird oft gar nicht mehr erwogen. So erleben viele christliche Eltern bei ihren Kindern nicht nur den Austritt aus der Kirche, sondern den Verlust jedes Sinnes f\u00fcr den Glauben \u00fcberhaupt. Das Verh\u00e4ltnis zu Gott steht in unserer Gesellschaft im Belieben des Menschen und wird weithin nicht mehr als unbedingt verpflichtend erlebt. Selbst die Geschichte vom S\u00fcndenfall deuten manche moderne Denker als Befreiung des Menschen aus der \u00fcberholten Gottesbindung und als letzten Schritt zu voller Selbstst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Blicken wir von hier aus auf das Gleichnis Jesu zur\u00fcck, so scheint es durch die moderne Entwicklung hoffnungslos veraltet zu sein. Es geht ja noch von der \u00a0antiken Voraussetzung aus, dass es ein eigentlich unverzeihlicher Fehltritt ist, die Tradition der V\u00e4ter und damit auch die angestammte Religion zu verlassen. Nicht zuletzt deshalb haben die H\u00f6rer Jesu damals \u00fcber den v\u00f6llig unerwarteten freudigen Empfang des reuigen S\u00fcnders durch seinen Vater so gestaunt. Was hat es uns heute noch zu sagen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zweierlei f\u00e4llt auf, was sich vom Normalverst\u00e4ndnis der Antike unterscheidet. <em>Das Erste<\/em> ist: Der Vater zahlt seinem j\u00fcngeren Sohn ohne Weiteres den Lebensunterhalt f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit aus. Keine Bedingungen, kein Versuch ihn umzustimmen. Der Vater versteht das Verlassen des Elternhauses als ganz normalen Vorgang. Er zahlt seinem Zweitgeborenen den Lebensunterhalt f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit. Offenbar will er ihm tats\u00e4chlich die Chance geben, sich auszuprobieren. Dabei geht er zwar davon aus, dass er seine Loyalit\u00e4t zum Elternhaus nicht preisgibt, sondern mithilfe des ausgezahlten Geldes auf neue Weise bew\u00e4hrt. Aber da der Sohn in ein fernes Land mit anderer Religion ziehen will, geht der Vater damit ein Risiko ein, so wie heute mit uns in einer gottfernen Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Auswanderer verprasst dann das Geld des Vaters und t\u00e4uscht damit dessen Vertrauen. Eine Hungersnot zwingt ihn dazu, einen entw\u00fcrdigenden Job als Schweinehirt anzunehmen und sich sogar von Schweinefutter zu ern\u00e4hren. Das war f\u00fcr einen Juden doppelt schlimm, denn Schweine galten ja als unrein. So hat er denn, wenngleich notgedrungen, auch die Gebote seiner Religion verletzt. Sein Sohnesrecht ist nun verwirkt. Der Hunger bringt ihn zur Besinnung. Er will trotz allem zur\u00fcckkehren, aber keinen Anspruch mehr auf seine Rechte als Sohn erheben, sondern fortan seinem Vater als gehorsamer Knecht dienen. Damit nimmt er sich seinen \u00e4lteren Bruder zum Vorbild; der hat ja ohne Wenn und Aber am Gehorsam gegen den Vater festgehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte sich gut vorstellen, dass der Vater ihn des Hofes verweisen w\u00fcrde. Er musste doch ma\u00dflos entt\u00e4uscht von ihm sein. Aber es kommt ganz anders, und das ist <em>das Zweite<\/em>, das auff\u00e4llt. Der Vater geht mit keinem Wort auf das Verhalten des Sohnes in der Fremde ein. F\u00fcr ihn z\u00e4hlt nur der Entschluss zur Umkehr. Der ist f\u00fcr ihn so entscheidend, dass er dem jungen Mann sogar entgegenrennt \u2013 f\u00fcr einen \u00e4lteren Mann im damaligen Orient geradezu unw\u00fcrdig. Und er bereitet ihm einen festlichen Empfang, gibt ihm sogar einen Ring, also ein Symbol der Macht, das ihn dem \u00e4lteren Bruder mindestens gleichstellt. Das Gleichnis will damit sagen: In solcher scheinbar ma\u00dflos \u00fcbertriebenen G\u00fcte handelt Gott an uns Menschen, wenn wir ein verfehltes Leben ernsthaft bereuen und uns an ihn um Vergebung wenden. Er vergibt nicht nur moralische Verfehlungen, sondern sogar den Abfall von Gott. Untreue gegen\u00fcber Gott ist f\u00fcr einen ernsthaft religi\u00f6sen Menschen auch heute noch die S\u00fcnde schlechthin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die gro\u00dfe Freude \u00fcber die R\u00fcckkehr des verlorenen Sohnes bewirkt, dass von nun an in dem Verh\u00e4ltnis zwischen Vater und Sohn nichts mehr so ist wie fr\u00fcher. Der Durchgang durch die Krise hat den Sohn total ver\u00e4ndert: \u201eEr war tot und ist wieder lebendig geworden.\u201c Er f\u00fchlt sich nicht mehr bedr\u00fcckt und unzufrieden. Sein Verh\u00e4ltnis zum Vater ist jetzt frei, offen und von gegenseitiger Liebe bestimmt. Nat\u00fcrlich wird ihm die Mitarbeit auf dem Hof nicht erspart bleiben. Es ist im Gegenteil zu erwarten, dass er sich da ganz anders als fr\u00fcher ins Zeug legen wird. Aber es ist abzusehen, dass er das dankbar und gerne tun wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun will der Vater auch den \u00c4lteren f\u00fcr so eine Einstellung gewinnen. Auch ihm eilt er entgegen. Aber dieser Sohn kann die ungebrochene Liebe seines Vaters zu seinem Bruder nicht verstehen. Ja, er kann ihn nicht einmal Bruder nennen, sondern nur ver\u00e4chtlich: \u201eDieser dein Sohn da\u201c. Stattdessen reklamiert er eine mindestens ebenso ehrenvolle Behandlung. Schlie\u00dflich hat er doch seine Treue durch seinen verl\u00e4sslichen Gehorsam bewiesen: \u201eIch habe immer deine Befehle ausgef\u00fchrt.\u201c Diese gekr\u00e4nkte Reaktion zeigt: Seine Treue zum Vaterhaus ist offenbar weniger von Liebe als von Pflichtbewusstsein bestimmt. Der Vater versucht es trotzdem noch einmal: \u201eDu bist doch hier zu Hause, hast Zugang zu meinem gesamten Besitz, musst nicht kuschen wie ein Knecht, sondern kannst deine eigenen Ideen einbringen.\u201c Er soll sich mitfreuen und auch zu einem gel\u00f6sten Verh\u00e4ltnis zum Vater finden. Der liebt beide S\u00f6hne gleicherma\u00dfen. Er will keineswegs den J\u00fcngeren vorziehen. Aber von einer Umstimmung des \u00c4lteren h\u00f6ren wir nichts. Wie es scheint, hat er sich der Liebe des Vaters aus Verbitterung verschlossen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gleichnis zeigt uns zwei ganz unterschiedliche religi\u00f6se Lebensentw\u00fcrfe. Die kommen trotz aller weltgeschichtlichen Ver\u00e4nderungen auch bei heutigen Christen vor. Angesichts der beunruhigenden Entwicklung in neuester Zeit empfinden vielleicht manche von uns eine heimliche Sympathie f\u00fcr den \u00e4lteren Sohn. Er steht ja f\u00fcr jemanden, der unbeirrt von allen Versuchungen durch die moderne Gottlosigkeit unsere christliche Tradition hochh\u00e4lt, w\u00e4hrend sein Bruder uns mit seinem Ausbruch Schimpf und Schande eingebracht hat. Er ist zwar zur\u00fcckgekehrt, aber bleibt da nicht ein Makel?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch enth\u00e4lt der \u00fcberschw\u00e4ngliche Empfang des verlorenen Sohnes durch seinen Vater auch f\u00fcr uns einen gro\u00dfen Trost. Ich denke da an viele Menschen meiner Generation. Die haben sich von der nationalsozialistischen Ideologie einwickeln lassen oder sogar aktiv an den Untaten des Regimes teilgenommen, sind aber dann zur Besinnung gekommen und haben sich von da an ehrlich f\u00fcr die Freiheit des Glaubens und des christlichen Lebens engagiert. Sie leben wie der j\u00fcngere Sohn im Gleichnis von Gottes Vergebung f\u00fcr das, was vorher war. Die Verirrungen der Vergangenheit haben sie sensibler gemacht f\u00fcr das Wiederaufleben von Fremdenhass und Antisemitismus. Sie sollten sich aber nichts einbilden auf ihre Einsicht, denn die haben sie letztlich Gott zu verdanken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Freilich sch\u00e4tzt Gott solche Menschen nicht geringer, die eher zur Best\u00e4ndigkeit neigen und den Wert alter Tradition zu sch\u00e4tzen wissen. Die christliche Gemeinde braucht die Best\u00e4ndigen genauso wie die Reformeifrigen. Sonst h\u00e4tten wir \u00fcber die jeweils aktuellen Themen hinaus, wie z. B. Umweltschutz, bald nichts mehr zu sagen und w\u00e4ren als christliche Kirche \u00fcberfl\u00fcssig. Traditionspflege als Selbstzweck freilich macht die Kirche steril und l\u00e4sst sie absterben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der \u00e4ltere und der j\u00fcngere Sohn des Gleichnisses korrigieren sich in der Kirche gegenseitig. Das ist kein Ausgleich, der auf Null hinausl\u00e4uft. Es muss bei uns durchaus genau wie im Gleichnis Streit zwischen beiden geben. Nur so kann unser Glaube den Herausforderungen unserer Zeit wirksam begegnen. Der Streit muss allerdings offen ausgetragen werden und fair bleiben, aber auch zu Entscheidungen f\u00fchren. Daf\u00fcr sorgt die Liebe des Vaters, die er in unsere Herzen gibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dietz Lange, geb. 1933, lehrte von 1977 bis 1998 als Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. Er ist seit 1988 ehrenamtlicher Prediger in der St. Marien-Gemeinde ebenda.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaube und Selbstbestimmung | 3. Sonntag nach Trinitatis | 03.07.22, St. Marien | Lk. 15,11\u201332 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! 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